2021
KONGENIALE PARTNER
Das Frühjahrskonzert der Süddeutschen Kammersinfonie Bietigheim erfreut Musikfans im Internet.


Bietigheim/Mühlacker. Wie schon beim Neujahrskonzert der Fall, musste die Süddeutsche Kammersinfonie Bietigheim unter der Leitung von Peter Wallinger auch das Frühjahrskonzert 2021 wieder aufzeichnen. Es war ab Sonntagabend im Internet zu hören und zu sehen. Der Qualität des Musizierens tat es erneut keinen Abbruch. Nicht nur Orchester und Solist Tjeerd Top, sondern auch das Team hinter Kameras, Mikrofonen und im Schnitt haben wieder hervorragende Arbeit geleistet.
Ein bisschen schade ist es ja schon, dass das Virus die Gesellschaft immer noch so sehr im Griff hat, dass ein Live-Konzert, wie es ursprünglich innerhalb der Klassikreihe „Mühlacker Concerto“ für Sonntag angekündigt war, nicht vor Publikum stattfinden kann. Andererseits bietet das Internet auch spannende Möglichkeiten: Wer will, kann sich das Konzert selbst im Nachhinein noch ansehen, im Zweifel natürlich gerne auch mehrere Male. Grund genug dafür gäbe es zweifellos, denn nicht zuletzt hat man mit Tjeerd Top einen sehr versierten Violinisten verpflichten können, der Konzertmeister des Concertgebouw Orchesters Amsterdam ist. Er wartete bei diesem Frühjahrskonzert mit einer Besonderheit auf: Top musizierte auf einer Stradivari-Geige aus dem Jahr 1713. „Eine ganz faszinierende Vorstellung, dass sie zu Zeiten von Vivaldi schon gespielt wurde“, befand Christina Dollinger, die in das Konzert einführte.
Passenderweise stand ein eher selten gespieltes Violinkonzert von Antonio Vivaldi am Beginn des Konzerts. „Vivaldi fährt hier alles auf, was geigerisch damals denkbar war“, betonte Dollinger dabei: Doppelgriffe, Akkordübergänge in den höchsten Registern und aberwitzige Tempi. Die Musiker begannen dementsprechend forsch; ein kurzer, aber bereits sehr prägnanter Auftakt, der nahtlos in ein einfühlsam gehaltenes Miteinander zwischen Violine und Orchester floss. Es waren drei ausdrucksstarke Sätze, mal fast zärtlich gestimmt, mitunter melancholisch angehaucht und dann wieder von bewusst treibenden Momenten durchbrochen, die zurück in das faszinierend filigrane Spiel von Tjeerd Top an der Violine führten. Für Solist und Orchester, die bei diesem Konzert als kongeniale Partner wunderbar harmonierten, war es eine erste gute Möglichkeit, von ihrer hingebungsvollen und zugleich technisch präzisen wie fokussierten Art der Interpretation zu überzeugen.
Mit Samuel Barbers „Adagio für Streicher, opus 10“ hat Wallinger dann ein populäres Werk ausgesucht, das von seiner leisen, in sich gekehrten Stimmung lebt. Bekannt geworden als Trauermusik für US-Präsidenten oder zum Gedenken der Opfer des 11. September, wurde es schon in diversen Filmen eingesetzt. Die besondere Dichte und Intensität dieses Adagios nahm das Orchester gefühlvoll auf und füllte sie mit Anmut und an Traurigkeit grenzender klanglicher Schönheit, ehe man in Form des „Concertino opus 42“ von Mieczyslaw Weinberg einen ganz anderen Akzent setzte. Dessen umfangreiches Werk sei erst vor einigen Jahren in Westeuropa entdeckt worden, erklärte Dollinger eingangs. Dazu zählt auch das im Rahmen des Frühjahrskonzerts gespielte Stück, dessen lyrische Grundstimmung Solist und Orchester gekonnt einfingen.
Einmal mehr unterstrich dabei Top seine technischen Stärken an der Violine, nicht zuletzt auch in den hohen Lagen, ehe das Orchester wenig später mit dem „Walzer A-Dur opus 54 Nummer 1“ (Antonín Dvorák) das abwechslungsreiche Frühlingskonzert schloss.
Solist Tjeerd Top hatte im Rahmen dieses Konzerts übrigens ein besonderes Lob für die Musiker: Mit einem kleinen Orchester wie der Süddeutschen Kammersinfonie Bietigheim und mit deren Dirigenten Peter Wallinger an der Spitze sei man „sehr flexibel“, verriet er. Das ermögliche auch selten gespielte Werke im Programm. „Das ist für einen Musiker natürlich wunderschön.“ Für die Zuhörer gilt selbiges auch.
Wer das Konzert also anhören möchte – am Sonntagabend haben das bereits über hundert Musikfreunde getan –, der findet die Aufnahme auf der Webseite https://www.muehlacker-klassik.de/muehlacker-concerto.
Autor: Stefan Friedrich
„Wir gehen voll in die Offensive“
Mit dem Frühjahrskonzert wird die dritte Produktion der Süddeutschen Kammersinfonie Bietigheim online abrufbar.


Bietigheim-Bissingen. Bereits zum dritten Mal seit dem zweiten Lockdown präsentiert Peter Wallinger ein Konzert seiner Süddeutschen Kammersinfonie Bietigheim (SKB) als Videoaufzeichnung. Im Interview spricht der 70-jährige Dirigent über die Resonanz auf die Mitschnitte, das Programm des ab morgen Nachmittag abrufbaren Frühjahrskonzerts und die pandemiebedingten Herausforderungen bei der Planung und Durchführung der Aufzeichnungen.
Herr Wallinger, zum dritten Mal findet ein Konzert der Ihres Orchesters in Form einer Videoaufzeichnung statt. Welche Erfahrungen haben Sie mit dem Format gemacht?
Peter Wallinger: Wir sind total überrascht, wie gut das Format ankommt, auch beim älteren Publikum, wo wir anfangs schon skeptisch waren, ob die sich das vor dem Computer anschauen und -hören würden. Aber wir haben so viel positive Resonanz, auch von treuen Begleitern der SKB, erhalten – damit haben wir nicht gerechnet. Auch hat uns überrascht, wie oft die Konzerte abgerufen wurden. Das Adventskonzert wurde inzwischen über tausend Mal angeklickt, das Neujahrskonzert über 400 Mal. Das Format scheint also angekommen zu sein.
Wovon Sie zu Beginn nicht komplett überzeugt gewesen zu sein scheinen …
Ich selbst stand der Idee einer Videoaufzeichnung am Anfang etwas reserviert gegenüber: Der Aufwand ist enorm und die Einnahmen sind gering, weil wir keine Eintrittsgelder erheben. Wenn ich aber sehe, dass wir dadurch auch Resonanz aus den USA, Rumänien, Italien und Frankreich bekommen, auch von Menschen, die uns vorher nur dem Namen nach kannten, denke ich inzwischen, dass das Format durch die Erhöhung der Reichweite auch große Vorteile bietet.
Planen Sie perspektivisch hybride Veranstaltungen?
Konkret in Planung ist das noch nicht, aber die Vorstellung, dass man interessante Konzerte auch dann, wenn wieder vor Publikum gespielt werden kann, in Bild und Ton aufzeichnet und ins Netz stellt, spukt schon in den Köpfen herum. Zunächst hoffen wir aber, im Sommer wieder live auftreten zu können.
Worin bestehen bei der Programmplanung in künstlerischer Hinsicht die Herausforderungen durch die Pandemie?
Zum einen gilt es Literatur für die reduzierten Besetzungen zu finden, die gerade möglich sind. Zudem stellen diese Stücke dann auch spieltechnisch für die Musiker eine größere Herausforderung dar: Wenn eine Streichergruppe aus nur zwei statt wie üblich aus drei oder mehr Instrumenten besteht, muss die Intonation wirklich total präzise aufeinander abgestimmt sein – da hört man jede Abweichung. Drei Stimmen verschmelzen dagegen dann schon wieder. Der Faktor, wer mit wem gut harmoniert, erhält also ein viel größeres Gewicht und muss bereits bei der Besetzung genau bedacht werden. Auch das Zusammenspiel auf Abstand ist nicht ganz trivial.
Von welchen Überlegungen haben Sie sich bei der Programmplanung für das jetzt anstehende Frühjahrskonzert leiten lassen?
Traditionell findet unser Frühjahrskonzert ja sowohl im Bietigheimer Kronensaal als auch im Uhlandbau in Mühlacker statt. Weil dieser vor hundert Jahren auf Betreiben des jüdischen Ehepaars Alfred und Laura Emrich, das später enteignet wurde und im KZ umgekommen ist, in Eigeninitiative errichtet wurde, war es mir ein Anliegen, dieses Jubiläum auch im Programm abzubilden. In den Zwanzigerjahren des letzten Jahrhunderts galt der Uhlandbau als das „schwäbische Bayreuth“ – alle Größen dieser Zeit sind dort aufgetreten: Carl Orff, Rudolf Serkin, Walter Giseking, Fritz Busch, das Rosé-Quartett aus Wien und viele andere. Mit Mieczysław Weinberg und Samuel Barber stehen deshalb zwei jüdische Komponisten auf dem Spielplan, wobei der Impuls zu Weinbergs Concertino für Violine und Orchester (Op. 42) von unserem holländischen Solisten Tjeerd Top ausging, der Konzertmeister beim Amsterdamer Concertgebouw-Orchester ist. Dazu gesellt sich ein unbekannteres, aber ganz extravagantes Violinkonzert von Vivaldi (RV 278) – weil ich mir gut vorstellen konnte, wie Top den dramatischen, nahezu opernhaften Gestus dieses Stücks auf seiner Stradivari-Geige von 1713 gestaltet: „con fuoco“ – mit Feuer nämlich. Anstelle eines Cembalos, das in kleiner Besetzung klanglich heikel ist, vervollständigt der Freiburger Thomas Boysen an der Theorbe die Continuogruppe. Als Puffer dazwischen Barbers überaus populäres „Adagio for Strings“ (aus Op.11), als frühlingshafter, aber leicht melancholischer Ausklang Dvořáks Walzer in A-Dur (Op.54, Nr. 1).
Wie kompensieren Sie die fehlenden Ticketeinnahmen?
Zwei unserer Konzerte, das Advents- und das Frühjahrskonzert, finden üblicherweise im Kronenzentrum statt und werden von der Stadt Bietigheim finanziert. Trotz der nun im Internet erfolgenden Ausspielung wurde uns dankenswerterweise ein Teil der Honorare zugesichert – damit kriegen wir die Produktionen einigermaßen hin. Darüber hinaus sind wir beim Regierungspräsidium vorstellig geworden, haben Mittel aus dem „Kunst trotz Abstand“-Programm beantragt und sind ganz optimistisch, was die Bewilligung dieser Beihilfe angeht. Höchst erfreulich ist auch die Resonanz auf den Spendenaufruf auf unserer Homepage – in Summe sind mit den beiden bislang online gestellten Videos rund 1000 Euro zusammengekommen.
Was steht in 2021 für die SKB noch an?
Im Prinzip unser übliches Pensum: Der „Musikalische Sommer“ in der Lienzinger Frauenkirche, wenn möglich auch die „Sommerliche Serenade“ in Sachsenheim, die Herbstkonzerte in Mühlacker, bei denen nochmals das 100-jährige Jubiläum des Uhlandbaus im Mittelpunkt stehen wird, vorgezogen auf November dann das Adventskonzert. Falls wir im Sommer wider Erwarten noch nicht live spielen können, würden wir auch wieder den Weg der Videoaufzeichnung wählen. Insgesamt gehen wir voll in die Offensive und versuchen, trotz mancher Widerstände, das Konzertleben über die Krise hinweg bestmöglich aufrecht zu erhalten.
Info: Das Frühjahrskonzert der SKB ist ab morgen Nachmittag kostenfrei unter www.sueddeutsche-kammersinfonie.de
und www.muehlacker-klassik.de/muehlacker-concerto abrufbar.
Um Spenden wird gebeten.
Autor: Fragen Harry Schmidt
DREI FRAGEN
an Peter Wallinger, Leiter der sueddeutschen kammersinfonie
„Jetzt weltweit zu hören“
- Wie war bislang die Resonanz auf Ihre Online-Konzerte?
Die Resonanz war außerordentlich groß. Wir bekamen begeisterte Rückmeldungen sogar aus den USA und aus Rumänien. Das ist ja das Plus dieser Online-Konzerte: Unsere Musik kann weltweit gehört werden. Eine gute Aufnahmequalität ist halt sehr wichtig, und da scheuen wir keine Mühe…
- Welche Videoaufzeichnung steht als nächste an?
Wir werden auch unser Frühjahrskonzert mit Werken von Antonio Vivaldi, Samuel Barber, Mieczyslaw Weinberg und Antonin Dvořák aufzeichnen und ab dem Sonntag, 14. März ins Netz stellen. Als Solisten konnten wir den fantastischen Geiger Tjeerd Top, Konzertmeister im Concertgebouw Orchester Amsterdam, gewinnen.
- Welches Konzert hoffen Sie, live spielen zu können?
Wir werden hoffentlich unsere Konzertreihe „Musikalischer Sommer“ in der spätgotischen Frauenkirche Lienzingen mit sechs Sonntags-Matineen am 13. Juni wieder live starten können.
Fragen von Sandra Pfäfflin
Wahre Wohltat in der kulturellen Zwangspause
Konzert mit der Süddeutschen Kammersinfonie Bietigheim
Solist Michinori Bunya und Schauspieler Johann-Michael Schneider

das Orchester „sueddeutsche kammersinfonie bietigheim“ mit dem Solisten Michinori Bunya.
Foto: Mammel
Mühlacker. Die bei Alt und Jung beliebten Neujahrskonzerte konnten in diesem Jahr infolge des zweiten Corona-Lockdowns nicht live in Konzerthäusern, Kirchen oder Kulturzentren stattfinden. Deshalb haben die Veranstalter – von der Nordsee bis nach Wien, von Berlin bis ins Erzgebirge – nach alternativen Möglichkeiten gesucht, die aufführungsreifen Programme kulturbegeisterten Konzertbesuchern dennoch zugänglich zu machen. So ist 2021 das Jahr der Live-Streams und Online-Konzerte, auch für Peter Wallinger und die Süddeutsche Kammersinfonie Bietigheim. Das zur guten Tradition gewordene musikalisch-literarische Programm wurde am Freitag in der historischen Kelter in Bietigheim als Video aufgezeichnet und ist seit Sonntag ins Netz gestellt, wo es über die Webseiten www.sueddeutsche-kammersinfonie.de oder www.muehlacker-klassik.de/muehlacker-concerto kostenfrei nachgehört werden kann.
Und das lohnt sich! Peter Wallinger, der mit klug durchdachten Programmzusammenstellungen jedes Mal für Überraschungen gut ist, hat mit dem Motto des diesjährigen Neujahrskonzerts „Tutti – Soli“, in sinnreicher Anspielung auf die aktuell sehr angespannte Situation des Einzelnen inmitten der Pandemie, ein Programm auf die Beine gestellt, das es in sich hat. Zwischen Werken von Antonio Vivaldi, Franz Schubert und Ottorino Respighi, sind, großartig rezitiert von dem Berliner Schauspieler Johann-Michael Schneider, kurze Gedichte und Texte von Christian Morgenstern und Rainer Maria Rilke bis hin zu Paul Celan, Mascha Kaléko und Ernst Jandl eingeflochten.
Der Star des Neujahrskonzerts ist aber Michinori Bunya, einer des gefragtesten Kontrabassisten unserer Zeit. Das musikalische Zwiegespräch zwischen seinem solistischen Spiel und dem Streichertutti ergibt gleichsam eine weitere Ebene des Veranstaltungstitels „Tutti – Soli“. Den Besuchern des zweiten Sommerkonzertes in der Lienzinger Frauenkirche im Juni des vergangenen Jahres ist der gebürtige Japaner Bunya noch bestens in Erinnerung, als er zusammen mit dem Bratschisten Matthias Buchholz als „Grand Duo Concertante“ zu hören war.
Mit einer Delikatesse der barocken Literatur, dem Concerto grosso d-Moll op. 3 Nr. 11 von Antonio Vivaldi, beginnt das Neujahrskonzert. Forsch vorandrängend und sehr transparent treten die drei Solistinnen Sachiko Kobayashi, Andrea Langenbacher (Violinen) und Chihiro Saito (Cello) in einen beglückenden Dialog mit dem Streichertutti. Auch hier, innerhalb der Concerto-Concertino-Struktur, findet sich die Tutti-Solo-Thematik wieder. Im zweiten Allegro betont Peter Wallinger sehr schön den akzentreichen polyphonen Aufbau. Dem Largo hingegen fehlt vielleicht etwas die Ruhe, und es gerät etwas zu rasch. Virtuos und rauschhaft dann das abschließende Allegro.
In seiner Anmoderation gibt Johann-Michael Schneider dem Zuhörer noch weitere Interpretationen des Tutti-Solo-Gedankens mit auf den Weg durch das für coronageplagte Kulturliebhaber wohltuende einstündige Konzert: den zwar nicht hörbaren, aber umso stärker spürbaren Dialog zwischen Publikum und Musikern, dazu die philosophische Frage, wann ein Tutti zum Solo und wann ein Solo zum Tutti werde. Drei Arabesken von Hans Fryba für Kontrabass solo, dazwischen jeweils Lyrik von Ernst Jandl, Marie von Ebner-Eschenbach, Paul Celan und Mascha Kaléko setzen das farbenreiche Konzert fort. In Kalékos Gedicht „Sozusagen grundlos vergnügt“ heißt es: „Ich freue mich, dass ich mich an das Schöne und an das Wunder niemals ganz gewöhne“ und nimmt damit die Stimmung inmitten der Pandemie auf, dass wir dankbar sein müssen, wenigstens elektronisch das Schöne haben zu dürfen – und noch dankbarer hernach, wenn wir wieder Kultur live erleben können.
Durchwoben von weiterer Lyrik dann der Deutsche Tanz Nr. 3 D-Dur aus D 90 von Franz Schubert, danach das Adagio und Rondo von Johann Matthias Sperger für Kontrabass und Streichertutti und schließlich Ottorino Respighis „Antiche Danze ed Arie“ III. Suite, die der Süddeutschen Kammersinfonie besonders gut gelingt. Der Italiener Respighi evoziert in einer wunderbar innigen und liedhaften Klangsprache Bilder von Sonne und südlicher Leichtigkeit, nach denen wir uns alle so sehr sehnen.
Das Neujahrskonzert im Web ist quasi Nervennahrung in diesen so besonderen Zeiten. Ein Spendenaufruf auf das Konto der Süddeutschen Kammersinfonie ist nur zu verständlich und ein Obolus jedem, der es sich leisten kann, dringend empfohlen.
Dr. Dietmar Bastian
Optischer und akustischer Genuss
Neujahrskonzert der sueddeutschen kammersinfonie online.
Kontrabassist Michinori Bunya begeistert mit seinem Spiel.

Foto: Theresa Mammel
Im Internet übertragene Video-Konzerte aus der „digital concert hall“ gibt es nicht nur aus Berlin, wo die Philharmoniker das Format für historische Aufnahmen 2009 erfunden haben, sondern – Corona sei’s geschuldet – auch von Peter Wallingers sueddeutscher kammersinfonie ohne Publikum aus der Kelter in Bietigheim-Bissingen.
Nach seinem erfolgreichen Adventskonzert (die PZ berichtete) folgt nun das – in analogen Zeiten bei der MühlackerConcerto-Reihe traditionsreiche – Neujahrskonzert, das sich hinter den übermächtigen großen Veranstaltern nicht zu verstecken braucht. Denn Wallinger und sein Team präsentieren eine Sensation: Michinori Bunya, einen der renommiertesten Kontrabassisten. Bunya, der sich im Konzert-Video sowohl solistisch (mit Hans Frybas „Arabesken für Kontrabass“) als auch zusammen mit dem Orchester („Adagio und Rondo für Kontrabass und Streicher“ von Johannes Matthias Sperger) vorstellt, ist eine Wucht.
Beim Spiel der selten zu hörenden Originalkompositionen scheint Bunya, über den Bass-Corpus gebeugt, mit seinem Instrument verwachsen, jedenfalls eine Einheit zu sein. Die Interpretation der technisch anspruchsvollen Arabesken changiert zwischen rhythmisch betonten Schrittfolgen in hohen Lagen, satten Tonfarben und melancholisch verhaltenem Gleiten über die Saiten. Stets versuchen die Stücke die Improvisation der klassischen Musik Arabiens nachzuempfinden. Die beiden zusammen mit Wallingers einfühlsam begleitendem Ensemble gebotenen Sperger-Sätze zelebrieren im Adagio einen klangsatten Trauerton, im temperamentvollen Rondo mit Springbögen, Doppelgriffen und Flageoletts atemberaubende solistische Virtuosität. Besonders in den Großauf-nahmen des Solisten hört das Auge mit, indem es dessen Konzentration und Ergriffenheit dem Höreindruck zuordnet.
Mit gewohnter Souveränität musiziert das Orchester unter Wallingers Leitung in Wiedergaben aus dem Repertoire – Vivaldis Concerto grosso op.3 (Nr.11), Schuberts Deutschen Tanz Nr.3 (aus D 90) und Respighis Suite Antiche Danze.
Der Berliner Schauspieler Johann-Michael Schneider leitet das Konzert mit hintergründigem Wortspiel zum Konzert-Motto „Tutti-Soli“ ein und rezitiert zwischen den Musiknummern erheiternde Texte und lyrische Preziosen von Ernst Jandl, Marie von Ebner-Eschenbach, Paul Celan, Mascha Kaléko, Giacomo Leopardi und Christian Morgenstern. Das hört und sieht man sehr gern. Chapeau. www.muehlacker-klassik.de/muehlacker-concerto
Eckehard Uhlig
Virtuoses Spiel um Tutti und Soli
Videoaufzeichnung des Neujahrskonzerts der Süddeutschen Kammersinfonie Bietigheim mit Dirigent Peter Wallinger




Bietigheim. Im Halbkreis und auf Abstand um ein flaches Podest gruppiert, stehen zwölf Stühle am Kopfende der historischen Kelter in Bietigheim, davor die Notenpulte – ebenerdig, denn dieses Konzert benötigt nicht die Erhöhung durch ein Podium. Wie bereits anlässlich des Adventskonzerts im Dezember hat sich Peter Wallinger auch für das traditionelle Neujahrskonzert der Süddeutschen Kammersinfonie Bietigheim (SKB) zu einer Videoaufzeichnung entschlossen, die nun bis mindestens bis Ende Januar auf der Homepage des Ensembles abrufbar bleibt. „Das ist recht aufwendig – auch finanziell –, aber wir scheuen keine Mühe für den Erhalt unserer Musik- und Orchesterkultur“, betont der Gründer und Leiter der SKB.
Weil der heimische Bildschirm somit zur Bühne des Konzerts werde, habe man sich die Freiheit genommen, den kompletten Raum der Kelter als solche zu bespielen, erläutert Johann-Michael Schneider die Konzeption des Events unter dem Titel „Tutti – Soli …“. Dieser lasse sich durchaus nicht nur im musikalischen Sinn, sondern auch metaphorisch verstehen, so Schneider. Ohne das Wort Pandemie zu nennen, trifft er den Nagel auf den Kopf: Schließlich wird einem durch diese vieler Selbstverständlichkeiten beraubten Zeit das komplexe Verhältnis von Kollektiv zu Individuum nochmals ganz anders und eindrücklich vor Augen geführt.
Drei Kameras im Einsatz
Während Wallinger den Ablauf der Aufzeichnung mit Theresa Mammel durchgeht, die das Konzert mit drei Kameras einfängt, tröpfeln nach und nach maskierte Musikerinnen und Musiker in der Kelter ein. Tonmeister Thomas Schmidt hat vor jeder Streichergruppe ein Mikrofon aufgebaut, zusätzlich drei Schallwandler für den Raumklang auf einem hohen Stativ platziert. Bald erklingen Einspielgeräusche aus jeder Ecke der Kelter, Chihiro Saito, Stimmführerin der Celli in der SKB, macht sich mit Dehnübungen warm. Wie Konzertmeisterin Sachiko Kobayashi zählt die Japanerin zu den Gründungsmitgliedern des renommierten Lotus String Quartetts, die Vertrautheit ihrer musikalischen Kommunikation trägt maßgeblich zu den Qualitäten der Kammersinfonie bei. Etwa im Kopfsatz des elften Konzerts aus dem Opus 3 von Antonio Vivaldi: Das d-Moll-Konzert ist das populärste des 1711 veröffentlichten, immens einflussreichen Zyklus „L’Estro Armonico“ und ein Musterbeispiel des Concerto grosso, von der SKB ungemein vital und bravourös musiziert.
Auch in der Anspielprobe braucht Wallinger nicht viele Worte, um dem Orchester seine Auffassung zu vermitteln: Die Körpersprache des 70-Jährigen ist nuanciert und präzise – mal geht er geschmeidig in die Knie, mal steigt er auf Zehenspitzen. Seine Interpretationen sind von intimer Werkkenntnis geprägt, folgen aber stets einem ausgeprägten Sinn für markant-lebendige Gestaltung: „Vivaldi möge verzeihen, wenn er sich’s anders vorgestellt hat.
Interessante Kombinationen
Charakteristisch für Wallinger auch die Entdeckerfreude, mit der er Geläufigeres mit seltener gehörten Werken kombiniert, um dabei Gemeinsamkeiten und Verwandtschaften ans Licht zu bringen: Auch die dritte Suite aus Ottorino Respighis 1932 uraufgeführten „Antiche Danze ed Arie“ widmet sich dem Zusammenspiel von Tutti und Soli, allerdings unter neoklassizistischen Vorzeichen.
Virtuose Soli sind auch Schneiders Gedichtrezitationen: Anstelle langatmiger Erklärungen bringt der Berliner Schauspieler zwischen den Musikdarbietungen hochkompetent Texte von Paul Celan, Mascha Kaléko und Christian Morgenstern zum Klingen. So trifft Ernst Jandls Wortakrobatik in „Chanson“ auf Hans Frybas „Drei Arabesken für Kontrabass solo“ (1946), meisterhaft interpretiert von Michinori Bunya, dem musikalischen Solisten des Programms. Auch in Johannes Matthias Spergers Adagio und Rondo, kombiniert aus dem 15. und 18. Kontrabasskonzert des Beethoven-Zeitgenossen, spielt der sonore Wohlklang seines über 300 Jahre alten Testore-Instruments mit impulsiven, spieltechnisch höchst herausfordernden Kantilenen die Hauptrolle – mustergültig eingebettet in glänzende, gestochen scharf konturierte Tutti der SKB. Ein auf allen Ebenen hochkarätig besetztes Neujahrskonzert, dessen mannigfaltige Bezüge und Verbindungen auch online einleuchten.
Autor: Harry Schmidt