Klarinettist Sebastian Manz bietet im Uhlandbau gemeinsam mit der Süddeutschen Kammersinfonie Bietigheim ein spannendes Programm.

Sebastian Manz (li.) spielt im Uhlandbau gemeinsam mit einer Formation der Süddeutschen Kammersinfonie Bietigheim unter der Leitung von Peter Wallinger. Foto: Fotomoment

Mühlacker. Als vor ziemlich genau 100 Jahren der Mühlacker Uhlandbau eingeweiht wurde, war über der Bühne der Schriftzug „Dennoch“ angebracht, der sich auf eine Vorgeschichte mit diversen Unwägbarkeiten bezog. Heute ist man in Mühlacker froh über das in Rekordzeit von nur neunundneunzig Tagen errichtete Gebäude, in dem seit vielen Jahren auch die Musiker der Süddeutschen Kammersinfonie Bietigheim mit ihrem Gründer und Leiter Peter Wallinger auftreten. Für das diesjährige Neujahrskonzert – das zweite unter Corona-Bedingungen – hatte er eben jenes „Dennoch“ als Motto ausgewählt.

Die Menschen sind nach zwei Jahren Pandemie ungeduldig und der unbequemen Einschränkungen müde geworden, viele sind auch verzweifelt, in ihrer beruflichen Existenz bedroht oder depressiv. Das trotzige „Dennoch! – Denn noch klingt die Musik“ wollte bewusst einen Kontrapunkt zur allgemeinen Stimmungslage setzen, mit einem an Überraschungen reichen, glänzenden und klug zusammengestellten Konzert, das vor knapp 100 Zuhörerinnen und Zuhörern gegeben und aufgezeichnet wurde. Ab Sonntag soll es über www.muehlacker-klassik.de/muehlacker-concerto oder www.sueddeutsche-kammersinfonie.de als Internet-Video einem größeren Publikum zugänglich gemacht werden.

Das Überraschungspotenzial der Veranstaltung lag weniger an den Akteuren als an dem außergewöhnlichen musikalisch-literarischen Programm, das sich mit mehreren Crossover-Feldern deutlich von den üblichen Mainstream-Klassikveranstaltungen abhob, spannte es doch einen weiten Bogen von der Klassik bis hin zu Tango Argentino, Jazz und Klezmer. Piazzolla, Gershwin, Klein oder Eisel sind nicht eben jene Komponistennamen, die man in Programmheften häufig vorfindet.

Der unangefochtene Star des Neujahrskonzerts 2022 war ohne jeden Zweifel der sensationelle Klarinettist Sebastian Manz. Er ist Preisträger zahlloser Wettbewerbe und wurde 2010, erst 24-jährig, Solo-Klarinettist des Radio-Sinfonieorchesters Stuttgart des SWR. Bei der Süddeutschen Kammersinfonie war Manz bereits viermal zu Gast und spielte als Solist – unvergesslich für viele Konzertbesucherinnen und Besucher – die bekannten Klarinettenkonzerte von Françaix, Weber und Mozart. Ebenfalls zum wiederholten Male dabei war der Berliner Schauspieler, Musiker, Regisseur und Sprecher Johann-Michael Schneider, der zwischen den Musikstücken sinnfällige Texte von Hilde Domin und Mascha Kaléko rezitierte. Die musikalischen Partner Sebastian Manz’ waren zehn Musikerinnen und Musiker der Kammersinfonie.

Zu Beginn spielten Manz und die begleitenden Streicher das „Café 1930“ des Argentiniers Astor Piazzolla nach einem eigenen Arrangement des Klarinettisten. Piazzolla hat vor rund 100 Jahren den Tango in die Klassik geholt und damit auch künstlerisch geadelt. Das „Café 1930“ ist ein schwermütiger Gesang im Puls des Tango Argentino. Manz und die Streicher zelebrierten das Stück sensibel, hochemotional und reich an dynamischen und rhythmischen Impulsen. Manz braucht in kleiner Besetzung keinen Dirigenten, sein Rhythmusempfinden und seine Körpersprache sind so suggestiv und sicher, dass ihm das kleine Orchester nur zu gerne folgt, auch beim swingenden musikalischen Spaß „Walking the Dog“ von George Gershwin, einem lustigen Jazz-Klassik-Crossover.

Viel ernster danach – mit dem Dirigenten Peter Wallinger – die Variationen über ein mährisches Volkslied des hochbegabten jüdischen Komponisten Gideon Klein. Er hatte das Werk 1944 in Theresienstadt geschrieben und wurde 1945 mit 26 Jahren im KZ Auschwitz-Fürstengrube ermordet. Musikalischen Seufzerfiguren und Trauergesten stehen mit selbstbewussten Streicher-Unisoni trotzige „Dennochs“ gegenüber. Musik, die man nicht ohne innere Anteilnahme hören kann. Webers Sätze „Fantasia“ und Menuetto aus dem Klarinettenkonzert op. 34 evozieren Bilder aus dessen Oper „Der Freischütz“. Die elegische Fantasia erinnert an den verzweifelten Max und das lustige Menuetto an die übermütige Agathe.

Wie kann man auf der Klarinette nur so leise schnelle Läufe spielen? Unglaublich!

Ebenfalls im Eigenarrangement folgte ein Klezmer-Medley, die „Israeli-Suite“ von Helmut Eisel, in dem das Soloinstrument nicht etwa nur spielt, sondern spricht, singt, schreit, jammert oder lacht. Die Klarinette gerät bei Manz zum Ausdrucksmedium jeglicher menschlicher Befindlichkeiten. Dazwischen fein ausgewählte Lyrik, gekonnt und im ganzen Bühnenraum verteilt rezitiert von Johann-Michael Schneider. Als Schlusspunkt eine Klezmer-Zugabe, ein wilder Ritt auf dem schwarzen Rohrblattinstrument und begeisterte Zuhörer im ehrwürdigen Uhlandbau. Trotz Corona gilt das Motto: Dennoch – denn noch klingt die Musik!

Autor: Dr. Dietmar Bastian

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