Die Süddeutsche Kammersinfonie Bietigheim spielt mit Geigerin Ursula Schoch

Bietigheim-Bissingen. Mit 575 Besuchern komplett ausverkauft war der Kronensaal, als Peter Wallinger und seine Süddeutschen Kammersinfonie Bietigheim (SKB) am Sonntagabend antraten. In der frühen Adventszeit wirkt eine Veranstaltung wie „Faszination Klassik“ ohnehin schon ideal platziert, auch wenn der Titel für manche Ohren vielleicht etwas zu pauschal nach Klassik Compilation im Drogeriemarkt geklungen haben mag. Doch neben geschicktem Timing dürften mehrere Faktoren zu diesem schönen Erfolg beigetragen haben. So genossen nicht nur Wallinger und sein 1984 gegründetes Orchester den Heimspielvorteil.

Auch für die in Ludwigsburg geborene und in Sachsenheim aufgewachsene Violinistin Ursula Schoch, die 1990 bei den Schlossfestspielen ihr solistisches Debüt gab und nach Jahren bei den Berliner Philharmonikern seit 2000 Konzertmeisterin des Königlichen Concertgebouw Orchesters Amsterdam ist, stellte der Auftritt mithin eine Visite in der alten Heimat dar. Hinzu kommt, dass die SKB als Projekt- wie als Auswahlorchester gleichermaßen gelten darf: Die Musikerinnen und Musiker sind allesamt Profis, ob als Mitglied renommierter Ensembles wie Konzertmeisterin Sachiko Kobayashi vom Lotus String Quartet, namhafter regionaler Orchester oder fortgeschrittene Studierende. Dass das Niveau des aus so hochtaltentierten wie -motivierten Mitgliedern bestehenden Ensembles deshalb doch einiges über dem Anspruch eines Amateurorchesters rangiert, liegt auf der Hand.

Mit dem Violinkonzert in G-Dur (KV 216), das der seinerzeit 19-jährige W.A. Mozart 1775 in Straßburg geschrieben hat, stand nicht weniger als ein Gipfelwerk klassischer Musikliteratur im Mittelpunkt des Programms. Impulsiv die Tutti-Eröffnung im Kopfsatz, Wallingers distinkte Schlagtechnik vermittelte Schwung und Genauigkeit zugleich. Der frechen Vorwegnahme ihres Themas durch das 28-köpfige Orchester begegnete Schoch mittels souveränder Zuspitzungen im zeizvollen Tändeln und Flirten mit den Stimmgruppen. Elektrisierend virtuos präsentierte sie die liedahaften Wendungen der Kadenz. Von lyrischer Leichtigkeit das Adagio, Schochs Kantilenen wie auf orchestralem Samtgebettet, ein pastorales ldyill.

Angriffslustig und verspielt dagegen das Rondeau: Das Hin und Her zwischen Violine und Orchester ließ fast ans Opernfach denken, auch hier begeisterte die frische Transparenz, mit der Schoch und die SKB Mozarts schier überbordenden Melodiereichtum auf die Bühne brachten.

Als Dirigent mit Fingerspitzengefühl erwies sich Wallinger auch in den vier Sätzen von E Mendelssohn Bartholdys 1833 uraufgeführter Sinfonie Nr. 4 in A-Dur (op. 90). Zügige Tempi anschlagend, stieg Wallinger bei Kulminationspunkten der „Italienischen“ auf Zehenspitzen, hob manchmal gar kurz ab. Gestochen klar konturiert die exzellente Wiedergabe der SKB, fulminant die finalen Forti der Ecksätze. Extrem gelungen die Gestaltung des Andante con moto, präzise wie ein Uhrwerk das tickende Ostinato des Streicherapparats. Klangscharfsinnig formuliert auch das Presto des Saltarello – jede Faser in Wallinger nun ganz Formwille. Der beeindruckend geschlossene und gleichzeitig wendige Ensembleklang ist so sinfonisch wie nötig, dabei aber so kammermusikalisch wie möglich. Fabelhaft, wie Wallinger mit seinen lebendigen Interpretationen auch kanonische Klassik von ihren Staubschichten befreit.

Harry Schmidt

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