2015
Meisterlich interpretierte Klavierkonzerte
Pianisten-Schwestern Marina und Magdalena Müllerperth gefeiert
Strahlend schönes Klavierkonzert Nr. 2 von Mendelssohn Bartholdy

Selten erlebt man ein Orchester, das sich mit solcher Hingabe in den Dienst der Solisten stellt, wie die sueddeutsche kammersinfonie bietigheim unter der Leitung ihres Chefs Peter Wallinger. Freilich konzertierte in Mühlacker nicht irgendwer, sondern die Pianisten-Schwestern Marina (19) und Magdalena (22) Müllerperth, die – als geborene Pforzheimerinnen in Maulbronn-Schmie aufgewachsen und in der Senderstadt zur Schule gegangen – in der Region einen herausgehobenen Stellenwert genießen.
Feurig flott, die Folklore-Akzente rhythmisch betont, stimmte die Kammersinfonie im restlos ausverkauften Uhlandbau mit Ungarischen Tänzen von Johannes Brahms auf das Festkonzert ein. Dann interpretierte Marina Müllerperth zusammen mit dem Ensemble Joseph Haydns Klavierkonzert D-Dur (Hob XVIII:11). Mit lebendiger Dynamik aber nicht aufdringlich hämmernd, gab sie den ersten Satz („Vivace“), lyrisch-nachdenklich, mit schön ausgearbeiteter eigener Kadenz den zweiten („Un poco adagio“). Im Finale („Rondo all’ Ungarese“) brillierte die Jungpianistin mit Tempo und flüssigem, teils gezacktem Laufwerk sowie einem fulminanten Abschluss.
Ihre Zugabe, Maurice Ravels „Alborada del gracioso“, erwies sich als farbintensives, mit versierter Technik vorgetragenes Virtuosenstück.
Nach der Pause spielte Magdalena Müllerperth Felix Mendelssohn Bartholdys Klavierkonzert Nr. 2 in d-Moll (op.40), wobei Peter Wallinger am Pult und das Orchester alles daran setzten, die attraktive Meisterpianistin auch musikalisch ins rechte Licht zu rücken. Und das strahlte in Mühlacker besonders hell: spannungsgeladen-federnd ihr Anschlag, leidenschaftliches Auftrumpfen im „Allegro appassionato“, geradezu romantisch verträumt die in geschmeidigen Übergängen modellierte Klangstruktur im „Adagio. Molto sostenuto“. Schließlich steigerte sich Magdalena Müllerperth nach explodierendem Orchesterauftakt kraftvoll attackierend in die wuchtige Stretta des abschließenden „Presto scherzando“ hinein.
Dass sie es auch ganz anders kann, ohne dramatischen Impetus, demonstrierte die Solistin mit Johann Sebastian Bachs ruhig fließender „Gigue“ (aus der Französischen Suite Nr. 5). Am Ende dankte das Publikum mit begeistertem Applaus.
Eckehard Uhlig
Zwei Stars und eine Sternstunde
125 Jahre Elser Gruppe: Jubiläumskonzert des Mühlacker Tagblatt im Uhlandbau bietet ein besonderes klassisches Highlight

Foto: Fotomoment
„Der Anblick des lichterprangenden Saales war herrlich. Die Musik war eine Erquickung. Die Stimmung der Gäste war festlich gehoben.“ Sätze wie diese aus dem Artikel zur Uhlandbau-Eröffnung, den der Dürrmenz-Mühlacker Bote am 29. Oktober 1921 seinen Leser präsentierte, könnten in etwas schlankeren Worten auch heute in seiner Nachfolger-Zeitung Mühlacker Tagblatt stehen. Den vielen Sternstunden, die die Besucher seither im Gebäude erlebt haben, hat die Elser Gruppe mit ihrem Jubiläumskonzert eine weitere hinzugefügt.
Mühlacker. Fritz und Adolf Busch, Rudolf Serkin und Carl Orff: Der Uhlandbau hat in seiner Geschichte große Stars der Musikszene gesehen. Stars der Zukunft gehörte am Samstagabend die Bühne.
Die aus Schmie stammenden Pianistinnen Marina und Magdalena Müllerperth, längst auf internationaler Ebene erfolgreich, wurden bei ihrem mit Spannung erwarteten Heimspiel von rund 450 Zuhörern gefeiert. Niemand freute das mehr als Hans-Ulrich Wetzel, den Geschäftsführer der Elser Gruppe Druck und Medien, der den Auftritt der Künstlerinnen im Rahmen der Reihe „Mühlacker Concerto“ von langer Hand vorbereitet hatte. Das Jubiläumskonzert, der Auftakt zu weiteren Veranstaltungen zum 125-jährigen Bestehen der Elser Gruppe, finde nicht zufällig im Uhlandbau statt, verwies Wetzel auf die bedeutende Rolle, die das Haus von Beginn an in der Berichterstattung gespielt habe. Im Artikel zur Eröffnung hatte der Geschäftsführer zudem einen ganz persönlichen Bezug entdeckt: Hedwig Händle, die Schwester seines Großvaters, habe damals einen dichterischen Festgruß vorgetragen.
Gedichte bekamen die Gäste im ausverkauften Haus, darunter Oberbürgermeister Frank Schneider, Bürgermeister Winfried Abicht und Regierungsdirektor Karl-Heinz Zeller vom Enzkreis, nicht zu hören, dafür aber die „Leidenschaft der Töne“. Dieses Konzertmotto hatte Dirigent Peter Wallinger ausgerufen, der mit der Unterstützung engagierter Sponsoren den Uhlandbau vor rund einem Jahrzehnt aus dem Dornröschenschlaf geweckt hat. Für diesen „überaus wichtigen kulturellen Anstoß“ gebühre Wallinger „ein außerordentlich großer Dank“, betonte Hans-Ulrich Wetzel.
Der Initiator der Festivals „Musikalischer Sommer“ und „MühlackerConcerto“ gab den Dank umgehend in Gestalt dreier Perlen der romantischen Musik zurück. Die „Ungarischen Tänze“ Nummer 1, 5 und 6 von Johannes Brahms werden wegen ihres Ohrwurm-Potenzials häufig gespielt. Ihnen mehr als die bekannten Facetten zu entlocken, gleicht einer Herausforderung, der sich Peter Wallinger und seine in allen Stimmen hochkarätig besetzte Süddeutsche Kammersinfonie Bietigheim vom ersten Takt an gewachsen zeigten. So fielen die präzise platzierten Einwürfe der Holzbläser ebenso angenehm auf wie die Freude der Streicher am exotisch anmutenden Kolorit, für das Brahms etwa mit Akzenten auf unbetonten Taktzeiten, übermäßigen Intervallen oder der Anweisung sorgt, entgegen gängiger Spielkonventionen den Ton auf der zweiten Bogenhälfte stark anschwellen zu lassen. Bei allem Temperament, das die Musiker unter Wallingers Leitung entfalteten, blieb der Klang durchlässig genug, um die zarten Töne der Triangel vernehmen zu können.
Ähnlich gut disponiert agierte das Orchester in Joseph Haydns D-Dur-Klavierkonzert Hob XVIII:11. Dem frischen, von einem Quartsprung geprägten Hauptmotiv des ersten Satzes wussten die Streicher als Gegenpol fragende und von überbordendem Vibrato freie Töne entgegenzusetzen. Der Boden für die Solistin Marina Müllerperth, die im Herbst ihr Studium an der Karlsruher Musikhochschule aufgenommen hat, war bereitet. Sie griff das Thema ebenso zupackend wie bewusst artikulierend auf und kostete das Wechselspiel mit dem Orchester aus. Rasante Läufe in der rechten Hand gestaltete sie so transparent, dass das häufig in der linken Hand angesiedelte Quartmotiv genügend Raum gewinnen konnte. Von Souveränität, Selbstverständlichkeit, organischen Bewegungen und dem Verzicht auf große Gesten waren auch die beiden von der jungen Künstlerin selbst komponierten Kadenzen im ersten und zweiten Satz gekennzeichnet.
Konnte Marina Müllerperth im abschließenden Satz „Rondo all’ Ungarese“, der sich schon zu Haydns Lebzeiten großer Beliebtheit erfreute, bereits mit spritzigen Vorschlagsnoten, dynamischer Differenzierung auch in höchstem Tempo und sicher gesetzten Akzenten überzeugen, so ließ sie nach dem lange anhaltenden Beifall des Publikums in einer Zugabe ihrer Virtuosität endgültig freien Lauf. In Maurice Ravels „Alborada del Gracioso“ wirbelten die Finger wie entfesselt über die Tasten des Steinway-Flügels. Für die Fähigkeit, atemberaubend schnelle Tonrepetitionen sowohl mit unbestechlicher Präzision als auch mit der Fröhlichkeit eines aufgeweckten Singvogels umzusetzen, erntete sie erneut Bravorufe.
Sein zweites Klavierkonzert schrieb Felix Mendelssohn Bartholdy während seiner Flitterwochen. Kein Wunder, dass der erste Satz die Bezeichnung „Allegro appassionato“ trägt. Die vom Komponisten geforderte Leidenschaft ließen vom ersten dunkel gefärbten D-Moll-Takt an weder die Süddeutsche Kammersinfonie Bietigheim noch die Solistin Magdalena Müllerperth vermissen. Die 22-Jährige präsentierte sich als reife Interpretin eines anspruchsvollen Werks, die – vom Orchester mal dezent begleitet, mal ausdrucksstark angefeuert – die Emotionen in Töne fasste und dabei die technischen Anforderungen fast vergessen machte. Ihr wandlungsfähiger Anschlag erlaubte ihr ein schwebendes Legato ebenso wie harfenähnlich gezupfte Töne, perlende Läufe und wuchtig gehämmerte Oktaven. Gleichsam ein Lied ohne Worte sang die Solistin im langsamen Satz gemeinsam mit dem Orchester, in dessen Reihen die Flötistin Dr. Christina Dollinger zu finden war. Sie hatte zuvor im bis auf den letzten Platz gefüllten Turmzimmer die Werke des Konzerts vorgestellt und für den dritten Satz ein „Klavierfeuerwerk“ angekündigt. Ein solch feuriges und dennoch mit allen Vorgaben des Brandschutzes im Einklang stehendes Ereignis krönte den Abend. Magdalena Müllerperth, die nach Jahren in den USA ihre Studien nun in Berlin fortsetzt, nahm das energiegeladene Motiv des Orchesters auf und ließ wahrhaft die Funken sprühen. Dabei vergaß sie nicht, auch lyrische Passagen so zu gestalten, wie es sich der frisch verheiratete Mendelssohn vermutlich gewünscht hätte. Zu erfüllen galt es nun nur noch den Wunsch des ausdauernd applaudierenden Publikums nach einer Zugabe. Die Solistin überraschte mit Bach, aus dessen fünfter französischer Suite sie Gigue und Sarabande vortrug.
Die begeisterten Besucher nahmen mehr mit nach Hause als einen Faksimile-Druck des Dürrmenz-Mühlacker Boten vom 29. Oktober 1921: die Gewissheit, dass auch im 21. Jahrhundert Sternstunden der Musik in Mühlacker zu erleben sind.
Carolin Becker
Eine reise in Wort und Ton
Beim Neujahrskonzert der „sueddeutschen kammersinfonie“ in der Bietigheimer Kelter standen am Sonntag sowohl französische Fabeln als auch ein norwegischer Klagegesang auf dem Programm.

Mit freudigem Applaus bedankten sich die Besucher des traditionellen Neujahrskonzerts der „sueddeutschen kammersinfonie bietigheim“ am Sonntag in der Bietigheimer Kelter für ein heiteres, im wahrsten Sinne fabelhaftes Programm, das Orchesterleiter Peter Wallinger arrangierte.
Musik und Wort, in diesem Fall waren es Fabeln aus der Feder des französischen Dichters Jean de la Fontaine, der bis 1695 lebte, verbanden sich darin zu einem Gesamtkunstwerk.
Nathalie Cellier und Peter Steiner vom Xenia-Theater in Karlsruhe rezitierten in deutscher und französischer Sprache die originellen, lehrreichen, aber auch amüsanten Fabeln des französischen Dichters. Sie verstanden es, die Texte lebendig vorzutragen.
Passend zur jeweilig dargebotenen Fabel hatte Peter Wallinger für das Konzert mit dem Titel „Voyage fabuleux – eine fabelhafte Reise in Wort und Ton“ Kompositionen aus verschiedenen Epochen ausgewählt, die von den Musikern der „sueddeutschen kammersinfonie bietigheim“ im gewohnt hell leuchtenden Streicherklang aufgeführt wurden. Auf die Fabel „Das Huhn mit den goldenen Eiern“ folgte zum Beispiel die Komposition „La Poule“, einem Konzert in g-moll von Jean Philippe Rameau, dem französischen Zeitgenossen von Johann Sebastian Bach.
Sehr ernst war der Charakter des Tongedichts für Streichorchester mit dem Titel „Furuenes Sang“, zu Deutsch „Gesang der Tannen“, des 1952 geborenen norwegischen Komponisten Halvor Haug. Er schrieb das elegische, keineswegs leicht zu erfassende Werk im Jahr 1987, als er mit ansehen musste, wie vor den Fenstern seines Hauses ein ganzer Tannenwald gerodet wurde. „Es sind die im Sterben begriffenen Bäume, die den Gedanken hinter dem Werk bilden“, notierte Haug dazu. Das in äußerst verhaltenen Tempi musizierte, noch im tonalen Bereich angesiedelte Stück wirkte düster und weltentrückt und wurde vom Orchester geradezu andachtsvoll, jedoch in warmer, dichter Klangpracht ausgeführt. Davor hörten die Besucher die Fabel „Der Tod und der Holzfäller“.
Nach der heiteren, von dem Sprecherduo ungemein fröhlich und mit dem Gesang eines Chansons aus Paris umrahmten Rezitation der Fabel „Die Grille und die Ameise“ standen zwei Sätze aus „Die Jahreszeiten“, Opus 37a, von Peter Iljitsch Tschaikowsky auf dem Programm, die von der Kammersinfonie bewegt und in vollendetem Streicherglanz dargeboten wurden. Im „Lied der Lerche“ konnte sich Konzertmeisterin Sachiko Kobayashi als feinstimmig musizierende Violinvirtuosin einbringen. Nach der szenischen Darstellung der Fabel „Der Rabe und der Fuchs“ erklang aus dem Tschaikowsky-Zyklus noch ein beschwingt und unbeschwert gespielter Walzer.
Mit einer delikaten, beglückend nuancenreichen Interpretation der Serenade in G-Dur, KV 525, von Wolfgang Amadeus Mozart, weithin bekannt als „Eine kleine Nachtmusik“, schloss das Neujahrskonzert unter lang anhaltendem Beifall.
Dafür hörten die Besucher noch je eine musizierte und gesprochene Zugabe. Nathalie Cellier bekundete ihre Solidarität mit den Opfern des Terroranschlages auf die Zeitschrift „Charlie Hebdo“ in Paris, indem sie erklärte, die Freude über diese kulturelle Veranstaltung widme sie ihnen. Der spontane Applaus ließ erkennen, dass sich die Besucher diesem Gedenken anschlossen.
Rudolf Wesner
„Voyage fabuleux“ – eine fabelhafte Reise
Neujahrskonzert der sueddeutschen kammersinfonie bietigheim im Mühlacker Uhlandbau
Mühlacker. Oft gleichen Neujahrskonzerte einem sich wiederholenden Ritual: Hier Strauß-Walzer-Träume samt Radetzky-Marsch, dort Beethovens „Neunte“. Etwas einfallsreicher präsentieren Peter Wallinger und seine sueddeutsche kammersinfonie ihrem Mühlacker Publikum Neujahrsgrüße – in Form einer spritzigen Melange aus Text und Musik. Zusammen mit den Schauspielern Nathalie Cellier & Peter Steiner vom deutsch-französischen Xenia-Theater servierten die Musiker heuer eine „Voyage fabuleux“, eine fabelhafte Reise in Wort und Ton.
In meisterlicher Deklamation, aufgelockert durch dialogisches Spiel, rezitierten die beiden Theater-leute teils in kristallklarem Französisch, teils in deutscher Übersetzung vier berühmte Fabeln von Jean de La Fontaine. Darunter „La Cigale et la Fourmi“ (Die Grille und die Ameise), wobei Cellier die Stimme der singenden Cigale im heiteren Stil französischer Chansons nachahmte, und „Le Corbeau et le renard“ (Der Rabe und der Fuchs). Hier setzte sich der Rabenvogel, der aus Eitelkeit seinen duftenden Käse verspielt, mit Glitzerschmuck, Perücke und Rüschenbluse verkleidet, charmant in Szene.
Mit Wallinger am Pult musizierte die Kammersinfonie zu der Fabel „Das Huhn mit den goldenen Eiern“ Jean-Philippe Rameaus barock-lautmalerisch sehr lustig auf das Hühnergegacker anspielen-des G-Moll-Konzert „La Poule“. Zur Fabel „Der Tod und der Holzfäller“ interpretierte das mit 16 Streichern besetzte Ensemble den zeitgenössischen, zuweilen schrill-dissonanten, in manchen Passagen aber auch klangschön mit feinem Violin-Gesang durchsetzten „Furuenes Sang“ (Gesang der Tannen) des norwegischen Komponisten Halvor Haug. Zu den beiden anderen Fontaine-Fabeln erklangen tänzerisch ausgefeilte Barkarolen und Walzer von Peter Tschaikowsky aus dessen „Jahreszeiten““ (op.37a).
Ein Ohrwurm-Rausschmeißer, Wolfgang Amadeus Mozarts „Kleine Nachtmusik“, rundete das Mühlacker Neujahrskonzert im ausverkauften Saal des Uhlandbaus musikalisch schwungvoll ab.
Eckehard Uhlig
Wort und Musik verbinden sich zu einem Gesamtkunstwerk
Fabelhaftes Programm beim Neujahrskonzert der Süddeutschen Kammersinfonie Bietigheim im Murrer Bürgersaal unter der Leitung von Peter Wallinger

Mit freudigem Applaus bedankten sich die Besucher des Neujahrskonzerts der Süddeutschen Kammersinfonie Bietigheim am Samstagabend im Murrer Bürgersaal für ein wahrhaft fabelhaftes Programm, das Orchesterleiter Peter Wallinger arrangiert hatte.
Nathalie Cellier und Peter Steiner vom XeniaTheater in Karlsruhe rezitierten in deutscher und französischer Sprache die lehrreichen und gleichzeitig sehr amüsanten Fabeln des französischen Dichters Jean de la Fontaine. Sie verstanden es eindrucksvoll, die Texte lebendig und akzentuiert vorzutragen, so dass sich Musik und Wort zu einem feinsinnigen Gesamtkunstwerk verbanden.
Passend zur jeweilig dargebotenen Fabel hatte Peter Wallinger Kompositionen aus Barock, Spätromantik und Gegenwart ausgewählt, die von den Musikern der Kammersinfonie im gewohnt hellleuchtenden Streicherklang zu Gehör gebracht wurden.
Auf die Fabel „Das Huhn mit den goldenen Eiern“ folgte zum Beispiel die Komposition „La Poule“, ein Konzert in g Moll von Jean Philippe Rameau, dem französischen Zeitgenossen von Johann Sebastian Bach. Sehr ernst war der Charakter des Tongedichts für Streichorchester mit dem Titel „Furuenes Sang“, zu deutsch „Gesang der Tannen“, des 1952 geborenen norwegischen Komponisten Halvor Haug. Er schrieb das elegische, keineswegs leicht zu erfassende Werk 1987, als er mit ansehen musste, wie vor den Fenstern seines Hauses ein ganzer Tannenwald gerodet wurde.
„Es sind die im Sterben begriffenen Bäume, die den Gedanken hinter dem Werk bilden“, notierte Haug dazu. Das in äußerst verhaltenen Tempi musizierte und noch im tonalen Bereich angesiedelte Stück wirkte düster und weltentrückt und wurde vom Orchester geradezu andachtsvoll, jedoch in warmer, dichter Klangpracht ausgeführt. Davor hörten die Besucher die Fabel „Der Tod und der Holzfäller“.
Nach der heiteren Fabel „Die Grille und die Ameise“ standen zwei Sätze aus „Die Jahreszeiten“, Opus 37a, von Tschaikowsky auf dem Programm, die bewegt und in vollendetem Streicherglanz dargeboten wurden. Im „Lied der Lerche“ konnte sich Konzertmeisterin Sachiko Kobayashi als virtuos musizierende Violinsolistin einbringen. Auf die szenische Darstellung der Fabel „Der Rabe und der Fuchs“, die gleichfalls eindrucksvoll humorig von Nathalie Cellier und Peter Steiner vorgeführt wurde, folgte aus dem TschaikowskyZyklus noch ein beschwingt und unbeschwert gespielter Walzer.
Mit einer delikaten, nuancenreichen Interpretation von Mozarts kleiner Nachtmusik schloss das Neujahrskonzert unter lang anhaltendem Beifall. Gestern Nachmittag führte die Süddeutsche Kammersinfonie dieses abwechslungsreiche Programm auch in der Kelter in Bietigheim auf.
Rudolf Wesner
Streicher bringen die Saiten zum Singen
Murr. Die Süddeutsche Kammersinfonie Bietigheim hat zum Neujahrskonzert unter dem Motto „Voyage fabuleux“ – fabelhafte Reise – in den Bürgersaal geladen. Zwei Schauspieler haben dazu Fabeln des Dichters Jean de la Fontaine dargeboten.

Ein Konzert der Extraklasse hat rund 150 Gäste am Samstagabend im Bürgersaal in Murr erwartet. Die Süddeutsche Kammersinfonie Bietigheim hatte zum Neujahrskonzert unter dem Motto „Voyage fabuleux“ – fabelhafte Reise – geladen. Und das war durchaus wörtlich zu nehmen. Zu fabelhafter Musik standen Fabeln des Dichters Jean de la Fontaine auf dem Programm, die die Schauspieler Nathalie Cellier und Peter Steiner vom Xenia-Theater in einer charmanten deutsch-französischen Mischung darboten – und dabei „die Musikalität der französischen Sprache“, wie es der Murrer Kulturreferent Matthias Bader in seiner Begrüßung formulierte, zu Gehör brachten. Musik und Wort gingen so eine inhaltlich wie akustisch harmonische Beziehung ein.
Im Hauptberuf spielen die Musiker um den Dirigenten und künstlerischen Leiter Peter Wallinger in großen Orchestern wie der Staatsoper oder den Philharmonikern. „Hier in diesem kleinen Rahmen aufzutreten, ist für sie etwas ganz Besonderes“, sagte Wallinger. Erst eine Woche vorher haben sie begonnen, intensiv gemeinsam zu proben.
Dass Profis auf der Bühne saßen, hörte man schon bei den ersten Tönen. Wie die Streicher, allen voran Konzertmeisterin und Solistin Sachiko Kobayashi, die Saiten nicht nur zum Klingen, sondern zum Singen brachten, war ein echter Hörgenuss. Vom vogelleichten Pianissimo bis hin zum fulminanten Fortissimo entstiegen die Töne scheinbar mühelos den Violinen, Bratschen, Celli und dem Kontrabass. Da wurde, passend zur zuvor rezitierten Fabel „Das Huhn mit den goldenen Eiern“, das Bild eines Huhns, „la poule“, des Komponisten Jean-Philippe Rameau mit Noten gemalt – mal eifrig pickend, mal aufgeregt flatternd. Auf „Der Tod und der Holzfäller“ folgte das schwermütige „Furuenes Sang“, Gesang der Tannen, des zeitgenössischen norwegischen Komponisten Halvor Haug, das durch seinen ständig wechselnden Rhythmus und die gewollten Dissonanzen das ganze Können der Musiker forderte.
Mühelos schafften es im Anschluss die beiden Schauspieler, die Zuhörer mit ihrer drolligen Interpretation von „Die Grille und die Ameise“ wieder zum Lachen zu bringen. Nathalie Cellier sang mit unbefangener Heiterkeit als Grille „Sous le ciel de Paris“ – unter dem Himmel von Paris –, während Peter Steiner als griesgrämige Ameise ihr riet, da sie im Sommer gesungen statt gearbeitet habe, möge sie nun tanzen, um sich ernähren zu können. Origineller Schluss, der erst nach Tschaikowskys „Barkarole“ folgte: „Die Grille tanzte so gut, dass sie sich ein Haus im Süden kaufen konnte.“ An den Gesang der Grille schloss sich Tschaikowskys „Lied der Lerche“ an. Bei einer modernen Interpretation von „Der Rabe und der Fuchs“ schwatzte Peter Steiner seiner Kollegin ganz beiläufig keinen Käse, aber ihren gesamten Schmuck ab. Der Walzer aus Tschaikowskys „Die Jahreszeiten“ und Mozarts „Kleine Nachtmusik“ bildeten den krönenden Abschluss. Als Zugabe gab es „Der Frosch, der so groß sein wollte wie ein Ochse“ und den Mittelteil des Menuettos aus der Kleinen Nachtmusik.
Ein berührender Moment kam noch ganz am Ende. Nathalie Cellier widmete das Lied „Sous le ciel de Paris“ und „die Freude, die wir heute Abend hier geteilt haben“ den Opfern der Pariser Attentate.
Sabine Armbruster