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2017

Klarinettist Sebastian Manz im Mühlacker Uhlandbau

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ARD-Preisträger Sebastian Manz mit Mozarts Klarinettenkonzert Foto: Fotomoment

Mühlacker. Es war ein Abend mit „konzertantem Bühnenzauber“. Schon die Eröffnungsmusik löste das ambitionierte Programm-Motto im nahezu ausverkauften Mühlacker Uhlandbau ein. Denn die von Peter Wallinger geleitete „sueddeutsche kammersinfonie bietigheim“ präsentierte kein verzopftes Frühwerk von Joseph Haydn – sondern dessen sechste Sinfonie „Le matin“ (der Morgen) als charaktervolles, farbenfrohes Klanggemälde.

Zu Beginn seiner Kapellmeistertätigkeit auf Schloss Esterházy in Eisenstadt hatte Haydn ein kleines, aber feines Orchester vorgefunden, in dem exzellente Instrumentalsolisten saßen. Für sie hat er die Sinfonie geschrieben – also auch eine passende Komposition für Wallingers Kammersinfonie. Im Crescendo der kurzen Adagio-Einleitung malte das Ensemble einen prächtigen Sonnenaufgang, um dann in den Folgesätzen mit melodiegesättigten Soli von Violine, Kontrabass, Flöte und Fagott zu brillieren, die jeweils aus den Tutti-Gruppen hervortraten.

Mozart als Höhepunkt

Der Konzerthöhepunkt freilich war einem Großmeister vorbehalten – dem Klarinettisten Sebastian Manz, der den renommierten ARD-Wettbewerb mit einem ersten Preis gewonnen hatte und mehrfach von „ECHO-Klassik“ ausgezeichnet wurde. Entsprechend sensationell interpretierte der Solist – von der Kammersinfonie geradezu hingebungsvoll umrahmt und begleitet – Wolfgang Amadeus Mozarts Klarinetten-Konzert. Selten hörte man die Bassettklarinette so entspannt und frisch, in allen verschiedenartigen Registern ihres großen Klangumfangs mit so intensiv leuchtender Ausdruckskraft, mit solch spielerischer Beweglichkeit. Geradezu lebenslustige Musikfreude prägte die beiden „Allegro“-Ecksätze mit den munter servierten, in sonore Tiefen ab- und helle Höhen aufsteigenden Achtel-Skalen. Und die auf einem Atem getragenen Melodiebögen des berühmten „Adagio“-Mittelsatzes entfalteten einen sehnsüchtigen, oft hauchig zarten Sologesang von großartiger Klangschönheit.

Der jubelnde Applaus des Publikums wurde von Manz mit zwei der „Drei Stücke für Klarinette“ von Igor Strawinsky belohnt – auch eine sinnfällige Überleitung zum letzten Teil des Konzerts, der ein ganz anderes Klang-Tableau offerierte. Mit Strawinskys Orchestersuite „Pulcinella“ lieferten Wallinger und sein Orchester ein musikantisches Feuerwerk ab, das mit seinen bunten Pointen in der rasanten „Tarantella“ und komödiantischen Schleifern von Posaune und Bass im „Vivo“ ein heiteres Abbild der ränkereichen Commedia-dell’arte-Figur nachzeichnete.

Eckehard Uhlig

In der Mucki-Bude der Musik

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Klarinettist Sebastian Manz spielt mit der „sueddeutschen kammersinfonie bietigheim“ unter Peter Wallinger am Freitagabend im Kronenzentrum

Peter Wallinger dirigierte die „sueddeutsche kammersinfonie bietigheim“ bei ihrem Konzert im Bietigheimer Kronenzentrum.  Foto: Martin Kalb

Wäre Sebastian Manz im medialen Showbiz tätig, könnte man ihm das Prädikat des Entertainers zusprechen. Denn was er auf der Bühne tut, ist für das Publikum in hohem Maß unterhaltend. Die Reduzierung auf Unterhaltungskunst würde dem Klarinettisten aber keinesfalls gerecht – Manz ist ein Meister auf seinem Instrument. Sein Auftreten am Freitagabend im Bietigheim-Bissinger Kronenzentrum wirkte nicht aufgesetzt, übertrieben schwülstig oder exaltiert. Stattdessen hatte es den Anschein, dass Manz seine ungehaltene Spielfreude kaum zügeln mochte. Sein Auftritt lebte, war nicht steif oder abgenudelt. Manz, Jahrgang 1986, wirkte noch unverbraucht. Und das tat gut.

Manz spielt perfekt

Im Zentrum des Abends stand das Klarinettenkonzert A-Dur von Wolfgang Amadeus Mozart. Manz‘ perfektes Spiel wurde schnell zur Selbstverständlichkeit, bereits im ersten Satz neigte man dazu, dem Klarinettisten Unfehlbarkeit zu attestieren. Die wunderschönen kantablen Melodien im Adagio wurden bei Manz und der „sueddeutschen kammersinfonie bietigheim“ zu einem Sinnbild für Behaglichkeit. Das Orchester gab dem Klang hier viel Raum und Fülle, beherbergte den Zuhörer in einer endlosen Weite. Verlieren konnte sich der Zuhörer darin vielleicht schon, blieb aber vom weichen Klang der Klarinette geführt. Mozart griff mit diesem Satz tief in die Sentimentalitäten-Kiste. Wo Kitsch lauert, erschufen Sebastian Manz und die „sueddeutsche kammersinfonie bietigheim“ Harmonie.

Klassische Verspieltheit

Mozart gab in seinem Klarinettenkonzert aber nicht nur einem Soft-Boy eine Plattform, sondern komponierte im dritten Satz eine Mucki-Bude der Klarinettenkunst. Im technisch anspruchsvollen Rondo kehrt mit flinken Läufen über einen großen Tonraum die klassische Verspieltheit zurück.

Je schwieriger es offenkundig wurde, desto mehr Spaß schien Sebastian Manz an seiner Arbeit zu haben. Er genoss seinen Auftritt. Frei wirkte das alles, auch weil er nicht an Noten klebte, sondern auswendig spielte. Deutlich erkennbar: Was so spontan und locker wirkte, war keineswegs Zufall. Manz gestaltete und phrasierte sehr bewusst.

Barocke Einflüsse als Verbindung

Gerahmt wurde das Klarinettenkonzert durch Joseph Haydns sechste Sinfonie in D-Dur mit dem Beinamen „Le Matin“ und der „Pulcinella“, einer Suite für Orchester von Igor Strawinsky. Barocke Einflüsse fungierten gewissermaßen als verbindendes Element: Haydns frühe Sinfonie weist durch fugenartige und konzertierende Elemente deutliche Bezüge zur barocken Praxis auf und Strawinskys „Pulcinella-Suite“ ist ein Remix von Triosonaten und Arien des barocken Komponisten Giovanni Battista Pergolesi. Polyrhythmik und Stimm-Einsätze an vermeintlich falschen Stellen bergen hier Herausforderungen für Orchestermusiker.

Die „sueddeutsche kammersinfonie bietigheim“ schien damit mehr ihre Freude zu haben. Komödiantisches blitzte am Freitagabend indes auch immer wieder auf. Gerade im Vivo der „Pulcinella-Suite“ interagierten Posaune und Kontrabass in einem grotesken Duett und auch bei der Zugabe – zwei kurzen Stücken für Klarinette solo von Igor Strawinsky – wurde es komisch. Man solle an einen Hirten denken, der zu seinen Schafen spielt. Anschließend solle man sich ein Spiel zwischen einem Kater und Vögeln vorstellen, erklärte Manz.

Sandra Bildmann

Die Leichtigkeit Mozarts als Solist verkörpert

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Sebastian Manz glänzte als Solist auf der Klarinette. Foto: Oliver Bürkle

Bietigheim-Bissingen. Einer der verlässlichsten Indikatoren für das Niveau eines Orchesters ist die Qualität der Solisten, die mit dem Ensemble auftreten. Bei der Sueddeutschen Kammersinfonie Bietigheim (SKB) war am Freitagabend im Bietigheimer Kronensaal Sebastian Manz zu Gast. Der Enkel des russischen Geigers Boris Goldstein gilt als einer der talentiertesten Interpreten seiner Generation und wurde bereits zweimal mit dem Echo ausgezeichnet.

In den drei Sätzen des Klarinettenkonzerts in A-Dur (KV 622), mit dem W.A. Mozart 1791 die Gattung mitbegründet hat und für dessen Interpretation Manz 2011 seine erste Klassik-Trophäe gewann, erfuhren die knapp 400 Besucher, warum dem so ist: ungeheuer mühelos und unbeschwert das Wechselspiel zwischen sprechend-narrativer Motivarbeit und gestisch-expressivem Passagenwerk im Kopfsatz, hauchzart die kantablen Koloraturen im populären Adagio, mit quirligem, aber nie überbordendem Witz das virtuose Rondo.

Der Leichtigkeit Mozarts begegnet man in der einnehmenden Persönlichkeit von Manz ganz unmittelbar. Das Vergnügen steht ihm ins Gesicht geschrieben. Brillant, was ihm spieltechnisch wie hinsichtlich der Differenzierung kleinster Nuancen seiner vielfältigen Ausdrucksmöglichkeiten zu Gebote steht. Brillant auch, was die SKB anbietet: Weit mehr als nur ein souverän geknüpftes Netz aufzuspannen leistet das vorzügliche Orchester. Vielmehr vereint Peter Wallinger Transparenz auf den Satz und Geschlossenheit des Ensembleklangs zu einem exakt austarierten, präzise getimten Organismus.

Bereits zuvor begeisterte die fast kammermusikalische Konzentration in J. Haydns Symphonie Nr. 6 in D-Dur, genannt „Le Matin“. Gelungen trotz kleinerer Unschärfen auch 1. Strawinskys Orchestersuite „Pulcinella“. Famos die Beweglichkeit der Streicher im eilenden Staccato der „Tarantella“. zirzenisch pulsierend der Dialog von Posaune und Kontrabass im jazzig humorvollen „Vivo“, zur Freude der Anwesenden als Zugabe wiederholt.

Harry Schmidt

Europäische Klangwelten dienen als Mutmacher

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Neujahrskonzert mit der „sueddeutschen kammersinfonie bietigheim“ spannt einen breiten musikalischen Bogen.


Britten, Nordgren, Respighi und Bartók: Peter Wallinger dirigiert vier Werke aus vier Regionen Europas. Foto: Fotomoment

Mühlacker. Ein Neujahrskonzert mit Musik aus allen Himmelsrichtungen hat am Sonntag die „sueddeutsche kammersinfonie bietigheim“ im Mühlacker Uhlandbau geboten. Ein Konzept, das gerade in stürmischen Zeiten das Augenmerk wieder darauf legt, dass wir durchaus nicht alleine stehen, da sich rings um uns herum Nachbarn befinden, die uns bereichern.

Mühlacker. Ein Neujahrskonzert mit Musik aus allen Himmelsrichtungen hat am Sonntag die „sueddeutsche kammersinfonie bietigheim“ im Mühlacker Uhlandbau geboten. Ein Konzept, das gerade in stürmischen Zeiten das Augenmerk wieder darauf legt, dass wir durchaus nicht alleine stehen, da sich rings um uns herum Nachbarn befinden, die uns bereichern.

Allzu fern schweifte die Kammersinfonie dabei nicht in die Ferne, lag das Gute doch, wie so oft, so nah. So konzentrierte sich Peter Wallinger als musikalischer Leiter auf Werke aus vier allerdings sehr unterschiedlich geprägten Ländern Europas. In einer Zeit, die von Brexit und aufkommendem Nationalismus auf der einen und von großer Hilfsbereitschaft, Offenheit und europäischen Idealen auf der anderen Seite geprägt ist, stellte das grenzüberschreitende Programm wieder einen kleinen Baustein dar, um daran zu erinnern, wie reich die Welt gemeinsam sein kann und wie vielfältig sie trotz oder gerade wegen ihrer Unterschiede doch ist.

So machte das Programm schon beim Lesen neugierig auf die Musik. Als besonderen Gast hatte sich Peter Wallinger Johann-Michael Schneider eingeladen, der als studierter Germanist und Violinist das Bindeglied zwischen Musik und Wort darstellte. In ruhiger Stimmlage ergriff er das Wort und sprach die Hoffnung aus, dass es trotz aller Dunkelheit und schweren Zeiten wieder frühlingshell werden möge. Aus Elias Canettis „Auftakt …“ zitierte er ein paar mahnende und zugleich vorab lobende Worte an das Publikum, denn kein Publikum sei so wohlerzogen wie ein Konzertpublikum, das ruhig und aufmerksam dem Geschehen auf der Bühne folge. Wobei „ruhig“ in der Erkältungszeit ein nicht ganz einfaches Unterfangen ist.

Dann aber ließ die sueddeutschen kammersinfonie ihre Instrumente mit Benjamin Brittens „Simple Symphony“ und damit einem Werk aus einem Land erklingen, das eher dem europäischen Westen zugeordnet werden kann. Energisch forsch ging es das Orchester an, während der zweite Satz zart, mal an Regentropfen, mal an ein Gitarrenensemble erinnernd, durch den Saal tanzte. Der dritte Satz schloss das Werk in lyrisch schönem Ernst ab.

Finnland stand Pate für den Norden Europas. Ein trotz der Vorwarnung durch Schneider sehr langer Text über eine Busfahrt in Finnland bereitete dennoch gut auf die nordische Weite vor. Pehr Nordgrens „Spielmannsporträts“ bereiteten der Kammersinfonie sichtbar Freude, kamen in der Ausführung aber nicht über die finnische Seenplatte hinaus und blieben eher blass. Ganz anders der feurige Süden. Auch hier führte Schneider literarisch in die ländlichen Gegebenheiten ein und zitierte aus einem Text Vittorinis, der mit einem Augenzwinkern von dem Besuch eines heimkehrenden Sohnes bei seiner Mutter in Italien berichtet. Schwärmerisch und in vollem Klang, gefühlvoll und warm rundet die Kammersinfonie mit einer Folge von Arien aus der dritten Suite der „Antiche Danze ed Arie“ von Ottorino Respighi den Ausflug nach Südeuropa ab.

Der Osten darf zum Schluss seine geheimnisvolle Schönheit enthüllen. Schneider liest aus Deszö Kosztolányis „Ein Held seiner Zeit“ die wunderbare Begegnung des fiktiven Dichters Kornél Esti mit einer erblühenden türkischen Schönheit. Béla Bartóks Rumänische Volkstänze daran anzuschließen, führt den Gedanken des Hörers quasi weiter, konnten doch der Dichter und seine türkische Schönheit gemeinsam das Tanzbein schwingen. Und zugleich rundet es den Gedanken des Konzerts ab. Denn die Verbrüderung der Völker sei, so zitiert Schneider den Komponisten, die eigentliche Idee, der er in seiner Musik dienen wolle.

Und wenn diese Idee so schön und zugleich klangvoll durch die Soloviolinistin Sachiko Kobayashi und die energisch und doch tänzerisch aufspielende sueddeutsche kammersinfonie bietigheim unter Peter Wallinger erklingt, kann man wahrhaft auf den „Europäischen Frühling“ hoffen.

Irene Schallhorn

Musik von frühlingshafter Leichtigkeit

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Neujahrskonzert: Die Süddeutsche Kammersinfonie Bietigheim lädt zu einer musikalischen und literarischen Reise durch Europa ein und begeistert das Publikum in der Kelter.

Die Süddeutsche Kammersinfonie bietigheim unter der Leitung von Peter Wallinger lud zur Reise durch Europa ein. Foto: Richard Dannenmann

Einen echten Hörgenuss versprach Bürgermeister Joachim Kölz den Besuchern in der nicht ganz ausverkauften Kelter am Sonntagabend, und er sollte recht behalten. Die Mitglieder der Süddeutschen Kammersinfonie Bietigheim unter ihrem Dirigenten und musikalischen Leiter PeterWallinger stimmten bei ihrem traditionellen Neujahrskonzert virtuos auf die kommenden Wochen und Monate ein. „Das Konzert steht unter dem Motto ‚Europäischer Frühling‘, obwohl in unserer Stadt gerade der Winter eingekehrt ist“, leitete Bürgermeister Kölz in den Abend ein. Aber bekanntlich habe der Winter die Stadt meist nicht von allzu lange im Griff, sodass sich die Konzertbesucher bereits auf den Frühling freuen könnten. Das Motto lasse sich aber auch im übertragenen Sinne deuten. Zwischen einigen Staaten Europas herrschte im vergangenen Jahr frostige Stimmung in ihren wechselseitigen Beziehungen. „Daher hoffen wir darauf, dass in diesem Jahr bei diesen Kontakten wieder mehr der Frühling präsent ist“, betonte Bürgermeister Kölz in seiner einleitenden Ansprache.

„Wir hoffen in Europa auf mehr Frühlingspräsenz.“

Joachim Kölz · Bürgermeister

Danach ergriff Schauspieler Johann-Michael Schneider das Wort und machte den Besuchern Appetit auf Musik aus vier Himmelsrichtungen in Europa. Den Auftakt dabei machte Großbritannien mit dem bekannten Komponisten Benjamin Britten und seiner „Simple Symphony“, von der die Musiker der Kammersinfonie drei Sätze vortrugen. Besonders im zweiten Satz, dem spielerischen „Pizzicato“, zupften die Akteure vorwiegend an Violine, Kontrabass oder Violoncello. Dieses Werk, das Britten im Alter von 20 Jahren schrieb, enthält viele Passagen, die der englische Komponist schon in seiner Kindheit und Jugend arrangiert hatte. Entsprechend frisch, unbekümmert und heiter waren die Melodien, bei denen auch immer wieder auf Walzerklänge und barocke Tänze Bezug genommen wurde bis hin zum kraftvollen Finale. Zwischen den einzelnen Sätzen rezitierte Theater-Schauspieler Johann-Michael Schneider bekannte Verse von Wystan Hugh Auden, der zu den größten englischen Lyrikern des 20. Jahrhundert zählt. „Manch einer sagt, Liebe sei kindisch, mancher sagt, sie sei federleicht, für manchen dreht sie die Welt im Kreis, manch andrer findet’s zu seicht“, zitierte Schneider aus „Sag mir die Wahrheit über die Liebe“, und die Verse harmonisierten mit der beschwingten Musik Brittens.

Von England begaben sich Musiker und Besucher in den hohen Norden nach Finnland, wo Komponist Pehr Henrik Nordgren zu Hause war. Seine Streichersuite „Pelimannimuotokuvia op. 26“ intonierten die Mitglieder der Kammersinfonie in gekonnt brillanter Weise, indem sie den Charakter des Werks, mit dem sich der Komponist der Folklore widmete, schwungvoll deutlich werden ließen. Literarisch wurde die Musik umrahmt von der seltsam erscheinenden Novelle „Die Busfahrt“ der finnischen Autorin Suvi Vaarla.

Die Süddeutsche Kammersinfonie Bietigheim unter der Leitung von Peter Wallinger lud zur Reise durch Europa ein.

Vom kalten Norden ging es in den sonnigen Süden nach Italien, wo schon Komponist Ottorino Respighi mit seiner Orchestersuite aus „Antiche Danze ed Arie“ wartete. Der Italiener ließ sich bei diesem Werk von Lautenklängen aus längst vergangenen Zeiten inspirieren und hat diese neu interpretiert. Die Rhythmen der Kammersinfonie muteten bisweilen mystisch, dann wieder kraftvoll oder auch spielerisch leicht an.

Dazu las Schauspieler Schneider aus Elio Vittorinis Roman „Gespräche in Sizilien“, in dem dieser Kindheitserinnerung und die Liebe zu seinem Heimatland Italien verarbeitete. Zum Abschluss des Neujahrskonzerts stattete die Kammersinfonie noch Ungarn einen Besuch ab. Vielfältig, manchmal wild und ausgelassen waren die Klänge der „Rumänischen Volkstänze“, die Béla Bartók für Streichorchester und Solovioline komponiert hatte. Inspiriert wurde der Ungar dazu von den Melodien und Volksliedern, die er in den Dörfern Siebenbürgens gesammelt hatte, das damals noch zu Ungarn gehörte. Variantenreich waren auch die Bekenntnisse von Autor Dezsö Kosztolänyi in „Ein Held und seine Zeit“, aus denen Schneider ergänzend vortrug. Den besonderen Applaus des Publikums verdiente sich bei diesem Finale des Neujahrskonzerts Konzertmeisterin Sachiko Kobayashi an der Solovioline.

Erst Stuttgarter Raum, jetzt aus 13 Nationen

Um ausgetretene Pfade zu verlassen, wurde die Süddeutsche Kammersinfonie Bietigheim1984 von ihrem musikalischen Leiter Peter Wallinger gegründet. Er ist heute international als Gastdlrigent tätig. Inzwischen stammen die engagierten Mitglieder des Orchesters aus dem gesamten süddeutschen Raum und es sind bis zu 13 Nationen vereint. Mehrmals im Jahr schließen sich die bis zu 40 Musiker zusammen, um erlesene Konzertprogramme miteinander einzustudieren. bz

Michaela Glemser

Kammersinfonie Bietigheim gibt ein Gastspiel

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Das Neujahrskonzert steht 2017 unter dem Motto „Europa“.

Murr. Stille breitet sich im Bürgersaal des Bürger- und Rathauses Murr aus, kurz bevor die Süddeutsche Kammersinfonie Bietigheim den Auftakt anstimmt. Zum mittlerweile 20. Mal leitet das Orchester unter der Leitung von Peter Wallinger das neue Jahr ein.

Unter dem diesjährigen Motto “Europäischer Frühling“ erklangen Musikstücke aus vier Himmelrichtungen Europas: Finnland verkörpert den Norden, Italien den Süden, England den Westen und Ungarn den Osten. Die Musikstücke stammen von den vier Komponisten Béla Bartók, Ottorino Respighi, Pehr Henrik Nordgren und Benjamin Britten. Diese Künstler sind tief mit ihrem jeweiligen Land und dessen Tradition verwurzelt.

Sprachlich begleitet wurde das Konzert von dem in Berlin wohnenden Johann-Michael Schneider. Der Schauspieler, Theatermusiker und Regisseur studierte Germanistik, Philosophie und Musik und hegt große Leidenschaft für das Zusammenspiel von Musik und Schauspiel. Er stimmte das Konzert mit den Worten „der Europäische Frühling ist die Hoffnung und die Gewissheit, dass obwohl Europa im Winter liegt, der Frühling wieder kommt“, an. Zur jeweiligen Himmelsrichtung trug er passende Textauszüge aus Romanen auf humorvolle und unterhaltsame Weise vor. Kennengelernt haben sich Peter Wallinger und Johann-Michael Schneider über Kontakte aus dem Orchester.

Die Inspiration für das diesjährige Motto war die Aktualität. „Das ist ein sehr großes Thema“ erzählt Peter Wallinger, „und mit diesem Konzert wollen wir die positive Seite Europas aufzeigen.“ Das enorm große wissenschaftlich und philosophische Potenzial und diese kulturelle Vielfalt seien einmalig, bemerkt er. „Europa ist nicht kleinzukriegen, trotz der vielen negativen Schlagzeilen zurzeit. Ich bin da optimistisch.“

Peter Wallinger gründete und leitet die Süddeutsche Kammersinfonie Bietigheim seit 1984. Für die Neujahrskonzerte in Murr sucht er immer wieder nach Inspirationen und setzt originelle Akzente. Themen aus vergangen Neujahrskonzerten waren etwa Dantes „Göttliche Komödie“, die Fabeln von La Fontaine und das finnische Nationalepos „Kalevala“ von Elias Lönnrot. „Dieses Jahr war die Musik eher folkloristisch und tänzerisch geprägt. Die Spielmannsmusik spiegelt am besten das typische der Region und den Optimismus unseres Mottos wieder“. Mit dem 2008 verstorbenen Komponisten Pehr Henrik Nordgren, der das Land Finnland repräsentiert, hatte Peter Wallinger vor dessen Tod sogar persönlich Kontakt.

Der Orchesterleiter freut sich darüber, wie gut besucht das Neujahrskonzert in Murr jedes Jahr ist. Es werde auch nächstes Jahr wieder stattfinden. „Der Termin steht schon fest“, erzählt er.

Anne-Sophie Michaelis

Das überraschend andere Neujahrskonzert: „MühlackerConcerto“

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· Originelles Programm unter dem Motto „Europäischer Frühling“
· Viel Beifall für Matinee der „MühlackerConcerto“- Reihe im Uhlandbau

Peter Wallinger dirigiert seine sueddeutsche kammersinfonie beim heiter-besinnlichen Konzert im Uhlandbau Foto: Fotomoment

Mühlacker. Die vom Wiener Walzertakt geprägten traditionellen Neujahrskonzerte sind verklungen, wenn Peter Wallinger und seine sueddeutsche kammersinfonie in der MühlackerConcerto-Reihe ihre Neujahrsgrüße überbringen. Wobei die musikalisch- literarische Sonntagsmatinee im Uhlandbau inzwischen zu einer schönen Tradition geworden ist – mit einem bunt-kreativ zusammengestellten Programm.

Diesmal gab es unter dem Motto „Europäischer Frühling“ Musikstücke und Texte aus allen Himmelsrichtungen Europas, aus England, Finnland, Italien und Ungarn. Für die eingängig fein artikulierten Rezitationen der Textbeiträge war Johann-Michael Schneider vom Reutlinger Theater „Die Tonne“ zuständig.

Rezitator Johann-Michael Schneider

Einleitend sorgte der Sprecher mit Elias Canettis heiteren Anmerkungen zur erstaunlichen Verhaltensweise des Konzert-Publikums für Aufmerksamkeit – „die Menschen sitzen still da und reagieren auf das laute Treiben des Orchesters mit körperlichen Restbewegungen, dem Beifall“. Zu Benjamin Brittens „Boisterous Bourrée“ aus dessen „Simple Symphony“, die vom Kammerorchester rhythmisch markant mit tonalen Kanten und Haken interpretiert wurde, passte Wystan Hugh Audens eigenwilliger Text „Das Geheimnis ist endlich gelüftet“, genauso wie zum geheimnisvoll raunenden Saiten-Gezupfe des „Playful Pizzicato“ aus derselben Sinfonie der Kurzessay „Sag mir die Wahrheit über die Liebe“.

Für Völkerverständigung

Andere sinnfällig kombinierte Collagen aus Text und Musik waren dem Thema „Reisen“ gewidmet. Suvi Vaarlas Erzählung „Die Busfahrt“, die von einer irrwitzigen Reisebegegnung in einer einsamen Gegend Finnlands berichtet, kommentierten Wallinger und seine Streicher klangfarben- und facettenreich mit „Vier Spielmanns-Porträts“ von Pehr Henrik Nordgren. Zu Kindheitserinnerungen aus Elio Vittorinis „Gespräche in Sizilien“ musizierte das Kammerensemble Sätze aus Ottorino Respighis „Antiche Danze ed Arie“, zu Leseabschnitten aus „Ein Held seiner Zeit“ des Schriftstellers Dezsö Kosztolányi „Rumänische Volkstänze“ von Béla Bartók. Die Idee der Völkerverständigung, für die sich beide ungarische Künstler leidenschaftlich einsetzten, fand in diesem Konzertarrangement einen nachhaltigen Ausdruck. Die Zuhörer honorierten das überraschend „andere Neujahrskonzert“ mit reichlich Applaus.

Eckehard Uhlig

330 Küsse tauen Europa auf

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Süddeutsche Kammersinfonie Bietigheim gastiert mit originellem Programm in Murr

Musik aus allen Himmelsrichtungen Europas präsentierte die Süddeutsche Kammersinfonie Bietigheim beim Neujahrskonzert. Foto: Benjamin Stollenberg

Murr. „Obwohl Europa jetzt im Winter liegt – vielleicht auch im übertragenen Sinne – , verbinden wir mit dem Titel unseres Konzerts die Hoffnung und Gewissheit, dass auch wieder ein Frühling kommt“, so begrüßte Johann-Michael Schneider die knapp 200 Besucher zum Neujahrskonzert der Süddeutschen Kammersinfonie Bietigheim (SKB) im Bürgersaal des Murrer Rathauses. Unter dem Motto „Europäischer Frühling“ hatte Peter Wallinger ein hochoriginelles rund 80-minütiges Programm zusammengestellt. Das verschränkte Musik des 20.Jahrhunderts von vier europäischen Komponisten aus allen vier Himmelsrichtungen kunstvoll mit kurzen Texten jeweiliger Landsleute. Die Texte wurden von Schneider zwar nicht frei, dafür aber sehr lebhaft vorgetragen.

Mit Elias Canettis leicht spöttischer Beschreibung der Rezeptionshaltung klassischer Konzertbesucher („Die Menschen sitzen regungslos da , als brächten sie es fertig, nichts zu hören“) und der daraus folgenden Beschreibung des Beifallklatschens als Tauschhandel („ein chaotischer, kurzer Lärm für einen wohlorganisierten, langen“) war ein launiger Tonfall etabliert. Schwungvoll, vielleicht zu schwungvoll steigt Wallinger in das „Boisterous Bourrée“, den ersten Satz der „Simple Symphony“ (op.4) ein – in hohem Bogen fliegt der Taktstock durch die Luft. Der Dirigent eilt schmunzelnd hinterher.

Zwischen drei Sätzen aus Benjamin Brittens ursprünglich für Schulorchester geschriebenes Werk rezitierte Schneider kurze Reflexionen von Wystan Hugh Auden, der für Britten auch als Librettist tätig war, über die Natur des Geheimnisvollen und die Beschaffenheit der Liebe.

Stricher glänzen durch dynamische Finesse

Die 17 Streicher der SKB glänzten durch geschmeidigen Ensembleklang und dynamische Finesse: Wundervoll ihr Dialog von Violinen, Bratschen, Celli und Kontrabässen im „playful Pizzicato“, das – nomen est omen – ausschließlich aus gezupften Tönen besteht. Scharf konturiert Konzertmeisterin Sachiko Kobayashi die Kantilene des „Frolicsome Finale“, bevor die Bewegung des Themas wie ein Wogen durch das Halbrund der Musiker läuft.

Von Westen aus geht’s gen Norden: Ausgesprochener Klangwitz prägt das Orchesterwerk „Pelimannimuotokuvia“ (op. 26; auf Deutsch: Bilder der Spielleute) des finnischen Komponisten Pehr Henrik Nordgren, formidabel umgesetzt durch die Musikerinnen und Musiker der SKB. Ihr astraler Streicherklang in „Tuumiskelija“ (übersetzt: Der Grübler) trifft einen tief im Innersten.

So berührend wie der Auszug aus Elio Vittorinis „Gespräche in Sizilien“ geraten auch die „Arie di corte“ aus der III. Suite Ottorino Respighis „Antiche Danze ed Arie“.

Zum Abschluss des Konzerts geht es aus dem südlichen Italien in den Osten: Expressiv und poetisch, mit rustikalem Strich gezeichnet, die „Rumänischen Volkstänze“, die Béla Bartók 1905 in Siebenbürgen mithilfe eines Phonographen dokumentiert hat. 330 Küsse im Tunnel – als Rückerstattung für die 330 türkischen Lehnwörter im Ungarischen – krönen die Geschichte aus Dezsö Kostolányis „Ein Held seiner Zeit“.

Einziger Wermutstropfen: Die vorzügliche Vorstellung des hervorragenden, in diesem Fall tendenziell kammermusikalisch disponierten Orchesters endete ohne Zugabe.

Harry Schmidt