10.07.18
Wirkungsvolle Tongemälde
Süddeutsche Kammersinfonie Bietigheim tritt in der Lienzinger Frauenkirche gemeinsam mit dem Klarinettisten Sebastian Manz auf

Klarinettist Sebastian Manz. Foto: Filitz
Mühlacker-Lienzingen. Am Sonntagvormittag war die Lienzinger Frauenkirche erneut ein Anziehungspunkt für viele Musikfreunde. In ihrer Reihe „Musikalischer Sommer“ hatte die Süddeutsche Kammersinfonie Bietigheim mit ihrem Dirigenten Peter Wallinger zum Konzert geladen. Als Gast sorgte Sebastian Manz für wahre Beifallsstürme, der mit seiner Klarinette alles machte, was mit diesem sensiblen Instrument überhaupt nur anzustellen ist. Das Programm bot jedoch auch den Streichern reiche Möglichkeiten, ihr Können, ihr harmonisches Zusammenspiel unter dem einfühlsamen, aber auch zwingenden Diktat ihres Dirigenten zu beweisen. Solopassagen der ersten Geige, von Viola und Violoncello ließen allemal aufhorchen.
Eröffnet wurde die vormittägliche Konzertstunde mit einem Orchester-Quintett Es-Dur in drei Sätzen von Josef Mysliveček. Dieser Komponist kam 1734 in Prag zur Welt und starb 1781 völlig verarmt in Rom. Nachzulesen ist, dass Mysliveček in Italien einst der bestbezahlte Opernkomponist war und als „il divino Boemo – der göttliche Böhme“ gefeiert wurde. Er war Zeitgenosse Mozarts, mit dem er freundschaftliche Kontakte gepflegt haben soll. Unter beschwingter Führung setzte das Orchester zu einem heiteren Allegro con brio an, im nachfolgenden Largo dann mit dominierenden Passagen der ersten Geige. Der Beginn des dritten Satzes Presto schien sich in den ersten Takten ein wenig an Mozart zu orientieren. Mit beherzten Tempi, melodischen Dialogen zwischen erster Geige und Viola, furiosem Aufspielen des Orchesters mit starken Bässen, dann wiederum mit dem Ausloten der dynamischen Möglichkeiten bis hin zu zartem Piano endete dieser „böhmische Teil“ des Konzerts und hinterließ beste Eindrücke. Allein 28 Opern hat Mysliveček komponiert, dazu ein reiches Werk an Vokalmusik aus Messen, Oratorien, Kantaten. Er hat Sinfonien, vielseitige Konzerte, umfangreiche Kammermusikwerke, dazu noch Werke für Klavier und Violine geschaffen. Heute sind sein Name und seine kaum zu zählenden Kompositionen vergessen. Dankenswert, dass es Orchester gibt, die sich dieses reichen Erbes annehmen.
Dann betrat der Star des Konzerts die Bühne. Was soll man über einen Künstler schreiben, der in seinem Metier alle Preise und höchste Auszeichnungen, die es zu gewinnen gibt, gehortet hat? War der Beifall für das Orchester schon herzlich und anhaltend, so wurde Sebastian Manz bereits gefeiert, ehe nur ein Ton aus seiner Klarinette erklang. Viele der Zuhörer hatten ihn wohl bereits bei seinen Auftritten in Mühlacker im Dezember 2011, dann im Juli 2015 und im März 2017 gehört, verteilten also keine Vorschusslorbeeren, sondern sie wussten, was sie von diesem Tonkünstler erwarten durften. Und er enttäuschte sie nicht. Er vertiefte sich mit Hingabe in das Klarinettenkonzert B-Dur von Johann Stamitz, ebenfalls Zeitgenosse Mozarts. Mit lebhaftem Körpereinsatz unterstrich er die Wirkung seiner Tongemälde. Es entfaltete sich ein harmonisches Zusammenspiel mit dem Orchester, mal fragend, mal fordernd, wechselnd zwischen hellstrahlendem Klang und dunklen, warmen Akkorden. Dann gab es eine längere Solopassage, in der die große Meisterschaft nicht nur durch die Geschwindigkeit seiner Finger sicht- und hörbar wurde, auch die exakte Atemtechnik war dem vollendeten Klangbild dienlich. Das Orchester zeigte seine Brillanz in einer stets einfühlsamen Begleitung.
Nicht auf dem Programm stand eine kleine Einführung vom fachlich bestens vertrauten Solisten in „Klarinettenkunde“ des 18. Jahrhunderts. „Die damalige Klarinette hatte nur fünf Klappen, nicht wie die heutige 24“, erklärte Manz, „Es musste viel improvisiert werden, und es bleibt letztlich den Interpreten überlassen, was am Ende dabei herauskommt. Da kann ich mich so richtig austoben auf meinem Instrument. Gut 70 Prozent der Töne sind so im ersten Darmstädter Konzert von Carl Stamitz im Original nicht vorhanden“, lautete eine kleine Vorwarnung ans Publikum. Den dritten Satz, ein Rondo aus besagtem Klarinettenkonzert Es-Dur, interpretierte Manz dann auch so, dass es einen vom Hocker reißen konnte. Da schaute er kaum auf sein „Notenblatt“, denn dies war ohnehin ein zeitgemäßes Tablett, und umgeblättert wurde mit einem Kick auf ein Fußplättchen. Als Dank für den nicht enden wollenden Beifall stimmte er seelenvoll ein Adagio von Mozart an. Noch einmal ließ er die Zuhörer an der ganzen Klangschönheit seiner Klarinette teilhaben.
Mit Leoš Janacek stimmte die Kammersinfonie einen vierten böhmischen Komponisten an. Sechs Sätze aus der „Suite für Streicher“ boten den Musikern Gelegenheit, das Publikum ein weiteres Mal von der Fülle, der Präzision, der Harmonie und der lebhaften Spielfreude, gepaart mit fundiertem Können an den Instrumenten, zu überzeugen. Eine Konzertstunde ging zu Ende, die lange nachklang.
Eva Filitz
Bläser-Laufwerk im Affenzahn: Klarinettist Sebastian Manz
Frühjahrskonzert der Sueddeutschen Kammersinfonie Bietigheim mit Pianist Markus Bellheim

Sebastian Manz
Mühlacker-Lienzingen. Am 3. Dezember 1778 schrieb Mozart an seinen Vater: „Ach, wenn wir nur (für die fürstbischöfliche Kapelle in Salzburg) auch Clarinetti hätten! Sie glauben nicht, was eine Sinfonie mit Clarinetten einen herrlichen Effect macht.“
Er hatte das Blasinstrument zum ersten Mal in Mannheim bei der dortigen Hofkapelle in Kompositionen von Johann Stamitz und dessen Sohn Carl kennengelernt und war begeistert. Begeistert waren auch die Besucher des „Musikalischen Sommer“ in der Lienzinger Frauenkirche, wo Peter Wallingers „sueddeutsche kammersinfonie bietigheim“ einen Teil dieser Werke zusammen mit dem preisgekrönten Ausnahme-Klarinettisten Sebastian Manz aufführte.
Das dreisätzige Klarinettenkonzert B-Dur von Stamitz Vater (1717-1757) eröffnete mit solistischen Skalen im „Allegro moderato“ und einer facettenreichen Solo-Kadenz. Dann folgte ein „Adagio“, das mit weichen Haltetönen und leuchtenden Klangbögen über der Orchester-Grundierung stimmungsvollen Klarinetten-Sologesang zelebrierte – der war so schön wie im langsamen Satz von Mozarts (Jahre später komponierten) Klarinettenkonzert. Im Finalsatz des Stamitz-Werke („Poco presto“) beeindruckten die fein ausdifferenzierten Lautstärke-Abstufungen und – wie in den voraufgegangenen Sätzen – das auf genaue Tempi achtende, einfühlsame Zusammenspiel des Solisten mit dem von Wallinger geleiteten Streichorchester. Im tänzerischen „Rondeau“ aus dem Es-Dur-Klarinettenkonzert von Stamitz Sohn (1745-1801) ging Manz bis an alle spielerisch-technischen Grenzen, denn der Affenzahn mit dem er wirbelnde Läufe absolvierte, war geradezu überirdisch.
Als Zugabe für die „Klatscharbeit“ des Publikums musizierten er und die Kammersinfonie Wolfgang Amadeus Mozarts zauberhaftes „Adagio“ KV 580A, eine Vorarbeit zum Klarinettenkonzert – auch, um nochmals das Mannheimer Bekehrungs-Erlebnis des späteren Wiener Meisterklassikers zu illustrieren. Eingerahmt wurden die solistischen Höhepunkte mit der Wiedergabe des Orchester-Quintetts Es-Dur von Josef Mysliveček (1734–1781), dem „Divino Boemo“, den auch Mozart schätzte. Und von einer temperamentvollen Interpretation der Suite für Streicher von Leos Janáček (1854-1928), wobei unter Wallinger am Dirigentenpult die kontrastreichen Charaktere der sechs Suitensätze mit feinem Gespür für unterschiedlichste Rhythmen und Farben exzellent herausgearbeitet wurden.
Eckehard Uhlig