15.01.2022
Neujahrskonzert begeistert mit „unglaublichem“ Solisten
Klarinettist Sebastian Manz bietet im Uhlandbau gemeinsam mit der Süddeutschen Kammersinfonie Bietigheim ein spannendes Programm.

Mühlacker. Als vor ziemlich genau 100 Jahren der Mühlacker Uhlandbau eingeweiht wurde, war über der Bühne der Schriftzug „Dennoch“ angebracht, der sich auf eine Vorgeschichte mit diversen Unwägbarkeiten bezog. Heute ist man in Mühlacker froh über das in Rekordzeit von nur neunundneunzig Tagen errichtete Gebäude, in dem seit vielen Jahren auch die Musiker der Süddeutschen Kammersinfonie Bietigheim mit ihrem Gründer und Leiter Peter Wallinger auftreten. Für das diesjährige Neujahrskonzert – das zweite unter Corona-Bedingungen – hatte er eben jenes „Dennoch“ als Motto ausgewählt.
Die Menschen sind nach zwei Jahren Pandemie ungeduldig und der unbequemen Einschränkungen müde geworden, viele sind auch verzweifelt, in ihrer beruflichen Existenz bedroht oder depressiv. Das trotzige „Dennoch! – Denn noch klingt die Musik“ wollte bewusst einen Kontrapunkt zur allgemeinen Stimmungslage setzen, mit einem an Überraschungen reichen, glänzenden und klug zusammengestellten Konzert, das vor knapp 100 Zuhörerinnen und Zuhörern gegeben und aufgezeichnet wurde. Ab Sonntag soll es über www.muehlacker-klassik.de/muehlacker-concerto oder www.sueddeutsche-kammersinfonie.de als Internet-Video einem größeren Publikum zugänglich gemacht werden.
Das Überraschungspotenzial der Veranstaltung lag weniger an den Akteuren als an dem außergewöhnlichen musikalisch-literarischen Programm, das sich mit mehreren Crossover-Feldern deutlich von den üblichen Mainstream-Klassikveranstaltungen abhob, spannte es doch einen weiten Bogen von der Klassik bis hin zu Tango Argentino, Jazz und Klezmer. Piazzolla, Gershwin, Klein oder Eisel sind nicht eben jene Komponistennamen, die man in Programmheften häufig vorfindet.
Der unangefochtene Star des Neujahrskonzerts 2022 war ohne jeden Zweifel der sensationelle Klarinettist Sebastian Manz. Er ist Preisträger zahlloser Wettbewerbe und wurde 2010, erst 24-jährig, Solo-Klarinettist des Radio-Sinfonieorchesters Stuttgart des SWR. Bei der Süddeutschen Kammersinfonie war Manz bereits viermal zu Gast und spielte als Solist – unvergesslich für viele Konzertbesucherinnen und Besucher – die bekannten Klarinettenkonzerte von Françaix, Weber und Mozart. Ebenfalls zum wiederholten Male dabei war der Berliner Schauspieler, Musiker, Regisseur und Sprecher Johann-Michael Schneider, der zwischen den Musikstücken sinnfällige Texte von Hilde Domin und Mascha Kaléko rezitierte. Die musikalischen Partner Sebastian Manz’ waren zehn Musikerinnen und Musiker der Kammersinfonie.
Zu Beginn spielten Manz und die begleitenden Streicher das „Café 1930“ des Argentiniers Astor Piazzolla nach einem eigenen Arrangement des Klarinettisten. Piazzolla hat vor rund 100 Jahren den Tango in die Klassik geholt und damit auch künstlerisch geadelt. Das „Café 1930“ ist ein schwermütiger Gesang im Puls des Tango Argentino. Manz und die Streicher zelebrierten das Stück sensibel, hochemotional und reich an dynamischen und rhythmischen Impulsen. Manz braucht in kleiner Besetzung keinen Dirigenten, sein Rhythmusempfinden und seine Körpersprache sind so suggestiv und sicher, dass ihm das kleine Orchester nur zu gerne folgt, auch beim swingenden musikalischen Spaß „Walking the Dog“ von George Gershwin, einem lustigen Jazz-Klassik-Crossover.
Viel ernster danach – mit dem Dirigenten Peter Wallinger – die Variationen über ein mährisches Volkslied des hochbegabten jüdischen Komponisten Gideon Klein. Er hatte das Werk 1944 in Theresienstadt geschrieben und wurde 1945 mit 26 Jahren im KZ Auschwitz-Fürstengrube ermordet. Musikalischen Seufzerfiguren und Trauergesten stehen mit selbstbewussten Streicher-Unisoni trotzige „Dennochs“ gegenüber. Musik, die man nicht ohne innere Anteilnahme hören kann. Webers Sätze „Fantasia“ und Menuetto aus dem Klarinettenkonzert op. 34 evozieren Bilder aus dessen Oper „Der Freischütz“. Die elegische Fantasia erinnert an den verzweifelten Max und das lustige Menuetto an die übermütige Agathe.
Wie kann man auf der Klarinette nur so leise schnelle Läufe spielen? Unglaublich!
Ebenfalls im Eigenarrangement folgte ein Klezmer-Medley, die „Israeli-Suite“ von Helmut Eisel, in dem das Soloinstrument nicht etwa nur spielt, sondern spricht, singt, schreit, jammert oder lacht. Die Klarinette gerät bei Manz zum Ausdrucksmedium jeglicher menschlicher Befindlichkeiten. Dazwischen fein ausgewählte Lyrik, gekonnt und im ganzen Bühnenraum verteilt rezitiert von Johann-Michael Schneider. Als Schlusspunkt eine Klezmer-Zugabe, ein wilder Ritt auf dem schwarzen Rohrblattinstrument und begeisterte Zuhörer im ehrwürdigen Uhlandbau. Trotz Corona gilt das Motto: Dennoch – denn noch klingt die Musik!
Autor: Dr. Dietmar Bastian
Musikalisch-poetisches Gesamtkunstwerk
Peter Wallingers Neujahrskonzert im Uhlandbau von Sonntag an im Internet zu sehen.

Mühlacker. Traditionelle Neujahrskonzerte schwelgen in Wiener Walzer-Seligkeit. Die von Peter Wallinger zusammen mit seiner sueddeutschen kammersinfonie bietigheim und dem Vortragskünstler Johann-Michael Schneider gestalteten Konzerte sind anders und ganz besonders. Das war auch dem bravourösen Auftritt des renommierten Klarinetten-Solisten Sebastian Manz zu danken. Mit ihm erlebten die wenigen zugelassenen Besucher im Mühlacker Uhlandbau trotz der coronabedingten Einschränkungen ein fantastisches Gesamtkunstwerk aus Musik und Poesie, wie es schöner nicht hätte sein können.
Eingangs erinnerte Sprecher Johann-Michael Schneider – dem hundertjährigen Jubiläum des Uhlandbaus geschuldet – an das Schicksal der in Nazi-Konzentrationslagern ermordeten jüdischen Fabrikanten-Familie Alfred Emrich, die das Konzerthaus gegen Widerstände wesentlich finanziert und gefördert hatte. In großen Lettern prangte 1921 zur Eröffnung ein „Dennoch“ über der Bühne. Ein Motto, das sich Wallingers Neujahrskonzert zu eigen machte und auch der Pandemie entgegenstellte: „Dennoch – denn noch klingt die Musik“.
Passend dazu interpretierte die Kammersinfonie unter Wallingers bewährter Leitung in der Mitte des einstündigen Konzerts das „Lento“ aus der „Partita für Streicher“ des in Theresienstadt von den Nazis internierten tschechisch-jüdischen Komponisten Gideon Klein, der mit 25 Jahren noch 1945 als KZ-Zwangsarbeiter ums Leben kam. Die Wiedergabe war getragen von der Schwere eines schwebenden Trauertons, der selbst die rhythmisch betonten, volksliedhaft rasanten Passagen prägte. Verdämmernd der Ausklang.
Auch die von Schneider schauspielerisch ausgestalteten und kunstvoll pointiert gesprochenen kurzen „Lieder der Ermunterung“ von Hilde Domin („Ich setzte den Fuß in die Luft“, „Wer es könnte“, „Nicht müde werden“) und die Gedichte „New Yorker Sonntagskantate“ sowie „Wo sich berühren Raum und Zeit“ der Lyrikerin Mascha Kaléko zeigten einmal mehr, wie viel unsere Kunst jüdischen Menschen zu verdanken hat. Damit wurde die hoffnungsfrohe, ja fröhliche Seite des Abends aufgeschlagen. Und die hatte vor allem mit dem virtuos auftrumpfenden Klarinettensolisten Sebastian Manz zu tun.
Mitreißendes Tango-Feuer
Sein Arrangement von Astor Piazzollas „L’Histoire du Tango“ aus „Café 1930“ changierte zwischen sehnsuchtsvollen, teils hauchzart wiedergegebenen Melodien im Sound einer Filmmusik, und mitreißendem Tango-Feuer, zu dem auch Wallingers Kammerstreicher einen gehörigen Teil beitrugen. George Gershwins „Promenade – Walking The Dogs“ setzte mit manieriert-schrägen Schleifern, Klarinetten-Juchzern, Jubeltönen und lautmalerischen „Hunde-Wuffs“ lustige Akzente. Mit „Fantasia“ und dem Menuetto aus Carl Maria von Webers Klarinetten-Quintett op. 34 kam die Klassik zu Wort und trug mit Bläser-Klangwellen, Seufzern, orgiastischen Läufen und plötzlichen Ausbrüchen zur aufgelockerten Atmosphäre bei.
Alles in den Schatten stellte der fulminante Abschluss. Der Super-Klarinettist und das stilecht begleitende Streicher-Ensemble inszenierten mit Helmut Eisels „Israeli-Suite“ ein Klezmer-Medley der Extraklasse: Unerhört flott wurden wirbelnde Triller-Girlanden entfaltet, lang und kraftvoll ausgezogen erklangen glissandierende Bögen. Näselnde Schlenker und wie Raketen explodierende Spitzentöne lösten immer wieder rauschende Skalen-Anläufe aus, die sich zu Forte-Klangorgien steigerten. Manz war in seinem Element und tanzte auch körperlich mit. Das Publikum jubelte.
Die Video-Aufzeichnung ist ab diesem Sonntagabend, 16. Januar, kostenfrei im Internet zu sehen: www.muehlacker-klassik.de/muehlacker-concerto
Autor: Eckehard Uhlig