Dass erneut eine CD der Süddeutschen Kammersinfonie Bietigheim erscheinen konnte, ist in der Pandemie keine Selbstverständlichkeit.

Einer der Solisten, mit denen die Süddeutsche Kammersinfonie Bietigheim 2021 aufgetreten ist, heißt Michinori Bunya. Er ist ein gefragter Kontrabassist. Foto: Archiv

Mühlacker/Bietigheim. „Die Bedingungen waren nicht ganz einfach“, beschreibt Peter Wallinger, Künstlerischer Leiter der Konzertreihen „Musikalischer Sommer“ und „Mühlacker Concerto“, das Musizieren auf Abstand und deshalb in stark reduzierter Besetzung, das die Pandemie ihm und seinem Orchester, der Süddeutschen Kammersinfonie Bietigheim, abverlangt hat. Dennoch sei es ein Musizieren mit leidenschaftlichem Engagement jedes Einzelnen und mit großartigen Solisten gewesen, blickt er auf die Konzertsaison 2021 zurück, deren Höhepunkte jetzt als CD erhältlich sind.

Dass eine neue CD erscheint, ist eine schöne Tradition und vermittelt ein Gefühl von Beständigkeit. Tatsächlich hat die Pandemie aber viele Planungen über den Haufen geworfen. Wie fällt Ihre musikalische Bilanz des Jahres 2021 aus?

Es wurde selten in solcher Intensität gespielt und gehört wie in diesem Pandemie-Jahr 2021. Das ist die erfreuliche Seite bei allem Kummer. Jedes einzelne Konzert wurde von dankbaren Hörern und Musikern wie eine Kostbarkeit wahrgenommen und geschätzt.

Können die nächsten Konzerte der Reihe Mühlacker Concerto als Präsenzveranstaltungen über die Bühne gehen?

Das hoffen wir sehr, denn ich bin kein großer Freund von Online-Konzerten.

Fragen Sie den Impfstatus Ihrer Musiker ab?

Unter aktiven Musikern wurde das Impfen fast durchweg zur Selbstverständlichkeit. Darüber hinaus verlange ich vor allen Proben und Konzerten tagesaktuelles Testen.

Wie ist generell die Stimmung unter den Künstlern?

Vor allem für die Freischaffenden sind es extrem schwierige Zeiten. Aber auch die Musiker in festen Anstellungen leben in ständiger Unsicherheit durch ständige Umplanungen: kurzfristige Absagen von Konzerten oder Tourneen, kurzfristig angesetzte Nachhol- oder Ersatzkonzerte… Das bekomme natürlich auch ich bei meinen Planungen heftig zu spüren.

Wenn es Gewinner der Corona-Pandemie gibt, dann sind es beispielsweise die Nutzer neu geschaffener digitaler Angebote. Ihre Konzerte sind ebenfalls im Netz abrufbar. Wie ist das Echo auf diese Neuerung?

Wir geben uns zusammen mit unserem Video-Team alle Mühe für eine ordentliche, qualitätsvolle Präsentation – und das Echo ist erstaunlich gut. Eine Kompromiss-Lösung fanden wir in den zurückliegenden Konzerten, indem wir eine begrenzte Besucherzahl zuließen und gleichzeitig die Konzerte als Video aufzeichneten und ins Netz stellten. Positive Rückmeldungen erhielten wir daraufhin aus allen Himmelsrichtungen.

Die Corona-Regeln ändern sich ständig. Unter welchen Voraussetzungen planen Sie aktuell den Musikalischen Sommer 2022?

An Ideen für einen brillanten Musikalischen Sommer 2022 fehlt es nicht. Konkrete Planungen sind wegen vieler Unwägbarkeiten im Moment noch schwierig. Wir hoffen aber, das Programm Ende Februar/Anfang März herausgeben zu können.

Neue CD „live 2021“ mit Konzertmitschnitten der Süddeutschen Kammersinfonie Bietigheim

Als Nummer 19 reiht sich die jetzt erschienene CD „live 2021“ in die Liste der Konzertmitschnitte ein, die das Wirken der Süddeutschen Kammersinfonie Bietigheim dokumentieren. Auch unter deutlich erschwerten Bedingungen in der Pandemie ist es dem Dirigenten Peter Wallinger, Leiter der Klassikreihen „Musikalischer Sommer“ und „MühlackerConcerto“, gelungen, anspruchsvolle Werke zu erarbeiten. Live mitgeschnitten beim Gedenkkonzert „100 Jahre Uhlandbau“, beim Neujahrskonzert 2021 in der Kelter Bietigheim-Bissingen und beim Frühjahrskonzert an selber Stelle, enthält die CD Höhepunkte der letztjährigen Saison. Netz und doppelten Boden gibt es für alle Beteiligten bei dieser Art der Aufzeichnung nicht. Umso beachtlicher ist das Hörergebnis, das vom technisch und interpretatorisch hohen Niveau des Orchesters Zeugnis ablegt. Dazu geben namhafte Solisten ihre Visitenkarte ab.

Den Beginn der CD markiert ein Klassiker der Konzert- und Opernbühne: Wolfgang Amadeus Mozarts Ouvertüre zu „Die Hochzeit des Figaro“. So leicht und locker die oft unisono geführten Läufe klingen sollen, so gefürchtet sind sie bei Orchestermusikern, erlauben sie doch nicht die geringste Unaufmerksamkeit. Peter Wallinger wählt dennoch ein rasantes Tempo. Pulsierend fügen sich Läufe, gesangliche Linien und klug gesetzte Akzente zusammen und ergeben ein festlich-wohlklingendes Gesamtkunstwerk.

Im Kontrast zu dieser optimistischen, der Welt zugewandten Musik steht die Vertonung des Rückert-Liedes „Ich bin der Welt abhanden gekommen“ von Gustav Mahler, bei der die Mezzosopranistin Maria Rebekka Stöhr ihre wandelbare Stimme einsetzt. Doch nicht nur sie singt in diesem elegischen, hochemotionalen Stück, auch das Orchester unter Wallingers feinfühliger Leitung tut es.

Dass Michinori Bunya weltweit zu den gefragtesten Kontrabassisten zählt, wundert niemanden mehr, der seine Interpretation des Adagio und Rondo von Johannes Matthias Sperger hört. Schon im melancholischen Adagio erreicht der Kontrabass Sphären einer Geige, um dann wieder abzutauchen in warm-unergründliche Tiefen, die nur diesem Streichinstrument vorbehalten sind. Da Bunya das Stilmittel Vibrato nur sparsam einsetzt, erreicht er einen klaren, unbestechlichen Klang, dem das Orchester ein sacht-wogendes Fundament hinzufügt. Das Rondo fordert dem Solisten enorme Virtuosität ab mit akrobatischen Läufen, die der CD-Hörer leider nur akustisch bewundern kann – mit Doppelgriffen, Flageolett-Tönen und einer großen Bandbreite an Bogen-Finessen.

Von Antonio Vivaldis zahlreichen Violinkonzerten sind die Jahreszeiten und darüber hinaus einige für Schüler geeignete Werke bekannt. Wesentlich mehr Aufmerksamkeit hätte das e-moll-Konzert RV 278 verdient, ein teilweise dramatisches, fast rätselhaftes Werk. Als Meister in Sachen Präzision und Artikulation erweist sich der Solist Tjeerd Top, der mit spielerischer Leichtigkeit alle technischen Schwierigkeiten meistert.

Samuel Barbers Adagio für Streicher ist hinlänglich bekannt. Dennoch gelingt es Peter Wallinger und seinem Orchester, dem Werk neue Seiten abzugewinnen. Scheinbar endlos ist der Atem der Musiker. Der nie kitschig anmutende Aufstieg in höchste Höhen mündet in ein friedvolles Ausklingen in warmem Wohlklang.

Der Geiger Tjeerd Top kann sich auch in einem Stück des 20. Jahrhunderts beweisen. Das Concertino opus 42 von Mieczyslaw Weinberg ist ein ausdrucksstarker Dialog zwischen Solist und Orchester, in dem die Virtuosität nie aufgesetzt, sondern selbstverständlich und souverän wirkt.

Genüsslich kosten Peter Wallinger und die Süddeutsche Kammersinfonie Bietigheim Antonin Dvořáks Walzer in A-Dur aus und machen mit ihrem beschwingten Vortrag dem CD-Hörer Lust auf neue Darbietungen.

Die CD „live 2021“ ist zu beziehen über Buch Elser und über das Sekretariat: susanne@boekenheide.net, Telefon 07043/958393. Für Mitglieder des Fördervereins „Mühlacker Klassik e.V.“ ist die CD als Jahresgabe kostenlos.

Autorin: Carolin Becker

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