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09.12.2024

Die Tangomesse als Gegenstück zum besinnlichen Advent

Die „sueddeutsche kammersinfonie Bietigheim“ sprengt den Advent mit dem Konzert der anderen Art.

Die mexikanisch-amerikanische Mezzosopranistin Mónica Soto-GIl Salas vor Ihrem Auftritt als „Maria de Buenos Aires“ In der gleichnamigen Komposition von Astor Plazzolla beim Adventskonzert der „sueddeutschen kammersinfonie Bietigheim“ Im Kronenzentrum. Foto: Martin Kalb

Das Adventskonzert der „sueddeutschen kammersinfonie Bietigheim“ im Kronensaal am vergangenen Samstagabend hat ein Alleinstellungsmerkmal wie eine grell leuchtende Blüte auf einer Blumenwiese. Das Ensemble kooperierte mit der Lienzinger Akademie. Simon Wallinger, der künstlerische Leiter, nimmt markante Solisten mit ins Boot, um ein surreal geprägtes markantes Anti-Adventskonzert aufzuführen. Der berühmte Erfinder des Tango Nuevo, Astor Piazzolla, setzte seiner „Maria de Buenos Aires“ damit ein Denkmal. Er gibt dem Mädchen aus den Slums eine Plattform im Adventskonzert der anderen Art.

Das expressionistisch durchdrungene Werk sprengt die üblichen Formen in Wort und Ton. Freie Tonalität macht sich breit. Jedes Instrument gibt es nur einmal auf der Bühne, und alle befinden sich im Dialog miteinander in einer Messe, die keine ist, in einem Werk, bei dem der Sprecher und auch die Maria selbst sich in Wortakrobatik verlustieren und dem Hässlichen und Grässlichen mit Wonne eine Plattform bieten, um zum Nachdenken anzuregen.

Werk passt nicht zum landläufigen Advent

Hier führt das Bandoneon das Re-giment. Der Solist mit schwarzem langem Haar, Leonel Gasso, aus Uruguay befeuert sein Instrument vom Feinsten. Natürlich passt dieses Werk von Astor Piazzolla nicht in die üblichen landläufigen Gedankenströme im Advent. Zu wild, zu frei, zu experimentell, zu provokant zu ketzerisch. Etliche Stühle bleiben leer an diesem Abend. Die, die gekommen sind dürfen sich erst einmal daran gewöhnen, dass hier das freie Assoziieren und das neue Kombinieren von Worten an der Tagesordnung ist – der surrealistische Einschlag ist heute noch genauso erfrischend wie damals.

Die Tangomesse ist ein Unikat und mit nichts in der Literatur vergleichbar. Piazzolla spielt wortgewandt mit seinem größten Schatz, dem Tango. Statt Agnus Dei heißt der letzte Messeteil beim Tango-Nuevo-Schöpfer „Tangurus Dei – An einem Sonntag.“ In der Blütezeit des Surrealismus, 1968, bringt Piazzolla diese Anklage und Liebeserklärung zugleich an den Tango auf den Weg. Maria wird zur Heiligen inmitten ihrer kriminell geprägten Umgebung zwischen Machos und Peinigern, Drogenkartellen und Mördern.

Mónica Soto-Gil Salas, die Mezzosopranistin, füllt ihre Rolle mit Bravour. Als Südamerikanerin kommt ihr Gesang authentisch an. Der leidvolle Blick in die Ferne ist nicht aufgesetzt. Santiago Bürgi, der lyrisch-weiche Tenor, ist ihr ein herrlich ebenbürtiges Pendant. Johann-Michael Schneider mimt den Sprecher, den man in all seinen krassen Wendungen und Beobachtungen zum Geschehen immer versteht, bis in die letzten Reihen hinein.

Wer glaubt, er könnte sich hier zum angenehmen Adventskonzert gemütlich in seinen Sessel kuscheln, irrt. Astor Piazzolla und mit ihm die „sueddeutsche kammersinfonie Bietigheim“ wollen zeigen, wie schwer es all die haben, die nicht im Wohlstand und in der Sicherheit leben. Heftig rüttelt dieses Adventskonzert an gesellschaftlichen Missständen.

Autorin: Susanne Yvette Walter

Tango-Operita in Idealbesetzung

Im Adventskonzert der Süddeutschen Kammersinfonie Bietigheim bringt Simon Wallinger „María de Buenos Aires“ im Bietigheimer Kronenzentrum in einer eigenen Fassung zur Aufführung. Hierzulande ist Astor Piazzollas einzige Oper eine Rarität auf der Bühne.

Hinreißender Konzertabend: Die SKB beim Adventskonzert im Kronenzentrum. Foto: Alfred Drossel

BIETIGHEIM-BISSINGEN. Ein Adventskonzert gänzlich anderer Art hat die Süddeutsche Kammersinfonie Bietigheim (SKB) am Samstagabend im Kronenzentrum gegeben: Anstelle eines Potpourris feierlicher Klänge in festlicher Vorfreude erklang mit „María de Buenos Aires“ das einzige Bühnenwerk von Astor Piazzolla, dem 1921 im argentinischen Mar del Plata geborenen Bandoneonisten und Komponisten, der als Erfinder des Tango Nuevo gilt – in kompletter Länge, eigenem Arrangement und einer halbszenischen Inszenierung, die im Herbst bei der Lienzingen-Akademie vorgestellt und den technischen Gegebenheiten im Kronensaal angepasst wurde, insbesondere, was den Einsatz von Lichtstimmungen angeht. Dazu stand die SKB als siebenköpfiges Tangoensemble auf der Bühne, unter der Leitung von Simon Wallinger, wobei der Sohn des Orchester gründers Peter Wallinger als Kontrabassist selbst als Musiker beteiligt war.

Ultraviolett leuchtet der Bühnenraum, als Markus Däunert (Violine), Elya Levin (Flöte/Piccolo), Konstanze Bodamer (Cello), Leonel Gasso (Bandoneón), Sophia Weidemann (Klavier), Markus Hauke (Perkussion) und Walinger das Tango-Thema des „Alevare“ anstimmen, während Johann-Michael Schneider in der Sprechrolle des Geistes den dunklen Saal mit beleuchtendem Textbuch durchquerend seine „Beschwörung der María“ in maliziös geschärftem Tonfall „durch einen Riss im Asphalt der Straße“ vorträgt und zum (jenseitigen) Leben erweckt. So wie die vergessene Stimme Marías, die daraufhin als Mensch erscheint und sich mit einer folkloristischen Vokalise einführt, die Piazzolla mit Bartók-Referenzen instrumentiert.

Dunkel timbrierter Mezzosopran

Die mexikanisch-amerikanische Sängerin Mónica Soto-Gil Salas hat sich ihre Titelpartie als Mater Dolorosa zurechtgelegt, die bittere Würde der Schmerzensreichen entspringt ihren Verletzungen, zeitigt aber auch eine verhärmte Abwehr, entsprechend expressiv zeichnet Salas diese Figur mit ihrem tragfähigen, dunkel timbrierten Mezzosopran. Kongenial als Dritter im Bunde der (Sing-)Darsteller ist Santiago Bürgi, gebürtig wie ausgebildet in Buenos Aires und seit der Spielzeit 2021/22 festes Ensemblemitglied am Theater Pforzheim, der sämtliche männlichen Rollen der „Kammeroper“ verkörpert und mit kernigem, baritonalem Tenor vokal hinreichend Format verleiht – vom Volkssänger über den träumenden Buonaerenser Kerl, den Alten Anführer der Diebe und den Ersten Psychoanalytiker bis zur „Stimme jenes Sonntags“ – enorm eindringlich dieses „Tangus Dei“, das als 17. und letztes Bild in Piazzollas 1968 konzertant uraufgeführtem Musiktheaterstück mit den Worten „Maria unser von Buenos Aires / vergessen bist du unter allen Frauen“ endet.

Wenn Bürgi immer wieder aufs Neue „Es domingo“ (Es ist Sonntag) anhebt – gesungen wird auf Spanisch, gesprochene Passagen sind ins Deutsche übersetzt -, wirkt seine Phrasierung auch ein wenig schon wie ein Vorgriff auf John Adams „Nixon in China“. Auch Einflüsse von Ravel und Strawinsky kann man in der Musik entdecken. Hingabevoll widmet sich auch die Tango-Version der SKB der farbreichen, polystilistischen Partitur Piazzollas, die vom Tango Nuevo – den „Libertango“ hört man an allen Ecken und Enden heraus – über Milonga, Canyengue und Musettewalzer bis zu klassischen Formen wie Toccata oder Fuge reicht. Kurzum: eine hinreißende Vorstellung dieser „Tango Operita“!

Autor: Harry Schmidt