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Rafael Wallinger

Flirrend-bunter Bilderreigen in der Frauenkirche Lienzingen

Mit einer Weltpremiere gastieren die Harfenistin Anne-Sophie Bertrand und die Süddeutsche Kammersinfonie Bietigheim in Lienzingen.

Die Solistin Anne-Sophie Bertrand. Foto: Astrid Ackermann/p

Bietigheim-Bissingen. „Es ist alles dreimal so viel Arbeit, aber wir lassen nicht locker“, sagt Peter Wallinger. „Daten der Besucher wollen erfasst, Hygienekonzepte erstellt und Abstandsregelungen umgesetzt werden – das ist schon ein Riesenaufwand“, so der Dirigent der Süddeutschen Kammersinfonie Bietigheim (SKB). „Aber wir verzeichnen auch eine riesengroße Nachfrage.“

Bereits im Juni gastierten das Marimba-Duo Katarzyna Mycka und Conrado Moya, das Lotus String Quartet und Gaby Pas-Van Riet, die ehemalige Soloflötistin des RSO Stuttgart, bei seiner Konzertreihe „Musikalischer Sommer“ in der Lienzinger Frauenkirche – das Eröffnungskonzert konnte erst am Vortag genehmigt, musste aufgrund der reduzierten Platzkontingente dann aber zweimal gespielt werden, um allen Kartenwünschen nachkommen zu können. Auch der nach wie vor rege Zuspruch, den die kostenfrei abrufbaren Videoaufzeichnungen der SKB erfahren, sowie die anhaltende Unterstützung durch private Spendenzuwendungen stimmen Wallinger zuversichtlich. Von staatlichen Förderprogrammen habe die SKB, trotz einiger Bemühungen, hingegen nicht profitieren können. Umso erfreulicher, dass Wallinger auch am Format der „Sommerlichen Serenade“ festhält, die als nächste Episode des „Musikalischen Sommers“ heute Abend und morgen Vormittag in der Frauenkirche ansteht. Dass das Konzert nicht wie in den Jahren zuvor auch in Sachsenheim gegeben wird, liege indes daran, dass die Stadt alle Veranstaltungen im ersten Halbjahr frühzeitig abgesagt habe, erklärt Wallinger. Dabei handelt es sich bei der diesjährigen Serenade um ein besonders „ambitioniertes Vorhaben“ (Wallinger): Mit „L’Oiseau bleu“ für Harfe und Streicher (op.89) kommt ein neues Werk des britisch-französisch-israelischen Komponisten Nimrod Borenstein erstmals zu Gehör. Gewidmet der Harfenistin Anne-Sophie Bertrand, sollte das „höchst filigrane Werk“ ursprünglich im vergangenen Jahr bei einem Festival in Cardiff uraufgeführt werden. Nachdem dies pandemiebedingt nicht stattfinden konnte, ging die Soloharfenistin des hr-Symphonieorchesters Frankfurt mit der Idee, die Weltpremiere mit den Streichern der SKB zu realisieren, auf Wallinger zu, mit dem sie eine langjährige Zusammenarbeit verbindet. Auf die Empfehlung Bertrands hin kam es zum persönlichen Kontakt zu Borenstein – letzte Woche sei man in einer intensiven Videokonferenz die Partitur zusammen durchgegangen, erzählt Wallinger. In der Überlagerung verschiedener Rhythmen polyrhythmisch angelegt, berge „L’Oiseau bleu“ einige Herausforderungen für die Musiker.

Zudem gefalle ihm, dass es „nicht abstrakt“ ist, sondern unterschiedliche Bilder – Walzer, Märchenhaftes, Dramatisches – abruft. Umgekehrt handle es sich aber auch nicht um Programmmusik: „Da hört man keinen blauen Vogel flattern“ – der Name sei erst nachträglich entstanden: eine Impression. Von dort aus ergab sich ein Bezug zu Claude Debussy („Danse sacrée et Danse profane“) einerseits, zu Pablo Casals’ „El cant dels Ocells“ (Der Gesang der Vögel) andererseits. Umgeben von einer Klammer aus Joaquin Turinas „La Oración del Torero“ und Edward Elgars „Serenade e-moll“ (op. 20), soll ein „flirrender, bunter“ Programmbogen entstehen, ein Bilderreigen gewissermaßen, der „die Leichtigkeit des Seins“ feiert, verspricht Wallinger.

Info: Sommerliche Serenade der SKB mit Anne-Sophie Bertrand heute (19 Uhr) und morgen (11 Uhr) in der Frauenkirche Lienzingen. Vorbestellungen sind unter Telefon (07043)958393 und per E-Mail unter susanne@boekenheide.net möglich. Eine Impf- oder Testnachweispflicht besteht nicht.

Autor: Harry Schmidt

Helle Freude in dunklen Zeiten

Das Online-Adventskonzert der sueddeutschen kammersinfonie bietigheim

Hochklassige Solistin: Magdalena Müllerperth. Foto: Theresa Mammel

Bietigheim-Bissingen. Auch die Verlagerung des Kulturlebens ins Internet hat zwei Seiten: Zwar haben die Erfahrungen der vergangenen Monate gezeigt, dass das Online-Erlebnis das Livekonzert nicht ersetzen kann. Dennoch ist es – durch die Pandemie beschleunigt und in gewisser Analogie dazu exponentiell wachsend – ein zunehmend bedeutsamer Teil des Kulturlebens geworden, der uns auch, wenn Corona schon wieder Geschichte geworden ist, weiterhin begleiten dürfte. Nicht als Ersatz, sondern als Ergänzung: Schließlich ermöglicht virtuelle Präsenz, Kultur unabhängig von Ort und Zeit zu erfahren, was zu einer Vergrößerung der Reichweite führen kann. Zudem unterstreicht der dafür nötige Aufwand auch den der Kultur zugemessenen Stellenwert.

Insofern höchsterfreulich und verdienstvoll, dass auch die Süddeutschen Kammersinfonie Bietigheim (SKB) sich in den Reigen der Online-Darbietungen einreiht. Jeder kann nun in der Vorweihnachtszeit selbst bestimmen, wann und wo er das traditionelle Adventskonzert der SKB genießen will. Und um einen hochkarätigen Musikgenuss handelt es sich allemal: Einmal mehr hat Peter Wallinger für sein 1984 gegründetes, über die Jahrzehnte jedoch stets verjüngtes Ensemble ein stimmig durchdachtes Programm entworfen. Magdalena Müllerperth, im saphirblauen Hosenanzug, verneigt sich vor dem imaginären Publikum im Kronensaal, bevor sie als Solistin in Wolfgang Amadeus Mozarts A-Dur-Klavierkonzert (KV 414) glänzt.

Andächtig wandert ihr Blick immer wieder nach oben, als sie nach dem Orchestervorspiel im Allegro die Kantilenen der empfindsamen, sich an Gesanglichkeit gegenseitig übertrumpfenden Hauptthemen zelebriert. Ganz in sich gekehrt gestaltet die 28-jährige Pianistin das elegische Andante, einer Hommage Mozarts an seinen Mentor Johann Christian Bach, der Anfang 1782, ein Dreivierteljahr vor der Niederschrift dieses außergewöhnlich melodiösen Klavierkonzerts, das heute zu seinen beliebtesten zählt, verstorben war – mit den nach Moll modulierten Passagen des Mittelteils gestaltet Müllerperth einen der berührendsten Momente dieses bewegenden Adventskonzerts. Umso ausgelassener dann wieder die vergnügten Trillerverzierungen im heiteren Rondofinale – auch das Tänzerische kommt ihr spürbar entgegen.

Die Innigkeit, mit der die in Pforzheim geborene Pianistin Mozarts 12. Klavierkonzert präsentiert, kommt nicht von ungefähr: Im Alter von zehn Jahren hatte sie mit diesem Werk ihren ersten öffentlichen Auftritt – die Kadenzen der Ecksätze hat sie seinerzeit selbst geschrieben. Den Beifall spenden die Musikerinnen und Musiker der SKB, mit Mozarts „Zwölf Variationen in C-Dur über das Lied ‚Ah, vous dirai-je, Maman‘“ (KV 265) nimmt Müllerperth, die eine langjährige Zusammenarbeit mit Wallinger verbindet, mit ihrer Zugabe direkt auf den Anlass Bezug: Hierzulande singt man „Morgen kommt der Weihnachtsmann“ auf diese Melodie.

Auch Wallingers Interpretation von Franz Schuberts fünfter Sinfonie (D 485) mit einer hochmotivierten und hellwachen SKB unter Konzertmeisterin Sachiko Kobayashi besticht durch sorgfältige Gestaltung, die Liebe zum Detail mit dem Blick fürs große Ganze vereint; exquisit die Traversflötenpassagen von Verena Guthy-Homolka in der 1816 entstandenen B-Dur-Sinfonie des Mozart-Bewunderers. Von Wallinger unter Konzertbedingungen, ohne Wiederholungen, realisiert und von Theresa Mammel mit drei Kameras dokumentiert, bereitet diese Aufzeichnung jedem Freund der Wiener Klassik eine helle Freude in dunklen Tagen.

Internet: www.sueddeutsche-kammersinfonie.de

Autor: Harry Schmidt

Wohltuender Schönklang zum Advent

Pianistin Magdalena Müllerperth brilliert bei Mozart-Klavierkonzert.
Online-Auftritt mit Süddeutscher Kammersinfonie.

Mit geschlossenem Gesamtklang und schöner Transparenz in den Einzelstimmen spielte die Süddeutsche Kammersinfonie Bietigheim unter der Leitung von Peter Wallinger im Kronenzentrum Bietigheim. FOTO: MAMMEL

BIETIGHEIM-BISSINGEN. Heimisches Wohnzimmer statt Konzertsaal: Die Süddeutsche Kammersinfonie Bietigheim unter der Leitung von Peter Wallinger und die Solistin Magdalena Müllerperth konnte man zwar nicht live beim Adventskonzert im Uhlandbau Mühlacker erleben, aber im Netz gibt es nun eine im Bietigheimer Kronenzentrum mitgeschnittene Aufzeichnung als kostenloses Angebot. Mit guten Lautsprechern oder Kopfhörern ein lohnendes Konzerterlebnis.

Das im Frühjahr noch recht umfangreiche Programm des Adventskonzerts wurde im Lauf des Jahres den Corona-Einschränkungen angepasst, zusammengestrichen und geändert, erzählt Magdalena Müllerperth im Interview. Die Wahl fiel vor zwei Monaten schließlich auf das Klavierkonzert A-Dur KV 414 von Mozart und die Sinfonie Nr. 5 B-Dur D 485 von Schubert.

Das Klavierkonzert ist eines der ersten, das die hochbegabte Pianistin im Alter von zehn Jahren gespielt hat. Mozart schrieb es 1782 für eigene pianistische Auftritte. Es ging darum, den Publikumsgeschmack, aber auch den Nerv von Kennern zu treffen, erläuterte die Musikwissenschaftlerin Christina Dollinger in ihrer sehr informativen Einführung.

In jedem seiner drei Sätze hat das Klavierkonzert neue Hörerlebnisse zu bieten. Das Allegro überrascht mit drei Themen, von denen das Soloklavier aber nur zwei übernimmt. Magdalena Müllerperth arbeitete mit ihrem technisch ausgefeilten, lyrisch interpretierenden Spiel die heitere Leichtigkeit, die Verzierungen und Läufe umwerfend heraus. Die Kammersinfonie mit geschlossenem Gesamtklang und schöner Transparenz in den Einzelstimmen agierte unter dem konzentrierten, unaufgeregten und einfühlsamen Dirigat von Peter Wallinger als gleichberechtigter Partner. In der von Müllerperth 2001 – im Alter von neun Jahren – geschriebenen Kadenz greift sie spielerisch das dritte Thema auf, ein gelungener Kunstgriff.

Im Andante erweist Mozart seinem 1782 verstorbenen Förderer Johann Christian Bach eine musikalische Reminiszenz – ein getragener Ausdruck der Trauer, verbunden mit schönen, wehmütigen Erinnerungen. Der brillante Höhepunkt ist das abschließende Rondeau, in dem sich ein vergnügtes Thema in einen liedhaften Aufbau mit Strophen (Couplets) und Refrains verwandelt. Auch hier setzte die in Maulbronn-Schmie aufgewachsene Künstlerin mit einer eigenen Solokadenz mit perlenden Läufen einen bemerkenswerten Schlusspunkt. Als Zugabe passend zum zweiten Advent spielte die Pianistin „Morgen Kinder, wird’s was geben“ in einer Vielzahl virtuoser Variationen.

Franz Schubert schrieb seine Sinfonie Nr. 5 B-Dur D 485 1816 mit 19 Jahren und macht hier seine Begeisterung für Mozart zum Inhalt. Vieles erinnert an den verehrten Meister, ohne ihn jedoch nachzuahmen. Schubert setzt auf schlichte Zartheit und Melodik, man könnte sagen, er antwortet auf Mozarts funkelnde Brillanz mit biedermeierlicher Idylle.

In den vier Sätzen (Allegro – Andante con moto – Menuetto – Allegro molto-Trio – Allegro Vivace) ist unüberhörbar, dass Schubert ein begnadeter Liedkomponist war. Aus kantablen Linien wird eine Musik von großer Leichtigkeit und Heiterkeit. Unerwartete Modulationen zwischen Dur und Moll, ein Menuett, in dem sich ein stampfender Volkstanz und ein heiterer Ländler finden, tänzerische Themen, die jäh dramatisch umkippen, das alles macht die Sinfonie zu einem wohltuenden, die Sinne aufheiternden Hörerlebnis. Der dankbare und begeisterte Beifall der virtuellen Zuhörer ist den Musikern gewiss.

Das Konzert im Internet: www.muehlacker-klassik.de/muehlacker-concerto  

Uta Volz

Konzertgenuss via Computer

Beim Auftritt der sueddeutschen kammersinfonie bietigheim überzeugen Künstler und Technik

Die Pianistin Magdalena Müllerperth beim Online-Konzert    

Bietigheim/Mühlacker. Das traditionelle Adventskonzert der sueddeutschen kammersinfonie bietigheim fiel in diesem Jahr etwas anders aus als sonst: Ohne Zuschauer, dafür als aufgezeichneter Stream auf den Computern zahlreicher Zuhörer: Über 300 Aufrufe hat das Video bereits zu verzeichnen. Es ist unter www.muehlacker-klassik.de/muehlacker-concerto beziehungsweise www.sueddeutsche-kammersinfonie.de zu sehen.

Der Dank des Orchesters und seines Dirigenten Peter Wallinger ging dabei vorneweg an diejenigen, die dieses „außergewöhnliche Projekt“ finanziell unterstützt haben – Förderverein, Kulturamt Bietigheim, die Regierungspräsidien in Stuttgart und Karlsruhe und vor allem auch „allen unseren Unterstützern aus Mühlacker“. Gemeinsam haben sie dieses Konzert erst möglich gemacht, ein schönes Bild auch für das, was in diesen nicht immer ganz einfachen Zeiten zählt: zusammenhalten und kreativ werden. Darauf kommt es an. Dann öffnen sich auch neue Perspektiven und vieles wird möglich. In dem Fall ein Konzertgenuss, über die Bildschirme direkt nach Hause serviert.

Zu verdanken ist das in dem Fall natürlich besonders auch dem Team hinter dem Orchester, sprich: Thomas Schmidt, der sich für die Tonmischung verantwortlich zeichnete, sowie Theresa Mammel, die sich um einen adäquaten Schnitt verschiedener Kameraperspektiven kümmerte, mit denen mal das Ensemble in der Totalen, mal einzelne Musiker während des Spiels ganz nah zu sehen waren. Optisch klug komponiert, zog es einen als Zuschauer damit quasi mitten hinein auf die Bühne, mitten hinein in das filigrane und akzentuierte Spiel, das nicht nur das Orchester, sondern vor allem auch die Solistin Magdalena Müllerperth am Flügel auszeichnete.

Das wurde schon in den ersten Minuten des im Kronenzentrum Bietigheim aufgezeichneten Konzerts deutlich, beim Klavierkonzert A-Dur, KV 414, von Wolfgang Amadeus Mozart. Ein vielschichtiges Werk mit vielen feinen Nuancen, das wunderbar als Einstieg in dieses Konzerterlebnis diente. Präsentierte sich das Orchester zunächst einfühlsam und fast verhalten dezent, entwickelte sich allmählich ein virtuoses Miteinander, bei dem nicht zuletzt die aus Schmie stammende Müllerperth mit ihrem überaus präzisen und nachhaltig akzentuierten Spiel begeisterte. Hingebungsvoll ging sie in dem Werk auf, das sie förmlich mit Leben füllte – in dem Fall dank der Kameraperspektive auch sehr schön an ihrer Mimik abzulesen. Auch das ist natürlich ein Vorteil einer solchen Aufzeichnung, wenn sie Einsichten zeigt, die man im Live-Charakter in dieser Nähe nur bedingt hat. Die Süddeutsche Kammersinfonie wiederum war Müllerperth ein kongenialer Partner, als das Ensemble beispielsweise den zweiten Satz besonders inniglich und mit einer fesselnden Tiefe eröffnete und damit auch dessen Charakter eindrucksvoll zum Ausdruck brachte.

Mit den Variationen in C-Dur über das Lied „Ah! Vous dirai-je, Maman“ setzte Müllerperth im Mittelteil einen weihnachtlichen Akzent, eingeleitet durch die geradezu heiter beschwingte Interpretation des Liedes, das in Deutschland als „Morgen kommt der Weihnachtsmann“ besser bekannt ist. Dessen Motiv griff sie später in verschiedenen Facetten und Tempi auf und lieferte eine bemerkenswerte Bandbreite an Charakteristika vom förmlich in sich gekehrten Moment bis hin zur lebendig-forschen Ausgelassenheit. Auch hier wieder sehr präzise intoniert, verbunden mit dem richtigen Feingefühl für dynamische Erfordernisse, die dem Werk seine klanglich beeindruckend variantenreiche Vielfalt und Schönheit verlieh.

Das Konzert abgeschlossen hat das Orchester mit einem der beliebtesten Orchesterwerke von Franz Schubert: Es erklang die Sinfonie Nummer 5 in B-Dur, bei der die sueddeutsche kammersinfonie bietigheim ihre Stärken in Sachen Spielfreude und Homogenität ausspielen konnte, ein vielfach anmutiger Moment, der auch manche Schwermütigkeit in diesen Corona-geprägten Tagen schnell vergessen lassen kann.

Es war damit auch ein passender Schlussakzent für dieses rund 75-minütige Konzert, das nicht zuletzt eines gezeigt hat: Mit dem richtigen Team im Hintergrund und der passenden Technik ist eine solche Online-Übertragung ein echter Gewinn. Nur eines fehlte am Ende natürlich: Der Applaus des Publikums.

Stefan Friedrich

Aufmunternd in Corona-Zeiten

· Jahres-CD „live 2020“ der sueddeutschen kammersinfonie.
· Neues Album bietet begeisternde Musikprogramme.

Klingt einfach gut: die aus Maulbronn-Schmie stammende Magdalena Müllerperth, zu sehen auch im Konzertvideo.  Foto: Mammel 
Liebevolle, sanfte Zwiesprache: Ursula Schoch und Tjeerd Top. Foto: Privat

Mühlacker. Johann Sebastian Bachs berühmte Violinkonzerte, aber auch Mozarts Klavierkonzert A-Dur (KV 414), sind im Tonträger-Musikmarkt alles andere als Raritäten. CD-Aufnahmen dieser Höhepunkte bereiten den Klassik-Fans aber dann große Freude, wenn sie – gerade in Corona-Zeiten mit ihren einschränkenden Bedingungen – von herausragenden Solisten musiziert werden, die den regionalen Orchester-Ensembles und traditionellen Spielstätten verbunden sind. Die Jahres-CD „live 2020“ von Peter Wallingers sueddeutscher kammersinfonie bietigheim, die sich mit ihren Auftritten beim „Musikalischen Sommer“ in Lienzingen, beim „Mühlacker Concerto“, in der Ötisheimer Kelter, in Pforzheim oder Maulbronn einen Namen gemacht hat, dokumentiert solche Ereignisse. Erstaunlich, was Wallinger und sein Organisationsteam den misslichen Umständen an begeisternden Musikprogrammen abgetrotzt haben.

Unter Wallingers Leitung interpretieren seine Kammersinfonie und die Geigerin Ursula Schoch Bachs E-Dur-Violinkonzert (BWV 1042) mit barock funkelnder Klangpracht, zu der auch die Lienzinger Frauenkirche als Aufführungsort akustisch ihren Beitrag leistet. Die Concertgebouw-Konzertmeisterin spielt mit tragender Eleganz und klangsatten Farben in den schnellen Ecksätzen, im „Adagio“ sind ihre Melodie-Linien verhangen und weich. Die Wiedergabe von Bachs Violin-Doppelkonzert d-Moll (BWV 1043), die sie mit ihrem Kollegen Tjeerd Top präsentiert, erfreut mit solistischer Rasanz. Die geigerische Zwiesprache der Beiden im „Largo“ entfaltet sich geradezu liebevoll und sanft. Und das Orchester kommentiert stets mit aufmerksamem Verständnis.

Das im Bietigheimer Kronenzentrum ohne Publikum aufgeführte – und auch als Internet-Video festgehaltene – Mozart-Klavierkonzert mit Magdalena Müllerperth am Flügel ist eine Klasse für sich. In der reduzierten Orchester-Fassung wiedergegeben, bleibt das Werk für jedes Ensemble nicht ohne Tücken, weil mit der „kleinen Truppenstärke“ alle Unschärfen herauszuhören sind. Wallinger und seine Instrumentalisten haben damit freilich keine Probleme. Und was die Pianistin macht, klingt einfach gut. Die erfrischend heiteren Passagen, die lyrisch nachdenklichen Tonfolgen und die temperamentvollen Akzente wirken allesamt fein ausgehört. Die Phrasen sind sauber und rund, perlende Läufe und innige Kantilenen meisterlich ausgeführt. Zudem bietet die CD das in Lienzingen aufgeführte „Adagio Ges-Dur“ aus Anton Bruckners Streichquintett.

Die freundlich aufmunternde, den darbenden Künstlern finanziell helfende Silberscheibe ist im Sekretariat der Kammersinfonie unter Telefon (07043) 958393 oder per E-Mail an susanne@boekenheide.net für zwölf Euro erhältlich.

Die Früchte eines Corona-Jahres

Neue CD mit Konzertmitschnitten der Süddeutschen Kammersinfonie

Mühlacker/Bietigheim-Bissingen. „live 2020“ heißt die neue CD, die eine erfolgreiche Reihe bisher erschienener Konzertmitschnitte der Süddeutschen Kammersinfonie Bietigheim fortsetzt. Und bei der 18. Ausgabe ist der Titel in doppelter Hinsicht Programm: Er vermittelt, dass die enthaltenen Werke von Bach, Mozart und Bruckner ohne Netz und doppelten Boden live aufgenommen wurden. Er unterstreicht aber auch, dass die Kultur lebendig ist – trotz der Pandemie.
Peter Wallinger als Dirigent der Süddeutschen Kammersinfonie Bietigheim und Leiter der Klassikreihen „Musikalischer Sommer“ in Lienzingen und „MühlackerConcerto“ hat alles Menschenmögliche getan, um den Kulturfreunden statt den allgegenwärtigen Absagen Kunstgenuss bieten zu können. Dies geschah in Lienzingen mit einem speziellen Hygienekonzept. Im Spätherbst schließlich, als die Infektionszahlen kein Konzert vor Publikum mehr erlaubten, ließ er seine hochmotivierten, weiter als üblich voneinander entfernt sitzenden Musiker vor der Kamera auftreten und transportierte die Veranstaltung via Internet in viele Wohnzimmer.
Die Pandemie-bedingten Entbehrungen, unter denen Wallinger und seine Mitstreiter zu leiden hatten, sind der CD freilich nicht anzuhören. Fein ausbalanciert klingt Bachs Violinkonzert in E-Dur, in dem die Geigerin Ursula Schoch mit präziser Phrasierung und makelloser Intonation glänzt. Gemeinsam mit Tjeerd Top gewinnt sie dem bekannten Bach’schen Doppelkonzert neue Facetten ab, wobei die Süddeutsche Kammersinfonie Bietigheim ihrer Rolle als wettstreitendem Partner voll und ganz gerecht wird. Vor allem im mit federnder Energie gespielten dritten Satz entsteht eine Sogwirkung, die den Hörer mitten hinein versetzt ins wunderbar durchsichtige polyphone Musizieren.
Aufmerksamer Dialogpartner und einfühlsamer Begleiter ist das Orchester auch für die Pianistin Magdalena Müllerperth, die mit ihrer Interpretation des Klavierkonzerts A-Dur, KV 414, von Mozart aufhorchen lässt. Mal spritzig und perlend, mal mit langem Atem und kluger Linienführung erwecken Solistin und Kammersinfonie die unterschiedlichen Charaktere der Sätze zum Leben.
Ganz allein im Fokus stehen die Orchestermusiker in Anton Bruckners Adagio Ges-Dur aus dem Streichquintett, das sie mit Intensität und Hingabe gestalten.

Für die Mitglieder des Fördervereins „Mühlacker Klassik“ ist die CD „live 2020“ als Jahresgabe gratis. Käuflich zu erwerben ist sie über Buch-Elser an der Bahnhofstraße in Mühlacker und über das Sekretariat Susanne Bökenheide, Sternenfelser Straße 13, 75447 Sternenfels-Diefenbach, Telefon 07043/958393, E-Mail: susanne@boekenheide.net.

Carolin Becker

Mysteriöses trifft Populäres

Die dritte Videoproduktion der Süddeutschen Kammersinfonie Bietigheim

Solist Tjeerd Top Foto: Theresa Mammel

Bietigheim-Bissingen. Nachdemschon das Advents- und Neujahrskonzert pandemiebedingt ausschließlich im Internet verfolgt werden konnten, legt Peter Wallinger mit dem Frühjahrskonzert bereits die dritte Videoproduktion seiner 1984 gegründeten Süddeutschen Kammersinfonie Bietigheim (SKB) vor. Aufgezeichnet am 12. März in der historischen Kelter Bietigheim, führt der Programmbogen vom Barock bis in die Neuzeit.

Wenig ist bekannt über Vivaldis Violinkonzert in e-Moll (RV 278): Zu Lebzeiten unveröffentlicht, steht es auch heute noch im Schatten seiner populäreren Werke. Zu Unrecht, wie Wallinger mit der SKB und dem niederländischen Solisten Tjeerd Top hier aufzeigt: Wann hat man je einen kontrastreicheren Kopfsatz gehört als dieses Allegro molto? Und wann ein mysteriöseres Largo?

Vieles ist ungewöhnlich an diesem Konzert: Obwohl es dem Solisten einiges an Virtuosität abverlangt, gibt es ihm nie Gelegenheit, im Sinne einer echten Klimax zu triumphieren. Stattdessen schleichen sich immer wieder leise Dissonanzen ein. Wie stenografische Kürzel wirken die Kantilenen des abschließenden Allegro. Fulminant, wie Top, Konzertmeister beim Amsterdamer Concertgebouw-Orchester, dieses Enigma von einem Violinkonzert mit seiner Stradivari von 1713 gestaltet.

Ungemein populär dagegen: Samuel Barbers „Adagio for Strings“ (aus Op. 11). Wallinger nutzt die Gelegenheit, die Intonationsqualitäten seines Ensembles in Reinkultur zu entfalten.

In Mierczyslaw Weinbergs Concertino für Violine und Orchester (Op. 42) brilliert wiederum Top als Solist: In seiner Anlage bewusst einfach gehalten, geht es hier vor allem darum, auf dem schmalen Grat der Klangschönheit zu wandeln, ohne in den Abgrund des Banalen abzugleiten, eine Herausforderung, die jenseits spieltechnischer Anforderungen liegt und von Top bravourös gemeistert wird.

Den folkloristischen Gestus des 1948 entstandenen Concertinos des in die Sowjetunion geflohenen Polen und Schostakowitsch-Vertrauten, ebenso jüdischer Herkunft wie Barber, nimmt Wallinger mit Antonin Dvořáks Walzer in A-Dur (Op.54, Nr. 1) auf, wendet damit aber die Stimmung vom Melancholischen ins Versöhnliche.

Indem Wallinger Stücke wie Sätze behandelt und in einem System strukturaler Ähnlichkeiten und Gegensätze über mehrere Achsen aufeinander bezieht, entsteht ein Programm, dessen Binnenstruktur einem Konzert im Sinn des musikalischen Formbegriffs gleicht.

Autor: HARRY SCHMIDT  

Elegie mit leichter Frühlingsbrise

Facettenreiches Online-Konzert der Süddeutschen Kammersinfonie          
Violin-Solist Tjeerd Top spielt virtuos auf kostbarer Stradivari.

Peter Wallinger dirigiert die Süddeutsche Kammersinfonie Bietigheim souverän und mit großem Einfühlungsvermögen.  Foto: Mammel 
Bravouröse Technik: Tjeerd Top, Konzertmeister des Concertgebouw Orchesters Amsterdam. Foto: Mammel

Mühlacker. Elegie, Melancholie, Trauer – sind das die richtigen Ingredienzien für ein Frühjahrskonzert? Aber ja, wenn sie mit optimistischen Anklängen angereichert sind. Die Süddeutsche Kammersinfonie Bietigheim unter Leitung von Peter Wallinger hatte für ihr drittes kostenloses Online-Konzert mit dem Violin-Solisten Tjeerd Top ein facettenreiches Programm zusammengestellt und zwei selten gespielte Werke mit zwei bekannten Kompositionen kombiniert. Musikwissenschaftlerin Christina Dollinger führte kenntnisreich in das ungewöhnliche Programm ein.

Antonio Vivaldi (1678-1741) schrieb in Prag 1730/1731 sechs sehr unterschiedliche Werke, zu denen das selten gespielte Violinkonzert e-Moll RV 278 gehört. Die Freude des Komponisten an den Möglichkeiten seines Instrumentes zeigt sich in Bravour-Techniken wie Doppelsaitengriffen, Akkordübergängen in den höchsten Registern und rasanten Tempi.

Im düsteren Largo verwandelt sich die mit melodiös-tänzerischen Teilen wechselnde elegische Stimmung des ersten Satzes in tiefe, sehr intim anmutende Melancholie. Der Satz überrascht mit ungewohnter, fast experimentell wirkender Harmonik. Der Finalsatz ist geprägt vom reizvollen Zwiegespräch zwischen Theorbe (Barocklaute, gespielt von Thomas Boysen) und Solovioline sowie leidenschaftlich ausbrechenden Phrasen.

Tjeerd Top, Konzertmeister des Concertgebouw Orchesters Amsterdam, spielte virtuos und präzise auf einer Stradivari aus dem Jahr 1713 mit einem wunderbar warmen und voluminösen, gleichzeitig aber auch transparenten Klang. Die Süddeutsche Kammersinfonie Bietigheim unter dem angenehm zurückhaltenden Dirigat Wallingers agierte als souveräner und flexibler Partner.

Der Amerikaner Samuel Barber (1910-1981) ist durch eine einzige Komposition bekanntgeworden: das Adagio für Streicher op. 11, ein Arrangement aus einem Streichquartett. Es gilt als die Trauermusik schlechthin und wurde bei Beerdigungen von Prominenten (US-Präsident Roosevelt, Gracia Patricia und Rainier II. von Monaco, Albert Einstein) gespielt, im Gedenken an die Anschläge auf New York 2001 aufgeführt und wiederholt als Filmmusik verwendet.

Seine Eindrücklichkeit entsteht durch die unaufgeregte Wiederholung eines sich nach oben schraubenden Dreitakt-Motivs, das durch alle Stimmen hindurch variiert wird und in einer offenen Phrase endet.

Der polnische Jude Miezcysław Weinberg überlebte als einziger seiner Familie den NS-Terror und konnte nach Moskau fliehen. In seinem Concertino op. 42 verarbeitet er wehmütig-schöne Erinnerungen, die überschattet sind von Kriegserlebnissen.

Obwohl tonal angelegt, lebt die Komposition von reizvollen, gleitenden Modulationen, einer um die zentralen Tonarten schweifenden Musiksprache. Das Orchester ist dem immer wieder virtuos geforderten Solisten zunächst untergeordnet und erhält erst im schwirrenden Mittelteil des Finalsatzes thematische Eigenständigkeit.

Als Abschluss erklang der Walzer A-Dur op. 54/1 von Antonin Dvořák in der Bearbeitung für Streicher. Das wehmütig-verhaltene Stück mit seinen lautmalerischen Crescendo-Wellen ist jenseits aller Walzerseligkeit eine Reminiszenz des tschechischen Komponisten an die Donaustadt Wien.

Ein großes Dankeschön an das Orchester für dieses Online-Konzert auf hohem Niveau, das weiterhin auf www.muehlacker-klassik.de/muehlacker-concerto  abrufbar ist.

Autorin: Uta Volz

KONGENIALE PARTNER

Das Frühjahrskonzert der Süddeutschen Kammersinfonie Bietigheim erfreut Musikfans im Internet.

Die Süddeutsche Kammersinfonie Bietigheim unter der Leitung von Peter Wallinger. Foto: Friedrich
Solist Tjeerd Top spielt auf einer Stradivari. Foto: Friedrich

Bietigheim/Mühlacker. Wie schon beim Neujahrskonzert der Fall, musste die Süddeutsche Kammersinfonie Bietigheim unter der Leitung von Peter Wallinger auch das Frühjahrskonzert 2021 wieder aufzeichnen. Es war ab Sonntagabend im Internet zu hören und zu sehen. Der Qualität des Musizierens tat es erneut keinen Abbruch. Nicht nur Orchester und Solist Tjeerd Top, sondern auch das Team hinter Kameras, Mikrofonen und im Schnitt haben wieder hervorragende Arbeit geleistet.

Ein bisschen schade ist es ja schon, dass das Virus die Gesellschaft immer noch so sehr im Griff hat, dass ein Live-Konzert, wie es ursprünglich innerhalb der Klassikreihe „Mühlacker Concerto“ für Sonntag angekündigt war, nicht vor Publikum stattfinden kann. Andererseits bietet das Internet auch spannende Möglichkeiten: Wer will, kann sich das Konzert selbst im Nachhinein noch ansehen, im Zweifel natürlich gerne auch mehrere Male. Grund genug dafür gäbe es zweifellos, denn nicht zuletzt hat man mit Tjeerd Top einen sehr versierten Violinisten verpflichten können, der Konzertmeister des Concertgebouw Orchesters Amsterdam ist. Er wartete bei diesem Frühjahrskonzert mit einer Besonderheit auf: Top musizierte auf einer Stradivari-Geige aus dem Jahr 1713. „Eine ganz faszinierende Vorstellung, dass sie zu Zeiten von Vivaldi schon gespielt wurde“, befand Christina Dollinger, die in das Konzert einführte.

Passenderweise stand ein eher selten gespieltes Violinkonzert von Antonio Vivaldi am Beginn des Konzerts. „Vivaldi fährt hier alles auf, was geigerisch damals denkbar war“, betonte Dollinger dabei: Doppelgriffe, Akkordübergänge in den höchsten Registern und aberwitzige Tempi. Die Musiker begannen dementsprechend forsch; ein kurzer, aber bereits sehr prägnanter Auftakt, der nahtlos in ein einfühlsam gehaltenes Miteinander zwischen Violine und Orchester floss. Es waren drei ausdrucksstarke Sätze, mal fast zärtlich gestimmt, mitunter melancholisch angehaucht und dann wieder von bewusst treibenden Momenten durchbrochen, die zurück in das faszinierend filigrane Spiel von Tjeerd Top an der Violine führten. Für Solist und Orchester, die bei diesem Konzert als kongeniale Partner wunderbar harmonierten, war es eine erste gute Möglichkeit, von ihrer hingebungsvollen und zugleich technisch präzisen wie fokussierten Art der Interpretation zu überzeugen.

Mit Samuel Barbers „Adagio für Streicher, opus 10“ hat Wallinger dann ein populäres Werk ausgesucht, das von seiner leisen, in sich gekehrten Stimmung lebt. Bekannt geworden als Trauermusik für US-Präsidenten oder zum Gedenken der Opfer des 11. September, wurde es schon in diversen Filmen eingesetzt. Die besondere Dichte und Intensität dieses Adagios nahm das Orchester gefühlvoll auf und füllte sie mit Anmut und an Traurigkeit grenzender klanglicher Schönheit, ehe man in Form des „Concertino opus 42“ von Mieczyslaw Weinberg einen ganz anderen Akzent setzte. Dessen umfangreiches Werk sei erst vor einigen Jahren in Westeuropa entdeckt worden, erklärte Dollinger eingangs. Dazu zählt auch das im Rahmen des Frühjahrskonzerts gespielte Stück, dessen lyrische Grundstimmung Solist und Orchester gekonnt einfingen.

Einmal mehr unterstrich dabei Top seine technischen Stärken an der Violine, nicht zuletzt auch in den hohen Lagen, ehe das Orchester wenig später mit dem „Walzer A-Dur opus 54 Nummer 1“ (Antonín Dvorák) das abwechslungsreiche Frühlingskonzert schloss.

Solist Tjeerd Top hatte im Rahmen dieses Konzerts übrigens ein besonderes Lob für die Musiker: Mit einem kleinen Orchester wie der Süddeutschen Kammersinfonie Bietigheim und mit deren Dirigenten Peter Wallinger an der Spitze sei man „sehr flexibel“, verriet er. Das ermögliche auch selten gespielte Werke im Programm. „Das ist für einen Musiker natürlich wunderschön.“ Für die Zuhörer gilt selbiges auch.

Wer das Konzert also anhören möchte – am Sonntagabend haben das bereits über hundert Musikfreunde getan –, der findet die Aufnahme auf der Webseite https://www.muehlacker-klassik.de/muehlacker-concerto.

Autor: Stefan Friedrich

„Wir gehen voll in die Offensive“

Mit dem Frühjahrskonzert wird die dritte Produktion der Süddeutschen Kammersinfonie Bietigheim online abrufbar.

Schwierige Zeiten erfordern besondere Formate: Die Süddeutsche Kammersinfonie Bietigheim – hier beim Neujahrskonzert im Januar in der Kelter – lässt sich nicht beirren. Foto: Holm Wolschendorf

Bietigheim-Bissingen. Bereits zum dritten Mal seit dem zweiten Lockdown präsentiert Peter Wallinger ein Konzert seiner Süddeutschen Kammersinfonie Bietigheim (SKB) als Videoaufzeichnung. Im Interview spricht der 70-jährige Dirigent über die Resonanz auf die Mitschnitte, das Programm des ab morgen Nachmittag abrufbaren Frühjahrskonzerts und die pandemiebedingten Herausforderungen bei der Planung und Durchführung der Aufzeichnungen.

Herr Wallinger, zum dritten Mal findet ein Konzert der Ihres Orchesters in Form einer Videoaufzeichnung statt. Welche Erfahrungen haben Sie mit dem Format gemacht?

Peter Wallinger: Wir sind total überrascht, wie gut das Format ankommt, auch beim älteren Publikum, wo wir anfangs schon skeptisch waren, ob die sich das vor dem Computer anschauen und -hören würden. Aber wir haben so viel positive Resonanz, auch von treuen Begleitern der SKB, erhalten – damit haben wir nicht gerechnet. Auch hat uns überrascht, wie oft die Konzerte abgerufen wurden. Das Adventskonzert wurde inzwischen über tausend Mal angeklickt, das Neujahrskonzert über 400 Mal. Das Format scheint also angekommen zu sein.

Wovon Sie zu Beginn nicht komplett überzeugt gewesen zu sein scheinen …

Ich selbst stand der Idee einer Videoaufzeichnung am Anfang etwas reserviert gegenüber: Der Aufwand ist enorm und die Einnahmen sind gering, weil wir keine Eintrittsgelder erheben. Wenn ich aber sehe, dass wir dadurch auch Resonanz aus den USA, Rumänien, Italien und Frankreich bekommen, auch von Menschen, die uns vorher nur dem Namen nach kannten, denke ich inzwischen, dass das Format durch die Erhöhung der Reichweite auch große Vorteile bietet.

Planen Sie perspektivisch hybride Veranstaltungen?

Konkret in Planung ist das noch nicht, aber die Vorstellung, dass man interessante Konzerte auch dann, wenn wieder vor Publikum gespielt werden kann, in Bild und Ton aufzeichnet und ins Netz stellt, spukt schon in den Köpfen herum. Zunächst hoffen wir aber, im Sommer wieder live auftreten zu können.

Worin bestehen bei der Programmplanung in künstlerischer Hinsicht die Herausforderungen durch die Pandemie?

Zum einen gilt es Literatur für die reduzierten Besetzungen zu finden, die gerade möglich sind. Zudem stellen diese Stücke dann auch spieltechnisch für die Musiker eine größere Herausforderung dar: Wenn eine Streichergruppe aus nur zwei statt wie üblich aus drei oder mehr Instrumenten besteht, muss die Intonation wirklich total präzise aufeinander abgestimmt sein – da hört man jede Abweichung. Drei Stimmen verschmelzen dagegen dann schon wieder. Der Faktor, wer mit wem gut harmoniert, erhält also ein viel größeres Gewicht und muss bereits bei der Besetzung genau bedacht werden. Auch das Zusammenspiel auf Abstand ist nicht ganz trivial.

Von welchen Überlegungen haben Sie sich bei der Programmplanung für das jetzt anstehende Frühjahrskonzert leiten lassen?

Traditionell findet unser Frühjahrskonzert ja sowohl im Bietigheimer Kronensaal als auch im Uhlandbau in Mühlacker statt. Weil dieser vor hundert Jahren auf Betreiben des jüdischen Ehepaars Alfred und Laura Emrich, das später enteignet wurde und im KZ umgekommen ist, in Eigeninitiative errichtet wurde, war es mir ein Anliegen, dieses Jubiläum auch im Programm abzubilden. In den Zwanzigerjahren des letzten Jahrhunderts galt der Uhlandbau als das „schwäbische Bayreuth“ – alle Größen dieser Zeit sind dort aufgetreten: Carl Orff, Rudolf Serkin, Walter Giseking, Fritz Busch, das Rosé-Quartett aus Wien und viele andere. Mit Mieczysław Weinberg und Samuel Barber stehen deshalb zwei jüdische Komponisten auf dem Spielplan, wobei der Impuls zu Weinbergs Concertino für Violine und Orchester (Op. 42) von unserem holländischen Solisten Tjeerd Top ausging, der Konzertmeister beim Amsterdamer Concertgebouw-Orchester ist. Dazu gesellt sich ein unbekannteres, aber ganz extravagantes Violinkonzert von Vivaldi (RV 278) – weil ich mir gut vorstellen konnte, wie Top den dramatischen, nahezu opernhaften Gestus dieses Stücks auf seiner Stradivari-Geige von 1713 gestaltet: „con fuoco“ – mit Feuer nämlich. Anstelle eines Cembalos, das in kleiner Besetzung klanglich heikel ist, vervollständigt der Freiburger Thomas Boysen an der Theorbe die Continuogruppe. Als Puffer dazwischen Barbers überaus populäres „Adagio for Strings“ (aus Op.11), als frühlingshafter, aber leicht melancholischer Ausklang Dvořáks Walzer in A-Dur (Op.54, Nr. 1).

Wie kompensieren Sie die fehlenden Ticketeinnahmen?

Zwei unserer Konzerte, das Advents- und das Frühjahrskonzert, finden üblicherweise im Kronenzentrum statt und werden von der Stadt Bietigheim finanziert. Trotz der nun im Internet erfolgenden Ausspielung wurde uns dankenswerterweise ein Teil der Honorare zugesichert – damit kriegen wir die Produktionen einigermaßen hin. Darüber hinaus sind wir beim Regierungspräsidium vorstellig geworden, haben Mittel aus dem „Kunst trotz Abstand“-Programm beantragt und sind ganz optimistisch, was die Bewilligung dieser Beihilfe angeht. Höchst erfreulich ist auch die Resonanz auf den Spendenaufruf auf unserer Homepage – in Summe sind mit den beiden bislang online gestellten Videos rund 1000 Euro zusammengekommen.

Was steht in 2021 für die SKB noch an?

Im Prinzip unser übliches Pensum: Der „Musikalische Sommer“ in der Lienzinger Frauenkirche, wenn möglich auch die „Sommerliche Serenade“ in Sachsenheim, die Herbstkonzerte in Mühlacker, bei denen nochmals das 100-jährige Jubiläum des Uhlandbaus im Mittelpunkt stehen wird, vorgezogen auf November dann das Adventskonzert. Falls wir im Sommer wider Erwarten noch nicht live spielen können, würden wir auch wieder den Weg der Videoaufzeichnung wählen. Insgesamt gehen wir voll in die Offensive und versuchen, trotz mancher Widerstände, das Konzertleben über die Krise hinweg bestmöglich aufrecht zu erhalten.

Info: Das Frühjahrskonzert der SKB ist ab morgen Nachmittag kostenfrei unter www.sueddeutsche-kammersinfonie.de 
und www.muehlacker-klassik.de/muehlacker-concerto abrufbar.
Um Spenden wird gebeten.

Autor: Fragen Harry Schmidt