26.04.2022
Werke der Wiener Klassik bereiten beim Frühlingskonzert der Sueddeutschen Kammersinfonie grandiosen Hörgenuss.

Mühlacker. Der empörende Krieg gegen die Ukraine lässt sensible Künstler nicht kalt. Mitfühlend reagierten auch die Programmgestalter des Frühlingskonzertes „La Passione“ beim MühlackerConcerto. Auf dem Podium im Uhlandbau agierte neben Peter Wallingers sueddeutscher kammersinfonie bietigheim der Schauspieler Johann Michael Schneider. Seine lebendigen Rezitationen fügten sich sinnfällig in den Musikvortrag ein.
Das vom Orchester mit Tempo, kraftvoll und akzentstark interpretierte Prélude aus Georges Bizets Oper „Carmen“ endete abrupt wie vom Donner gerührt, um Friedrich Schillers Gedicht „Der Antritt des neuen Jahrhunderts“, das Mord und „des Krieges Toben“ beklagt, Gehör zu verschaffen. Und auf den höllischen „Furientanz“ aus Christoph Willibald Glucks Ballettmusik zu „Don Juan“ folgten mit Schillers philosophischen Versen „Die Worte des Wahns“.
Zwei sinfonische Werke der Wiener Klassik standen im Zentrum des Konzertabends, das beim Publikum für einen nachhaltigen Eindruck sorgte. Vor der Pause Joseph Haydns Sinfonie Nr. 49 in f-Moll, die den Beinamen „La Passione“ nicht nur erhalten hat, weil sie in der Passions-Tonart komponiert ist. Sondern überhaupt den Moll-Ernst ausspielt und sich passagenweise in düsteren Klangfarben ergeht.
Die Mühlacker Wiedergabe setzte gleichsam in der Art einer Kirchensonate ein und wurde im „Adagio“ von der breiten Leidensrhetorik der Violinstimmen getragen. Dynamisch kontrastreich formte die Kammersinfonie das folgende „Allegro di molto“ aus, um im „Menuett“ mit feinen Bläsermelodien den musikalischen Sturm abzumildern – der im „Presto“-Finale erneut mit orchestraler Heftigkeit einsetzte.
Begeisternde Interpretation des Hauptwerkes
Nach der Pause offerierte das Ensemble, das an diesem Abend von Peter Wallingers Sohn Simon geleitet wurde, Wolfgang Amadeus Mozarts „Sinfonia concertante in Es-Dur“ (KV 364) für Violine, Viola und Orchester. Solisten, Kammersinfonie und Dirigent sorgten für eine begeisternde Interpretation des Hauptwerkes dieser Gattung. Ein klangprächtiges Orchestervorspiel mit alternierenden Hörnern und Oboen bereitete im ersten Satz den fast unmerklichen Einsatz der beiden Solisten vor.
Elegische Intensität
Dann aber spielten Sachiko Kobayashi (Violine) und Tomoko Yamasaki (Viola), die seit Jahren gemeinsam im Lotus String Quartet musizieren, im Glanze ihres völligen Einverständnisses mit einer einander ständig imitierenden Brillanz, wie man sie selten zu hören bekommt. Unglaubliche Reinheit des Melos zeichnete die Geigenstimme aus, Fülligkeit und Tiefe die der Bratsche.
Der schwermütig-langsame Moll-Mittelsatz beeindruckte mit stimmungsvoll elegischer Intensität, das Finale bot den erlösenden, spielerischen Kontrast. Und die auskomponierten Kadenzen waren – von den beiden Solistinnen in gegenseitiger Feinabstimmung ausgeführt – einfach ein Genuss.
Freilich darf die Leistung des von Simon Wallinger mit jugendfrischem Elan, Einsatzgenauigkeit und großer Werke-Kenntnis exzellent geleiteten Orchesters keinesfalls unterschlagen werden. Weil man kaum gleichrangige Solisten für die Aufgabe findet, wird dieses Mozartkonzert selten aufgeführt. In Mühlacker aber war das konzertante Kabinettstück grandios zu erleben.
Autor: Eckehard Uhlig

Foto: Moritz
Vier Komponisten und ein Dichter
Beim Frühjahrskonzert der Süddeutschen Kammersinfonie Bietigheim im Uhlandbau überzeugt Simon Wallinger als Dirigent.

Foto: Fotomoment
Mühlacker. „La Passione“ war der Titel des Frühjahrskonzerts 2022 der Süddeutschen Kammersinfonie Bietigheim im Uhlandbau Mühlacker, bei dem Werke von vier Komponisten und einem Dichter vorgestellt wurden. Dabei nannte keiner von ihnen seine Arbeit „La Passione“.
Schwungvoll, geradezu feurig begann es mit dem „Prélude“ zur Oper „Carmen“, die heute zu den am meisten gespielten Werken des Genres gehört. Dabei hatte sie bei der Uraufführung 1875 nur geringen Erfolg, denn die Geschichte war ihrer Zeit voraus, und auch von der Musik waren nicht wenige überfordert und empfanden sie nur als lärmend. Dagegen bot jetzt in Mühlacker Simon Wallinger, der in diesem Konzert das „vollständige Dirigat übernahm, nachdem Peter Wallinger die Probenphase krankheitshalber nicht beginnen konnte“, mit seiner kongenialen Interpretation einen in jeder Beziehung gelungenen Einstieg in das diesjährige Frühjahrskonzert.
Dann kam Friedrich Schiller mit seinen neun vierzeiligen trochäischen Strophen in Kreuzform zu Wort. 1801 geschrieben, mit dem Blick auf den Kampf zweier Großmächte um die Weltherrschaft, ist dieses Gedicht auch heute noch oder wieder aktuell. Vorgetragen wurde es von dem 55-jährigen Johann Michael Schneider, der mit seiner Ausbildung, zum einen als Schauspieler, zum anderen als Musiker mit einem Violinstudium, geradezu die idealen Voraussetzungen für eine Mitwirkung in dem vorgegebenen Rahmen mitbrachte. Nach diesem „Antritt des neuen Jahrhunderts“ rezitierte er später noch „Die Worte des Wahns“ von Friedrich Schiller aus dem Jahr 1799.
Zuvor war jedoch Christoph Willibald Gluck an der Reihe, und zwar mit dem Larghetto „Der Geist ermahnt Don Juan“ und dem Allegro „Die Hölle öffnet sich“ aus der Ballettmusik zu „Don Juan“. Dabei handelt es sich um eine eigens für ein Ballett geschaffene Komposition, das 1761 in Wien, choreografiert von Gasparone Angiolini, uraufgeführt wurde. Zunächst langsam, behutsam, fordernd, dann furios, aufreizend, teils erschreckend erklangen die zwei Sätze der Ballett-Komposition.
Danach brachte die Süddeutsche Kammersinfonie Bietigheim das Werk zur Aufführung, das dem ganzen Konzert den Titel gab und das auch in diesem Fall so bezeichnet wurde. Dabei nannte Joseph Haydn diese Arbeit, die er 1768 schrieb, während er als Kapellmeister beim Fürsten Nikolaus I. Esterházy angestellt war, lediglich „Sinfonia in F minor“. Der Titel „La Passione“ geht vielmehr auf einen Eintrag in der Abschrift eines Leipziger Kopisten um 1790 zurück. Im Haydn-Verzeichnis der Züricher Neujahrsblätter von 1831 wird das Werk als „La Passione oder Trauersinfonie“ aufgeführt. Später taucht dann auch noch der Titel „Il Quakero di bel’humore“ auf. Auf jeden Fall ist die Sinfonie Nummer 49 f-Moll die einzige Sinfonie Haydns in der für die damalige Zeit ungewöhnlichen „Passionstonart“ f-Moll, die sich dazu durch differenzierte Dynamik und Rhythmik sowie starke Intervallsprünge auszeichnet. Etwas traurig, dann lebhafter und freudiger werdend, erklang das Adagio, beschwingt, heiter, leichtfüßig das Allegro di molto. Beim spielerischen Menuett sah man die nur musikalisch vorhandenen Akteure geradezu in tänzerischen Bewegungen vor sich. Einer Sturmmusik glich das Presto-Finale der Sinfonie, deren Ausdruckshaltung der Musikhistoriker Ludwig Finscher als extrem dramatisch bezeichnete und die vielleicht sogar einmal als Bühnenmusik herhalten musste.
Nach der Pause hörte man die von Wolfgang Amadeus Mozart 1779 in Salzburg komponierte Sinfonia concertante Es-Dur KV 364, die bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts weniger bekannt war. In seinem Bemühen, der Viola einen Platz als Soloinstrument zu schaffen, nahm der englische Bratschist Lionel Tertis das Werk in sein Programm auf und spielte es 1924 mit dem Geiger Fritz Kreisler.
Diese Parts übernahmen jetzt die Japanerinnen Tomoko Yamasaki (Viola) und Sachiko Kobayashi (Violine). Zusammen mit der Kammersinfonie interpretierten sie – unter der ebenso sensiblen wie ausdrucksstarken musikalischen Leitung von Simon Wallinger – die Komposition, von der nicht wenige Passagen als Filmmusik in verschiedenen Streifen verwendet wurden. Fröhlich, unterhaltsam, lustig und lebhaft erklang das Allegro maestoso, eher bedächtig, nachdenklich stimmend das Andante, bei dem vor allem die Solistinnen brillierten, und schließlich beschwingt heiter das Presto-Finale.
Autor: Dieter Schnabel