an Peter Wallinger, Leiter der sueddeutschen kammersinfonie
„Jetzt weltweit zu hören“
Wie war bislang die Resonanz auf Ihre Online-Konzerte?
Die Resonanz war außerordentlich groß. Wir bekamen begeisterte Rückmeldungen sogar aus den USA und aus Rumänien. Das ist ja das Plus dieser Online-Konzerte: Unsere Musik kann weltweit gehört werden. Eine gute Aufnahmequalität ist halt sehr wichtig, und da scheuen wir keine Mühe…
Welche Videoaufzeichnung steht als nächste an?
Wir werden auch unser Frühjahrskonzert mit Werken von Antonio Vivaldi, Samuel Barber, Mieczyslaw Weinberg und Antonin Dvořák aufzeichnen und ab dem Sonntag, 14. März ins Netz stellen. Als Solisten konnten wir den fantastischen Geiger Tjeerd Top, Konzertmeister im Concertgebouw Orchester Amsterdam, gewinnen.
Welches Konzert hoffen Sie, live spielen zu können?
Wir werden hoffentlich unsere Konzertreihe „Musikalischer Sommer“ in der spätgotischen Frauenkirche Lienzingen mit sechs Sonntags-Matineen am 13. Juni wieder live starten können.
Die neue CD der Süddeutschen Kammersinfonie Bietigheim dokumentiert einen Querschnitt der Coronasaison.
Bietigheim-Bissingen. Wie gewohnt legt die Süddeutsche Kammersinfonie Bietigheim (SKB) auch 2021 zu Jahresbeginn eine Blütenlese der vergangenen Saison vor – mit „Live 2020“ schon zum fünfzehnten Mal, die Jubiläumseditionen nicht eingerechnet. Das ist umso bemerkenswerter, als auch Peter Wallingers 1984 ins Leben gerufenes Projektorchester pandemiebedingt unter einer stark eingeschränkten Konzerttätigkeit zu leiden hatte. Einiges, wie die traditionellen Frühjahrstermine, fiel aus, anderes konnte, wenn auch unter strengen Vorgaben (Instrumentalisten auf Abstand, dadurch reduzierte Besetzung, eingeschränkte Publikumskapazitäten), stattfinden.
Das Adventskonzert schließlich vor leeren Stühlen und laufenden Kameras. Dennoch stellt das bei diesem Anlass gegebene A-Dur-Klavierkonzert (KV 414) von Wolfgang Amadeus Mozart hier den strahlenden Höhe-und Schlusspunkt dar. Denn Magdalena Müllerperth erweist sich als ideale Interpretin der von Mozart angestrebten Balance zwischen Leichtigkeit und Virtuosität.
Qualitäten in Reinkultur
Das kommt nicht von ungefähr: Mit diesem Werk hatte die 1992 in Pforzheim geborene Pianistin, die eine langjährige Zusammenarbeit mit Wallinger verbindet, ihren ersten öffentlichen Auftritt – die Kadenzen der Ecksätze hat die seinerzeit Zehnjährige selbst geschrieben. Auch Ursula Schoch, die Solistin in Johann Sebastian Bachs die CD eröffnendem Violinkonzert E-Dur (BWV 1042) ist ein „Produkt“ der Wallinger-Schule: Die gebürtige Ludwigsburgerin besuchte dessen Musikunterricht im Bietigheimer Ellentalgymnasium, bevor sie 1990 ihr solistisches Debüt bei den Ludwigsburger Schlossfestspielen gab. Hier wie in Bachs Doppelkonzert in d-Moll (BWV 1043), wo ihr mit Tjeerd Top ein weiterer Violinsolist zur Seite steht, der wie Schoch eine Konzertmeisterposition beim Amsterdamer Concertgebouw-Orchester bekleidet, zeigt sie sich als brillante Interpretin dieser in der Tradition Vivaldis stehenden Barockklangpracht, kongenial begleitet von der Continuogruppe unter Führung des Freiburger Cembalisten Ricardo Magnus. Die klanglichen Qualitäten der SKB in Reinkultur erfährt der Hörer in Anton Bruckners Adagio Ges-Dur.
Konzert mit der Süddeutschen Kammersinfonie Bietigheim Solist Michinori Bunya und Schauspieler Johann-Michael Schneider
Neujahrskonzert ohne Livepublikum, aber mit viel musikalischem Niveau: das Orchester „sueddeutsche kammersinfonie bietigheim“ mit dem Solisten Michinori Bunya. Foto: Mammel
Mühlacker. Die bei Alt und Jung beliebten Neujahrskonzerte konnten in diesem Jahr infolge des zweiten Corona-Lockdowns nicht live in Konzerthäusern, Kirchen oder Kulturzentren stattfinden. Deshalb haben die Veranstalter – von der Nordsee bis nach Wien, von Berlin bis ins Erzgebirge – nach alternativen Möglichkeiten gesucht, die aufführungsreifen Programme kulturbegeisterten Konzertbesuchern dennoch zugänglich zu machen. So ist 2021 das Jahr der Live-Streams und Online-Konzerte, auch für Peter Wallinger und die Süddeutsche Kammersinfonie Bietigheim. Das zur guten Tradition gewordene musikalisch-literarische Programm wurde am Freitag in der historischen Kelter in Bietigheim als Video aufgezeichnet und ist seit Sonntag ins Netz gestellt, wo es über die Webseiten www.sueddeutsche-kammersinfonie.de oder www.muehlacker-klassik.de/muehlacker-concerto kostenfrei nachgehört werden kann.
Und das lohnt sich! Peter Wallinger, der mit klug durchdachten Programmzusammenstellungen jedes Mal für Überraschungen gut ist, hat mit dem Motto des diesjährigen Neujahrskonzerts „Tutti – Soli“, in sinnreicher Anspielung auf die aktuell sehr angespannte Situation des Einzelnen inmitten der Pandemie, ein Programm auf die Beine gestellt, das es in sich hat. Zwischen Werken von Antonio Vivaldi, Franz Schubert und Ottorino Respighi, sind, großartig rezitiert von dem Berliner Schauspieler Johann-Michael Schneider, kurze Gedichte und Texte von Christian Morgenstern und Rainer Maria Rilke bis hin zu Paul Celan, Mascha Kaléko und Ernst Jandl eingeflochten.
Der Star des Neujahrskonzerts ist aber Michinori Bunya, einer des gefragtesten Kontrabassisten unserer Zeit. Das musikalische Zwiegespräch zwischen seinem solistischen Spiel und dem Streichertutti ergibt gleichsam eine weitere Ebene des Veranstaltungstitels „Tutti – Soli“. Den Besuchern des zweiten Sommerkonzertes in der Lienzinger Frauenkirche im Juni des vergangenen Jahres ist der gebürtige Japaner Bunya noch bestens in Erinnerung, als er zusammen mit dem Bratschisten Matthias Buchholz als „Grand Duo Concertante“ zu hören war.
Mit einer Delikatesse der barocken Literatur, dem Concerto grosso d-Moll op. 3 Nr. 11 von Antonio Vivaldi, beginnt das Neujahrskonzert. Forsch vorandrängend und sehr transparent treten die drei Solistinnen Sachiko Kobayashi, Andrea Langenbacher (Violinen) und Chihiro Saito (Cello) in einen beglückenden Dialog mit dem Streichertutti. Auch hier, innerhalb der Concerto-Concertino-Struktur, findet sich die Tutti-Solo-Thematik wieder. Im zweiten Allegro betont Peter Wallinger sehr schön den akzentreichen polyphonen Aufbau. Dem Largo hingegen fehlt vielleicht etwas die Ruhe, und es gerät etwas zu rasch. Virtuos und rauschhaft dann das abschließende Allegro.
In seiner Anmoderation gibt Johann-Michael Schneider dem Zuhörer noch weitere Interpretationen des Tutti-Solo-Gedankens mit auf den Weg durch das für coronageplagte Kulturliebhaber wohltuende einstündige Konzert: den zwar nicht hörbaren, aber umso stärker spürbaren Dialog zwischen Publikum und Musikern, dazu die philosophische Frage, wann ein Tutti zum Solo und wann ein Solo zum Tutti werde. Drei Arabesken von Hans Fryba für Kontrabass solo, dazwischen jeweils Lyrik von Ernst Jandl, Marie von Ebner-Eschenbach, Paul Celan und Mascha Kaléko setzen das farbenreiche Konzert fort. In Kalékos Gedicht „Sozusagen grundlos vergnügt“ heißt es: „Ich freue mich, dass ich mich an das Schöne und an das Wunder niemals ganz gewöhne“ und nimmt damit die Stimmung inmitten der Pandemie auf, dass wir dankbar sein müssen, wenigstens elektronisch das Schöne haben zu dürfen – und noch dankbarer hernach, wenn wir wieder Kultur live erleben können.
Durchwoben von weiterer Lyrik dann der Deutsche Tanz Nr. 3 D-Dur aus D 90 von Franz Schubert, danach das Adagio und Rondo von Johann Matthias Sperger für Kontrabass und Streichertutti und schließlich Ottorino Respighis „Antiche Danze ed Arie“ III. Suite, die der Süddeutschen Kammersinfonie besonders gut gelingt. Der Italiener Respighi evoziert in einer wunderbar innigen und liedhaften Klangsprache Bilder von Sonne und südlicher Leichtigkeit, nach denen wir uns alle so sehr sehnen.
Das Neujahrskonzert im Web ist quasi Nervennahrung in diesen so besonderen Zeiten. Ein Spendenaufruf auf das Konto der Süddeutschen Kammersinfonie ist nur zu verständlich und ein Obolus jedem, der es sich leisten kann, dringend empfohlen.
Neujahrskonzert der sueddeutschen kammersinfonie online. Kontrabassist Michinori Bunya begeistert mit seinem Spiel.
Kostenlos zu erleben: Peter Wallinger dirigiert die sueddeutsche kammersinfonie bietigheim mit dem Solisten Michinori Bunya. Foto: Theresa Mammel
Im Internet übertragene Video-Konzerte aus der „digital concert hall“ gibt es nicht nur aus Berlin, wo die Philharmoniker das Format für historische Aufnahmen 2009 erfunden haben, sondern – Corona sei’s geschuldet – auch von Peter Wallingers sueddeutscher kammersinfonie ohne Publikum aus der Kelter in Bietigheim-Bissingen.
Nach seinem erfolgreichen Adventskonzert (die PZ berichtete) folgt nun das – in analogen Zeiten bei der MühlackerConcerto-Reihe traditionsreiche – Neujahrskonzert, das sich hinter den übermächtigen großen Veranstaltern nicht zu verstecken braucht. Denn Wallinger und sein Team präsentieren eine Sensation: Michinori Bunya, einen der renommiertesten Kontrabassisten. Bunya, der sich im Konzert-Video sowohl solistisch (mit Hans Frybas „Arabesken für Kontrabass“) als auch zusammen mit dem Orchester („Adagio und Rondo für Kontrabass und Streicher“ von Johannes Matthias Sperger) vorstellt, ist eine Wucht.
Beim Spiel der selten zu hörenden Originalkompositionen scheint Bunya, über den Bass-Corpus gebeugt, mit seinem Instrument verwachsen, jedenfalls eine Einheit zu sein. Die Interpretation der technisch anspruchsvollen Arabesken changiert zwischen rhythmisch betonten Schrittfolgen in hohen Lagen, satten Tonfarben und melancholisch verhaltenem Gleiten über die Saiten. Stets versuchen die Stücke die Improvisation der klassischen Musik Arabiens nachzuempfinden. Die beiden zusammen mit Wallingers einfühlsam begleitendem Ensemble gebotenen Sperger-Sätze zelebrieren im Adagio einen klangsatten Trauerton, im temperamentvollen Rondo mit Springbögen, Doppelgriffen und Flageoletts atemberaubende solistische Virtuosität. Besonders in den Großauf-nahmen des Solisten hört das Auge mit, indem es dessen Konzentration und Ergriffenheit dem Höreindruck zuordnet.
Mit gewohnter Souveränität musiziert das Orchester unter Wallingers Leitung in Wiedergaben aus dem Repertoire – Vivaldis Concerto grosso op.3 (Nr.11), Schuberts Deutschen Tanz Nr.3 (aus D 90) und Respighis Suite Antiche Danze.
Der Berliner Schauspieler Johann-Michael Schneider leitet das Konzert mit hintergründigem Wortspiel zum Konzert-Motto „Tutti-Soli“ ein und rezitiert zwischen den Musiknummern erheiternde Texte und lyrische Preziosen von Ernst Jandl, Marie von Ebner-Eschenbach, Paul Celan, Mascha Kaléko, Giacomo Leopardi und Christian Morgenstern. Das hört und sieht man sehr gern. Chapeau. www.muehlacker-klassik.de/muehlacker-concerto
Videoaufzeichnung des Neujahrskonzerts der Süddeutschen Kammersinfonie Bietigheim mit Dirigent Peter Wallinger
Videoaufzeichnung mit großem technischem Aufwand in der Bietigheimer Kelter. Theresa Mammel und Vivien Betz stehen hinter der Kamera.Peter Wallinger dirigiert die Süddeutsche Kammersinfonie Bietigheim mit Solist Michinori Bunya am Kontrabass. Foto: Holm WolschendorfSchauspieler Johann-Michael Schneider rezitiert Gedichte.Tonmeister Thomas Schmidt ist voll konzentriert.
Bietigheim. Im Halbkreis und auf Abstand um ein flaches Podest gruppiert, stehen zwölf Stühle am Kopfende der historischen Kelter in Bietigheim, davor die Notenpulte – ebenerdig, denn dieses Konzert benötigt nicht die Erhöhung durch ein Podium. Wie bereits anlässlich des Adventskonzerts im Dezember hat sich Peter Wallinger auch für das traditionelle Neujahrskonzert der Süddeutschen Kammersinfonie Bietigheim (SKB) zu einer Videoaufzeichnung entschlossen, die nun bis mindestens bis Ende Januar auf der Homepage des Ensembles abrufbar bleibt. „Das ist recht aufwendig – auch finanziell –, aber wir scheuen keine Mühe für den Erhalt unserer Musik- und Orchesterkultur“, betont der Gründer und Leiter der SKB.
Weil der heimische Bildschirm somit zur Bühne des Konzerts werde, habe man sich die Freiheit genommen, den kompletten Raum der Kelter als solche zu bespielen, erläutert Johann-Michael Schneider die Konzeption des Events unter dem Titel „Tutti – Soli …“. Dieser lasse sich durchaus nicht nur im musikalischen Sinn, sondern auch metaphorisch verstehen, so Schneider. Ohne das Wort Pandemie zu nennen, trifft er den Nagel auf den Kopf: Schließlich wird einem durch diese vieler Selbstverständlichkeiten beraubten Zeit das komplexe Verhältnis von Kollektiv zu Individuum nochmals ganz anders und eindrücklich vor Augen geführt.
Drei Kameras im Einsatz
Während Wallinger den Ablauf der Aufzeichnung mit Theresa Mammel durchgeht, die das Konzert mit drei Kameras einfängt, tröpfeln nach und nach maskierte Musikerinnen und Musiker in der Kelter ein. Tonmeister Thomas Schmidt hat vor jeder Streichergruppe ein Mikrofon aufgebaut, zusätzlich drei Schallwandler für den Raumklang auf einem hohen Stativ platziert. Bald erklingen Einspielgeräusche aus jeder Ecke der Kelter, Chihiro Saito, Stimmführerin der Celli in der SKB, macht sich mit Dehnübungen warm. Wie Konzertmeisterin Sachiko Kobayashi zählt die Japanerin zu den Gründungsmitgliedern des renommierten Lotus String Quartetts, die Vertrautheit ihrer musikalischen Kommunikation trägt maßgeblich zu den Qualitäten der Kammersinfonie bei. Etwa im Kopfsatz des elften Konzerts aus dem Opus 3 von Antonio Vivaldi: Das d-Moll-Konzert ist das populärste des 1711 veröffentlichten, immens einflussreichen Zyklus „L’Estro Armonico“ und ein Musterbeispiel des Concerto grosso, von der SKB ungemein vital und bravourös musiziert.
Auch in der Anspielprobe braucht Wallinger nicht viele Worte, um dem Orchester seine Auffassung zu vermitteln: Die Körpersprache des 70-Jährigen ist nuanciert und präzise – mal geht er geschmeidig in die Knie, mal steigt er auf Zehenspitzen. Seine Interpretationen sind von intimer Werkkenntnis geprägt, folgen aber stets einem ausgeprägten Sinn für markant-lebendige Gestaltung: „Vivaldi möge verzeihen, wenn er sich’s anders vorgestellt hat.
Interessante Kombinationen
Charakteristisch für Wallinger auch die Entdeckerfreude, mit der er Geläufigeres mit seltener gehörten Werken kombiniert, um dabei Gemeinsamkeiten und Verwandtschaften ans Licht zu bringen: Auch die dritte Suite aus Ottorino Respighis 1932 uraufgeführten „Antiche Danze ed Arie“ widmet sich dem Zusammenspiel von Tutti und Soli, allerdings unter neoklassizistischen Vorzeichen.
Virtuose Soli sind auch Schneiders Gedichtrezitationen: Anstelle langatmiger Erklärungen bringt der Berliner Schauspieler zwischen den Musikdarbietungen hochkompetent Texte von Paul Celan, Mascha Kaléko und Christian Morgenstern zum Klingen. So trifft Ernst Jandls Wortakrobatik in „Chanson“ auf Hans Frybas „Drei Arabesken für Kontrabass solo“ (1946), meisterhaft interpretiert von Michinori Bunya, dem musikalischen Solisten des Programms. Auch in Johannes Matthias Spergers Adagio und Rondo, kombiniert aus dem 15. und 18. Kontrabasskonzert des Beethoven-Zeitgenossen, spielt der sonore Wohlklang seines über 300 Jahre alten Testore-Instruments mit impulsiven, spieltechnisch höchst herausfordernden Kantilenen die Hauptrolle – mustergültig eingebettet in glänzende, gestochen scharf konturierte Tutti der SKB. Ein auf allen Ebenen hochkarätig besetztes Neujahrskonzert, dessen mannigfaltige Bezüge und Verbindungen auch online einleuchten.