Die Süddeutsche Kammersinfonie Bietigheim spielt mit Solistinnen im Kronenzentrum


Sorgsam abschattierte Transparenz: Die Süddeutsche Kammersinfonie im Kronenzentrum. Foto: Oliver Bürkle

Bietigheim-Bissingen. „Licht und Dunkel“, so hat Peter Wallinger das traditionelle Frühjahrskonzert der Süddeutschen Kammersinfonie Bietigheim (SKB) überschrieben. Viel Helligkeit und nur wenig Schatten war am Samstagabend im Kronensaal beim ersten der beiden Konzerte dieses ersten wirklichen Frühlingswochenendes zu verzeichnen. Anderntags wurde das Programm nochmals in Mühlacker gegeben. Ein Großteil des Abends war indes Mozart gewidmet – nachdem Verena Guthy-Homolka, die Solo-Flötistin der SKB, bei der letzten SKB-Zusammenarbeit mit der französisch-amerikanischen Harfenistin Anne-Sophie Bertrand dessen Konzert für Flöte, Harfe und Orchester (KV 299) ins Gespräch gebracht hatte. Mit der 36. Sinfonie, die unter dem Beinamen „Linzer Sinfonie“ bekannt geworden ist, hat Wallinger eine Auswahl getroffen, mit der das glanzvolle Doppelkonzert von 1778 nicht nur den Komponisten, sondern auch die Tonart C-Dur teilt.

Für den Grafen de Guines, einen ambitionierten Amateurflötisten, und dessen Harfe spielende Tochter geschrieben, stellt es bezüglich der Harfenstimme mehr noch als spieltechnische Anforderungen, derer es freilich nicht mangelt. Der Part gilt als hochanspruchsvoll, meldet jedoch gleichzeitig gemeinhin mit dem Instrument verbundene Spielweisen wie Glissandi oder vollflächige Akkorde. Aufgrund dieser Ablehnung eines sich durch plakative Effekte legitimierenden Virtuosentums liegt die ungleich größere Herausforderung im Bereich der musikantischen Gestaltungsmöglichkeiten und Ausdrucksfähigkeit. Kurzum: Verhältnismäßig schwer zu spielen, bietet es dennoch vergleichsweise wenig Gelegenheit zu glänzen. Vor allem aber darf darüber – denn darin besteht, gerade bei Mozart, nahezu die ganze Kunst – die elegante Leichtigkeit dieser Musik nicht abhanden kommen. So hochkonzentriert wie gelöst nahm sich Bertrand dieser heiklen Aufgabe an.

Innige Klangschmelze trifft auf andächtige Stille

Insbesondere begeistere die ungeheuer klare Artikulation, mit der die Musikerin intonierte. Mit Guthy-Homolka stand ihr eine Solistin auf Augenhöhe zur Seite. Nicht so komplex, dafür häufiger als die Harfe in der Führungsrolle ihre Flötenstimme – in Guthy-Homolkas Legato flossen die Töne zu einer innigen Klangschmelze zusammen. Andächtige Stille herrschte im bedauerlicherweise nur mäßig besuchten Saal während der Flothuis-Kadenzen. Maßgeblich zum überaus gelungenen Eindruck, den diese Wiedergabe des Doppelkonzerts hinterlässt, hat auch Wallingers Interpretation mit der SKB beigetragen, sorgsam abschattierte Transparenz auf die fragile Harfenstimme. Das ungemein harmonische Duo der Solistinnen auf sich allein gestellt in der vom enthusiastischen Beifall erzwungenen Zugabe: Berückend gestaltete Melancholie, als mitten in Astor Piazzollas „Café 1930“ die Perspektive umbricht, aus Präsens im nächsten Takt schon Perfekt geworden ist. Der Abend dieses Tages, an dem der Frühling erwacht ist – Magnolienblüten öffnen sich, am Enzufer chillen Horden von Halbwüchsigen zu den neusten Cloud-Rap-Hits, Grillgut sei ausverkauft, hört man im Bus -, er war von ungetrübten vertrüben geprägt.

Welch exquisites Projektorchester Wallinger, der die SKB 1984 gegründet hat und im 35. Jahr ihres Bestehens leitet, in dieser Zeit geformt hat, davon legte bereits der Auftakt mit Jean Sibelius’ „Schwan von Tuonela“, dem zweiten Satz aus dessen „Lemminkäinen-Suite“ (Op. 22), Zeugnis ab, wundervoll das solistische Englischhorn von Andreas Vogel im Dialog mit Chihiro Saito, Stimmführerin der Celli (das Lotus String Quartet komplett in Reihen der SKB an diesem Abend). Ausgedehnte Horizontalität, dunkel grundiert, Paukengrollen knapp oberhalb der Hörschwelle. Gleich einem zarten Gesang der Ensembleklang, den Wallinger seinem Orchester dann im Kopfsatz der „Linzer Sinfonie“ entlockte. Lebendige, atmende Pausen und seine vielgestaltige Schlagtechnik weisen ihn als exzellenten, an Differenzierung und Kontrastbildung interessierten Klanggestalter von großem Formgefühl aus. Locker aus Handgelenk geschüttelt: die Stretta des Finales.

Harry Schmidt

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