Ein Neujahrskonzert ohne Johann Strauß-Walzer und finalen Radetzky-Marsch – ist das vorstellbar? In Mühlacker schon, und zwar mit überaus geglückter, unkonventioneller Programmauswahl und heiterer Musik, die das Publikum im sehr gut besuchten Uhlandbau- Saal reich beschenkte.

Natürlich war auch das von Peter Wallingers Süddeutscher Kammersinfonie Bietigheim gegebene Konzert zumindest im ersten Teil ganz von der Wiener Musiktradition bestimmt. Drei „Deutsche Tänze“ von Franz Schubert (aus D 89) leiteten die musikantische Matinee ein: Ein Tanz mit solistischen Geigen-Abschnitten, die von Konzertmeisterin Sachiko Kobayashi nuanciert fein ausgeführt wurden. Dann ein dynamisch „gewienerter“ zweiter Satz mit einem herausgestellten Reigen im Mittelteil und ein dritter mit konturscharf betonten Rhythmus-Akzenten. Danach folgte ein Bravour-Stück für Salonorchester und Solofagott, die komische Polka „Der alte Brummbär“ des österreichischen Armee-Kapellmeisters Julius Fucik.

Foto: Baumgärtel

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Wobei der exzellente Solofagottist Frank Lehman sein Holzblasinstrument nicht nur in abgründig tiefen Lagen virtuos und sonor brummen ließ, sondern auch mit klangschön sanglichen Passagen glänzte. „Neue Wiener Ländler“ von Josef Lanner stimmten auf gefällige Weise in den Dreier-Takt ein, der dann in Antonin Dvoráks „Walzer A-Dur op. 54“ verhaltener Melancholie Ausdruck verlieh. Nach der Konzertpause widmete sich das Bietigheimer Ensemble dem weltläufigen Pariser Flair. Frisch und französisch prickelnd kam die „Ballettmusik“ von Christoph Willibald Gluck daher, um in einem wunderbar zarten Pizzikato-Pianissimo-Ausklang ihre anfangs präsentierte Tanzleidenschaft gleichsam erschöpft auszuhauchen. Die Soloflötistin Verena Guthy-Homolka brillierte in Benjamin Godards „Suite de trois morceaux“ (op. 116) mit herrlich lyrischen Klangbögen einerseits („Idylle“), mit spritzig schäumenden Skalen-Sprüngen und Läufen auf der anderen Seite („Allegretto“ und „Valse“). Jacques Offenbachs „Streicherserenade C-Dur“, die „Sicilienne op. 78“ von Gabriel Fauré sowie Peter Tschaikowskys „Barkarole op. 37a“ steuerten weitere, in unterschiedlichsten Farben blitzende Klangfacetten bei, die Orchesterleiter Peter Wallinger vom Dirigentenpult aus mit lebendiger Interpretationskunst aufpolierte. Als Moderatorin erläuterte Nicole Raichle das Konzert-Motto „Wien – Paris“. Naturgemäß gab es heuer vielerlei Gelegenheiten, Neujahrskonzerte zu hören: Das im Mühlacker Uhlandbau war eines der Schönsten.

Eckehard Uhlig

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