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17.03.2021

Mysteriöses trifft Populäres

Die dritte Videoproduktion der Süddeutschen Kammersinfonie Bietigheim

Solist Tjeerd Top Foto: Theresa Mammel

Bietigheim-Bissingen. Nachdemschon das Advents- und Neujahrskonzert pandemiebedingt ausschließlich im Internet verfolgt werden konnten, legt Peter Wallinger mit dem Frühjahrskonzert bereits die dritte Videoproduktion seiner 1984 gegründeten Süddeutschen Kammersinfonie Bietigheim (SKB) vor. Aufgezeichnet am 12. März in der historischen Kelter Bietigheim, führt der Programmbogen vom Barock bis in die Neuzeit.

Wenig ist bekannt über Vivaldis Violinkonzert in e-Moll (RV 278): Zu Lebzeiten unveröffentlicht, steht es auch heute noch im Schatten seiner populäreren Werke. Zu Unrecht, wie Wallinger mit der SKB und dem niederländischen Solisten Tjeerd Top hier aufzeigt: Wann hat man je einen kontrastreicheren Kopfsatz gehört als dieses Allegro molto? Und wann ein mysteriöseres Largo?

Vieles ist ungewöhnlich an diesem Konzert: Obwohl es dem Solisten einiges an Virtuosität abverlangt, gibt es ihm nie Gelegenheit, im Sinne einer echten Klimax zu triumphieren. Stattdessen schleichen sich immer wieder leise Dissonanzen ein. Wie stenografische Kürzel wirken die Kantilenen des abschließenden Allegro. Fulminant, wie Top, Konzertmeister beim Amsterdamer Concertgebouw-Orchester, dieses Enigma von einem Violinkonzert mit seiner Stradivari von 1713 gestaltet.

Ungemein populär dagegen: Samuel Barbers „Adagio for Strings“ (aus Op. 11). Wallinger nutzt die Gelegenheit, die Intonationsqualitäten seines Ensembles in Reinkultur zu entfalten.

In Mierczyslaw Weinbergs Concertino für Violine und Orchester (Op. 42) brilliert wiederum Top als Solist: In seiner Anlage bewusst einfach gehalten, geht es hier vor allem darum, auf dem schmalen Grat der Klangschönheit zu wandeln, ohne in den Abgrund des Banalen abzugleiten, eine Herausforderung, die jenseits spieltechnischer Anforderungen liegt und von Top bravourös gemeistert wird.

Den folkloristischen Gestus des 1948 entstandenen Concertinos des in die Sowjetunion geflohenen Polen und Schostakowitsch-Vertrauten, ebenso jüdischer Herkunft wie Barber, nimmt Wallinger mit Antonin Dvořáks Walzer in A-Dur (Op.54, Nr. 1) auf, wendet damit aber die Stimmung vom Melancholischen ins Versöhnliche.

Indem Wallinger Stücke wie Sätze behandelt und in einem System strukturaler Ähnlichkeiten und Gegensätze über mehrere Achsen aufeinander bezieht, entsteht ein Programm, dessen Binnenstruktur einem Konzert im Sinn des musikalischen Formbegriffs gleicht.

Autor: HARRY SCHMIDT  

Elegie mit leichter Frühlingsbrise

Facettenreiches Online-Konzert der Süddeutschen Kammersinfonie          
Violin-Solist Tjeerd Top spielt virtuos auf kostbarer Stradivari.

Peter Wallinger dirigiert die Süddeutsche Kammersinfonie Bietigheim souverän und mit großem Einfühlungsvermögen.  Foto: Mammel 
Bravouröse Technik: Tjeerd Top, Konzertmeister des Concertgebouw Orchesters Amsterdam. Foto: Mammel

Mühlacker. Elegie, Melancholie, Trauer – sind das die richtigen Ingredienzien für ein Frühjahrskonzert? Aber ja, wenn sie mit optimistischen Anklängen angereichert sind. Die Süddeutsche Kammersinfonie Bietigheim unter Leitung von Peter Wallinger hatte für ihr drittes kostenloses Online-Konzert mit dem Violin-Solisten Tjeerd Top ein facettenreiches Programm zusammengestellt und zwei selten gespielte Werke mit zwei bekannten Kompositionen kombiniert. Musikwissenschaftlerin Christina Dollinger führte kenntnisreich in das ungewöhnliche Programm ein.

Antonio Vivaldi (1678-1741) schrieb in Prag 1730/1731 sechs sehr unterschiedliche Werke, zu denen das selten gespielte Violinkonzert e-Moll RV 278 gehört. Die Freude des Komponisten an den Möglichkeiten seines Instrumentes zeigt sich in Bravour-Techniken wie Doppelsaitengriffen, Akkordübergängen in den höchsten Registern und rasanten Tempi.

Im düsteren Largo verwandelt sich die mit melodiös-tänzerischen Teilen wechselnde elegische Stimmung des ersten Satzes in tiefe, sehr intim anmutende Melancholie. Der Satz überrascht mit ungewohnter, fast experimentell wirkender Harmonik. Der Finalsatz ist geprägt vom reizvollen Zwiegespräch zwischen Theorbe (Barocklaute, gespielt von Thomas Boysen) und Solovioline sowie leidenschaftlich ausbrechenden Phrasen.

Tjeerd Top, Konzertmeister des Concertgebouw Orchesters Amsterdam, spielte virtuos und präzise auf einer Stradivari aus dem Jahr 1713 mit einem wunderbar warmen und voluminösen, gleichzeitig aber auch transparenten Klang. Die Süddeutsche Kammersinfonie Bietigheim unter dem angenehm zurückhaltenden Dirigat Wallingers agierte als souveräner und flexibler Partner.

Der Amerikaner Samuel Barber (1910-1981) ist durch eine einzige Komposition bekanntgeworden: das Adagio für Streicher op. 11, ein Arrangement aus einem Streichquartett. Es gilt als die Trauermusik schlechthin und wurde bei Beerdigungen von Prominenten (US-Präsident Roosevelt, Gracia Patricia und Rainier II. von Monaco, Albert Einstein) gespielt, im Gedenken an die Anschläge auf New York 2001 aufgeführt und wiederholt als Filmmusik verwendet.

Seine Eindrücklichkeit entsteht durch die unaufgeregte Wiederholung eines sich nach oben schraubenden Dreitakt-Motivs, das durch alle Stimmen hindurch variiert wird und in einer offenen Phrase endet.

Der polnische Jude Miezcysław Weinberg überlebte als einziger seiner Familie den NS-Terror und konnte nach Moskau fliehen. In seinem Concertino op. 42 verarbeitet er wehmütig-schöne Erinnerungen, die überschattet sind von Kriegserlebnissen.

Obwohl tonal angelegt, lebt die Komposition von reizvollen, gleitenden Modulationen, einer um die zentralen Tonarten schweifenden Musiksprache. Das Orchester ist dem immer wieder virtuos geforderten Solisten zunächst untergeordnet und erhält erst im schwirrenden Mittelteil des Finalsatzes thematische Eigenständigkeit.

Als Abschluss erklang der Walzer A-Dur op. 54/1 von Antonin Dvořák in der Bearbeitung für Streicher. Das wehmütig-verhaltene Stück mit seinen lautmalerischen Crescendo-Wellen ist jenseits aller Walzerseligkeit eine Reminiszenz des tschechischen Komponisten an die Donaustadt Wien.

Ein großes Dankeschön an das Orchester für dieses Online-Konzert auf hohem Niveau, das weiterhin auf www.muehlacker-klassik.de/muehlacker-concerto  abrufbar ist.

Autorin: Uta Volz

KONGENIALE PARTNER

Das Frühjahrskonzert der Süddeutschen Kammersinfonie Bietigheim erfreut Musikfans im Internet.

Die Süddeutsche Kammersinfonie Bietigheim unter der Leitung von Peter Wallinger. Foto: Friedrich
Solist Tjeerd Top spielt auf einer Stradivari. Foto: Friedrich

Bietigheim/Mühlacker. Wie schon beim Neujahrskonzert der Fall, musste die Süddeutsche Kammersinfonie Bietigheim unter der Leitung von Peter Wallinger auch das Frühjahrskonzert 2021 wieder aufzeichnen. Es war ab Sonntagabend im Internet zu hören und zu sehen. Der Qualität des Musizierens tat es erneut keinen Abbruch. Nicht nur Orchester und Solist Tjeerd Top, sondern auch das Team hinter Kameras, Mikrofonen und im Schnitt haben wieder hervorragende Arbeit geleistet.

Ein bisschen schade ist es ja schon, dass das Virus die Gesellschaft immer noch so sehr im Griff hat, dass ein Live-Konzert, wie es ursprünglich innerhalb der Klassikreihe „Mühlacker Concerto“ für Sonntag angekündigt war, nicht vor Publikum stattfinden kann. Andererseits bietet das Internet auch spannende Möglichkeiten: Wer will, kann sich das Konzert selbst im Nachhinein noch ansehen, im Zweifel natürlich gerne auch mehrere Male. Grund genug dafür gäbe es zweifellos, denn nicht zuletzt hat man mit Tjeerd Top einen sehr versierten Violinisten verpflichten können, der Konzertmeister des Concertgebouw Orchesters Amsterdam ist. Er wartete bei diesem Frühjahrskonzert mit einer Besonderheit auf: Top musizierte auf einer Stradivari-Geige aus dem Jahr 1713. „Eine ganz faszinierende Vorstellung, dass sie zu Zeiten von Vivaldi schon gespielt wurde“, befand Christina Dollinger, die in das Konzert einführte.

Passenderweise stand ein eher selten gespieltes Violinkonzert von Antonio Vivaldi am Beginn des Konzerts. „Vivaldi fährt hier alles auf, was geigerisch damals denkbar war“, betonte Dollinger dabei: Doppelgriffe, Akkordübergänge in den höchsten Registern und aberwitzige Tempi. Die Musiker begannen dementsprechend forsch; ein kurzer, aber bereits sehr prägnanter Auftakt, der nahtlos in ein einfühlsam gehaltenes Miteinander zwischen Violine und Orchester floss. Es waren drei ausdrucksstarke Sätze, mal fast zärtlich gestimmt, mitunter melancholisch angehaucht und dann wieder von bewusst treibenden Momenten durchbrochen, die zurück in das faszinierend filigrane Spiel von Tjeerd Top an der Violine führten. Für Solist und Orchester, die bei diesem Konzert als kongeniale Partner wunderbar harmonierten, war es eine erste gute Möglichkeit, von ihrer hingebungsvollen und zugleich technisch präzisen wie fokussierten Art der Interpretation zu überzeugen.

Mit Samuel Barbers „Adagio für Streicher, opus 10“ hat Wallinger dann ein populäres Werk ausgesucht, das von seiner leisen, in sich gekehrten Stimmung lebt. Bekannt geworden als Trauermusik für US-Präsidenten oder zum Gedenken der Opfer des 11. September, wurde es schon in diversen Filmen eingesetzt. Die besondere Dichte und Intensität dieses Adagios nahm das Orchester gefühlvoll auf und füllte sie mit Anmut und an Traurigkeit grenzender klanglicher Schönheit, ehe man in Form des „Concertino opus 42“ von Mieczyslaw Weinberg einen ganz anderen Akzent setzte. Dessen umfangreiches Werk sei erst vor einigen Jahren in Westeuropa entdeckt worden, erklärte Dollinger eingangs. Dazu zählt auch das im Rahmen des Frühjahrskonzerts gespielte Stück, dessen lyrische Grundstimmung Solist und Orchester gekonnt einfingen.

Einmal mehr unterstrich dabei Top seine technischen Stärken an der Violine, nicht zuletzt auch in den hohen Lagen, ehe das Orchester wenig später mit dem „Walzer A-Dur opus 54 Nummer 1“ (Antonín Dvorák) das abwechslungsreiche Frühlingskonzert schloss.

Solist Tjeerd Top hatte im Rahmen dieses Konzerts übrigens ein besonderes Lob für die Musiker: Mit einem kleinen Orchester wie der Süddeutschen Kammersinfonie Bietigheim und mit deren Dirigenten Peter Wallinger an der Spitze sei man „sehr flexibel“, verriet er. Das ermögliche auch selten gespielte Werke im Programm. „Das ist für einen Musiker natürlich wunderschön.“ Für die Zuhörer gilt selbiges auch.

Wer das Konzert also anhören möchte – am Sonntagabend haben das bereits über hundert Musikfreunde getan –, der findet die Aufnahme auf der Webseite https://www.muehlacker-klassik.de/muehlacker-concerto.

Autor: Stefan Friedrich