Mit dem Herbstkonzert der Süddeutschen Kammersinfonie Bietigheim stellt Peter Wallinger bereits die fünfte Videoproduktion seines vorzüglichen Ensembles ins Netz

Die Mezzosopranistin Maria Rebekka Stöhr. Foto: Theresa Mammel/p

BIETIGHEIM-BISSINGEN/MÜHLACKER. Nachdem bereits das Ende November angesetzte Herbstkonzert der Süddeutschen Kammersinfonie Bietigheim (SKB) im Kronenzentrum den Auswirkungen der vierten Pandemiewelle zum Opfer gefallen ist und abgesagt werden musste, konnte auch der in Mühlacker geplante Auftritt nicht als öffentliche Veranstaltung stattfinden. Auch weil das Programm als Gedenkkonzert zur 100-Jahr-Feier der Einweihung des dortigen Uhlandbaus konzipiert war, hat sich Dirigent Peter Wallinger erneut zu einer Videoaufzeichnung vor einer begrenzten Besucherzahl entschlossen und stellt nun mit „Lieb und Leid und Welt und Traum“ den bereits fünften, kostenfrei abrufbaren Stream seines 1984 gegründeten Ensembles ins Internet (www.sueddeutsche-kammersinfonie.de).

Unmittelbar mit der Geschichte des Uhlandbaus verbunden ist „Le nozze di Figaro“, wurde das Haus doch am 29. Oktober 1921 mit einer Aufführung von Mozarts erster Da-Ponte-Oper in einer Neuinszenierung des Württem- bergischen Landestheaters Stuttgart unter Leitung von Generalmusikdirektor Fritz Busch feierlich eröffnet. Folgerichtig steht die Ouvertüre der 1786 uraufgeführten Oper hier am Beginn des Programmbogens. Mit den ersten Takten stellt sich sofort das Figurentableau aus „Der tolle Tag“, so der Titel der zugrundeliegenden Komödie von Beaumarchais, vor dem inneren Auge ein und erinnert an die Tatsache, dass der Uhlandbau mit einer seinerzeit hochmodernen Bühnentechnik inklusive eines versenkbaren Orchesterraums einst als „württembergisches Bayreuth“ galt. Statt im Graben sitzen die Musikerinnen und Musiker des in 31-köpfiger Besetzung angetretenen Orchesters nun ebenerdig vor der Bühne, wo sonst die Parkettbestuhlung begänne. Wallinger fügt dem Presto den im Druck zumeist unterschlagenen Zusatz „ma non tanto“ (aber nicht zu sehr) hinzu, arbeitet die dynamischen Kontraste heraus und betont den tänzerischen Charakter der Partitur, quirlig jubilieren die von Konzertmeisterin Sachiko Kobayashi angeführten Streicher, exquisit artikuliert das aufreizende Kichern der Traversflöten, herzhaft das Lachen der Bläser. Eine Apotheose der Lebensfreude als Auftakt, in Wallingers so präziser wie klangsinnlicher Interpretation wie aus einem Guss musiziert.

Zwischen den von Theresa Mammel mit drei Kameras eingefangenen Perspektiven des Orchesters zeigt der von Rafael Wallinger produzierte Videostream Schnittbilder von leeren Reihen und nächtlichen Außenaufnahmen des Uhlandbaus. Gestiftet von der kunstsinnigen jüdischen Familie Alfred und Laura Emrich, entwickelte sich das in der Rekordzeit von 99 Tagen errichtete Gebäude im ersten Jahrzehnt seines Bestehens zu einem weit über die Grenzen Mühlackers hinausstrahlenden Zentrum des Musiklebens, mit dem sich Namen wie Carl Orff, Rudolf Serkin oder Walter Gieseking verbinden.

Schwerelos intoniert

Die jähe Zäsur kam 1934 mit der Enteignung durch die Nationalsozialisten. An diese dunkle Epoche erinnert das Gedenkkonzert mit Werken von Felix Mendelssohn Bartholdy und Gustav Mahler. Für drei von dessen Rückert-Liedern tritt die Münchner Mezzosopranistin Maria Rebekka Stöhr hinzu: Während sie „Ich atmet’ einen linden Duft“ und „Liebst du um Schönheit“ wundervoll schwerelos intoniert, ist ihr „Ich bin der Welt abhanden gekommen“ von erschütternder Eindringlichkeit. Dass sie den bereits vor einem Jahr geplanten Auftritt aufgrund einer Chemotherapie absagen musste und nun, nach der kurzfristigen Absage von Annelie Sophie Müller, zu ihrer eigenen Einspringerin wurde, erfährt man im kurzen Interview.

Ungeheuer präsent und zugespitzt dann die Wiedergabe der Konzert-Ouvertüre (Op. 21) von Mendelssohn Bartholdy zu „Ein Sommernachtstraum“. Lediglich das folgende Intermezzo (Op. 61 Nr. 5) kommt für ein Allegro appassionato in Sachen Binnenspannung ein wenig zu kurz.

Autor: Harry Schmidt

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