Im Rahmen der Reihe „MühlackerConcerto“ tauchen 450 Schüler in die Welt der klassischen Musik ein


Jörg Schade und Judith Guntermann alias Kurt Kruse und Frieda Freitag erleben auf dem Meer der Musik spannende Abenteuer, die sie auch mit Hilfe der jungen Zuhörer bestehen. Foto: Fotomoment

Werke von Wagner, Tschaikowski und Schubert richten sich an ein reifes Publikum – könnte man meinen. Die Begeisterung der rund 450 sehr jungen Zuhörer, die am Donnerstag Kinderkonzerte in der Reihe „MühlackerConcerto“ besucht haben, beweist, dass klassische Klänge kein Alterslimit kennen.

Mühlacker. Die Sternenfelser Delegation kann gar nicht genug bekommen. Längst ist das Schiff von „Käpt’n Kruso“ vor Anker gegangen, und die übrigen Leichtmatrosen in Gestalt von rund 200 weiteren Schülern der Klassenstufen eins bis fünf haben den Uhlandbau verlassen, da umringen die Schützlinge von Klassenlehrerin Iris Teichmann immer noch die beiden Darsteller Jörg Schade und Judith Guntermann. „Ich hätte das auch gewusst mit Mozart“, sagt einer der Zweitklässler. Ehrfurchtsvoll berührt ein anderer das Kostüm des im Laufe 50 unterhaltsamer Minuten vom Reinigungsfachmann Kurt Kruse zum melodiensturmerprobten Kapitän mutierten Schauspielers und Sängers. Noten über Noten zieren das papierene Gewand. Und Noten über Noten, die sich ins Ohr eingeschlichen haben, werden die Kinder auch mit nach Hause tragen.

Seit einigen Jahren beherzigt Peter Wallinger, Gründer und Leiter der Reihe „MühlackerConcerto“, was Freunde klassischer Musik mit Blick auf den Altersdurchschnitt des Publikums immer wieder anmahnen: Es gilt, aktiv die junge Generation mit dem Mozart-und-Co.-Virus zu infizieren. „Die Kinderkonzerte werden sehr gut angenommen“, freut sich Wallinger über die große Nachfrage, die sich an diesem Donnerstagvormittag in zwei ausverkauften Vorstellungen von „Käpt’n Kruso – Furioso!“ widerspiegelt.

Insgesamt etwa 450 Schüler aus Lomersheim, Dürrmenz, Ötisheim, Sternenfels, Diefenbach und Bretten werden in den Genuss einer ganz besonderen Darbietung kommen, die auf spielerische, aber nicht oberflächliche Weise die Brücke zu klassischen Werken und den Instrumenten, die diese hervorbringen, schlägt. Von Distanz ist keine Spur, als Trompeterin Lucy Kraszlan, Posaunistin Tabea Hesselschwerdt, Klarinettist Michael Reich und Fagottist Frank Lehmann in Alltagskleidung ihre Plätze auf der Bühne einnehmen.

Die Musiker, die der von Peter Wallinger dirigierten sueddeutschen kammersinfonie bietigheim angehören, werden nicht nur ihre Instrumente zum Klingen bringen und damit die Handlung vorantreiben, sondern als Co-Schauspieler auch den beiden Akteuren der Pyrmonter Theater Companie zur Seite stehen.

Eigentlich haben sie sich zu einer Probe getroffen – Schubert, aber dieses Mal bitte ohne Fehler –, doch da gesellt sich Jörg Schade in der Rolle des musikbegeisterten Herrn Kruse vom Reinigungsdienst Ratzeputz zu ihnen und schwingt seinen Besen. Das geht geräuschlos vonstatten, wohingegen der Staubsauger der im Dienstplan verrutschten Kollegin Frieda Freitag (Judith Guntermann) den Wohlklang erheblich stört. Als die Kunstbanausin auch noch Notenblätter einsaugt, deren Verschwinden im Inneren des Geräts von den Blechbläsern durch den Einsatz ihrer Dämpfer versinnbildlicht wird, muss Herr Kruse einschreiten.

Ein paar delikat gespielte Takte aus Tschaikowskis „Nussknacker“ zur Beruhigung, und der Putzmann ermuntert seine Kollegin zu einer imaginären Reise in die Welt der Musik. Reisen – dieser Sehnsucht hängt Frieda schließlich nach und hofft, ihrem Traum Südfrankreich mit der Lösung eines Kreuzworträtsels näherzukommen. Da dieses ausgerechnet die von ihr ungeliebte Musik als Sujet hat, lässt sie sich auf das Abenteuer ein und steigt an der Seite „Käpt’n Krusos“ in ein Segelschiff aus Notenpapier. Unfallfrei vorbei an den „Untiefen der volkstümlichen Musik“ und den „Klippen des Schlagers“ gleitet das Boot „Furioso“ dahin auf dem Meer aus Noten, immer wieder beflügelt vom gepusteten Wind der Kinder und den Melodien der vier Musiker. Ob es darum geht, Wagners Geisterschiff aus dem „Fliegenden Holländer“ heraufzubeschwören oder den Kindern einfache musikalische Begriffe wie Tonleiter und Akkord vor Ohren zu führen: Die Instrumentalisten werden allen an sie gestellten Anforderungen mit sichtlichem Spaß an der Sache gerecht.

Und Spaß haben auch die Kinder, die immer wieder dazu aufgerufen sind, den kreuzworträtselnden Seefahrern auf die Sprünge zu helfen. Sie singen mit, sie klatschen mit, und aus einem Haufen unruhiger Schüler, die sich während der kurzen Wartezeit vor Beginn noch gegenseitig Hasenohren gezeigt und kleine Kraftproben ausgetragen haben, ist ein Konzertpublikum geworden, das selbst komplexere Begriffe als Antwort auf entsprechende Fragen zu geben vermag.

Ihre Begeisterung überträgt sich letztlich auch auf Frieda Freitag, die über Mozarts „Kleiner Nachtmusik“ beinahe das eigentliche Ziel ihrer Reise vergisst. Mozart, das Lösungswort, muss sie telefonisch durchgeben, um ihre Chance auf den ersehnten Gewinn zu wahren, und die Musiker helfen rasch mit einem Smartphone aus. Ja, ihr gehöre der Hauptpreis, erfährt Frieda unter dem Jubel der Kinder. Doch – oh nein – nicht nach Südfrankreich geht es, sondern sie kommt in den Genuss eines Hauses. „Wer soll das bloß putzen?“, stöhnt sie, eine adäquate Nutzung ist allerdings rasch gefunden. Die Musiker werden dort ihr neues Probenquartier beziehen, und im Gegenzug laden sie Frieda mitsamt dem Kollegen ein auf ihre nächste Konzertreise. „Hast du Töne“, besingen sie im gemeinsamen Finale den Schlüssel zu ihrer nun geteilten Leidenschaft.

Die Kinder sind längst mit im Boot – und reif für klassische Musik – egal, was das Geburtsdatum sagt.

Carolin Becker

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