18.01.2010
Süddeutsche Kammersinfonie entführt nach Wien und Paris Neujahrskonzerte unter der Leitung von Peter Wallinger – Orchester dieses Mal nur mit Streichern besetzt – Gastsolisten begeistern mit virtuosem Spiel
Ein heiter, unbeschwert und unterhaltsam klingendes Neujahrskonzert hatten die Mitglieder der Süddeutschen Kammersinfonie Bietigheim unter der Leitung von Peter Wallinger einstudiert.
Am Samstagabend war es im Bürger- und Rathaus von Murr zu hören und wurde am gestrigen Nachmittag in der Kelter von Bietigheim-Bissingen erneut geboten. In die Metropolen Wien und Paris entführte das diesmal nur mit Streichern besetzte Orchester seine Zuhörer musikalisch. Dazu konnte Peter Wallinger als Solisten die Flötistin Verena Guthy-Homolka aus Oberstenfeld und den Fagottisten Frank Lehmann aus Vaihingen gewinnen, die mit virtuosem Spiel begeisterten. Beim Konzert in Bietigheim-Bissingen wirkte außerdem als launig plaudernde Moderatorin Nicole Raichle aus Sachsenheim mit, die seit dem Herbst vergangenen Jahres auch die Vorsitzende des Fördervereins des Orchesters ist.
Eingeleitet wurde das Programm der Neujahrskonzerte mit „Drei Deutsche Tänze“ von Franz Schubert. Mit dem hellen Klang der Violinen, der warmen Fülle der Bratschen und den tiefen Tönen der Celli sowie des Kontrabasses, mit denen vornehmlich die rhythmischen Elemente der Stücke ausgeführt wurden, entfaltete sich vom ersten Takt an ein überaus opulentes Hörvergnügen. Dafür sorgte anschließend auch Frank Lehmann auf seinem Fagott bei der Aufführung der komischen Polka „Der alte Brummbär“ von Julius Fucik. Im geschmeidig leichten Ton eines Salonorchesters begleitete die Süddeutsche Kammersinfonie den Solisten, der mit Elan seinem Instrument die tiefschwarzen Klänge entlockte und am Ende des Werks mit einer furiosen, höchste Virtuosität verlangenden Kadenz bestach.
Im schwungvollen Dreivierteltakt schloss der erste, ganz vom Wiener Charme geprägte Teil. „Neue Wiener Ländler“ war der Titel der unter Opus Nummer eins geführten Komposition von Josef Lanner und genauso unbeschwert gestaltete das Orchester einen Walzer in A-Dur, Opus 54, von Antonín Dvorák. Im zweiten Teil, der der Seine-Metropole gewidmet war, erklang zunächst eine dreisätzige Ballettmusik von Gluck, die mit nuancenreichem, feinstimmigem Spiel dargeboten wurde.
Besonders kunstvoll war dabei die Darbietung des dritten Satzes mit dem Titel „Pizzicato“, dessen letzte Takte fast unhörbar leise erklangen und im Raum entschwanden. Die Solistin Verena Guthy-Homolka (Flöte) beglücke mit der „Suite de trois morceaux“, Opus 116, von Benjamin Godard, die sie sehr zart und in duftiger Leichtigkeit interpretierte.
Im weiteren Verlauf der Neujahrskonzerte führte sie „Sicilienne“, Opus 78, des spätimpressionistischen Komponisten Gabriel Fauré delikat und temporeich auf. In einem Satz aus einer Streicherserenade in C-Dur von Jacques Offenbach sowie einer „Barkarole“ aus der Suite „Die vier Jahreszeiten“, Opus 37 a, von Peter Iljitsch Tschaikowsky, wurde noch einmal die dichte und ausgewogene Streicherpracht dieses seit 25 Jahren erfolgreich auftretenden Ensembles ausgebreitet.
Rudolf Wesner
Ein Konzert ohne Routine und Langeweile Murr Die Kammersinfonie Bietigheim ist in Murr zu Gast gewesen. Das Orchester spielte vor vollem Haus.
Mit seinen Neujahrskonzerten hat das Kulturprisma Murr eine erfolgreiche Tradition geschaffen. Dies hat sich einmal mehr bei der 16. Veranstaltung mit der Süddeutschen Kammersinfonie Bietigheim bestätigt, die am Samstag vor vollem Haus einmal mehr ihren Ruf als Erfolgsgarant bekräftigen konnte. Von Tradition „ohne Routine oder Langeweile“ sprach Kulturamtsleiter Matthias Bader, der dem Ensemble und seinem Leiter Peter Wallinger herzlichen Dank übermittelte.
Mit seinen vitalen Interpretationen hat sich das Bietigheimer Orchester unter seinem Gründer und Dirigenten Peter Wallinger in den 25 Jahren seines Bestehens einen außergewöhnlichen Ruf verschafft. Das Ensemble musiziert auf professionellem Niveau, begeistert durch Frische und Spielfreude und überrascht immer wieder mit Klangerlebnissen der besonderen Art.

Beim diesjährigen Neujahrskonzert führte Peter Wallinger sein Publikum in diesem Jahr auf eine unterhaltsame Reise in die Salons von Wien, wo Johann Strauss und Josef Lanner um den Titel des Walzerkönigs wetteiferten, und nach Paris, wo Jacques Offenbach mit seinem berühmten „Cancan“ von sich reden machte. Aber es wären nicht Peter Wallinger und seine Süddeutsche Kammersinfonie, wenn er nicht etwas andere Akzente gesetzt hätte. Nicht Johann Strauss repräsentierte Wien und nicht der „Cancan“ Paris. Mit diversen Schmankerln klassischer Salonmusik wurden Wien und sein böhmisch geprägtes Hinterland musikalisch lebendig.
Josef Lanner wurde nicht als Walzerkönig präsentiert, sondern mit einem Neuen Ländler vorgestellt, während Antonín Dvorák mit einem Walzer brillierte und Franz Schubert mit drei Deutschen Tänzen auf seine Weise Wiener Schmäh vermittelte. „Der alte Brummbär“ – ein polkaähnliches Stück von Julius Fucik für Salonorchester und Solofagott – wurde zum äußerst unterhaltsamen Höhepunkt des Abends. Das Publikum genoss den pfiffigen Dialog zwischen dem Fagott in der Rolle des brummigen Bären, der sich durch nichts aus der Ruhe bringen lässt, und dem ebenso kapriziös agierenden Orchester.
Frank Lehmann, erster Solofagottist der Stuttgarter Philharmoniker, ließ den alten Brummbär galant geschwätzig musikalisch zu Wort kommen. Mit einer Ballettmusik von Christoph Willibald Gluck, einer Streicherserenade von Jacques Offenbach und einer Barkarole von Peter Iljitsch Tschaikowsky wurde Pariser Salonmusik mit viel Pizzicato pfiffig und galant serviert. Bei der „Sicilienne op. 78“ und der ausdrucksstarken „Suite de trois morceaux“ von Benjamin Godard konnte sich Verena Guthy-Homolka als Solistin (Querflöte) bravourös entfalten und den vielfältigen Stimmungen gerecht werden, die vom fantastisch musizierenden Ensemble ebenso mitgetragen wurden.
Neue Musik vertrauter und vertraute Musik neu erlebbar zu machen, hat sich Peter Wallinger zum Ziel gesetzt, als er 1984 die Süddeutsche Kammersinfonie gegründet hat. Dieser Zielsetzung ist das Ensemble auch beim jüngsten Auftritt treu geblieben, den es mit einer Romanze als Zugabe ausklingen ließ, bei der die beiden Solisten noch einmal großartig aufeinander abgestimmt virtuos gemeinsam musizierten.
Herzlicher Beifall dankte dem Ensemble und seinem Dirigenten – dankbare Kommentare der Besucher galten dem Veranstalter der Neujahrskonzerte im Murrer Bürgersaal, wo Jahr für Jahr – wie sich in der Zwischenzeit herumgesprochen und jetzt erneut bestätigt hat – so gute und großartig interpretierte Musik geboten wird.
Helmut Schwarz