Die Reihe „Musikalischer Sommer“ hatte am Samstagabend etwas ganz Besonderes zu bieten: Die Sueddeutsche Kammersinfonie Bietigheim durfte das der Harfenistin
Anne-Sophie Bertrand gewidmete Konzert „L’Oiseau bleu“ des zeitgenössischen Komponisten Nimrod Borenstein der Öffentlichkeit präsentieren.

Die Harfenistin Anne-Sophie Bertrand beglückte mir ihrem berührenden Spiel die Zuhörerinnen und Zuhörer in der Frauenkirche. Foto: Filitz

LIENZINGEN. Nach dem erfolgreichen Auftakt mit zwei Auftritten im Juni fand am vergangenen Wochenende das Festival „Musikalischer Sommer“ wie geplant in der Lienzinger Frauenkirche seine Fortsetzung. Unter Leitung von Peter Wallinger musizierte die Sueddeutsche Kammersinfonie Bietigheim in kleiner Besetzung mit drei ersten und zwei zweiten Violinen, zwei Violen, zwei Violoncelli und einem Kontrabass. Geboten wurde eine „Sommerliche Serenade“ mit Werken von europäischen Komponisten der Spätromantik bis hin in die Gegenwart mit „neuer“ Musik. Die Namen waren teils unbekannt. Doch die Neugier war offensichtlich geweckt, wie die voll besetzten Kirchenbänke bewiesen. Zudem war eine international berühmte Solistin angekündigt. Eine goldglänzende Harfe inmitten der zehn Pulte zog die Blicke auf sich und sorgte für gespannte Erwartung. Spanisch begann dies außergewöhnliche Konzertstunde mit „La oracion del torero – Gebet des Toreros“ des in Sevilla geborenen
Komponisten Joaquin Turina (1882-1949). Kernpunkt seines Schaffens waren die Sitten und Gebräuche seiner Heimat Andalusien, darunter als unverzichtbare Komponente der Stierkampf. Laut Überlieferung hat ihn die Beobachtung eines betenden Toreros vor Kampfbeginn inspiriert, dessen emotionale Empfindungen in Noten festzuhalten.

Eine Herausforderung für die Musiker, mit feinem transparenten Bogenstrich diesen Gefühlen nachzuspüren und sie dem Zuhörer nachvollziehbar zu Gehör zu bringen. Fast geheimnisvoll die ersten Takte, nach tänzerischen Anklängen ein dramatischer Ausbruch, der wohl den Höhepunkt des Kampfes erfasst, ehe in ruhig dahinfließenden Klangbildern das eigentliche Gebet angestimmt wird. Kurz wiederholen sich zum Schluss einige der tänzerischen Momente. Mit stillem Ausklang hat der Torero Kraft und seien Frieden gefunden. Unter der subtilen Stabführung ihres Dirigenten gelang es dem Ensemble, die Intentionen des Komponisten nachhaltig umzusetzen. Das Publikum war begeistert über diesen vielversprechenden Auftakt.

Und schon war der Höhepunkt des Abends gekommen. Sind sonst Uraufführungen von Werken bedeutender Komponisten das Privileg großer Konzerthäuser wie der Royal Festival Hall in London, der Tonhalle in Zürich oder der Carnegie Hall in New York, so fand am Samstag eine solche Weltpremiere in der kleinen Frauenkirche statt. Der britisch-französisch-israelische Komponist Nimrod Borenstein, Jahrgang 1969, hat sein Konzert für Harfe und Orchester „L’Oiseau bleu – Der blaue Vogel“ der renommierten und international mit höchsten Preisen ausgezeichneten Harfenistin Anne-Sophie Bertrand gewidmet. Coronabedingt musste die bereits für Juli 2020 in Cardiff geplante Uraufführung ausfallen und wurde nun der Kammersinfonie anvertraut. Betrand war in Lienzingen keine Unbekannte. Die Zusammenarbeit mit ihr begann bereits im Januar 2012. Nach den bisherigen Aufführungen klassischer Kompositionen für Harfe nun also eine zeitgenössische Borenstein-Komposition. „Ich wollte ein Stück schreiben, in dem die Harfe lyrisch, ja magisch klingt – so wie man sich eigentlich Feenmusik vorstellen würde“, schreibt der Komponist über sein Werk. Eine Vielzahl unterschiedlicher Atmosphären wolle er schaffen, bestimmte Charakteristiken hervorheben, verschiedene Stimmungsbilder aufbauen und mit Kontrasten wesentliche Aspekte zwischen Musik und Kunst aufzeigen.

Wallinger klassifizierte den blauen Vogel als ein interessantes, höchst filigranes Werk. Eingestimmt mit zarten pizzicati, dann mit hellem Harfenklang startet der Vogel zu seinen Höhenflügen, ruft mit keckem Ton, macht Rast, und meldet sich erneut mit zwitscherndem Harfenklang – der Fantasie waren scheinbar keine Grenzen gesetzt. Ob nun der Hauch von schwebenden Feen zu spüren war, mag jeder Zuhörer für sich entscheiden. Perlenden Harfenklängen begegneten die Streicher doch recht prägnant. Jedoch der Schluss beglückte. Ganz zart und behutsam vom pizzicato des Kontrabasses getragen, schien nun doch ein unbestimmtes Etwas, eingehüllt in leise verklingende Harfenakkorde, durch den Raum zu schweben.

Als Solistin war Anne-Sophie Bertrand noch mit den „Danse sacrée et Dance profane“ von Claude Debussy (1862-1918) zu hören. Hierbei galt es für Harfe und Streicher transparent zu differenzieren zwischen der fast geheimnisvoll klingenden strengen geistlichen Aura und dem lebhaften, eher weltlichen, mit schwingenden Walzerklang untermalten städtischen Gehabe. Tosend der Beifall, als Bertrand sich nun verabschieden wollte. Doch das Publikum ließ sie nicht gehen, die Begeisterung und der Beifall waren riesengroß.

Was geschah? Nicht nur eine, sondern zwei Zugaben gab die Harfenistin. Denn ihre Wiedergabe „Die Lerche“ des russischen Komponisten Michail Glinkas und „La source – die Quelle“, die berühmteste Komposition des belgischen Komponisten Alphonse Hasselmans, übertraf alles, was die Solistin an diesem Abend bisher geboten hatte – und das war bereits tief beeindruckend gewesen. Es ist müßig, Einzelheiten ihrer Interpretationen noch hervorzuheben – sie waren tief berührend, aber auch erheiternd. Die ganze Palette menschlicher Gefühle, aber auch Irrungen und Wirrungen, schloss die Solistin in ihr Spiel ein. Die Gesichter der Zuhörer glichen Stimmungsbildern, als sie zum Beispiel die Quelle so munter dahin sprudeln ließ.

Vergessen werden darf nicht das harmonische Zusammenspiel mit allen Musikern der Kammersinfonie, die mit großer Spielfreude dem stets einfühlsamen Dirigat Wallingers folgten. Der Kirchenraumfüllte sich mit singendem Celloklang, als die Solocellistin der Kammersinfonie, Chihiro Saito, von Pablo Casals das „El Cant dels Ocells – Gesang der Vögel“ anstimmte, getragen von der in allen Passagen behutsamen Begleitung des Ensembles. Immerhin galt es 32 Vogelstimmen erkenntlich zu intonieren. Am Schluss des so facettenreichen Konzertprogramms präsentierte sich die Kammersinfonie noch einmal in voller Klangpracht mit der Serenade für Streichorchester op. 20 des englischen Komponisten Edward Elgar (1857-1934). Ernste Töne im ersten Satz glitten in Elegie im zweiten hinüber, ehe der dritte mit einem Allegretto heiter ausklang. Auch die Musiker der Kammersinfonie wurden mit Beifall überschüttet, viele Worte aufrichtigen Dankes fielen. Noch einmal griffen die Musiker zu ihren Instrumenten. Bis zum letzten Ton genossen die Zuschauer die Elgar-Zugabe, ehe sie glücklich und zufrieden hinaus in den lauen Sommerabend gingen.

Um der Nachfrage zu genügen, wurde das Konzert am Sonntagvormittag wiederholt.

Autorin: Eva Filitz

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