Die dritte Videoproduktion der Süddeutschen Kammersinfonie Bietigheim

Solist Tjeerd Top Foto: Theresa Mammel

Bietigheim-Bissingen. Nachdemschon das Advents- und Neujahrskonzert pandemiebedingt ausschließlich im Internet verfolgt werden konnten, legt Peter Wallinger mit dem Frühjahrskonzert bereits die dritte Videoproduktion seiner 1984 gegründeten Süddeutschen Kammersinfonie Bietigheim (SKB) vor. Aufgezeichnet am 12. März in der historischen Kelter Bietigheim, führt der Programmbogen vom Barock bis in die Neuzeit.

Wenig ist bekannt über Vivaldis Violinkonzert in e-Moll (RV 278): Zu Lebzeiten unveröffentlicht, steht es auch heute noch im Schatten seiner populäreren Werke. Zu Unrecht, wie Wallinger mit der SKB und dem niederländischen Solisten Tjeerd Top hier aufzeigt: Wann hat man je einen kontrastreicheren Kopfsatz gehört als dieses Allegro molto? Und wann ein mysteriöseres Largo?

Vieles ist ungewöhnlich an diesem Konzert: Obwohl es dem Solisten einiges an Virtuosität abverlangt, gibt es ihm nie Gelegenheit, im Sinne einer echten Klimax zu triumphieren. Stattdessen schleichen sich immer wieder leise Dissonanzen ein. Wie stenografische Kürzel wirken die Kantilenen des abschließenden Allegro. Fulminant, wie Top, Konzertmeister beim Amsterdamer Concertgebouw-Orchester, dieses Enigma von einem Violinkonzert mit seiner Stradivari von 1713 gestaltet.

Ungemein populär dagegen: Samuel Barbers „Adagio for Strings“ (aus Op. 11). Wallinger nutzt die Gelegenheit, die Intonationsqualitäten seines Ensembles in Reinkultur zu entfalten.

In Mierczyslaw Weinbergs Concertino für Violine und Orchester (Op. 42) brilliert wiederum Top als Solist: In seiner Anlage bewusst einfach gehalten, geht es hier vor allem darum, auf dem schmalen Grat der Klangschönheit zu wandeln, ohne in den Abgrund des Banalen abzugleiten, eine Herausforderung, die jenseits spieltechnischer Anforderungen liegt und von Top bravourös gemeistert wird.

Den folkloristischen Gestus des 1948 entstandenen Concertinos des in die Sowjetunion geflohenen Polen und Schostakowitsch-Vertrauten, ebenso jüdischer Herkunft wie Barber, nimmt Wallinger mit Antonin Dvořáks Walzer in A-Dur (Op.54, Nr. 1) auf, wendet damit aber die Stimmung vom Melancholischen ins Versöhnliche.

Indem Wallinger Stücke wie Sätze behandelt und in einem System strukturaler Ähnlichkeiten und Gegensätze über mehrere Achsen aufeinander bezieht, entsteht ein Programm, dessen Binnenstruktur einem Konzert im Sinn des musikalischen Formbegriffs gleicht.

Autor: HARRY SCHMIDT  

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert