Das Frühjahrskonzert der Süddeutschen Kammersinfonie Bietigheim unter Peter Wallinger bringt eine Wiederbegegnung mit Sebastian Manz.

Klarinetten-Zauberer Sebastian Manz. Foto: Bastian



Mühlacker. Wie unterscheiden sich gute und exzellente Klarinettisten? Gute beherrschen ihr Instrument, spielen alle Töne richtig und verfügen über einen runden Ton. Exzellente hingegen lassen die Klarinette sprechen und singen und formen den Klang – je nach Stil, Raum, Ensemble und beabsichtigter Wirkung; der Ton bleibt in allen Lagen und Registern über vier Oktaven hinweg stabil und kraftvoll. Bei Spitzenklarinettisten wirkt die Luft fast „endlos“; Phrasen besitzen Richtung, Spannung und zugleich Ruhe.

Man hört nicht nur einzelne Töne, sondern den Atem selbst als musikalische Energie. Spontan denkt man an Sabine Meyer in der Kunstmusik, an Benny Goodman im Jazz oder an Giora Feidman im Klezmer. In diese prominente Reihe darf man mit Fug und Recht auch den jungen Ausnahmeklarinettisten Sebastian Manz aufnehmen, der im Raum Mühlacker bereits mehrfach zu hören war – im Juni 2025 bei den Maulbronner Klosterkonzerten mit dem Programm „Quasi Cool“ sowie gemeinsam mit der Süddeutschen Kammersinfonie Bietigheim unter der Leitung von Peter Wallinger (2017 mit Mozarts Klarinettenkonzert, 2022 beim Neujahrskonzert mit Werken für Soloklarinette von Weber und Piazzolla sowie beim Adventskonzert 2022 mit Werken von Mozart und Haydn).

Der 1986 in Hannover geborene Manz war am Samstagabend erneut zu Gast im Uhlandbau. Im Rahmen des Frühjahrskonzerts von „Mühlacker Concerto“ spielte er mit der Süddeutschen Kammersinfonie unter Peter Wallinger am Pult zwei eher selten zu hörende Werke für Soloklarinette: Gottfried Hendrik Manns (1858 bis 1904) „Klarinettenkonzert c-moll opus 90“ sowie Heinrich Joseph Baermanns (1784 bis 1847) „Adagio Des-Dur“. Von Nervosität keine Spur. Was für ein beseeltes, leichtes Spiel!

Manz trifft den opernhaft-dramatischen Ton des Mann-Konzerts, das er übrigens auf CD eingespielt hat, mit dem Instinkt eines Vollprofis. Mühelos meistert er die starken Registerunterschiede des Rohrblattinstruments von der Tiefe über die Mittellage bis in die höchste Höhe, integriert sie musikalisch und nutzt sie als klangliche Farbe. Wunderbar die sanglichen Linien, beeindruckend leise die Tongebung in der höchsten Lage. Ein kontrolliertes Pianissimo mit perfekter Intonation im Flageolett-Bereich gehört zur höchsten Kunst, die ein Klarinettist erreichen kann.

Im Dialog mit dem voll besetzten Orchesterapparat bleibt es nicht Wallinger allein, der die rhythmische Autorität wahrt; Manz versteht es, Spannung vor und hinter dem Puls zu formen, ohne je instabil zu wirken. Technik wird gleichsam unsichtbar und dient nur noch der – leider viel zu selten aufgeführten – Werke. In den Kadenzen zeigt sich Manz‘ Gespür für musikalische Proportionen und Linienführung.

Den einladenden Gesten des Orchesters im Finale „Tempo di Polacca“ folgt der Klarinettist nur zu gern und „setzt“ sich gleichsam auf das Orchestertutti. In leiseren Passagen entstehen jene glückseligen Momente, in denen Orchesterpartitur und Solostimme zu einem großen Ganzen verschmelzen – Augenblicke, in denen die Zeit stillzustehen scheint.

Das Adagio des mit Weber und Mendelssohn befreundeten Baermann erinnert an vielen Stellen an den langsamen Satz aus Mozarts Klarinettenkonzert, ist ebenso sanglich und einschmeichelnd. Auch in diesem Kabinettstückchen stellt Manz technische Perfektion und agogische Naturbegabung ganz in den Dienst des musikalischen Ausdrucks.

Eingerahmt wurden die Solowerke von der durch Holz- und Blechbläser verstärkten Kammersinfonie mit Franz Schuberts (1797 bis 1828) Rosamunde-Ballettmusik Nummer 2 sowie Felix Mendelssohn Bartholdys Sinfonie Nummer 4 A-Dur, der „Italienischen“. Federleicht-tänzerisch erklingt der Schubert, fröhlich-optimistisch der Mendelssohn. Tadellos das Zusammenspiel des hochambitionierten Streicherapparats, kleinere Abstriche hinsichtlich Intonation und Präzision bei den Bläsern, feinsinniges und erfahrenes Dirigat Peter Wallingers, des Spiritus Rector der Reihe „MühlackerConcerto“ – das Publikum im fast voll besetzten Saal des Uhlandbaus dankt es mit herzlichem Applaus. So wunderbare Musik in einer derart feingeistigen Ausführung zu hören, ist Geschenk und Genuss für alle Sinne. Der Sommer kann kommen!

Autor: Dietmar Bastian