Facettenreiches Online-Konzert der Süddeutschen Kammersinfonie          
Violin-Solist Tjeerd Top spielt virtuos auf kostbarer Stradivari.

Peter Wallinger dirigiert die Süddeutsche Kammersinfonie Bietigheim souverän und mit großem Einfühlungsvermögen.  Foto: Mammel 
Bravouröse Technik: Tjeerd Top, Konzertmeister des Concertgebouw Orchesters Amsterdam. Foto: Mammel

Mühlacker. Elegie, Melancholie, Trauer – sind das die richtigen Ingredienzien für ein Frühjahrskonzert? Aber ja, wenn sie mit optimistischen Anklängen angereichert sind. Die Süddeutsche Kammersinfonie Bietigheim unter Leitung von Peter Wallinger hatte für ihr drittes kostenloses Online-Konzert mit dem Violin-Solisten Tjeerd Top ein facettenreiches Programm zusammengestellt und zwei selten gespielte Werke mit zwei bekannten Kompositionen kombiniert. Musikwissenschaftlerin Christina Dollinger führte kenntnisreich in das ungewöhnliche Programm ein.

Antonio Vivaldi (1678-1741) schrieb in Prag 1730/1731 sechs sehr unterschiedliche Werke, zu denen das selten gespielte Violinkonzert e-Moll RV 278 gehört. Die Freude des Komponisten an den Möglichkeiten seines Instrumentes zeigt sich in Bravour-Techniken wie Doppelsaitengriffen, Akkordübergängen in den höchsten Registern und rasanten Tempi.

Im düsteren Largo verwandelt sich die mit melodiös-tänzerischen Teilen wechselnde elegische Stimmung des ersten Satzes in tiefe, sehr intim anmutende Melancholie. Der Satz überrascht mit ungewohnter, fast experimentell wirkender Harmonik. Der Finalsatz ist geprägt vom reizvollen Zwiegespräch zwischen Theorbe (Barocklaute, gespielt von Thomas Boysen) und Solovioline sowie leidenschaftlich ausbrechenden Phrasen.

Tjeerd Top, Konzertmeister des Concertgebouw Orchesters Amsterdam, spielte virtuos und präzise auf einer Stradivari aus dem Jahr 1713 mit einem wunderbar warmen und voluminösen, gleichzeitig aber auch transparenten Klang. Die Süddeutsche Kammersinfonie Bietigheim unter dem angenehm zurückhaltenden Dirigat Wallingers agierte als souveräner und flexibler Partner.

Der Amerikaner Samuel Barber (1910-1981) ist durch eine einzige Komposition bekanntgeworden: das Adagio für Streicher op. 11, ein Arrangement aus einem Streichquartett. Es gilt als die Trauermusik schlechthin und wurde bei Beerdigungen von Prominenten (US-Präsident Roosevelt, Gracia Patricia und Rainier II. von Monaco, Albert Einstein) gespielt, im Gedenken an die Anschläge auf New York 2001 aufgeführt und wiederholt als Filmmusik verwendet.

Seine Eindrücklichkeit entsteht durch die unaufgeregte Wiederholung eines sich nach oben schraubenden Dreitakt-Motivs, das durch alle Stimmen hindurch variiert wird und in einer offenen Phrase endet.

Der polnische Jude Miezcysław Weinberg überlebte als einziger seiner Familie den NS-Terror und konnte nach Moskau fliehen. In seinem Concertino op. 42 verarbeitet er wehmütig-schöne Erinnerungen, die überschattet sind von Kriegserlebnissen.

Obwohl tonal angelegt, lebt die Komposition von reizvollen, gleitenden Modulationen, einer um die zentralen Tonarten schweifenden Musiksprache. Das Orchester ist dem immer wieder virtuos geforderten Solisten zunächst untergeordnet und erhält erst im schwirrenden Mittelteil des Finalsatzes thematische Eigenständigkeit.

Als Abschluss erklang der Walzer A-Dur op. 54/1 von Antonin Dvořák in der Bearbeitung für Streicher. Das wehmütig-verhaltene Stück mit seinen lautmalerischen Crescendo-Wellen ist jenseits aller Walzerseligkeit eine Reminiszenz des tschechischen Komponisten an die Donaustadt Wien.

Ein großes Dankeschön an das Orchester für dieses Online-Konzert auf hohem Niveau, das weiterhin auf www.muehlacker-klassik.de/muehlacker-concerto  abrufbar ist.

Autorin: Uta Volz

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.