11.12.18
Die volle Bandbreite ausgelotet
Die Süddeutsche Kammersinfonie Bietigheim präsentiert am zweiten Adventssonntag ein festliches Programm im Uhlandbau

Mit dem Konzert für Diskanthorn und Streicher von Johann Baptist Georg Neruda war wohl mit Bedacht ein fulminanter Einstieg gewählt worden, als die Süddeutsche Kammersinfonie Bietigheim am vergangenen Sonntag im Uhlandbau konzertierte.
Mühlacker. Der Solist des Werkes, der mehrfach ausgezeichnete Trompeter Wolfgang Bauer, verstand es, seinem Instrument einen energischen und doch weichen Klang zu entlocken, ja ihm fast schon eine Stimme zu verleihen, die in ihrem melodischen Fluss den Streichern um nichts nachstand und mit dem differenzierten Orchesterklang überzeugend harmonierte.
Einen reizvollen Kontrast im Programm der Reihe „Mühlacker Concerto“ bildete das Moderato aus der „Musica adventus“ des zeitgenössischen lettischen Komponisten Peteris Vasks. Der zarte Einsatz der Streicher wirkte geradezu schüchtern und zurückhaltend. Fließend und dynamisch illustrierte das Orchester auf dieser Basis eine ausgedehnte Entwicklung. Immer wieder schien sich vor den leisen Streicherklängen im Hintergrund eine organische Bewegung gleich einem leisen Protest zu erheben, der jedoch gleich wieder verebbte. Das fast schon perkussive Spielen mit dem Bogenholz rief dabei den Eindruck einer kalten und einsamen Winterlandschaft hervor. Erst in Verbindung mit Fragmenten des Weihnachtsliedes „Vom Himmel hoch, da komm ich her“, die sich zunehmend herauskristallisierten, entlud sich das Stück in einem vielschichtigen, eigentümlichen Höhepunkt.
Lebhafter wurde es wieder mit dem Trompetenkonzert Es-Dur von Joseph Haydn. In drei Sätzen bewies Wolfgang Bauer auch in diesem Stück sein hohes Niveau als Trompeter. Mal kraftvoll, fanfarenhaft oder musikalische Kapriolen schlagend, mal mit ruhiger Linienführung präsentierte er die volle Bandbreite an Ausdrucksmöglichkeiten des Instruments. Das Finale glich einem prächtigen Feuerwerk. Mit der Berceuse des russischen Komponisten und Trompeters Vassily Brandt verabschiedete der Solist sich und das Publikum in die Pause.
Im zweiten Teil folgte dann Ludwig van Beethovens 8. Sinfonie. Hier überzeugte das Orchester mit vollem Klang und stimmiger Dynamik – beste Voraussetzungen für eine gelungene Interpretation des heiteren, vielschichtigen Werks in vier Sätzen. Der Wechsel zwischen dramatischen Spannungsbögen und ruhigeren Passagen gelang fließend. Durch das dynamische, expressive Dirigat von Peter Wallinger erhielt das Orchester entscheidende rhythmische Impulse. Für den stürmischen Beifall bedankte sich das Ensemble mit einer kurzen Zugabe, ehe es das Publikum in den Abend entließ.
Sina Willimek
Episch, nordisch, kurios
Die Süddeutsche Kammersinfonie Bietigheim präsentiert im Kronenzentrum ihr Adventskonzert

Bietigheim-Bissingen. Für manches Ohr gehören Trompetenklänge zur Vorweihnachtszeit wie Lebkuchen und Spekulatius, Bratäpfel und Zimtsterne, Adventskranz und Kerzenlicht. Dass die Süddeutsche Kammersinfonie Bietigheim (SKB) zu ihrem diesjährigen Adventskonzert mit Wolfgang Bauer einen Virtuosen der Trompete eingeladen hat, fügt sich also ins jahreszeitliche Bild. Das Trompetenkonzert Es-Dur (Hob VIIe:1) von Joseph Haydn hat der langjährige Professor an der Musikhochschule Stuttgart bereits 2006 mit dem Württembergischen Kammerorchester Heilbronn aufgenommen, von souveräner Geläufigkeit zeugte auch seine Wiedergabe mit der SKB am Samstagabend. Der demonstrative Charakter der Musik kommt nicht von ungefähr: Anton Weidinger hat die drei Sätze 1796 in Auftrag gegeben, um die Möglichkeiten der von ihm erfundenen Klappentrompete aufzuzeigen; bis heute zählt das erste Konzert für dieses Instrument zum Standardrepertoire der Trompetenliteratur. Erweitert um Halb- und Ganztonschritte jenseits der Naturtonreihe, präsentiert sich die Trompete darin als vollwertiges Melodieinstrument, bis hin zu chromatischen Durchgängen im Allegro und fast streicherartigem Legato im kantablen Andante. Ohne oberflüssige Exaltation gestaltete Bauer diese technisch anspruchsvollen Passagen, was die plakativen Züge in Haydns Demo-Konzert wohltuenderweise moderierte.
Nun wäre dies kein Adventskonzert der SKB, hätte sich die Darbietung im Rahmen des Erwartbaren erschöpft. Ihr Dirigent Peter Wallinger ist ein Freund überraschender Kombinationen: Stets verbinden seine Programme sorgfältig ausgewählte Schlüssel und Gipfelwerke der Klassik mit weniger bekannten oder auch obskuren Stücken. Nicht allzu viel weiß man über den böhmischen Violinisten und Komponisten Johann Baptist Georg Neruda (1707 – 1780), das „Concerto per Corno Primo“ gilt als das heute populärste Werk des Dresdner Hofkapellmeisters. Im galanten Stil gehalten, fordert es einen Meister des Clarinspiels, müssen die hohen Lagen auf diesem Diskanthorn doch wie bei der Barocktrompete vollständig mittels der Ansatztechnik realisiert werden. Indes blieb Bauer diesbezüglich zu mindest bei der Aufführung im Kronensaal – das Konzert wurde tags darauf in Mühlacker wiederholt – unterhalb des Möglichen, wirkte sowohl hinsichtlich der Intonation als auch der Präzision seiner Einsätze gehemmt. Dies fiel umso mehr ins Gewicht , als die SKB seine Soloexpositionen, die tendenziell wie instrumentale Opernarien angelegt sind, unter Wallingers konziser Stabführung lebendig, transparent und klar konturiert einzubetten bemüht war.
So aber wurde das zwischen den beiden Konzerten platzierte Moderato aus Peteris Vasks’ „Musica adventus“, so auch der Titel des Adventskonzerts, zum heimlichen Höhepunkt des Abends: In höchster kammermusikalischer Konzentration und Sammlung durch die Streichergruppen, allen voran Konzertmeisterin Sachiko Kobayashi, exzellent realisiert, evozieren lang gehaltene Liegetöne in der 1996 vollendeten Bearbeitung des 3. Streichquartetts des lettischen Komponisten die Weite nordischer Landschaften, während im Pianissimo knackende Pizzicati und mit dem Bogenholz erzeugte Klänge vor diesem Horizont Bilder kristalliner Kälte aufziehen lassen, irgendwo zwischen Sibelius Pärt.
Im langen Schatten der Neunten steht von heute aus gesehen Beethovens 1814 uraufgeführte Sinfonie Nr. 8 in F-Dur, ihre vermeintliche Konventionalität, der Eindruck heiterer Lebensfreude, ist pure Fassade. Vielmehr wirkt der Umgang des ertaubenden Komponisten mit der Tradition hier vielfach gebrochen, nachgerade von bitterem, sardonischen Lachen erfüllt. Mal auf engstem Raum, mal mit ausgebreitetem Schwung schäfte Wallinger die enormen gestischen und dynamischen Kontraste der ausladenden Ecksätze wie des kuriosen „Allegretto scherzando“ und des parodistischem „Tempo di Menuetto“. Epische Sinfonik als kammermusikalisches Kondensat. Auch wenn an ein, zwei heiklen Anschlussstellen noch Luft nach oben bestand, eine höchst ansprechende, eindrucksvolle Vorstellung dieses gleichermaßen ambitionierten wie qualifizierten Kammerochesters.
Harry Schmidt