Peter Wallinger überraschte die Zuhörer mit einer originellen Programmfolge

Womit kann man Musikkenner, wie es die Freunde der Süddeutschen Kammersinfonie Bietigheim sind, immer neu zum Konzertbesuch anlocken und zum aufmerksamen Zuhören motivieren? Dirigent und Musikerzieher Peter Wallinger weiß Wege dazu, so wie beim traditionellen Neujahrskonzert in der Bietigheimer Kelter am Sonntag.

Nicht alltägliches Programm

Da ist zunächst die Programmplanung zu bedenken, die Neues, entweder noch nicht geläufige Musik oder wenigstens eine nicht alltägliche Zusammenstellung von Kompositionen bietet. Dann natürlich die Formierung des Orchesters mit technisch versierten, werkkundigen Spielern und deren intensives Üben. Nicht zuletzt aber auch ein möglichst interessanter Solist, der Abwechslung in das Konzert einbringen kann. Das alles war am Sonntag bereitet, wie man hören und erfahren konnte.

Zunächst sei der Solist genannt: Es war Arvid Christoph Dorn, in Weimar ausgebildeter und diplomierter, dann in großen Orchestern und solistisch tätiger Kontrabassist, derzeit bei Roger Norringtons Radio-Sinfonie-Stuttgart engagiert. Mit seinem Auftreten hatte das Programm bereits einen „Knüller“, nämlich das „Konzert für Kontrabass und Orchester Nr. 2“ (h-Moll) des Italieners Giovanni Bottesini, der als Freund Verdis 1871 in Kairo die Uraufführung von dessen Oper „Aida“ dirigierte. Wann hört man schon den meist nur stützenden und gründenden Kontrabass solistisch?

Das Spiel in Bietigheim war zwar auch nicht jauchzend forte gesetzt und gespielt, aber um so feinfühliger im Ton, im Strich und in der Gestaltung der drei Bottesini-Sätze, die teilweise eine fast celloartige Wirkung hatten. In ungewohnt hohen Lagen und in Flageoletts bewies Dorn den Zuhörern, dass er sein Instrument in sinfonischer, aber auch tänzerisch-lockerer Art vorzüglich beherrscht und dabei das Orchester auch solistisch animieren kann, Begleitungen wie Tutti-Passagen musikalisch fein zu gestalten.

Dem Konzertbeginn mit dem Kontrabass stellte Peter Wallinger als Schluss-Stück das viersätzige „Concerto per Archi“ gegenüber, das der im 20. Jahrhundert wirkende italienische Sinfoniker und Filmkomponist Nino Rota schrieb. Von der neuen Musik seiner zeit hat Rota einiges in diese Komposition einfließen lassen, sie blieb aber in der Gesamtwirkung durchaus harmonisch.

Der Allegro-Kopfsatz wurde „cantabile“ gespielt, das Scherzo in mäßigem Tempo enthielt neben einigen Reibungen auch herrlich gespielte und klingende Violin-Soli der Konzertmeisterin Emily Bowman. Der „Aria“-Satz brachte schönen Streicherklang und neben weiteren Violinsoli auch solche der Bratscherin Tomoko Yamasaki und des Cellisten Philipp Körner. Im virtuosen Finale, das vom ganzen Orchester durch Tempo, Dynamik und vor allem durch technisch schwierige Läufe hohes Können verlangte, überzeugte die Kammersinfonie insgesamt in großartiger Weise.

Beeindruckendes Können

Zwischen die beiden Rahmen-Werke schob Peter Wallinger drei besinnliche Kompositionen ein, die pausenlos aufeinander folgten und eine Einheit bilden sollten. Jede für sich erforderte ein hohes Maß an spielerischem Können, die Koppelung war so beeindruckend, dass man als Zuhörer unwillkürlich an die Bilder aus Südasien über die dortige Naturkatastrophe dachte. Anton Bruckners „Adagio“ aus dessen Streichquintett ließ den Stil dieses Meisters der Sinfonik und Kirchenmusik erkennen: Weiträumige Harmonik, expansive Dynamik, überraschende Abstürze, bewegte Soli und Klangteppiche, verebbender Ausklang.

Dann folgten die „Vier Stücke für Orchester“ (op. 5) von Anton Webern, durchweg zart und teils nur bruchstückhaft verbunden, durch Vorschläge, flirrende Tremoli und tastende Soli von Violine und Cello fast wie Zufallsmusik geformt. Man atmete fast auf, als danach die „Air“ aus Bachs Orchestersuite Nr. 3 erklang, dieser weithin bekannte „Gesang“, der Streicher aus der Feder des der Kirchenmusik verpflichteten Thomaskantors. Dankbare Gefühle nach der Zerrissenheit der Bruckner-Musik, verursacht durch Weberns Aphorismen? Peter Wallinger war es jedenfalls gelungen, mit seinem Orchester erneut „Unerhörtes“ hörbar zu machen.

Helmut Müller

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