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10.07.17

Festkonzert „40 Jahre Musikalischer Sommer“ in Lienzingen

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Herausragend: der Auftritt des Blockflötisten Daniel Koschitzki. Foto: Fotomoment

Mühlacker-Lienzingen. Solisten und Orchester musizierten furios. Das herausragende Ereignis beim Festkonzert „40 Jahre Musikalischer Sommer“ in der Lienzinger Frauenkirche war natürlich der Auftritt des Blockflötisten Daniel Koschitzki, seines Zeichens Echo-Klassik-Preisträger, der schon mehrfach in Konzerten mit Peter Wallingers sueddeutscher kammersinfonie bietigheim begeisterte.

In Antonio Vivaldis Concerto „Il Gardellino“ (Der Distelfink) für Sopranino-Flöte und Orchester op. 10 Nr. 3 entzündete der Solist in den Allegro-Ecksätzen ein musikantisches Brillantfeuerwerk an Farben und Formen, an kunstvoll verzierten Sprüngen und Läufen oder nachhallend „schlagenden“ Rufen, eben lautmalerisch silberhell trillernden und zwitschernden Vogel-Liedern – passend zum gleichnamigen Bild des Barockmalers Carel Fabritius. Im langsamen, sehr zart intonierten und nur von Cembalo und Cello begleiteten „Cantabile“-Mittelsatz erinnerte die Sopranino-Vogelstimme mit Wehmutsgesang an die verlorene Freiheit des domestizierten kleinen Distelfinken, denn er bleibt mit einer Kettchen-Schnur an seinen Hochsitz gefesselt. Ein zauberhaft-fantastisches Klangfest ging von dieser Interpretation aus.

Johann Sebastian Bachs Brandenburgisches Konzert Nr. 4 G-Dur (BWV 1049) war in Originalbesetzung mit solistischer Violine (Konzertmeisterin Sachiko Kobayashi) und zwei solistischen Barockflöten (Koschitzki und Andrea Ritter) zu hören. Gleich der erste Satz eröffnete mit wiegender Flötenmelodik, dann übernahm die Geige die Führung. Immer wieder standen sich Streicher-Tutti und Solistengruppe im Dialog gegenüber. Alle Stimmen und Linien blieben unerhört transparent, auch in temperamentvollen Aufschwüngen oder feinen Echo-Wirkungen. Gewohnt stilsicher, mit sauberen Phrasierungen und facettenreichen Klangfarben interpretierte das Orchester unter Wallingers aufmerksam-motivierender Leitung auch zwei weitere Werke des Festprogramms. Nicht zum ersten Mal überraschten Wallinger und sein Ensemble mit Werken von Carl Philipp Emanuel Bach. Diesmal beeindruckten in dessen Sinfonie A-Dur, Wq 184, vor allem die konzertante Strahlkraft, Dynamik und Rasanz der Komposition, deren Aufführung wie eine Fest-Ouvertüre wirkte. Und Nino Rotas „Concerto per Archi“ erfreute trotz einiger schmerzhaft-moderner Dissonanzen mit wellenförmigem Fluss der Klangströme und leidenschaftlichen Steigerungen. Eine musikalische Matinee mit Glücksmomenten in würdigem Ambiente.

Eckehard Uhlig

Die Musik als launisches Kind

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Sachsenheim Die „sueddeutsche kammersinfonie bietigheim“ spielte im Lichtenstern-Gymnasium ein vielschichtiges und tiefgründiges Konzert. Von Sandra Bildmann.

Die „kammersinfonie“ spielte im Sachsenheimer Lichtenstern-Gymnasium alte und moderne Stücke. Foto: Helmut Pangerl

Das Live-Erlebnis gewinnt in Zeiten der dauerhaften Verfügbarkeit und Reproduzierbarkeit an Bedeutung. Nicht nur der Klangeindruck unterscheidet sich vom Musikhören über Boxen zuhause: Das Konzert der „sueddeutschen kammersinfonie bietigheim“ unter Dirigent Peter Wallinger am Freitagabend im Foyer des Lichtenstern-Gymnasiums zeigte eindrucksvoll, wie sich durch die Musik Räume öffnen können. Wer sich darauf einlies, konnte sich selbst besser kennen. Das traditionelle Open Air-Sommerkonzert des Orchesters fand in diesem Jahr aufgrund der Bauarbeiten nicht im Schlosshof statt, und war auch wegen der unsicheren Wetterlage nach drinnen verfrachtet worden.

Wuselnde Solisten-Finger

Zum Auftakt spielte das sechzehn-köpfige Ensemble Carl Philipp Emanuel Bachs Sinfonie in A-Dur. Danach wuselten die Finger von Solist Daniel Koschitzki über seine Sopranino-Flöte. In Vivaldis Concerto „Il Giardellino“ konnte der Echo-Klassik-Preisträger sein perfektes Spiel zeigen.

Die Luftzufuhr war fein austariert: nicht zu viel, aber ausreichend, damit der Ton schwingen und klingen konnte. Der Reichtum an Obertönen auf Basis des Präzisen uns sauberen Spiels vervielfachte das Tonvolumen, so dass die Flöte nicht unterging, sondern klar die Chefrolle spielte. Das Orchester grundierte fein. Nach der Pause erntete das Orchester mit den Solisten Andrea Ritter und Daniel Koschitzki (bei der Flöte) sowie Sachiko Kobayashi (Violine) bei Bachs viertem Brandenburgischem Konzert eine Menge Applaus vom begeisterten Publikum, so dass sie die Schlussfuge noch einmal wiederholten.

Mit Nino Rotas „Concerto per Archi“ aus den 1960er Jahren übersprang das Ensemble virtuell über zwei Jahrhunderte Musikgeschichte. Besonders der zweite Satz, das Scherzo, machte richtig Laune – auch weil das Orchester unter Wallinger die verschiedenen Stilistiken und Charaktere der Abschnitte deutlich voneinander abgrenzte. So wirkte das Scherzo tatsächlich wie ein Scherz mit vielen verschiedenen Facetten. Zunächst schien es, als ob die Musik ihren eigenen Kitsch karikiert, als ob sie sich nicht recht entscheiden könne, ob die ihn nachahmen oder sich ihm entgegen stellen soll.

Bezirzender Walzer

Die Musik kam als launisches Kind daher, das betont hässlich sein will, postwendend in eine vorgegaukelte heile Welt abtaucht. Kaum stellte sich der Zuhörer auf einen verdrießlichen, lethargischen Trott ein, bezirzte ihn urplötzlich ein Walzer. Die scharfen Dissonanzen hielten dem nicht stand, mussten sich ergeben. Der Satz endete unvermittelt im Irgendwo. In dieser Welt verschwammen die Grenzen von Ernst, Hohn und Ironie. Da bestand Anschluss zur Realität. Wer sich solchen Assoziationen öffnete, konnte in dem vor Kontrasten strotzenden Werk von Nino Rota auf Selbstfindungs-Tour gehen.

Der Komponist kupferte – wie in zeitgenössischer Methodik durchaus üblich – bei kompositorischen Wegbereitern ab. Auch wenn Rota eher im Filmmusik-Genre zuhause war, hat er die Entwicklung in der „klassischen“ Musik nicht missachtet. Spannungsaufgeladen und unbequem will die Musik im vierten Satz sein, bitte nicht zu gefällig. Wie Filmmusik klingt sein Stück für Streicher nicht, stattdessen mehr wie die musikalische Untermalung einer Lebensgeschichte mit Höhen und Tiefen. Ohne Vorwarnung ist Schluss. Rotas Musik hat das Publikum auf eine Reise mitgenommen und in einer anderen Welt ausgesetzt. Die „sueddeutsche kammersinfonie bietigheim“ unter Wallinger spielte dieses Spiel hervorragend. Langweilig war das überhaupt nicht. Dieses Live-Erlebnis schuf kreative Freiräume mit einer Relevanz für das eigene Leben.

Sandra Bildmann

Barockes mit hochkarätigen Solisten

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Sueddeutsche Kammersinfonie Bietigheim begeistert mit Gästen in Sachsenheim

Dirigiert mit großer Klarheit: Peter Wallinger und seine Sueddeutsche Kammersinfonie Bietigheim. Foto: Alfred Drossel

Sachsenheim. Die Premiere fiel aus, wenn auch nicht ins Wasser. Erstmals sollte das Sommerkonzert im Serenadenhof des Lichtenstern-Gymnasiums stattfinden, wo das beliebte klassik-Open-Air während der noch bis voraussichtlich 2019 andauernden Sanierungsarbeiten im Wasserschloss ein Ausweichquartier gefunden hat. Doch das Wetterrisiko erschien zu groß: „Am Freitagvormittag mussten wir entscheiden“, sagt Andrea Fink, die Kulturreferentin der Stadt Sachsenheim. Somit wurde, auch wenn am Abend dann kein Tropfen viel, das Foyer der weiterführenden Schule am südlichen Ortsrand zur Spielstätte der Sueddeutschen Kammersinfonie Bietigheim (SKB), die Peter Wallinger vor mehr als 30 Jahren gegründet hat. Beglückend war die traditionsreiche Veranstaltung dennoch. Mit Anna Ritter und Daniel Koschitzky hatte Wallinger für das diesjährige Konzert, das am Sonntag nochmals in Lienzingen gegeben wurde, gleich zwei hochkarätige Blockflöten-Solisten gewonnen, die sich mit ihrem Ensemble „Spark“ bereits in jungen Jahren beachtliches Renommee erworben haben: „Kammermusik auf höchstem Niveau“ jubelte die Frankfurter Allgemeine. Für ihr Debütalbum wurden sie mit dem ECHO Klassik ausgezeichnet. In den drei Sätzen von Vivaldis Concerto für Sopranino und Orchester (OP. 10 Nr. 3), das den sprechenden Beinamen „Il Gardellino“, zu Deutsch „Der Distelfink“ trägt, wurde sogleich die solistische Klasse von Koschitzky hörbar: Atemberaubend die stupende Virtuosität seiner Triller und Vorhalte in den tänzerisch bewegten Ecksätzen – die Imitation der Vogelstimme ist hier programmatisch gewollt. Lediglich bei den freigestellten Solostellen machte sich die suboptimale Akustik des Foyers mit etwas undefinierten Hallzeiten leicht bemerkbar.

Gefühlvoll singendes Legato im Cantabile, begleitet nur von Akkorden und Arpeggien des Cembalos sowie Mikael Samsonow am Cello. Koschitzky steigt auf Zehenspitzen im abschließenden Allegro, messerscharf die Tutti der SKB.

Eingebettet war diese hinreißende Darbietung in einen raffinierten Rahmen: Über zwei Jahrhunderte hinweg korrespondierten die Sinfonie in A-Dur von Carl Philipp Emanuel Bach, mit dem die SKB das Konzert eröffnete, und Nino Rotas „Concerto per Archi“, das der italienische Grandseigneur der Filmmusik in den Jahren 1964 und 1965 geschrieben und 1977 überarbeitet hat. Deutlich der Anklang barocker Muster in den vier Sätzen: Die motorischen Ketten und kontrapunktischen Figuren nehmen klar Bezug auf die Tradition, ohne sich jedoch als Werk des 20. Jahrhunderts zu verleugnen. Die Aria verweist auf die berühmte Air von J.S. Bach.

Fabelhafte Präzision

Für dessen Brandenburgisches Konzert Nr. 4 in G.Dur (BWV 1049) trat nach der Pause Sachiko Kobayashi, Konzertmeisterin der SKB und Primgeigerin des international renommierten Lotus String Quartet, zum Solisten-Paar Ritter und Koschitzky, die auch als Duo firmieren. Fabelhaft, mit welcher Präzision sie ihre kantablen Kantilenen ineinandergreifen lassen. An Klarheit kaum zu überbieten Wallingers Dirigat: Wo er in der Sinfonie des Bach Sohns zum Auftakt die Kontraste der galanten Partitur schärft, unterstreicht er im Konzert des Vater die elaborierte Motivarbeit der drei Solisten mit transparentem, kammermusikalisch ausgerichtetem Ensembleklang.

Harry Schmidt