Das Neujahrskonzert der Süddeutschen Kammersinfonie Bietigheim in Murr


Grandiose Programmgestaltung: Die SKB spielt auf.
Foto: Holm Wolschendorf

MURR. „Wir sind solcher Stoff wie der zum Träumen, unser kleines Leben umfasst ein Schlaf.“ Das Neujahrskonzert der Süddeutschen Kammersinfonie Bietigheim (SKB) ist bereits Geschichte, der Schlussapplaus im Bürger und Rathaus ebbt langsam ab, als Johann-Michael Schneider nochmals vor die Bühne tritt und diese Zeilen aus Shakespeares Drama „Der Sturm“ deklamiert. „Zeit und Traum“ hatte Peter Wallinger das Programm des diesjährigen Konzerts seines Ensembles zum Jahreswechsel überschrieben, das am Samstagabend in Murr, wo diese Tradition schon seit rund 30 Jahren besteht, gegeben wurde, um am folgenden Tag in Mühlacker und Bietigheim wiederholt zu werden.

Selten erlebt man ein Konzert, das sein Motto so vollumfänglich einzulösen und umzusetzen versteht wie an diesem Abend. Einmal mehr erweist sich Wallinger als grandioser Programmgestalter. Die von ihm entdeckten Analogien, Parallelen, Bezüge und Verbindungen durch die Zeiten, Stile und Epochen wirken deshalb frappierend, weil sie, ganz ohne fingerzeigende Erklärungen, eine verblüffende Evidenz aufweisen, indem sie sich unmittelbar vor dem hörenden Ohr entfalten. Rund vier Jahrhunderte trennen Carlo Gesualdos „Gagliarda del Principe di Venosa“ und „Festina Lente“ („Eile mit Weile“), das der estnische Komponist Arvo Pärt 1988 geschrieben hat. Und doch verbinden sich beide auf eine komplett selbstverständliche Art organisch mit dem Thema des Abends: Sowohl im Schreittanz des Renaissance-Fürsten als auch im Werk des Esten ist die Zeit auf mehr als eine Weise präsent, weben Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft eine überzeitliche Textur, liegt Sternenstaub in der Luft. Wolfgang Amadeus Mozarts „Adagio für eine Orgelwalze“ (KV594) wiederum, 1790 komponiert, als mit Feldmarschall Laudon in der heute in Tschechien gelegenen Ludwigsburger Partnerstadt Novy Jicin Österreichs berühmtester Heerführer verstorben war, verbindet in seiner ergreifenden f-Moll-Harmonik die Motive der Trauer und Vergänglichkeit mit der aufkommenden Faszination für mechanische Musikautomaten.

All dies realisierte Wallinger mit der in 17-köpfiger Besetzung angetretenen SKB in ausgezeichneter Manier — mit atmenden Pausen, famos differenzierten Tempi und sorgsam ausgeloteter Dynamik. Hochdifferenziert seine Bewegungssprache: Mal genügten ihm Fingerspitzen zur Leitung seiner Musiker, dann wieder bediente er sich weitausschwingender Gesten, kreisrund wie der nahezu noch volle Mond über dem Murrer Rathausplatz. Peter Wallingers Gespür für Form, Raum, Zeit und das, was dazwischen liegt, sucht seinesgleichen. Vorzüglich auch Konzertmeisterin Sachiko Kobayashi, die in der „Humoreske IV“ (Op. 89 b) von Jean Sibelius solistischen Glanz verbreitete. Eine Aufgabe, die mit Leos Janáceks „Idylle“ immer wieder Chihiro Saito, ihrer Kollegin beim Lotus Quartett und Stimmführerin der Celli in der SKB, zufiel und virtuos, zuweilen gar expressiv eingelöst wurde.

Wer bis dahin geläufiges Repertoire vermisst hatte, wurde mit der „Romanze“ aus Mozarts „Eine kleine Nachtmusik“ (KV 525) besänftigt. Ungemein stimmig auch die Textauswahl zwischen den hochkarätigen Musikdarbietungen, Verse und Zitate von Ringelnatz, Goethe, von Hofmannsthal, Rilke und Mozart, mit szenischem Witz von Schneider hochkompetent zum Klingen gebracht. Das alles frei von Strauss und Klatschmarschritualen – traumhaft.

Harry Schmidt

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