17.01.2011
Ein Feuerwerk nach Noten
Auf eine musikalische Reise nach Venedig und Prag nahm die Süddeutsche Kammersinfonie Bietigheim die Besucher ihrer Neujahrskonzerte im Murrer Bürgersaal und in der Bietigheimer Kelter mit. Unter der Leitung von Peter Wallinger musizierte das Orchester in fülliger und hell leuchtender Klangpracht.
Der Leiter des Kulturamtes von Murr, Matthias Bader, begrüßte am Samstagabend die Besucher, deren Zahl sich auch in diesem Jahr erfreulicherweise weiter erhöht hat, mit Glückwünschen zum neuen Jahr und verband diese mit nachdenklichen Worten. Außerdem versprach er ein Programm, in welchem musikalische Funken versprüht würden.
Das bewahrheitete sich schon mit den ersten Takten eines Concertos in G-Dur, Opus 51, Nummer vier, von Antonio Vivaldi, das den Zusatz „alle rustica“ trägt. Die drei Sätze des Werkes gestaltete die Süddeutsche Kammersinfonie voller Schwung in wohl dosierten Tempi. Zugleich bestach das Orchester unter Peter Wallingers Leitung einmal mehr mit seinem erlesenen Streicherklang. Auch zwei Sätze der Streichersonate Nummer zwei in A-Dur, einem genialen Jugendwerk von Gioacchino Rossini, und schließlich das Konzertstück für Streicher mit dem Titel „Chrysanthemen“ von Giacomo Puccini wurden als musikalische Kostbarkeiten gestaltet.
Den Programmteil „Venedig“ bereicherte Daniel Koschitzki als exzellenter Virtuose auf der Sopranblockflöte. Dieser junge Könner interpretierte ein Concertino in F-Dur von Giuseppe Sammartini, einem jüngeren Zeitgenossen Vivaldis, mit virtuoser Bravour. Die kompliziertesten, geradezu verwegen angelegten schnellen Passagen dieses Werks und erst recht die des Concertos in C-Dur für Pikkoloflöte und Streicher von Vivaldi führte Daniel Koschitzki in rasantem Tempo und in unvergleichlich präziser Intonation, dazu überaus nuanciert im Ausdruck aus. Er musizierte förmlich mit dem ganzen Körper, und zuweilen schien es, als wolle er sein Spiel noch mit tänzerisch anmutenden Bewegungen ergänzen. Für den frenetischen Beifall nach dem Vivaldi-Concerto bedankte sich Daniel Koschitzki noch mit einer brillant dargebotenen Zugabe.
In ähnlicher Weise waren auch die Besucher des Neujahrskonzerts am Sonntagnachmittag in Bietigheim-Bissingen von diesem temperamentvollen und energiegeladenen Feuerwerk nach Noten begeistert.
Im zweiten Programmteil waren Kompositionen der tschechischen Komponisten Josef Mysliveček, der im 18. Jahrhundert lebte, sowie von Antonin Dvorák und Leoš Janáček zu hören. Ein Quintetto in Es-Dur von Mysliveček ließ die Süddeutsche Kammersinfonie Bietigheim unter der Leitung von Peter Wallinger sehr elegant und in der Melodik feinstimmig erklingen. Der Komponist lebte hauptsächlich in Italien, weshalb seine Kompositionen vom dortigen farbenreichen Stil geprägt sind. Zwei Walzer aus Opus 54 von Antonin Dvorák erlebten schwebend leichte und delikate Wiedergaben, und auch drei Sätze des Zyklus „Idylle“ von Leoš Janáček waren in der Ausführung durch das in zart schimmernden Klangfarben musizierende Streichorchester ein Genuss. Nach anhaltendem, freudigem Schlussapplaus spielte die Süddeutsche Kammersinfonie Bietigheim noch eine kurze Zugabe.
Rudolf Wesner
Munter zwitschert die Blockflöte
Kein aufwendiges Ritual, wie es sonst bei solchen Gelegenheiten gern zelebriert wird. Stattdessen fröhliche Leichtigkeit. Passend zum Vorfrühlings-Sonnenschein und zum lichtdurchfluteten Ambiente bereitete das Neujahrskonzert in Ötisheim eine helle Freude. Das lag vor allem an flink zwitschernden Töne-Kaskaden, zart ausgezogenen Klangbögen und virtuos sprühenden Cluster-Girlanden. Damit verzauberte Blockflötist Daniel Koschitzki die Zuhörer in der bis auf den letzten Winkel besetzten, erst kürzlich restaurierten und zum Konzertsaal umfunktionierten Historischen Kelter. Der alle Erwartungen übertreffende Erfolg war natürlich auch ein Verdienst der von Peter Wallinger geleiteten „sueddeutschen kammersinfonie bietigheim“, die dem Bläsersolisten einfühlsame Streicher-Grundierungen und mancherlei musikantische Impulse offerierte.

In zwei Konzertstücken demonstrierte der preisgekrönte und von der Bundesregierung zum „Kultur- und Kreativpiloten Deutschlands“ berufene Blockflöten-Virtuose seine glanzvolle Kunstfertigkeit. Das mit furioser Rasanz musizierte Allegro aus einem F-Dur-Concerto für Sopranblockflöte und Orchester des in Mailand geborenen und in London bei Händels Oratorienaufführungen mitwirkenden Oboisten Giuseppe Sammartini war eine Wucht: Glitzernde Trillerketten, hüpfende Arpeggien und brillant ausgeformte Akzente bestimmten die Komposition.
Frappierend Koschitzkis schwebende Behändigkeit bei lupenreiner Intonation – blockflötenübliche Unsauberkeiten Fehlanzeige! Dasselbe Bild bei noch gesteigerter Virtuosität mit der kleinsten aller Blockflöten zeigte sich in Antonio Vivaldis dreisätzigem Concerto C-Dur für Sopranino und Streichorchester (RV 443). In spieltechnisch unglaubliche Höhen aufsteigende, atemberaubend endlose Tempoläufe zeichneten das orchestral abgefederte Einleitungs-Allegro aus. Largo-Schönheiten mit weichen Melodiebögen über kraftvollem Streichersound lösten im zweiten Satz Sehnsuchts-Stimmungen aus, wie man sie dem Flöten- und Hirtengott Pan zuschreibt. Nicht nur hier reagierte die zerbrechliche Miniaturblockföte empfindsam noch auf die feinsten Atemschübe. Schlackenfrei klar und temperamentvoll das abschließende Allegro molto, das der fulminanten Interpretation die Krone aufsetzte. Publikumsjubel und Bravorufe sowie eine Zugabe (Allegro molto für Blockflöte solo von Benoit Tranquille Berbignies) waren die Folge.
Das von Wallinger ausgelassen zupackend dirigierte, munter aufspielende Streicherensemble punktete freilich auch ohne Solisten. Mit barocker Klangpracht in Vivaldis Concerto G-Dur „Alla Rustica“ (op.51, Nr.4), heiter mit einer A-Dur-Streichersonate von Rossini oder romantisch schwelgend mit Puccinis Bravourstück „Chrysanthemen“ für Streicher. Überhaupt lebte das bunte, von Edgar Wipf kompetent moderierte und unter den Titel „Venedig-Prag“ gestellte Nummernprogramm vom atmosphärischen Kontrast der historischen Aufführungsorte und Epochen. Die böhmische Musik war mit Walzern von Dvorák, einer selten zu hörenden Streicher-„Idylle“ von Leos Janácek und einem arios galanten, für Orchester gefassten Quintetto in Es-Dur von Josef Myslivecek vertreten. Walzer-Takt und der süße Schmelzklang der Geigen werden als Nachhall bleiben. Aber das gehört zu einem richtigen Neujahrskonzert einfach dazu.
Eckehard Uhlig