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16.01.17

Kammersinfonie Bietigheim gibt ein Gastspiel

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Das Neujahrskonzert steht 2017 unter dem Motto „Europa“.

Murr. Stille breitet sich im Bürgersaal des Bürger- und Rathauses Murr aus, kurz bevor die Süddeutsche Kammersinfonie Bietigheim den Auftakt anstimmt. Zum mittlerweile 20. Mal leitet das Orchester unter der Leitung von Peter Wallinger das neue Jahr ein.

Unter dem diesjährigen Motto “Europäischer Frühling“ erklangen Musikstücke aus vier Himmelrichtungen Europas: Finnland verkörpert den Norden, Italien den Süden, England den Westen und Ungarn den Osten. Die Musikstücke stammen von den vier Komponisten Béla Bartók, Ottorino Respighi, Pehr Henrik Nordgren und Benjamin Britten. Diese Künstler sind tief mit ihrem jeweiligen Land und dessen Tradition verwurzelt.

Sprachlich begleitet wurde das Konzert von dem in Berlin wohnenden Johann-Michael Schneider. Der Schauspieler, Theatermusiker und Regisseur studierte Germanistik, Philosophie und Musik und hegt große Leidenschaft für das Zusammenspiel von Musik und Schauspiel. Er stimmte das Konzert mit den Worten „der Europäische Frühling ist die Hoffnung und die Gewissheit, dass obwohl Europa im Winter liegt, der Frühling wieder kommt“, an. Zur jeweiligen Himmelsrichtung trug er passende Textauszüge aus Romanen auf humorvolle und unterhaltsame Weise vor. Kennengelernt haben sich Peter Wallinger und Johann-Michael Schneider über Kontakte aus dem Orchester.

Die Inspiration für das diesjährige Motto war die Aktualität. „Das ist ein sehr großes Thema“ erzählt Peter Wallinger, „und mit diesem Konzert wollen wir die positive Seite Europas aufzeigen.“ Das enorm große wissenschaftlich und philosophische Potenzial und diese kulturelle Vielfalt seien einmalig, bemerkt er. „Europa ist nicht kleinzukriegen, trotz der vielen negativen Schlagzeilen zurzeit. Ich bin da optimistisch.“

Peter Wallinger gründete und leitet die Süddeutsche Kammersinfonie Bietigheim seit 1984. Für die Neujahrskonzerte in Murr sucht er immer wieder nach Inspirationen und setzt originelle Akzente. Themen aus vergangen Neujahrskonzerten waren etwa Dantes „Göttliche Komödie“, die Fabeln von La Fontaine und das finnische Nationalepos „Kalevala“ von Elias Lönnrot. „Dieses Jahr war die Musik eher folkloristisch und tänzerisch geprägt. Die Spielmannsmusik spiegelt am besten das typische der Region und den Optimismus unseres Mottos wieder“. Mit dem 2008 verstorbenen Komponisten Pehr Henrik Nordgren, der das Land Finnland repräsentiert, hatte Peter Wallinger vor dessen Tod sogar persönlich Kontakt.

Der Orchesterleiter freut sich darüber, wie gut besucht das Neujahrskonzert in Murr jedes Jahr ist. Es werde auch nächstes Jahr wieder stattfinden. „Der Termin steht schon fest“, erzählt er.

Anne-Sophie Michaelis

330 Küsse tauen Europa auf

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Süddeutsche Kammersinfonie Bietigheim gastiert mit originellem Programm in Murr

Musik aus allen Himmelsrichtungen Europas präsentierte die Süddeutsche Kammersinfonie Bietigheim beim Neujahrskonzert. Foto: Benjamin Stollenberg

Murr. „Obwohl Europa jetzt im Winter liegt – vielleicht auch im übertragenen Sinne – , verbinden wir mit dem Titel unseres Konzerts die Hoffnung und Gewissheit, dass auch wieder ein Frühling kommt“, so begrüßte Johann-Michael Schneider die knapp 200 Besucher zum Neujahrskonzert der Süddeutschen Kammersinfonie Bietigheim (SKB) im Bürgersaal des Murrer Rathauses. Unter dem Motto „Europäischer Frühling“ hatte Peter Wallinger ein hochoriginelles rund 80-minütiges Programm zusammengestellt. Das verschränkte Musik des 20.Jahrhunderts von vier europäischen Komponisten aus allen vier Himmelsrichtungen kunstvoll mit kurzen Texten jeweiliger Landsleute. Die Texte wurden von Schneider zwar nicht frei, dafür aber sehr lebhaft vorgetragen.

Mit Elias Canettis leicht spöttischer Beschreibung der Rezeptionshaltung klassischer Konzertbesucher („Die Menschen sitzen regungslos da , als brächten sie es fertig, nichts zu hören“) und der daraus folgenden Beschreibung des Beifallklatschens als Tauschhandel („ein chaotischer, kurzer Lärm für einen wohlorganisierten, langen“) war ein launiger Tonfall etabliert. Schwungvoll, vielleicht zu schwungvoll steigt Wallinger in das „Boisterous Bourrée“, den ersten Satz der „Simple Symphony“ (op.4) ein – in hohem Bogen fliegt der Taktstock durch die Luft. Der Dirigent eilt schmunzelnd hinterher.

Zwischen drei Sätzen aus Benjamin Brittens ursprünglich für Schulorchester geschriebenes Werk rezitierte Schneider kurze Reflexionen von Wystan Hugh Auden, der für Britten auch als Librettist tätig war, über die Natur des Geheimnisvollen und die Beschaffenheit der Liebe.

Stricher glänzen durch dynamische Finesse

Die 17 Streicher der SKB glänzten durch geschmeidigen Ensembleklang und dynamische Finesse: Wundervoll ihr Dialog von Violinen, Bratschen, Celli und Kontrabässen im „playful Pizzicato“, das – nomen est omen – ausschließlich aus gezupften Tönen besteht. Scharf konturiert Konzertmeisterin Sachiko Kobayashi die Kantilene des „Frolicsome Finale“, bevor die Bewegung des Themas wie ein Wogen durch das Halbrund der Musiker läuft.

Von Westen aus geht’s gen Norden: Ausgesprochener Klangwitz prägt das Orchesterwerk „Pelimannimuotokuvia“ (op. 26; auf Deutsch: Bilder der Spielleute) des finnischen Komponisten Pehr Henrik Nordgren, formidabel umgesetzt durch die Musikerinnen und Musiker der SKB. Ihr astraler Streicherklang in „Tuumiskelija“ (übersetzt: Der Grübler) trifft einen tief im Innersten.

So berührend wie der Auszug aus Elio Vittorinis „Gespräche in Sizilien“ geraten auch die „Arie di corte“ aus der III. Suite Ottorino Respighis „Antiche Danze ed Arie“.

Zum Abschluss des Konzerts geht es aus dem südlichen Italien in den Osten: Expressiv und poetisch, mit rustikalem Strich gezeichnet, die „Rumänischen Volkstänze“, die Béla Bartók 1905 in Siebenbürgen mithilfe eines Phonographen dokumentiert hat. 330 Küsse im Tunnel – als Rückerstattung für die 330 türkischen Lehnwörter im Ungarischen – krönen die Geschichte aus Dezsö Kostolányis „Ein Held seiner Zeit“.

Einziger Wermutstropfen: Die vorzügliche Vorstellung des hervorragenden, in diesem Fall tendenziell kammermusikalisch disponierten Orchesters endete ohne Zugabe.

Harry Schmidt