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15.05.2023

Minutenlanger Applaus für Geigenvirtuosen

Mit Tjeerd Top aus Holland gestaltet die Süddeutsche Kammersinfonie ein Konzertbonbon in Bietigheim.

Solist Tjeerd Top beim Konzert im Kronenzentrum. Foto: /Oliver Bürkle

Aus der Fülle von Literatur für Geige solo mit Orchester stellte die Süddeutsche Kammersinfonie Bietigheim eine eigene „Symphonie“ in drei Teilen zusammen und gestaltete ein charmantes Frühlingskonzert am Samstagabend im Kronenzentrum.

Beethovens selten gehörtes Violinkonzert in C-Dur stellt die Geige als selbstbewusste Energieträgerin vor. Die F-Dur-Romanze Beethovens zeigt ihr sinnliches, schwärmerisches Wesen. Die Polonaise in B-Dur von Franz Schubert entwirft das Bild einer Tänzerin von ihr. Der Geiger des Abends Tjeerd Top küsst all diese Seiten bei der hölzernen Lady wach. Beethoven hat für sie sogar eine eigene Gattung kreiert, die Romanze.

Tjeerd Top als Konzertmeister des Amsterdamer Concertgebouw kommt strahlend auf die Bühne und wird mit warmem Applaus willkommen geheißen. In Holland hat er einen großen Namen, in Bietigheim lernen ihn Kenner und Liebhaber klassischer Musik gerade erst kennen. Der Geiger mit dem Schmunzeln im Gesicht geht in einen lebendigen Dialog mit dem Bietigheimer Orchester. Das Ensemble besteht aus klangstarken Charakteren in jeder Stimme. Deshalb hat die Besetzung auch einen Stab von Fans, die kaum eines der Konzerte im Bietigheimer Kronensaal ausfallen lassen.

Besonders nach der Pandemie wird das Angebot des Bietigheimer Streicherensembles dankbar angenommen. Jedem dieser Konzerte der Süddeutschen Kammersinfonie schickt Flötistin Christiane Dollinger eine kleine Einführung voraus, diesmal flimmert diese über die Leinwand. Sie ist mit ihrer Begabtenklasse der Musikschule bei einem Probenwochenende.

Programme von der Stange gibt es bei der Bietigheimer Kammersinfonie nicht, sondern „einzigartige Designerstücke“ wie das seltene Fragment eines C-Dur- Violinkonzerts von Beethoven. Drei Werke für Violine solo sorgen dafür, dass sich im ersten Teil der Geigenhimmel öffnet und die Zuhörer den holländischen Virtuosen in jeder Facette kennenlernen. Er wird gefeiert mit minutenlangem Applaus.

Programme von der Stange gibt es bei der Bietigheimer Kammersinfonie nicht, sondern „einzigartige Designerstücke“ wie das seltene Fragment eines C-Dur- Violinkonzerts von Beethoven. Drei Werke für Violine solo sorgen dafür, dass sich im ersten Teil der Geigenhimmel öffnet und die Zuhörer den holländischen Virtuosen in jeder Facette kennenlernen. Er wird gefeiert mit minutenlangem Applaus.

Im zweiten Teil nimmt Tjeerd Top als Konzertmeister bei den ersten Geigen Platz. Das Orchester setzt den „Weinbergzyklus“ fort, den es 2022 schon gestartet hat. Es geht dem Leiter und Gründer der Süddeutschen Kammersinfonie, Peter Wallinger, darum, dass der erst 1996 gestorbene sowjetische Komponist polnischer Herkunft Mieczysław Weinberg nicht in Vergessenheit gerät. Mit der Aufführung seiner Werke soll er nach seinem Tod ins Licht der Öffentlichkeit gestellt werden.

In seinem Werk reizt Weinberg Extreme aus, und stellt lange homogene Passagen direkt neben Kampfesszenen im zweiten Satz. Auch in der Dynamik geht der 1919 geborene Komponist extreme Wege und kreiert viele leise Passagen, die an der Hörgrenze liegen im sich auflösenden tonalen System. Weinberg ist kein Schönberg. Er lässt Dissonanzen pointiert einfließen und erspart seinem Publikum bewusst schrille Schräglagen.

Am Ende tobt minutenlang der Applaus, und das Kammerorchester zaubert noch einmal die Polonaise von Schubert heraus. Einfach deshalb, weil man selten die Geige als Solistin in einem tänzerischen Satz, einer Polonaise hört.  

Autorin: Susanne Yvette Walter

Vom Gedanken hin zum Gefühl

Die Süddeutsche Kammersinfonie Bietigheim und Tjeerd Top im Kronenzentrum

BIETIGHEIM-BBISSINGEN. Traditio­nell feiert das Frühjahrskonzert der Süddeutschen Kammersinfonie Bietigheim (SKB) im Kro­nenzentrum seine Premiere, anderntags wird das Programm im Uhlandbau in Mühlacker wiederholt und aufgezeichnet. Wie bereits 2022 wird das Konzert komplett von Simon Wallinger dirigiert, diesmal allerdings vor allem, weil sein Vater Peter Wallinger, der die SKB 1984 gegründet hat, durch die nahezu zeitgleich stattfindenden Schulkonzerte gebunden war.

Tjeerd Top ist für Freunde der SKB kein Unbekannter, bereits mehrfach hat der erste Konzert­meister des Königlichen Con­certgebouw Orchester Amsterdam mit dem renommierten Klangkörper zusammengearbeitet. Genau genommen hat er den Anstoß zu diesem Programm gegeben, indem er vor zwei Jahren Mieczyslaw Weinbergs „Concer­tino für Violine und Streichorchester“ (Op. 42) einbrachte. Daraus ist der Plan entstanden, alle vier Kammersinfonien des polnischen Komponisten und Schos­takowitsch-Weggefährten aufzu­führen. Den Auftakt des Weinberg-Zyklus bildete nun die Kammersinfonie Nr. 3 (Op. 151) von 1991, deren vier Sätze nach der Pause zu Gehör kamen.

Angeregt durch deren in Teilen spätromantische Klangsprache hat Simon Wallinger für die erste Hälfte eine Art Gegenpol konzipiert, der den Beginn der Romantik in den Fokus rückt. Trotz seines ungeklärten Entstehungs­zusammenhangs ist das Frag­ment gebliebene „Violinkonzert C-Dur“ (WoO 5) von Ludwig van Beethoven, vermutlich zwischen 1790 und 1792 entstanden, alles andere als eine Fingerübung: In seiner dramatischen, von vielen Generalpausen zerklüfteten Entwicklung, den Dialogen mit dem Orchester, insbesondere mit den Bläsern, ist bereits der komplette Beethoven voll ausgeprägt erkennbar. Top spielt die Vervollständigung der 259 überlieferten Takte durch Josef Hellmesberger (1879) auf einer Stradivari von 1713, virtuos und inspiriert in einem ungemein schlanken, honigtaufarben singend hellen Instrumentalklang.

Wallinger sucht nicht die große Geste, ist eher ein Mann kleinteiliger Präzision und bettet Tops Kantilenen behutsam wie eine Singstimme, wobei er dem Ensembleklang der SKB eine geradezu sinfonische Tiefe entlockt. Als langsamer „Mittelsatz“ folgt Beethovens „Romanze F­ Dur“ (Op.50) – klar, dass eine solche trotz aller gebotenen zärtlichen Poesie bei Beethoven nicht ohne Pathos abgeht. In Sachen emotionaler Affirmation und Ge­mütsbewegung steht der Titan der Wiener Klassik hier mit einem Bein eben schon in der Ro­mantik, die – aus Gedanken wer­ den Gefühle – mit Franz Schuberts „Polonaise B-Dur“ (D 580) dann schon fast erreicht ist. Für den Beifall bedankt sich Top mit einem Wiegenlied der Red Hot Chili Peppers, „Porcelain“ ver­blüfft durch mit der Griffhand ausgeführte Pizzicati.

Für Weinbergs dritte Kammer­sinfonie teilt Top sich das erste Pult der ersten Geigen mit Swantje Asche-Tauscher, Wallin­gers Interpretation dieser wundervoll introvertierten, wie durch das 20. Jahrhundert hindurchgegangenen Musik ist höchst aufmerksam gegenüber ihrer Fragilität, auf der sprich­wörtlichen Stuhlkante musiziert das expressive Allegro molto. Bravos für Wallinger, Top und die SKB im leider nur mäßig besuch­ten Kronensaal. Diesem vorzüglichen Konzert wären weit mehr als die anwesenden 120  Besucher zu wünschen gewesen.­

Autor: Harry Schmidt