Bei der Süddeutschen Kammersinfonie steht erstmals Simon Wallinger am Pult

Blitzsauberer Einstand: Simon Wallinger und die SKB. Foto: Andreas Becker

BIETIGHEIM-BISSINGEN. Erstens kommt es anders, zweitens als man denkt: Ursprünglich war geplant, dass Simon Wallinger lediglich den ersten Teil des traditionellen Frühjahrskonzerts der von seinem Vater Peter Wallinger
1984 gegründeten Süddeutschen Kammersinfonie Bietigheim (SKB) dirigiert. Doch nachdem dieser in der Probenphase erkrankte, übernahm sein Sohn bei seinem Debüt am Pult der SKB das Dirigat des im Kronenzentrum gegebenen Konzerts.

„La Passione“ ist das einmal mehr sorgsam ausgefeilte, ungemein runde und beziehungsreiche Programm Peter Wallingers überschrieben, und die Leidenschaft für die Schätze der klassischen Musik — das vermittelt sich mit den ersten Takten der Prelude zu Georges Bizets 1875 uraufgeführter Oper „Carmen” — liegt hier zweifellos in der Familie: Simon Wallinger, an der Münchner Hochschule für Musik und Theater in den Fächern Klavier und Kontrabass ausgebildet und auch in Historischer Aufführungspraxis geschult, gibt in diesem temperamentvollen Auftakt im Arrangement seines Vaters ein zügiges Tempo vor und lässt sich auch nicht aus dem Konzept bringen, als genau in der Pianostelle zwischen dem populären Torero-Marsch und „Auf in den Kampf“ ein Handyklingelton in die Ouvertüre einschaltet.

Bühnenmusik ist auch Christoph Willibald Glucks 1761 uraufgeführte Ballettmusik zu „Don Juan“: Die folgende Dramatik kündigt sich bereits an im für die Entstehungszeit ungeheuer modern tönenden Larghetto („Der Geist ermahnt Don Juan“), bevor sich im als „Furientanz“ aus der später datierenden Oper „Orpheus und Euridice“ bekannten Allegro die Pforten der Hölle öffnen. Wallinger gestaltet diese an Vivaldi-Gewitterpassagen erinnernde Höllenfahrt mit kontrollierter Vehemenz. In nuancierter Zeichengebung arbeitet er die dynamischen Kontraste heraus, vereint ruckartige, energische Impulse mit Fingerspitzengefühl bei Ansprache der 18 Musikerinnen und Musiker der hellwach reagierenden und nahezu makellos intonierenden SKB.

Handverlesene Profis am Werk

Von den familiären Strukturen der SKB sollte man sich indes nicht täuschen lassen: Zwar handelt es sich bei dem Ensemble nicht um ein stehendes, sondern um ein Projekt-Orchester, doch die Musiker, die Peter Wallinger um sich schart, sind allesamt handverlesene Profis und werden nicht selten zu Wiederholungstätern. Andererseits ist Wallinger auch stets darauf bedacht, dem demografischen Wandel durch Verjüngung entgegenzuwirken — auch in der aktuellen Besetzung sind wieder viele neue Gesichter auszumachen. Die Spritzig- und Wendigkeit des Ensembleklangs profitiert hörbar davon.

Ob Joseph Haydns 1768 komponierte Sinfonie Nr. 49 für ein Theaterstück namens „Il Quakero di bel ’’humore“ („Der gutgelaunte Quäker“) oder, worauf neue Quellen hinweisen, das französische Lustspiel „La jeune indienne“ („Die junge Indianerin“) von Nicolas Chamfort entstand, ist nicht gesichert. Fest steht, dass die Sinfonie mit dem Beinamen „La passione“ in der für damalige Verhältnisse ungewöhnlichen Tonart f-moll eine zerklüftete, dunkel grundierte Partitur anbietet, die man gemeinhin eher nicht mit Haydn in Verbindung bringen würde. Wallingers Interpretation folgt der in Richtung Musiktheater weisenden Deutung und betont die szenisch-räumliche Wirkung der Musik — enorm plastisch wirkt das finale Presto.

Noch eine Premiere: Ausgezeichneten Eindruck hinterlässt auch Swantje Asche-Tauscher als designierte neue Konzertmeisterin: Höchst aufmerksam in der Stimmführung, virtuos in den Teilen, in denen sie solistisch gefordert ist, Große Begeisterung im mit rund 100 Besuchern bedauerlicherweise unterdurchschnittlich besetzten Kronensaal.

Autor: Harry Schmidt

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