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2023

Stilsicher in Klassik und Moderne

Die „sueddeutsche kammersinfonie bietigheim“ überzeugt bei ihrem Adventskonzert im Mühlacker Uhlandbau. Als Solistin glänzt die junge Pianistin Annika Treutler, die für ihre Mozart-Interpretation mit Beifall überschüttet wird.

Unter der künstlerischen Leitung von Peter Wallinger gestaltet die „sueddeutsche kammersinfonie bietigheim“ mit großer Spielfreude einen wunderbaren Konzertabend, der zu einem bereichernden Musikerlebnis wird. Foto: Filitz

Mühlacker. Vor vier Jahrzehnten hat Peter Wallinger die Süddeutsche Kammersinfonie Bietigheim gegründet, die unter seiner künstlerischen Leitung zu einem hoch qualifizierten Klangkörper gereift ist. Zum Auftakt der Jubiläumssaison „40 Jahre Kammersinfonie“ fand am Sonntag im Uhlandbau das Adventskonzert statt.

Auf welch hohem Niveau das Ensemble heute musiziert, zeigten einmal mehr die klangprächtigen Interpretationen dieses Konzertabends in der Reihe „MühlackerConcerto“. Auf dem Programm standen Werke von Mozart und des lettischen Komponisten Peteris Vasks. Diese Kombination zwischen Klassik und Moderne fand großen Zuspruch bei den vielen Zuhörerinnen und Zuhörern, die den Saal fast füllten.

Der Beginn mit Mozarts Klavierkonzert Nummer 23 A-Dur KV 488 wurde ein berauschend schöner Höhepunkt. Schon die ersten Takte be- und verzauberten das Publikum. Am Steinway-Flügel saß Annika Treutler, eine der interessantesten jungen deutschen Pianistinnen. Nach ihrem erfolgreich absolvierten Musikstudium errang sie bei nationalen und internationalen Wettbewerben zahlreiche Preise, darunter 2020 den „Opus Klassik“ in der Kategorie „Konzerteinspielung des Jahres“. Gastspiele europaweit, die Zusammenarbeit auch mit internationalen Orchestern und seit 2018 eine Gastprofessur an der Hochschule für Musik in Berlin zeichnen ihre Laufbahn aus.

Von all diesen Meriten strahlte die Künstlerin auch etwas bei ihrem Auftritt im Mühlacker Uhlandbau aus, der dank seiner hervorragenden Akustik auch anspruchsvollem Musizieren genügt.

Das Klavierkonzert Nummer 23 hat Wolfgang Amadeus Mozart neben seiner Arbeit an der Oper „Die Hochzeit des Figaro“ komponiert. Bei genauem Hinhören lassen sich auch taktweise kleine Anklänge daraus im Klavierkonzert entdecken. Mit versierter Technik, dennoch mit hoher Sensibilität und mit tiefer Hingabe an das Werk interpretierte Annika Treutler die in ihrem Aufbau und Inhalt sehr differenzierten drei Sätze Allegro, Adagio und Allegro und wurde auf höchst beeindruckende Weise den Intentionen des Komponisten gerecht.

Vom Publikum für diese Darbietung mit kaum endendem Applaus gefeiert, kündigte Treutler eine Zugabe „aus dem kühlen Norden an, ein Impromptu von Sibelius“. Doch mit viel Herzblut erwärmte sie auch dieses Stück, wie schwere Tropfen fielen die letzten Töne, ehe nach einem Moment der Stille die Künstlerin erneut mit Beifall überschüttet wurde.

Der lettische Komponist Peteris Vasks, geboren 1946, hat eine „Musica Adventus“ geschrieben. Daraus stimmte nun die Kammersinfonie das „Moderato“ an – ein wahres Kontrastprogramm zum eben Gehörten, das wie der Eintritt in eine andere musikalische Welt anmutete. Beginnend mit hauchzarten Flageolett-Tönen, gezupften und mit Bogenholz erzeugten Klängen, folgten wenige warme Basstöne, und erneut wurde gezupft und geklopft… Angespannt hatten die Zuhörer gelauscht und klatschten nun begeistert Beifall. „Die Wiedergabe war beeindruckend, das anfängliche Suchen war eine Hinführung zum Advent, drückte Hoffnung aus, wie auch einige eingefügte Takte eines Weihnachtsliedes deutlich machten“, umriss Zuhörer Ernst Fischer seine Empfindungen.

In der Pause wurde der Flügel beiseite geräumt, denn nun trat die Süddeutsche Kammersinfonie Bietigheim in großer Besetzung auf und führte mit Mozarts Sinfonie Es-Dur KV 543 die Besucher mit Pauken und Trompeten zurück zur Klassik. Die 1788, drei Jahre vor seinem Tod komponierte Sinfonie ist in allen drei Sätzen ein Werk voller Gegensätze. Ein Adagio mit einem Paukenschlag als Auftakt, das nach etlichen markanten Klangfolgen in sanfte Gleise führte, um wenige Takte später erneut fortissimo aufzutrumpfen. Die Oboe hatte der Komponist gestrichen, Flöte und zwei Klarinetten dominierten wiederholt, ehe nach Paukenwirbeln die Streicher das Zepter übernahmen.

Wie in einem koketten Frage- und Antwortspiel agierten im zweiten Satz Andante con moto Bläser und Streicher miteinander in unerwartet derbem Stil, als gäbe es etwas zu verteidigen, ehe sich die Klarinetten mit heiteren Klängen Gehör verschafften. Den fulminanten Schlusspunkt setzte im dritten Satz das Menuetto mit einem virtuosen Finale, in dem sich alle Stimmen vereinten. Nur gelegentlich vermochten Moll-Klänge die lichte Es-Dur-Stimmung zu verdunkeln.

Hatten die Musikerinnen und Musiker schon durch ihre einfühlsame Begleitung der Pianistin den Zuhörern einen ersten Eindruck von dem breiten Spektrum ihrer Fähigkeiten vermittelt und mit der Vasks-Interpretation diesen Eindruck noch verstärkt, so schöpfte das Ensemble bei seiner Interpretation der Mozart-Sinfonie alle Facetten des kraft- und machtvollen Musizierens, aber auch des Innehaltens aus. Im Decrescendo ging es zurück zu den Quellen, hinab in emotionale Tiefen. Peter Wallinger wusste mit seinem Dirigat zielgenau die Vorgaben der beiden Komponisten zu vermitteln, und seine Kammersinfonie folgte ihm auch auf den geringsten Fingerzeig.

Der Uhlandbau bebte beinahe unter den Begeisterungsstürmen der Zuhörerinnen und Zuhörer. Schöner und gelungener, aber auch vielversprechender hätte der Jubiläumsauftakt nicht sein können.

Autorin: Eva Filitz                                                                                                                    

Mit geschmeidiger Eloquenz im Spiel

Bei den Adventskonzerten der Süddeutschen Kammersinfonie Bietigheim konnte man die junge Berliner Pianistin Annika Treutler kennenlernen. Die 33-Jährige verfügt über ein außergewöhnlich nuanciertes Gestaltungsvermögen.

Annika Treuter am Klavier beim Adventskonzert der Süddeutschen Kammersinfonie. Foto: Holm Wolschendorf

BIETIGHEIM-BISSINGEN/MÜHLACKER. Gut eine Dekade lang hat Sachiko Kobayashi mit selten unterbrochener Regelmäßigkeit der Süddeutschen Kammersinfonie Bietigheim (SKB) als Konzertmeisterin ein Gesicht gegeben und das Profil des 1984 von Peter Wallinger gegründeten Orchesters in dieser Ära mitgeprägt. Nachdem die japanische Violinistin, ihres Zeichens auch Primaria des Stuttgarter Lotus Quartetts, in den vergangenen zwei Jahren kürzer getreten hat, war ihre Rückkehr ans erste Pult der ersten Violinen für nicht wenige der Zuhörer ein überraschendes Wiedersehen mit einer hochgeschätzten Musikerin.

Treues Publikum aufgebaut

Mit der Reihe Mühlacker Concerto trägt der 73-jährige Dirigent Wallinger seit langem einen nicht unwesentlichen Baustein zum kulturellen Leben von Mühlacker bei, dementsprechend hat sich die SKB hier ein treues Publikum aufgebaut.
Eine Premiere dürfte indes für die meisten die Begegnung mit Annika Treutler gewesen sein: Zwar wurde die Berliner Pianistin bereits mehrfach ausgezeichnet, zuletzt 2020 mit dem „Opus Klassik“ für die „Konzerteinspielung des Jahres“, doch die Gelegenheiten, Treutler bei Auftritten in Süddeutschland zu erleben, waren bislang eher rar gesät. Abhilfe schaffte ihr Debüt als Solistin der SKB bei den Adventskonzerten des Orchesters – das Programm wurde zuvor im Bietigheimer Kronenzentrum präsentiert -, die zugleich die Jubiläumssaison zum 40-jährigen Bestehen des Ensembles einläuteten.
In Mozarts 1786 komponiertem Klavierkonzert A-Dur (KV488) konnte man eine nachgerade ideale Interpretin dieses Schlüssel- und Gipfelwerks seiner Gattung kennenlernen. Mit erlesenem Rubato gestaltet die 33-Jährige ihre Solopassagen im Allegro-Kopfsatz, vollzieht die vielgestaltigen Gedanken der Mozart’schen Klangrede nicht nur pianistisch auswendig, sondern auch sehr beredt in ihrer Mimik nach. Eine im Wortsinn geschmeidige Eloquenz, eine superb geschliffene Klangkultur prägt ihr Spiel, die von Mozart hier erstmals auskomponierte Kadenz wächst zu einem atemberaubenden Ohrenspitzer. Das folgende Siciliana-Adagio unterstreicht, dass die empfindliche Musik Mozarts bei Treutler nicht nur in besten Händen ist; in den nuancenreichen Variationen spricht der gesamte Körper der Pianistin mit. Exquisit dann das finale Kehraus-Rondo, in dessen buffoneskem Charakter sich auch die zeitliche Nähe zu „Le nozzo de Figaro“ äußert, durchgehend exzellent die Einbettung durch Wallinger und die SKB. Für den enthusiastischen Beifall und Bravorufe bedankt Treutler sich mit dem Impromptu No. 5 von Jean Sibelius.
Ungeheuer eindringlich im Anschluss das „Moderato“ aus Pēteris Vasks’ „Musica adventus“, Wallinger lässt die nordisch-kontemplative Musik atmen. Mit einer in ihrer Balance von kammermusikalischer Transparenz und orchestraler Sinfonik den zwischen barocken Rückbezügen und einer Vorschau auf die Romantik oszillierenden Gestus der Es-Dur-Sonfonie (KV 543) exakt treffenden Interpretation schließt sich nach der Pause der Mozart-Kreis des vorzüglichen Adventskonzerts. Das letzte Mal in der verdienstvollen Laufbahn SKB mit Peter Wallinger? Das lässt der Dirigent im Gespräch mit unserer Zeitung vorerst noch offen.

Autor: Harry Schmidt

Sprühende Spielfreude im Uhlandbau

Klangintensives Konzert der Reihe MühlackerConcerto

Mit natürlichem, unangestrengtem Spiel: Pianistin Annika Treutler; Foto: Rafael Wallinger

Mühlacker. Ein Mozart-Konzert vom Feinsten erfreute zum zweiten Advent bei der MühlackerConcerto-Reihe im Uhlandbau. Einleitend musizierten unter Peter Wallingers Leitung die „sueddeutsche kammersinfonie bietigheim“ und die renommierte Pianistin Annika Treutler das Klavierkonzert A-Dur (KV 488) von Wolfgang Amadeus Mozart, das Klassikfreunde wegen seines ausdrucksstarken Charakters schätzen. Besonders, wenn es so lebendig und klangintensiv aufgeführt wird, wie in Mühlacker.

Die anmutigen Melodien des ersten Satzes in A-Dur wurden als Inbegriff Mozart’scher Musik im argumentativen Wechselspiel zwischen Orchester und Solistin entfaltet, die kompositorischen Ideen und markanten Begleitfiguren mit musikalischer Eloquenz herausgearbeitet. Dunkel und tiefschürfend dann das anschließende, schmerzlich-zarte, sehr bedächtig vorgetragene Adagio in fis-Moll, wobei neben der mit hingebungsvoller Empathie spielenden Pianistin im Kern des Satzes die Bläserstimmen (Hörner, Flöte, Klarinetten, Fagotte) beeindruckten. Nach diesen Moll-Abgründen strahlte die mozartantisch-diesseitige Heiterkeit ungebrochen im temperamentvoll wieder-gegebenen Finale um so mehr. Begeisternd das unaffektiert-natürliche, unangestrengte Spiel der Solistin am Flügel, die charmant in einem langen Advents-Glitzerkleid agierte. Treutlers Interpretationsweise neigte eher zur Anmut als zur herausgestellten Bravour und changierte mit geschmeidigem Anschlag je nach Satzcharakter zwischen lyrischer Verinnerlichung und tempobewusst sprühender Spielfreude.

Dass sie die Klaviertasten auch mit hinreißender Virtuosität bedienen kann, stellte sie mit ihrer Zugabe, einem Impromptu von Jean Sibelius, unter Beweis.

Klassik im besten Sinn: die „sueddeutsche kammersinfonie bietigheim“ unter der Leitung von Peter Wallinger.
Foto: Rafael Wallinger

Als Konzert-Scharnier, auch der Adventszeit geschuldet, fungierte Peteris Vasks „Musica adventus I“. Typisch für den lettischen Komponisten und Pastoren-Sohn gilt nach seinen Worten der Versuch, „aus Schmerz geboren ein Loblied auf Glaube und Liebe zu singen“. Das kurze Orchesterstück wirkte eisblumenkalt mit extrem leise gehauchtem Beginn und allmählichem musikalischen Aufblühen wie eine Illustration des Zitats.

Man sagt, Mozart habe seine Klaviermusik in intimen Momenten für sich selbst geschrieben. Die Sinfonien dagegen waren für publikumswirksame, große öffentliche Aufführungen bestimmt. Sicher auch seine Sinfonie Es-Dur (KV 543), die Wallinger mit seinem Ensemble, jetzt verstärkt durch „lärmende Instrumente“ (Pauken und Trompeten), nach der Pause aufführte. Das war beim Zuhören Klassik im besten Sinn: weder langweilig noch einschüchternd, sondern beglückend. Mit Klarheit und Verve führte der Dirigent durch die Partitur, fügte das vielgestaltige Themen-Material zu sinnfälliger Ganzheit und sorgte für strukturelle Geschlossenheit. Dirigent und Orchester blieben auch Effekten nichts schuldig, überraschende Akzente schnellten immer wieder hervor.

So war beispielsweise im 3. Satz das berühmte Klarinetten-Duo über dudelnder Tanzbegleitung mit seiner gemächlich sich wiegenden Ländler-Seligkeit so schön, dass es – vom Publikum herbeigeklatscht – als Zugabe wiederholt werden musste. Das Neujahrskonzert im Uhlandbau folgt am Sonntag, 14. Januar, 11 Uhr, mit Werken von Dowland, Purcell, Bach und Sibelius.

Autor: Eckehard Uhlig

Romantische Tendenz bei Barockevergreens

„All’Italiana“ hat Peter Wallinger die beiden „Sommerlichen Serenaden“ der Süddeutschen Kammersinfonie Bietigheim, in Sachsenheim und Lienzingen am Wochenende überschrieben. In zwei der vier Violinkonzerte von Antonio Vivaldis „Die vier Jahreszeiten“ gab Maryana Osipova ihr umjubeltes Debüt als Solistin der SKB.

Die Süddeutsche Kammersinfonie Bietigheim beim Auftritt in Sachsenheim Foto: Alfred Drosse

SACHSENHEIM/BIETIGHEIM/LIENZINGEN. Besser hätten die Bedingungen kaum sein können: Das aktuelle Hochdruckgebiet Cigdem sorgte dafür, dass die beiden als „Sommerliche Se­renade“ angekündigten Konzerte der Süd­deutschen Kammersinfonie Bietigheim (SKB) am vergangenen Wochenende zumindest dem ersten Teil des Formattitels vollumfäng­lich gerecht wurden: Mehr Sommer geht kaum. Dem entsprechend präsentierte sich der Innenhof des Sachsenheimer Wasser­schlosses am Samstagabend komplett aus­verkauft, gut besucht war auch die Matinee in der Lienzinger Frauenkirche tags darauf.
lm Vergleich zum trutzigen Turm der Pe­terskirche ragt deren schlanker Dachreiter wie ein Zahnstocher empor: Als Friedhofska­pelle am Ortsrand hat die einstige Marien­wallfahrtskirche den wechselhaften Lauf der Zeiten relativ unbeschadet überdauert – zur weitgehend im Originalzustand erhaltenen spätgotischen Bausubstanz gehört auch die auf 1482 datierte, mit einem Gebet, Ranken und Girlanden geschmückte Holzdecke des Tonnengewölbes über dem Kirchenschiff, die zu den bemerkenswerten akustischen Quali­täten des außerordentlich stimmungsvollen Raums nicht unwesentlich beiträgt.
Passgenau zur Hitzewelle hat Peter Wallin­ger zwei der als „Die vier Jahreszeiten“ über­aus bekannten Violinkonzerte auf den Spiel­plan gesetzt, in denen Antonio Vivaldi 1725 beredte musikalische Bilder für das Anstei­gen der Temperaturen (und Temperamente) gefunden hat. Bravourös gestaltet Maryana Osipova das Vogelstimmgezwitscher im Kopfsatz von „Der Frühling“ im Dialog mit Konzertmeisterin Swantje Asche-Tauscher und den weiteren 14 Musikerinnen und Mu­sikern der SKB – die ungemein mitteilsame, konzise Körpersprache der in Moskau und Karlsruhe ausgebildeten Primgeigerin des Frankfurter Eliot Quartetts habe ihn dazu be­wogen, hier auf ein Dirigat zu verzichten, so der Orchestergründer im Gespräch mit dieser Zeitung.
Nichts deutet indes darauf hin, dass dieses Konzert um ein Haar ausgefallen wäre: Akute Rückenbeschwerden zwangen die italieni­sche Violinistin Rebecca Raimondi am Don­nerstagabend, ihre Auftritte mit der SKB ab­zusagen. Binnen weniger Stunden war es Wallinger daraufhin gelungen, mit Osipova eine hinreichend qualifizierte Einspringerin für die erkrankte Solistin zu rekrutieren. In­nig zelebriert die Russin das Frühjahrsschä­feridyll im „Largo e pianissimo“, ausgelassen den Hirtentanz im finalen „Allegro“. Die Sommergewitterstretta im „Allegro non mol­to“ entlockt einer einzelnen Besucherin ei­nen wohltemperierten Jubelruf. Dass Osipova sich für den großen Beifall mit einer Repri­se des Largos bedankt, unterstreicht eine zwar eher zwischen Wiener Klassik und Romantik zu verortende, aber dennoch reizvolle Tendenz in ihrer Interpretation dieser Ba­rockevergreens.
Hellwach und hochkonzentriert musizierte Wallinger mit einer ausgezeichnet disponier­ten SKB auch den entsprechenden Rahmen des „All’ltaliana“ überschriebenen Pro­gramms: Sowohl Ottorino Respighis „Antiche Danze ed Arie“ (1931) als auch Nino Rotas „Concerto per Archi“ (2007) erklangen in nicht nur (weitestgehend) makelloser, son­dern vor allem auch lebendig-inspirierter Wiedergabe. Bestechend insbesondere die Homogenität und Transparenz des Ensemb­leklangs in der neoklassizistisch-impressio­nistischen Partitur von Respighi, grandios ge­steigert die „Siciliana“, fulminant das Fortis­simo-Crescendo der „Passacaglia“. Wallin­gers Deutungen vereinen exquisites Form­empfinden mit differenzierter, geistreicher Durchdringung des Materials zu einer stets originellen, frischen Lesart. Pauschalklang­angebote gibt es ja ohnehin bereits mehr als genug.

Autor: Harry Schmidt

Sommerfrisch-heiterer Serenaden-Ton

Zweite Matinee beim „Musikalischen Sommer“ in der Lienzinger Frauenkirche

Ergötzlicher Instrumental-Gesang:
Die sueddeutsche kammersinfonie bietigheim unter der Leitung von Peter Wallinger                    Foto: Fotomoment

Mühlacker. Barocke Musikmeister statteten ihre für die höfische Unterhaltung bestimmten Kompositionen häufig mit einladenden Überschriften aus. In diesem Sinne „Ergötzliches“ bot auch die zweite Matinee des „Musikalischen Sommers“ in der Lienzinger Frauenkirche. Das Konzert mit Peter Wallingers Sueddeutscher Kammersinfonie Bietigheim zelebrierte den sommerfrisch-heiteren Serenaden-Ton, insbesondere mit der Wiedergabe des „Frühlings“ und des „Sommers“ aus Antonio Vivaldis „Vier Jahreszeiten“ (op. 8 Nr. 1 und 2).

Nun ist dieser Konzert-Hit als Prüfstein für Sologeiger alles andere als eine Rarität. Anne Sophie Mutter begann damit ihre Karriere. Und der wild aufspielende Nigel Kennedy erzielte mit seinen „Jahreszeiten“ das meistverkaufte Klassikalbum aller Zeiten. Weit ab von solchem Star-Getöse leistete auch die in Lienzingen auftretende Violinistin und Primgeigerin des Eliot Quartetts, Maryana Osipova, die für die erkrankte Solistin Rebecca Raimondi eingesprungen war, mit ihrem erfrischend unkonventionellen Spiel Erstaunliches.

Weder romantisierende Gravität noch technische Rabiatheiten prägten Osipovas Interpretation. Stattdessen spürte man beim Zuhören den Frühling und den Sommer wie in einem impressionistisch hingetupften, fein differenzierten Farbenrausch. Ihr glänzend durchgestalteter Geigenton erzählte von Stimmungen und Befindlichkeiten, mit deutlichen Register-Brüchen beispielsweise von der lamentoreichen Hirtenklage über die sengende Mittagssonne und den befürchteten, folgenden Gewitter-Sturm im ersten Satz des „Sommers“. Die von der Solistin selbst angeleiteten Orchester-Ritornells sorgten mit lebendig atmender Phrasierungskunst für Tiefenschärfe in dem bekannten Musikgemälde der „Quattro Stagioni“. Die Allegro-Ecksätze wurden in sportlichen Tempi angegangen, oft ganz zart dagegen die „Largo“-Lyrik. Die gemeinsamen Tutti mit dem Orchester waren farbintensiv-füllig angelegt.

Eingeleitet wurde die Matinee, die Wallinger unter das Motto „All’Italiana“ gestellt hatte, mit den „Antiche Danze ed Arie“ (III. Suite) von Ottorino Respighi. Der Orchester-Chef sorgte für kontrastreiche Klangvarianten in den „Arie di Corte“, für fröhlich-schwungvolle Klangentfaltung der „Siciliana“ und eine tänzerisch betonte „Passacaglia“ zum Abschluss. Respighis Koloristik und virtuose Verwendung alter italienischer Instrumentalmusik kam dabei hervorragend zur Geltung.

Nachdem sich die vielen Zuhörer in der Pause im parkähnlichen Friedhof bei Lindenblütenduft „ergötzlich“ erholt hatten, offerierte die Süddeutsche Kammersinfonie noch das „Concerto per Archi“ des Filmmusik-Komponisten Nino Rota: ein aufmunternder, im Sound etwas schriller, mit maschinenhaften Rhythmen durchpulster instrumentaler Schluss-Gesang. Auch hierbei erfreute musikalischer Überschwang das begeisterte Publikum.

Autor: Eckehard Uhlig

Barocke Hits und ein roter Faden

Die Süddeutsche Kammersinfonie Bietigheim spielt „Sommerliche Serenaden“

Peter Wallinger Foto: privat

BIETIGKEIM·BISSINGEN. Es ist ein geradezu idealtypisches Peter­ Wallinger-Programm, das am Wochenende bei den beiden Konzer­ten der Süddeutschen Kammer­sinfonie Bietigheim (SKB) auf dem Spielplan steht: Antonio Vivaldis 1725 publizierte „Die vier Jahreszeiten“ sind mit das populärste, was sich in der Barockmusik finden lässt, weit über den Kreis der dezidierten Klassikhörerschaft hinaus geläufiges Reper­toire. Demgegenüber müssen Ottorino Respighis „Antiche Danze ed Arie“ (1931) und Nino Rotas „Concerto per Archi“ (2007) in diesem Kontext als vergleichswei­se unbekannte (Gegen-)Stücke angesprochen werden – tendenziell unterschätze Preziosen, deren (Wieder-)Entdeckung überreich belohnt wird.
Die „Sommerliche Serenade“ ist einer der fünf Fixbausteine im Konzertkalenderjahr der SKB, traditionell wird das Programm zweimal aufgeführt: Am Samstag als Open-Air im Schlosshof in Sachsenheim (bei schlechter Wit­terung in der Mensa des Lichten­stern-Gymnasiums), tags darauf dann beim „Musikalischen Sommer“ in der Lienzinger Frauen­kirche. „All’Italiana“ überschrie­ben, ist der rote Faden ltalianita mühelos erkennbar. Ausgangs­punkt war der ausgesprochen positive Eindruck, den die junge ita­lienische Geigerin Rebecca Rai­mondi bei ihrem SKB-Debüt als Konzertmeisterin bei den Neu­jahrskonzerten des Ensembles hinterlassen hat: „Daraufhin hab ich gesagt: Gut, wir machen mal ein Programm, das ganz auf Rebecca zugeschnitten ist“, erklärt Peter Wallinger die Genese des diesjährigen Serenadenkonzerts. Dementsprechend wird die 1996 in Rom geborenen Raimondi nun als Solistin in zwei der vier Violin­konzerten zu hören sein – Wallin­ger beschränkt sich hier auf „Der Frühling“ (Op. 8 Nr. 1, RV 269) und „Der Sommer“ (Op. 8 Nr. 2, RV 315): „an dieser Nahtstelle be­wegen wir uns ja gerade“ -, während Swantje Asche-Tauscher ih­ren Platz als Konzertmeisterin einnimmt, bei Respighi und Rota teilen sie sich das erste Pult, wobei Raimondi dann wieder Stimmführerin der 1. Violinen ist.
Der Kontakt zu Raimondi kam über Peter Wallingers Sohn Simon zustande, der wie Raimondi an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Frankfurt stu­dierte, an der die Italienerin heute auch einem Lehrauftrag für Barockvioline nachkommt. Simon Wallinger, der mit Raimondi auch als künstlerisches Leitungsduo der „Lienzingen Akademie“ fun­giert und zuletzt beim Frühjahrs­konzert der SKB am Pult stand, wird nun wieder am Kontrabass in den Reihen des Ensembles zu finden sein. Eine weitere Klammer im Programm ist das neo­klassizistische Motiv des Rückbezugs: Sowohl Respighis „Antiche Danze ed Arie“ als auch Rotas „Concerto per Archi“ sind in Anlehnung an „antike Vorbilder“ (Wallinger) entstanden: „Beide schauen zurück und kleiden Alte Musik neu ein – bei aller Unterschiedlichkeit: Respighi mehr spätromantisch-impressionistisch, Rota sehr rhythmisch-kraftvoll.“ Für den Vivaldi hätte sie gern das 1732 in Neapel ge­baute lnstrument von Gennaro Gagliano eingesetzt, das eine Stif­tung ihr zur Verfügung stellt, sagt die auf historische Aufführungspraxis spezialisierte Violinistin, doch Darmsaiten in einem Open-Air-Konzert seien eine wenig vorteilhafte Kombination. Entscheidender für den „Barockklang“ ist ohnehin der Bogen, weiß Raimondi und betont, dass es bei aller Bildlichkeit dieser Programmmusik darauf ankomme, die „zweite Ebene„ der „Idee dahinter“ mitzugestalten.

INFO: Die Konzerte finden am Samstag, 24. Juni. um 19.30 Uhr im Schlosshof Sachsenheim, am Sonntag, 25. Juni um 11:00 Uhr in der Frauenkirche in Lienzingen statt. Weitere Infos gibt es unter www.sueddeutsche-kammersinfonie.de.

Autor: Harry Schmidt

Vivaldi und Raimondi im Schlosshof

Sommerkonzert – Die „sueddeutsche kammersinfonie bietigheim“ bringt italienische Leichtigkeit nach Sachsenheim.

.All’ltaliana“ Ist das diesjährige Motto der Sommerkonzerte der „su­eddeutschen kammersinfonie bietigheim“. Am 24. Juni ist sie in Sachsenheim zu hören. Fotos: sueddeutsche kammersinfonie

Sachsenheim. Am Samstag, 24. Juni gibt die „sueddeutsche kammersinfonie bietigheim“ ein Kon­zert im Innenhof des Wasserschlosses. ,,All’ltaliana“ – italie­nisch und im heiteren Serenadenton – so lässt sich das Open-Air­ Konzert der Kammersinfonie überschreiben.

Vivaldi, Rota und Respighi

Im Mittelpunkt stehen „Der Frühling“ und „Der Sommer“ aus Vi­valdis „Vier Jahreszeiten“ mit der vielfach ausgezeichneten Geige­rin Rebecca Raimondi als Solistin. Die gebürtige Römerin studierte am Conservatorio Respighi in Latina (Italien) und an der Guildhall School of Music & Drama in London. Seit 2018 lebt sie in Frankfurt, wo sie bei Professorin Petra Müllejans Barockvioline studiert. Auf dem Programm stehen außerdem zwei weitere Werke italienischer Meister, die in unter­schiedlicher Weise die Atmosphä­re des Südens hör- und erlebbar machen: So werden in Ottorino Respighis „Antiche Danze ed Arie“ alte Tänze und Weisen in ein zauberhaftes, neues Klangge­wand gekleidet. Dagegen wählt Nino Rota kraftvollere Farben in Tönen und Rhythmen für sein mitreißendes „Concerto per Ar­chi“.

Die ltallenlsche Geigerin Rebec­ca Ralmondl trltt als Solistin bei den Konzerten auf.


Die „sueddeutsche kammersinfonie bietigheim“ gilt in ihrer Arbeitsweise als modellhaft für eine besondere Art des Musizie­rens und Konzertierens abseits der etablierten Berufsorchester.
Das Resultat dieser engagier­ten und konsequenten, projektbezogenen Orchesterarbeit mit qua­lifizierten Musikerinnen und Musikern ist – über die Professionalität hinaus – ein von Frische und jugendlichem Elan geprägtes, klangdifferenziertes Spiel. So ist die Kammersinfonie seit ihrer Gründung im Jahre 1984 unter der künstlerischen Leitung des Celi­bidache-Schülers Peter Wallinger zu einem hoch qualifizierten Klangkörper mit großer Ausstrah­lung gewachsen. Zahlreiche CDs innerhalb der Editionsreihe „Kammersinfonie live“ belegen den erreichten Standard.
Das Konzert beginnt um 19.30 Uhr. Einlass ab 18.30 Uhr (bei schlechter Witterung in der Mensa beim Schulzentrum). Karten gibt es im Vorverkauf für 18 Euro bei Schreibwaren Bader, beim Bürgerservice der Stadt, unter www.sachsenheim.de oder für 21 Euro an der Abendkasse. Wer das Sachsenheimer Konzert verpasst, hat am Sonntag, 25. Juli, um 11 Uhr eine zweite Chance. Dann gastiert das „sueddeutsche kammeror­chester bietigheim“ in der Lien­zinger Frauenkirche. bz

Tjeerd Top lässt die Violine singen

Reihe „Mühlacker Concerto“ endet mit fulminanter Zusammenstellung

Das begeisterte Publikum feiert mit großem Beifall und Jubelrufen den Solisten des Konzer­tes: der Starviolinist Tjeerd Top mit seiner Stradivari. Foto: Eva Filitz

Mühlacker. Die Süddeutsche Kammer­sinfonie Bietigheim hat am vergangenen Sonntag zu einem Konzert in den Uh­landbau eingeladen. Es war der Schluss­punkt der Konzertreihe „Mühlacker Concerto“. Mancher Freund „traditio­neller“ Klassik“ mag sich zweifelnd ge­fragt haben: Passt das zusammen? Ein Violinkonzert von Beethoven und eine Polonaise von Schubert wurden geboten, jeweils mit Solo-Violine. Dazu dann eine Kammersinfonie von Mieczyslaw Wein­berg? Wer aber war Weinberg?

Dirigent Simon Wallinger baute Brü­cken. Er überzeugte mit seinem klaren, unmissverständlichen Dirigat zunächst seine Musikerinnen und Musiker, die auch seinem kleinsten Fingerzeig folgten und so mit ihren facettenreichen Inter­pretationen das Publikum begeisterte. Mit dabei Tjeerd Top, Erster  Konzert­ meister im Königlichen Concertgebouw Orchester Amsterdam, der mit seiner Stradivari wahrlich zaubern konnte.

Zum Auftakt erklang Beethovens C-Dur-Violinkonzert. Nur 259 Takte hat er selbst komponiert – 1870 wurde das Fragment entdeckt, und war Anreiz für zahlreiche Komponisten, es zu vervoll­ständigen. Wallinger hatte die meistgespielte Version von Josef Hellmesberger (1879) gewählt, aus der das Allegro con brio erklang. Ganz still wurde es im Saal. Denn der Maestro an der Violine bot alles auf, was überhaupt mit diesem Instru­ment möglich ist furiose Tempi in mächti­gem Fortissimo, knackige Pizzicati, berauschende Klangfolgen, in die zartestes Piano einfloss, kaum noch hörbar, aber bis zum letzten Bogenstrich kristallklar und transparent. Das Cantabile in der Roman­ze verstand Top wörtlich und ließ seine Violine singen. Beschwingt und heiter lud er dann zum Tanz der Polonaise ein.

Ebenfalls staunenswert war das stets harmonische Zusammenspiel mit dem Orchester,das mitsichtbarer Spielf reude seinem Dirigenten „gehorchte“.

Wallinger tat gut daran die Zuhörer auf die nun folgende „Zeitenwende“ im Pro­gramm mit einführenden Worten vorzu­bereiten. „Weinberg hat viele Extreme ausgereizt. Seien Sie gefasst auf wilde Kampfszenen neben leisen Passagen bis hin zur Hörgrenze“, so der Dirigent. Es war tatsächlich ein enormer Kontrast zum bisherigen Programm. Weinberg ging neue Wege. Die Art, wie er die Stim­men, nur Streicher, ohne Bläser, nach und nach zu einem harmonischen Ganzen zu­sammenfügte, ließ sich dennoch erstaun­lich gut verstehen und ist dem Dirigenten zu verdanken, der behutsam, aber auch mit der vom Komponisten geforderten Kraft die mal fließenden, dann abrupten Klangfolgen entschlüsselte.

„Weinberg war heute unser Favorit“, äußerte sich ein Ehepaar aus Maulbronn, das seinen Namen nicht in der Zeitung lesen möchte. „Die Klangfarben der ein­zelnen Instrumente empfand ich viel prägnanter. Für mich war es ein völlig neues, ganz intensives Hörerlebnis“, er­klärte begeistert die Ehefrau.

Gemessen an dem Riesenbeifall zum Schluss, kann Mühlacker Concerto die­ses Konzert als großen Erfolg buchen. Warum nur rund 100 Musikfreunde den Weg in den Uhlandbau fanden, stimmt dennoch traurig.

Autorin: Eva Filitz

Saisonabschluss bietet unerhörte Klangwelten

Die Süddeutsche Kammersinfonie Bietigheim spielt unter der Leitung von Simon Wallinger und mit Tjeerd Top als Solisten.

Beeindruckender Solist mit beeindruckendem Instrument: Tjeerd Top.
Foto: Fotomoment

Mühlacker. Musikalische Raritäten standen am Sonntag im Mittelpunkt des Frühjahrskonzerts der Süddeutschen Kammersinfonie Bietigheim im Uhlandbau mit Simon Wallinger am Dirigentenpult.

Ludwig van Beethoven schuf als Zwanzigjähriger ein selten zu hörendes, erstes Violinkonzert in C-Dur, das nur als einsätziges Fragment erhalten ist, das aber als Frühwerk bereits alle charakteristischen Eigenschaften des Komponisten erkennen lässt. Eine brillante Interpretation des Soloparts lieferte Tjeerd Top, Erster Konzertmeister im renommierten Concertgebouw Orchester Amsterdam, auf seiner Stradivarius-Violine aus dem Jahre 1713. Insbesondere die Kantilenen in hoher Lage erklangen auf diesem edlen Instrument in vollendeter Schönheit.

Wie ein langsamer, intimer „Mittelsatz“ erklang im direkten Anschluss die Romanze in F-Dur opus 50 für Violine und Orchester von Beethoven. Ohne Unterbrechung durch Applaus, wie ein heiterer „Schlusssatz“ eines Violinkonzerts, folgte die Polonaise in B-Dur von Franz Schubert. Mit einem Wiegenlied der „Red Hot Chili Peppers“ bedankte sich Tjeerd Top für den reichen Beifall und verblüffte dabei das Publikum mit dem kunstvollen, gleichzeitigen Streichen und Zupfen der Saiten.

Eine weitere Besonderheit war nach der Pause, jetzt ohne Bläser, mit Mieczysław Weinbergs Kammersinfonie Nummer 3 von 1990 zu hören – einem faszinierenden Spätwerk von höchster Expressivität, in dem sich die bewegte Biografie des jüdischen Komponisten eindrucksvoll niederschlägt. Unerhörte Klangwelten eröffnen sich in dem 35-minütigen Werk in reiner Streicherbesetzung. Die Extreme reichen von leisesten Unisono-Passagen an der Hörschwelle bis zu gewaltigen, hochexpressiven Klanggebilden. Doch inmitten dieser bisweilen exzessiv bizarren Klangmassen offenbart sich immer wieder versöhnlicher Schönklang im reinen Streicherton.

Simon Wallinger hat sich mit spürbar großem Engagement dem anspruchsvollen Werk gewidmet und mit den hochmotiviert spielenden Musikern des Orchesters eine beeindruckende Interpretation gemeistert. Ein eher nachdenkliches Menuett von Schubert als Zugabe beschloss den eindrucksvollen Konzertabend. pm

Frühlingskonzert der Sueddeutschen Kammersinfonie in Mühlacker

Beeindruckender Auftritt bot einige Besonderheiten.

Nachwuchsdirigent Simon Wallinger, Sohn des Orchesterchefs Peter Wallinger, leitet die Sueddeutsche Kammersinfonie im Mühlacker Uhlandbau. Fotos: Fotomoment
Exzellenter Solist: Tjeerd Top spielt seine Stradivarius-Geige mit Elan.

Geschickte Überlegung bei der Programmgestaltung am Sonntagabend: Drei Orchesterstücke mit Violin-Solopart wurden sinnfällig wie ein dreisätziges Violinkonzert mit lebhaften Ecksätzen und langsamem Mittelsatz zu einer Einheit gefügt und ohne Pausenapplaus interpretiert. Zudem veredelte ein exzellenter Solist die Wiedergabe. Tjeerd Top, der in Mühlacker dank mehrerer Gastauftritte gut bekannte Konzertmeister des Concertgebouw-Orchesters Amsterdam, spielte mit Elan und klangschöner Klarheit auf seiner Stradivarius-Geige. Nicht das geringste Nebengeräusch oder Krätzerchen waren zu hören.

Das Frühjahrskonzert der Sueddeutschen Kammersinfonie im Uhlandbau hatte freilich weitere Besonderheiten zu bieten. Nachwuchsdirigent Simon Wallinger, der Sohn des Orchesterchefs Peter Wallinger, leitete den gesamten Konzertabend. Vor der Pause die erwähnten, in ihrer Dynamik so unterschiedlichen Kompositionen: Ludwig van Beethovens selten zu hörendes, schwungvolles Violinkonzert-Fragment in C-Dur (Wo 05), von dem nur ein „Allegro con brio“ existiert. Anschließend Beethovens populäre Romanze F-Dur (op. 50), ein romantisches Bravourstück mit samtweichem Solopart, und zum Schluss Franz Schuberts tänzerische Polonaise B-Dur (D 580). Eine Bläsergruppe bereicherte die frühlingshaft hellen Klanglandschaften. Als Zugabe offerierte Top das kunstvoll-virtuose, zerbrechlich-zarte Solostück „Porcelain“ aus seiner neuen CD „Fragile“.

Leidenschaftliches Engagement

Nach der Pause präsentierten sich das Orchester, das nun als reines Streicherensemble agierte, und sein jugendlicher Dirigent mit spürbar leidenschaftlichem Engagement für das musikalische Extreme ausreizende Werk des polnisch-jüdischen Komponisten Mieczyslaw Weinberg (1919-1996). Der wenig bekannte Meister ist – wie Wallinger einleitend bemerkte – eine Entdeckung und besitzt eine bewegte, sich in seinen Kompositionen niederschlagende Biografie. Sein Oeuvre umfasst auch vier Kammersinfonien, von denen beim Frühlingskonzert die 1990 entstandene Nr. 3 (op. 151) als Fortsetzung des angekündigten „Weinberg-Zyklus“ geboten wurde.

Der schwermütige erste Abschnitt „Lento“ setzte mit Unisonogesang der Violinen ein, dunkles Bass-Geraune folgte. Einen starken Kontrast dazu bildete der zweite Satz. Das rasante „Allegro molto“ rauschte mit kämpferisch-wildem Klanggetümmel vorbei und mündete in dreifaches Fortissimo ein. Ein klangseliges „Adagio“ und ein „Andantino“ mit eingeschobenem Violinsolo, das sich wie eine intensive Erlösungssuche anhörte, fügten sich an. Eine rätselhafte Musik, die auch das herzlich applaudierende Publikum tief beeindruckte.

Autor: Eckehard Uhlig