13.03.2017
Klarinettist Sebastian Manz im Mühlacker Uhlandbau

Mühlacker. Es war ein Abend mit „konzertantem Bühnenzauber“. Schon die Eröffnungsmusik löste das ambitionierte Programm-Motto im nahezu ausverkauften Mühlacker Uhlandbau ein. Denn die von Peter Wallinger geleitete „sueddeutsche kammersinfonie bietigheim“ präsentierte kein verzopftes Frühwerk von Joseph Haydn – sondern dessen sechste Sinfonie „Le matin“ (der Morgen) als charaktervolles, farbenfrohes Klanggemälde.
Zu Beginn seiner Kapellmeistertätigkeit auf Schloss Esterházy in Eisenstadt hatte Haydn ein kleines, aber feines Orchester vorgefunden, in dem exzellente Instrumentalsolisten saßen. Für sie hat er die Sinfonie geschrieben – also auch eine passende Komposition für Wallingers Kammersinfonie. Im Crescendo der kurzen Adagio-Einleitung malte das Ensemble einen prächtigen Sonnenaufgang, um dann in den Folgesätzen mit melodiegesättigten Soli von Violine, Kontrabass, Flöte und Fagott zu brillieren, die jeweils aus den Tutti-Gruppen hervortraten.
Mozart als Höhepunkt
Der Konzerthöhepunkt freilich war einem Großmeister vorbehalten – dem Klarinettisten Sebastian Manz, der den renommierten ARD-Wettbewerb mit einem ersten Preis gewonnen hatte und mehrfach von „ECHO-Klassik“ ausgezeichnet wurde. Entsprechend sensationell interpretierte der Solist – von der Kammersinfonie geradezu hingebungsvoll umrahmt und begleitet – Wolfgang Amadeus Mozarts Klarinetten-Konzert. Selten hörte man die Bassettklarinette so entspannt und frisch, in allen verschiedenartigen Registern ihres großen Klangumfangs mit so intensiv leuchtender Ausdruckskraft, mit solch spielerischer Beweglichkeit. Geradezu lebenslustige Musikfreude prägte die beiden „Allegro“-Ecksätze mit den munter servierten, in sonore Tiefen ab- und helle Höhen aufsteigenden Achtel-Skalen. Und die auf einem Atem getragenen Melodiebögen des berühmten „Adagio“-Mittelsatzes entfalteten einen sehnsüchtigen, oft hauchig zarten Sologesang von großartiger Klangschönheit.
Der jubelnde Applaus des Publikums wurde von Manz mit zwei der „Drei Stücke für Klarinette“ von Igor Strawinsky belohnt – auch eine sinnfällige Überleitung zum letzten Teil des Konzerts, der ein ganz anderes Klang-Tableau offerierte. Mit Strawinskys Orchestersuite „Pulcinella“ lieferten Wallinger und sein Orchester ein musikantisches Feuerwerk ab, das mit seinen bunten Pointen in der rasanten „Tarantella“ und komödiantischen Schleifern von Posaune und Bass im „Vivo“ ein heiteres Abbild der ränkereichen Commedia-dell’arte-Figur nachzeichnete.
Eckehard Uhlig
In der Mucki-Bude der Musik
Klarinettist Sebastian Manz spielt mit der „sueddeutschen kammersinfonie bietigheim“ unter Peter Wallinger am Freitagabend im Kronenzentrum

Wäre Sebastian Manz im medialen Showbiz tätig, könnte man ihm das Prädikat des Entertainers zusprechen. Denn was er auf der Bühne tut, ist für das Publikum in hohem Maß unterhaltend. Die Reduzierung auf Unterhaltungskunst würde dem Klarinettisten aber keinesfalls gerecht – Manz ist ein Meister auf seinem Instrument. Sein Auftreten am Freitagabend im Bietigheim-Bissinger Kronenzentrum wirkte nicht aufgesetzt, übertrieben schwülstig oder exaltiert. Stattdessen hatte es den Anschein, dass Manz seine ungehaltene Spielfreude kaum zügeln mochte. Sein Auftritt lebte, war nicht steif oder abgenudelt. Manz, Jahrgang 1986, wirkte noch unverbraucht. Und das tat gut.
Manz spielt perfekt
Im Zentrum des Abends stand das Klarinettenkonzert A-Dur von Wolfgang Amadeus Mozart. Manz‘ perfektes Spiel wurde schnell zur Selbstverständlichkeit, bereits im ersten Satz neigte man dazu, dem Klarinettisten Unfehlbarkeit zu attestieren. Die wunderschönen kantablen Melodien im Adagio wurden bei Manz und der „sueddeutschen kammersinfonie bietigheim“ zu einem Sinnbild für Behaglichkeit. Das Orchester gab dem Klang hier viel Raum und Fülle, beherbergte den Zuhörer in einer endlosen Weite. Verlieren konnte sich der Zuhörer darin vielleicht schon, blieb aber vom weichen Klang der Klarinette geführt. Mozart griff mit diesem Satz tief in die Sentimentalitäten-Kiste. Wo Kitsch lauert, erschufen Sebastian Manz und die „sueddeutsche kammersinfonie bietigheim“ Harmonie.
Klassische Verspieltheit
Mozart gab in seinem Klarinettenkonzert aber nicht nur einem Soft-Boy eine Plattform, sondern komponierte im dritten Satz eine Mucki-Bude der Klarinettenkunst. Im technisch anspruchsvollen Rondo kehrt mit flinken Läufen über einen großen Tonraum die klassische Verspieltheit zurück.
Je schwieriger es offenkundig wurde, desto mehr Spaß schien Sebastian Manz an seiner Arbeit zu haben. Er genoss seinen Auftritt. Frei wirkte das alles, auch weil er nicht an Noten klebte, sondern auswendig spielte. Deutlich erkennbar: Was so spontan und locker wirkte, war keineswegs Zufall. Manz gestaltete und phrasierte sehr bewusst.
Barocke Einflüsse als Verbindung
Gerahmt wurde das Klarinettenkonzert durch Joseph Haydns sechste Sinfonie in D-Dur mit dem Beinamen „Le Matin“ und der „Pulcinella“, einer Suite für Orchester von Igor Strawinsky. Barocke Einflüsse fungierten gewissermaßen als verbindendes Element: Haydns frühe Sinfonie weist durch fugenartige und konzertierende Elemente deutliche Bezüge zur barocken Praxis auf und Strawinskys „Pulcinella-Suite“ ist ein Remix von Triosonaten und Arien des barocken Komponisten Giovanni Battista Pergolesi. Polyrhythmik und Stimm-Einsätze an vermeintlich falschen Stellen bergen hier Herausforderungen für Orchestermusiker.
Die „sueddeutsche kammersinfonie bietigheim“ schien damit mehr ihre Freude zu haben. Komödiantisches blitzte am Freitagabend indes auch immer wieder auf. Gerade im Vivo der „Pulcinella-Suite“ interagierten Posaune und Kontrabass in einem grotesken Duett und auch bei der Zugabe – zwei kurzen Stücken für Klarinette solo von Igor Strawinsky – wurde es komisch. Man solle an einen Hirten denken, der zu seinen Schafen spielt. Anschließend solle man sich ein Spiel zwischen einem Kater und Vögeln vorstellen, erklärte Manz.
Sandra Bildmann
Die Leichtigkeit Mozarts als Solist verkörpert

Bietigheim-Bissingen. Einer der verlässlichsten Indikatoren für das Niveau eines Orchesters ist die Qualität der Solisten, die mit dem Ensemble auftreten. Bei der Sueddeutschen Kammersinfonie Bietigheim (SKB) war am Freitagabend im Bietigheimer Kronensaal Sebastian Manz zu Gast. Der Enkel des russischen Geigers Boris Goldstein gilt als einer der talentiertesten Interpreten seiner Generation und wurde bereits zweimal mit dem Echo ausgezeichnet.
In den drei Sätzen des Klarinettenkonzerts in A-Dur (KV 622), mit dem W.A. Mozart 1791 die Gattung mitbegründet hat und für dessen Interpretation Manz 2011 seine erste Klassik-Trophäe gewann, erfuhren die knapp 400 Besucher, warum dem so ist: ungeheuer mühelos und unbeschwert das Wechselspiel zwischen sprechend-narrativer Motivarbeit und gestisch-expressivem Passagenwerk im Kopfsatz, hauchzart die kantablen Koloraturen im populären Adagio, mit quirligem, aber nie überbordendem Witz das virtuose Rondo.
Der Leichtigkeit Mozarts begegnet man in der einnehmenden Persönlichkeit von Manz ganz unmittelbar. Das Vergnügen steht ihm ins Gesicht geschrieben. Brillant, was ihm spieltechnisch wie hinsichtlich der Differenzierung kleinster Nuancen seiner vielfältigen Ausdrucksmöglichkeiten zu Gebote steht. Brillant auch, was die SKB anbietet: Weit mehr als nur ein souverän geknüpftes Netz aufzuspannen leistet das vorzügliche Orchester. Vielmehr vereint Peter Wallinger Transparenz auf den Satz und Geschlossenheit des Ensembleklangs zu einem exakt austarierten, präzise getimten Organismus.
Bereits zuvor begeisterte die fast kammermusikalische Konzentration in J. Haydns Symphonie Nr. 6 in D-Dur, genannt „Le Matin“. Gelungen trotz kleinerer Unschärfen auch 1. Strawinskys Orchestersuite „Pulcinella“. Famos die Beweglichkeit der Streicher im eilenden Staccato der „Tarantella“. zirzenisch pulsierend der Dialog von Posaune und Kontrabass im jazzig humorvollen „Vivo“, zur Freude der Anwesenden als Zugabe wiederholt.
Harry Schmidt