Bietigheimer Zeitung
Leichtfüßig mit großer Virtuosität
Die sueddeutsche kammersinfonie bietigheim und das Trio Vivente spielten ihr Frühjahrskonzert im Kronenzentrum.

Was vor 40 Jahren als kleines Studentenorchester begann, hat sich längst zu einem qualitativ hochwertigen Bestandteil der Kultur Baden-Württembergs entwickelt: Die sueddeutsche kammersinfonie bietigheim spielte am Wochenende ihr Frühjahrskonzert zum Stadtjubiläum 2025 im Kronenzentrum und die zusätzlich eingeladenen Solistinnen des renommierten Trio Vivente sorgten ebenso wie die sueddeutsche kammersinfonie bietigheim für begeisterten Applaus im Publikum.
Bei Konzertbeginn waren die Plätze im großen Saal des Kronenzentrums leider nur zu gut einem Drittel besetzt. Im Foyer wurde vorab schon gemunkelt, dass aufgrund des sonnig warmen Wetters die Leute wohl lieber ihren Grill angeworfen hätten, als sich dem musikalischen Genuss hinzugeben: „Die verpassen wirklich etwas“, konnte man die mahnende Stimme einer Dame vernehmen und sie sollte Recht behalten. Das obligatorische Einstimmen auf der Bühne ging sehr schnell vonstatten. Schon betrat der Dirigent und Künstlerische Leiter der sueddeutschen kammersinfonie bietigheim Peter Wallinger sein Pult. Mit gebührendem Applaus wurde er begrüßt und hob alsdann seinen Taktstock.
Augenblicklich wurde es volkstümlich auf der Bühne, denn bis zur Pause standen die Werke dreier Zeitgenossen auf dem Programm: Edvard Grieg, Alexander Borodin und Antonin Dvorák. Sie alle lebten im 19. Jahrhundert, der musikalischen Epoche der Romantik mit ihrer erweiterten Harmonik, überraschenden Akkordverbindungen, einer Dynamik mit feinsten Abstufungen und dem immer wiederkehrenden Merkmal der Tonmalerei. Und sie alle drei verwoben gern die Volksmusik ihrer Länder in ihren Kompositionen.
Ein rauschendes Fest
Eine fröhliche kleine Melodie eröffnete Edvard Griegs „Hochzeitstag auf Troldhaugen“, ein eigentlich für Klavier geschriebenes lyrisches Stück. Den Namen Troldhaugen trug seine eigene, ländlich gelegene Villa und das vom tänzerischen Schwung geprägte dreiteilige Werk gilt als Andenken an die Silberne Hochzeit des Ehepaares Grieg. Ein schwärmerisches Legato, der liebliche Einsatz der Bläser sowie perfekt akzentuierte Klangbögen: Die sueddeutsche kammersinfonie bietigheim überzeugte vom ersten Ton an mit ihrer formvollendeten Durchhörbarkeit und dem strahlenden Orchesterklang. Peter Wallinger dirigierte mit kleinsten Bewegungen, um anschließend antreibende große Bögen zu beschreiben – sein Orchester folgte ihm stets leichtfüßig voller Spielfreude sowie mit größter Virtuosität.
In das Verklingen des Schlussakkords mischte sich bereits der begeisterte Applaus des Publikums und auch das zweite Stück des Abends, Alexander Borodins „Steppenskizze aus Mittelasien“ wurde vom Klangkörper seelentief nachempfunden und wunderbar warm klingend intoniert. Dieser Hörgenuss setzte sich mit Antonín Dvoráks Böhmischer Suite weiter fort. Auch hier überzeugte die sueddeutsche kammersinfonie bietigheim mit ihren begnadeten leidenschaftlichen Musikerinnen und Musikern: Ob leise expressive Töne im Praeludium, temperamentvolle in der Polka, oder ausdifferenzierte kraftvolle im Furiant – immer aufs Neue faszinierte die exzellente Durchhörbarkeit des Klangkörpers.
Trialog der Extraklasse
Nach der Pause dominierte ein großer schwarzer Flügel die Bühne, denn auf dem Programm stand Ludwig van Beethovens dreisätziges „Tripelkonzert“ für Klavier, Violine, Violoncello und Orchester in C-Dur. Dazu eingeladen war das hochkarätig besetzte Trio Vivente mit Anne Katharina Schreiber an der Violine, Kristin von der Goltz am Violoncello und Jutta Ernst am Klavier. Klare präzise Töne in der Eröffnung der Streicher, mit Einsetzen des Violoncellos hielt sich die sueddeutsche kammersinfonie bietigheim im Hintergrund, während Geige und schließlich Klavier erklangen.
Der Trialog der Instrumente bestach durch seine Hingabe gepaart mit höchster Ausdruckskraft. Anne Katharina Schreiber, Kristin von der Goltz und Jutta Ernst brillierten und begeisterten neben ihrer technischen Perfektion mit ihrer emotionalen Musizierweise und strahlenden Klangsubstanz ausnahmslos alle im Saal. Erst nach lang anhaltendem Beifall und nicht ohne Zugabe wurden sie schließlich von der Bühne gelassen.
Autorin: Helga Spannhake
Die Tangomesse als Gegenstück zum besinnlichen Advent
Die „sueddeutsche kammersinfonie Bietigheim“ sprengt den Advent mit dem Konzert der anderen Art.

Das Adventskonzert der „sueddeutschen kammersinfonie Bietigheim“ im Kronensaal am vergangenen Samstagabend hat ein Alleinstellungsmerkmal wie eine grell leuchtende Blüte auf einer Blumenwiese. Das Ensemble kooperierte mit der Lienzinger Akademie. Simon Wallinger, der künstlerische Leiter, nimmt markante Solisten mit ins Boot, um ein surreal geprägtes markantes Anti-Adventskonzert aufzuführen. Der berühmte Erfinder des Tango Nuevo, Astor Piazzolla, setzte seiner „Maria de Buenos Aires“ damit ein Denkmal. Er gibt dem Mädchen aus den Slums eine Plattform im Adventskonzert der anderen Art.
Das expressionistisch durchdrungene Werk sprengt die üblichen Formen in Wort und Ton. Freie Tonalität macht sich breit. Jedes Instrument gibt es nur einmal auf der Bühne, und alle befinden sich im Dialog miteinander in einer Messe, die keine ist, in einem Werk, bei dem der Sprecher und auch die Maria selbst sich in Wortakrobatik verlustieren und dem Hässlichen und Grässlichen mit Wonne eine Plattform bieten, um zum Nachdenken anzuregen.
Werk passt nicht zum landläufigen Advent
Hier führt das Bandoneon das Re-giment. Der Solist mit schwarzem langem Haar, Leonel Gasso, aus Uruguay befeuert sein Instrument vom Feinsten. Natürlich passt dieses Werk von Astor Piazzolla nicht in die üblichen landläufigen Gedankenströme im Advent. Zu wild, zu frei, zu experimentell, zu provokant zu ketzerisch. Etliche Stühle bleiben leer an diesem Abend. Die, die gekommen sind dürfen sich erst einmal daran gewöhnen, dass hier das freie Assoziieren und das neue Kombinieren von Worten an der Tagesordnung ist – der surrealistische Einschlag ist heute noch genauso erfrischend wie damals.
Die Tangomesse ist ein Unikat und mit nichts in der Literatur vergleichbar. Piazzolla spielt wortgewandt mit seinem größten Schatz, dem Tango. Statt Agnus Dei heißt der letzte Messeteil beim Tango-Nuevo-Schöpfer „Tangurus Dei – An einem Sonntag.“ In der Blütezeit des Surrealismus, 1968, bringt Piazzolla diese Anklage und Liebeserklärung zugleich an den Tango auf den Weg. Maria wird zur Heiligen inmitten ihrer kriminell geprägten Umgebung zwischen Machos und Peinigern, Drogenkartellen und Mördern.
Mónica Soto-Gil Salas, die Mezzosopranistin, füllt ihre Rolle mit Bravour. Als Südamerikanerin kommt ihr Gesang authentisch an. Der leidvolle Blick in die Ferne ist nicht aufgesetzt. Santiago Bürgi, der lyrisch-weiche Tenor, ist ihr ein herrlich ebenbürtiges Pendant. Johann-Michael Schneider mimt den Sprecher, den man in all seinen krassen Wendungen und Beobachtungen zum Geschehen immer versteht, bis in die letzten Reihen hinein.
Wer glaubt, er könnte sich hier zum angenehmen Adventskonzert gemütlich in seinen Sessel kuscheln, irrt. Astor Piazzolla und mit ihm die „sueddeutsche kammersinfonie Bietigheim“ wollen zeigen, wie schwer es all die haben, die nicht im Wohlstand und in der Sicherheit leben. Heftig rüttelt dieses Adventskonzert an gesellschaftlichen Missständen.
Autorin: Susanne Yvette Walter
Unbekanntes erlebbar machen
Die „sueddeutsche kammersinfonie bietigheim“ zeigt Flagge beim 40-Jahr-Konzert.

Bietigheim-Bissingen. Die „sueddeutsche kammersinfonie bietigheim“ nimmt seit 40 Jahren ihren Platz als Flaggschiff für klassische Konzerte in Bietigheim-Bissingen ein. Zweimal im Jahr lädt das sinfonische Orchester zu seinen beliebten Themenkonzerten in den Kronensaal ein – ein kulturelles Markenzeichen der Stadt.
Die Idee hinter dem Orchester
Am Donnerstagabend gab die klangstarke Gemeinschaft ihr Jubiläumskonzert zum 40-jährigen Bestehen, das auf einer Vision basiert: Im Jahr 1984 hatte Peter Wallinger, der bis heute das Orchester anleitet, die Idee, mit jungen Musikern aus dem Hochschulumfeld, Musikstudenten und Musikerkollegen aus dem Stuttgarter Raum, ein Orchester für Bietigheim-Bissingen zu gründen. Die Grundphilosophie, die auch heute noch immer gilt, ist ein Servicegedanke voller Empathie: Es geht darum, neue Musik vertrauter und vertraute Musik neu erlebbar zu machen. Heute vereint der professionell arbeitende Klangkörper Musiker aus der gesamten Region in Süddeutschland.
Peter Wallinger wird als Dank für 40 Jahre Engagement als Dirigent und Orchesterleiter minutenlang mit Beifall überschüttet. Noch immer wiegt er sich zur Musik hin und her. Er liebt den leichten Schwung in Antonin Dvoraks Slawischem Tanz Nr. 8 und nimmt sich das Werk mit einer spritzigen Geschwindigkeit vor.
Ein Jubiläum ist bekanntlich ein Freudenfest – und was bietet sich mehr an als „zu tanzen“, sprich berühmte Tänze von berühmten Komponisten auszuwählen? Die Stimmung ist entsprechend. Vorfreude liegt in der Luft. Der Kronensaal in Bietigheims Innenstadt ist voll bis ganz nach hinten, als sich endlich die Türen schließen und das Orchester seinen Platz einnimmt.
An der Körpersprache der Musiker und Musikerinnen beim Spiel zeigt sich: Hier sitzt keiner und macht nur Dienst nach Vorschrift. Jeder ist ganz dabei, geht voll in seiner Rolle auf und bereitet sich entsprechend so auf die gemeinsamen Proben vor, dass Intonation und Fingerfertigkeit selbstverständlich sind. Es macht Spaß zu beobachten, wie gut Peter Wallinger und das Orchester miteinander kommunizieren.
Ausgeprägte Dynamik
Das Laut-Leise-Spiel, sprich die Dynamik, ist sehr ausgeprägt. Peter Wallinger kennt die Tricks und weiß, wie sein Publikum unterhalten werden will: Flott, keine Längen oder tiefschürfend mit viel Leidenschaft.
Zweiteres kommt in Jean Sibelius Valse triste zum Tragen. Dissonanzen bestimmen gegen Ende die Szenerie, ein typischer Sibelius. Das Orchester schlüpft wieder gekonnt hinter die Noten und bemüht sich, sie so zu interpretieren, dass der Komponist selbst seine Freude daran gehabt hätte.
Solistin Ursula Schoch
Mit Ungarischen Tänzen von Johannes Brahms vor der Pause verbreitet sich das Tanzfeuer weiter. Doch das junge Orchester bereitet bereits die Spur für Solistin Ursula Schoch vor, die nach der Pause jede Aufmerksamkeit auf sich lenkt. Sie ist eine Beethoven-Spezialistin an der Geige und intoniert dessen Violinkonzert in D-Dur auswendig mit einer Klasse, die man suchen kann. Ursula Schoch klettert mit flinken Fingern souverän den Geigenhals hoch und runter und schafft ohne Klimmzug auch die ganzen hohen Liegenoten.
Beethoven schenkt ambitionierten Solisten nichts, die sich durch sein Violinkonzert kämpfen. Das funktioniert nur mit sehr fortgeschrittener Bogentechnik und superlativ gut geschulten Fingern, sowie einer Extraportion Einfühlungsvermögen in die Tonsprache des Komponisten. Die Solistin war schon bei den Berliner Philharmoni- kern aktiv und ist seit 2000 Konzertmeisterin im Concertgebouw-Orchesters Amsterdam.
Die Jahrhunderte alte Meistergeige von Giovanni Battista Guadagnini mag das Ihre dazu beitragen: Jedenfalls macht Ursula Schoch, den Platz als Teufelsgeigerin des Abends keiner streitig. Die Disziplin, die sie an den Tag legt in Intonation und Technik, ist atemraubend. Der Beifall hört nicht auf, bis Schoch die Geige noch einmal an den Hals nimmt und ein kleines Largo spielt – am Ende ohne Orchester.
Aurtorin: Susanne Yvette Walter
Vivaldi und Raimondi im Schlosshof
Sommerkonzert – Die „sueddeutsche kammersinfonie bietigheim“ bringt italienische Leichtigkeit nach Sachsenheim.

Sachsenheim. Am Samstag, 24. Juni gibt die „sueddeutsche kammersinfonie bietigheim“ ein Konzert im Innenhof des Wasserschlosses. ,,All’ltaliana“ – italienisch und im heiteren Serenadenton – so lässt sich das Open-Air Konzert der Kammersinfonie überschreiben.
Vivaldi, Rota und Respighi
Im Mittelpunkt stehen „Der Frühling“ und „Der Sommer“ aus Vivaldis „Vier Jahreszeiten“ mit der vielfach ausgezeichneten Geigerin Rebecca Raimondi als Solistin. Die gebürtige Römerin studierte am Conservatorio Respighi in Latina (Italien) und an der Guildhall School of Music & Drama in London. Seit 2018 lebt sie in Frankfurt, wo sie bei Professorin Petra Müllejans Barockvioline studiert. Auf dem Programm stehen außerdem zwei weitere Werke italienischer Meister, die in unterschiedlicher Weise die Atmosphäre des Südens hör- und erlebbar machen: So werden in Ottorino Respighis „Antiche Danze ed Arie“ alte Tänze und Weisen in ein zauberhaftes, neues Klanggewand gekleidet. Dagegen wählt Nino Rota kraftvollere Farben in Tönen und Rhythmen für sein mitreißendes „Concerto per Archi“.

Die „sueddeutsche kammersinfonie bietigheim“ gilt in ihrer Arbeitsweise als modellhaft für eine besondere Art des Musizierens und Konzertierens abseits der etablierten Berufsorchester.
Das Resultat dieser engagierten und konsequenten, projektbezogenen Orchesterarbeit mit qualifizierten Musikerinnen und Musikern ist – über die Professionalität hinaus – ein von Frische und jugendlichem Elan geprägtes, klangdifferenziertes Spiel. So ist die Kammersinfonie seit ihrer Gründung im Jahre 1984 unter der künstlerischen Leitung des Celibidache-Schülers Peter Wallinger zu einem hoch qualifizierten Klangkörper mit großer Ausstrahlung gewachsen. Zahlreiche CDs innerhalb der Editionsreihe „Kammersinfonie live“ belegen den erreichten Standard.
Das Konzert beginnt um 19.30 Uhr. Einlass ab 18.30 Uhr (bei schlechter Witterung in der Mensa beim Schulzentrum). Karten gibt es im Vorverkauf für 18 Euro bei Schreibwaren Bader, beim Bürgerservice der Stadt, unter www.sachsenheim.de oder für 21 Euro an der Abendkasse. Wer das Sachsenheimer Konzert verpasst, hat am Sonntag, 25. Juli, um 11 Uhr eine zweite Chance. Dann gastiert das „sueddeutsche kammerorchester bietigheim“ in der Lienzinger Frauenkirche. bz
Minutenlanger Applaus für Geigenvirtuosen
Mit Tjeerd Top aus Holland gestaltet die Süddeutsche Kammersinfonie ein Konzertbonbon in Bietigheim.

Aus der Fülle von Literatur für Geige solo mit Orchester stellte die Süddeutsche Kammersinfonie Bietigheim eine eigene „Symphonie“ in drei Teilen zusammen und gestaltete ein charmantes Frühlingskonzert am Samstagabend im Kronenzentrum.
Beethovens selten gehörtes Violinkonzert in C-Dur stellt die Geige als selbstbewusste Energieträgerin vor. Die F-Dur-Romanze Beethovens zeigt ihr sinnliches, schwärmerisches Wesen. Die Polonaise in B-Dur von Franz Schubert entwirft das Bild einer Tänzerin von ihr. Der Geiger des Abends Tjeerd Top küsst all diese Seiten bei der hölzernen Lady wach. Beethoven hat für sie sogar eine eigene Gattung kreiert, die Romanze.
Tjeerd Top als Konzertmeister des Amsterdamer Concertgebouw kommt strahlend auf die Bühne und wird mit warmem Applaus willkommen geheißen. In Holland hat er einen großen Namen, in Bietigheim lernen ihn Kenner und Liebhaber klassischer Musik gerade erst kennen. Der Geiger mit dem Schmunzeln im Gesicht geht in einen lebendigen Dialog mit dem Bietigheimer Orchester. Das Ensemble besteht aus klangstarken Charakteren in jeder Stimme. Deshalb hat die Besetzung auch einen Stab von Fans, die kaum eines der Konzerte im Bietigheimer Kronensaal ausfallen lassen.
Besonders nach der Pandemie wird das Angebot des Bietigheimer Streicherensembles dankbar angenommen. Jedem dieser Konzerte der Süddeutschen Kammersinfonie schickt Flötistin Christiane Dollinger eine kleine Einführung voraus, diesmal flimmert diese über die Leinwand. Sie ist mit ihrer Begabtenklasse der Musikschule bei einem Probenwochenende.
Programme von der Stange gibt es bei der Bietigheimer Kammersinfonie nicht, sondern „einzigartige Designerstücke“ wie das seltene Fragment eines C-Dur- Violinkonzerts von Beethoven. Drei Werke für Violine solo sorgen dafür, dass sich im ersten Teil der Geigenhimmel öffnet und die Zuhörer den holländischen Virtuosen in jeder Facette kennenlernen. Er wird gefeiert mit minutenlangem Applaus.
Programme von der Stange gibt es bei der Bietigheimer Kammersinfonie nicht, sondern „einzigartige Designerstücke“ wie das seltene Fragment eines C-Dur- Violinkonzerts von Beethoven. Drei Werke für Violine solo sorgen dafür, dass sich im ersten Teil der Geigenhimmel öffnet und die Zuhörer den holländischen Virtuosen in jeder Facette kennenlernen. Er wird gefeiert mit minutenlangem Applaus.
Im zweiten Teil nimmt Tjeerd Top als Konzertmeister bei den ersten Geigen Platz. Das Orchester setzt den „Weinbergzyklus“ fort, den es 2022 schon gestartet hat. Es geht dem Leiter und Gründer der Süddeutschen Kammersinfonie, Peter Wallinger, darum, dass der erst 1996 gestorbene sowjetische Komponist polnischer Herkunft Mieczysław Weinberg nicht in Vergessenheit gerät. Mit der Aufführung seiner Werke soll er nach seinem Tod ins Licht der Öffentlichkeit gestellt werden.
In seinem Werk reizt Weinberg Extreme aus, und stellt lange homogene Passagen direkt neben Kampfesszenen im zweiten Satz. Auch in der Dynamik geht der 1919 geborene Komponist extreme Wege und kreiert viele leise Passagen, die an der Hörgrenze liegen im sich auflösenden tonalen System. Weinberg ist kein Schönberg. Er lässt Dissonanzen pointiert einfließen und erspart seinem Publikum bewusst schrille Schräglagen.
Am Ende tobt minutenlang der Applaus, und das Kammerorchester zaubert noch einmal die Polonaise von Schubert heraus. Einfach deshalb, weil man selten die Geige als Solistin in einem tänzerischen Satz, einer Polonaise hört.
Autorin: Susanne Yvette Walter
Klassik voller Leben im Kronenzentrum
Die Sueddeutsche Kammersinfonie Bietigheim spielt „La Passione“ im Kronenzentrum.

Foto: Oliver Bürkle
La Passione bedeutet Hingabe. Und Hingabe an die Musik – das gab es zu allen Zeiten von Seiten der Musiker und der Zuhörer.
Ein Konzert mit dem Titel „La Passione“ zu überschreiben, trifft sozusagen immer den Nagel auf den Kopf und ist unabhängig von Epochen und Werken.
Eigentlich wollte der Dirigent der Sueddeutschen Kammersinfonie Bietigheim, Peter Wallinger, beim Konzert im Kronenzentrum mit zwei renommierten japanischen Solistinnen den Stab selbst führen. Krankheitsbedingt schied Wallinger jedoch aus und überließ seinem Sohn Simon das Dirigat. Simon Wallinger studiert Kontrabass und Klavier in München und leitete auch die Proben zum Konzert. Er gab im Kronenzentrum sein Debüt.
Feuriger Auftakt mit Carmen
Feurig stimmt Simon Wallinger das Prélude aus der Oper Carmen von Georges Bizet an und gibt damit die Marschrichtung vor. Klassik muss rasant und klangfarbenreich sein, will man heute Menschen dafür begeistern und erreichen. Das weiß Simon Wallinger.
Seine Körpersprache zeigt ihn als leidenschaftlichen Dirigenten mit Köpfchen, der ein strahlendes Lächeln zu verschenken hat.
Für Besucher, die auch die Information hinter dem Konzert schätzen, gibt Musikwissenschaftlerin Dr. Christina Dollinger vor Konzerten dieses Formats eine Einführung im separaten Saal. Dabei erfährt man, dass Bizet mit Carmen eine realistische Milieuschilderung versucht hat, die zunächst auf Ablehnung bei seinen Komponistenkollegen stieß. Auch Christoph Willibald Gluck, der das zweite Werk des Abends beisteuert, thematisiert Liebe, Leidenschaft, Tod und Abschied. Er befeuert das Motto des Abends mit seiner Ballettmusik Don Juan. Carmen bekommt hier einen männlichen Gegenspieler, und immer noch geht es um Hingabe im Konzert „La Passione“.
Hingabe ergreift jeden Musiker an diesem Abend. Das zeigen Gesichter und Gesten. Jeder ist vertieft und hingebungsvoll, auch bei Josef Haydns berühmter Sinfonie Nr. 49, die tatsächlich mit einem lyrischen langsamen Satz beginnt, anstatt einen markanten Opener zu liefern. In Haydns Sinfonie Nr. 49 dürfen sich die Stimmen ausbreiten und miteinander „reden“ in der Tiefe des Gedankens. Beeindruckend wie fingerfertig und technisch versiert der ganze Streichapparat auftritt. Bläser füllen die Klangfarben auf und glänzen im Detail. Das fesselt.
Besondere Freude macht der Doppelpack an Solisten im zweiten Teil. Zwei Japanerinnen geben sich die Ehre: Sachiko Kobayashi an der Violine und Tomoko Yamasaki an der Viola. Beide zusammen begegnen dem Bietigheimer Publikum in Mozarts Sinfonia concertante, ein Klassiker für Mozartfans mit vielen Zierfiguren wie Triller und Praller. Die Solistinnen gehen recht schnörkellos an die Sache heran. Gemeinsam entwerfen beide charmante Dialoge, indem die eine die Melodielinie der anderen aufgreift und weiterführt. Dieses typisch Neckische zeichnet die galante Sinfonia concertante aus, ein Mischtypus zwischen Sinfonie und Solokonzert, eine Laune ihrer Zeit.
Zitate von Schiller
Zu all den Tönen kommen Zitate von Friedrich Schiller auf die Bühne. Es sind wahre Worte über das Leben selbst, Auszüge aus „Der Antritt des neuen Jahrhunderts“.
So eine Rückkehr in den Facettenreichtum der Kammermusik haben sich die Bietigheimer Klassikfans gewünscht. Minutenlang brandet der Applaus.
Autorin: Susanne Yvette Walter
Fein ausbalanciertes Konzert
Bietigheim Die Streicher der „sueddeutschen kammersinfonie bietigheim“ gaben am Sonntagabend ein eher introvertiertes, aber feines Neujahrskonzert.

Foto: Martin Kalb
Freunde anspruchsvoller und glänzend durchdachter Programmkonzepte kommen bei der „sueddeutschen kammersinfonie bietigheim“ unter der Leitung ihres Dirigenten Peter Wallinger immer wieder voll auf ihre Kosten. Mit einer sensiblen Innenschau eher langsamer und intimer Stücke von Carlo Gesualdo, Arvo Pärt, Wolfgang Amadeus Mozart, Jean Sibelius, Gioacchino Rossini und Leos Janácek spielten die Streicher des Orchesters im schönen Ambiente der Kelter ein wunderbar inniges, klanglich vollständig zurückgenommenes Neujahrskonzert am Sonntagabend – trotz weniger Zuhörer. Dazu rezitierte der Berliner Schauspieler und Theatermusiker Johann- Michael Schneider tiefgründige, launige und romantische Poesie von Joachim Ringelnatz, Johann Wolfgang von Goethe, Rainer Maria Rilke, Hugo von Hofmannsthal und Gustav Falke.
„Zeit und Traum“
Das Konzert stand unter dem vielsagenden und doch rätselhaften Motto „Zeit und Traum“. „Die Zeit, die ist ein sonderbares Ding“ war in einem Gedicht von Hugo von Hofmannsthal zu vernehmen, ja wirklich, zumal in einer Zeitkunst wie der Musik. Alles fließt in ihr alles fügt sich ein zwischen ein Beginnen und Enden, ein Aufblühen und Erlöschen. In der Musik erscheint die Zeit zuweilen als stürmisches Presto furioso – und mit zahllosen Abstufungen – als Beinahe-Stillstand im Largo di molto.
Peter Wallinger hatte mit den knapp 20 Streichern in den Proben allem Anschein nach intensiv alle erdenklichen Schattierungen im Pianobereich erarbeitet. Dementsprechend wurde in dem anderthalbstündigen Programm an keiner Stelle aufgetrumpft, forciert oder gepoltert. Stattdessen gab es einen fein ausbalancierten, überaus homogenen, sauberen und biegsamen Streicherklang zu hören. Die zwischen den Musikstücken meisterhaft gesprochene Lyrik trug ihrerseits dazu bei, dass die Musik von selbst zu sprechen begann – als ausgestaltete und ausgeformte Zeit.
Spannend und eine Herausforderung für die Zuhörer war das Experiment Wallingers, so gegensätzliche Klangwelten wie Carlo Gesualdos „Gagliarda“ aus dem 16. Jahrhundert und Arvo Pärts „Festina Lente“ aus dem 20. Jahrhundert bewusst und unvermittelt aufeinandertreffen zu lassen. Der verhaltene, an manchen Stellen morbide Gestus der Klänge aus so unterschiedlichen Epochen verband sich zur Überraschung des Publikums auf wundersame Weise. Dass Musik zugleich stehen und fließen kann, war in Wolfgang Amadeus Mozarts sehr kurzem Adagio für eine Orgelwalze, komponiert für eine mechanische Orgel mit einer drehbaren Stiftwalze, zu erleben. Weiche, stehende Harmonien eröffneten den Musikern Räume für pulsierende, melodische Bewegungen.
Zurückhaltende Tongebung
Eine kleine Humoreske von Jean Sibelius- für Solovioline und Streichorchester, toll gespielt von der jungen Geigerin Sachiko Kobayashi, sowie eine drei sätzige Streichersonate des italienischen Opernkomponisten Gioacchino Rossini gab es noch vor der Pause.
Auch in diesen Stücken herrschte eine zurückhaltende Tongebung vor. Die Streichersonate geriet zu einem feinsinnigen Klangspiel zwischen den Registern des Streicherapparates mit solistischen Einlagen des Kontrabasses, der Celli und der ersten Geigen. Nach der Pause trugen die Streicher drei Sätze aus dem eigentlich sieben Sätze umfassenden „Idyll“ des tschechischen Spätromantikers Leos Janácek vor. Dass am Ende alles doch nicht so bierernst gemeint war, verriet augenzwinkernd das Schlussstück, die schwelgerische Romanze aus Mozarts „Kleiner Nachtmusik“, aus der der Schlusssatz als Zugabe erklang. Anschließend gab es für die mit Wohlklängen verwöhnten und angeregten Besucher einen kleinen Umtrunk.
Dietmar Bastian
Solisten fesseln mit ihrem Vortrag
Die Süddeutsche Kammersinfonie Bietigheim trat im Sachsenheimer Lichtenstern-Gymnasium vor 100 Zuhörern auf. Drei Solisten prägten die Darbietungen der Musiker ganz besonders.

Foto: Martin Kalb
Das 25. Konzert der Süddeutschen Kammersinfonie Bietigheim bracht am vergangenen Samstag Stücke von Benjamin Britten, Franz Schubert und Antonín Dvorák in das Lichtenstern-Gymnasium in Sachsenheim. Ab 19 Uhr füllte sich dort die Aula, in die das Konzert wegen des unsicheren Wetters verlegt worden war, mit gut 100 Besuchern.
Drei Solisten überzeugen
Unter der Leitung von Peter Wallinger, Gründer und Leiter der Süddeutschen Kammersinfonie Bietigheim, waren auch diesmal wieder drei Solisten dabei, dieses Jahr Chihiro Saito mit dem Violoncello, Tenor Kai Kluge und Hornist Reimer Kühn. Alle überzeugten beim Auftritt in Sachsenheim mit ihrem Können. Kühn studierte in Hamburg an der Hochschule für Musik und Theater und, nach Erhalt seines Diploms, an der Musikhochschule Köln. Schon während dem Studium spielte er in dem Kieler Philharmonischen Orchester und bei den Hamburger Philharmonikern Nach dem Studium war er stellvertretender erster Hornist am Nationaltheaterorchester Mannheim. Seit 1992 ist er Solohornist des Staatsorchesters Stuttgart. Kühn, der im Alter von Jahren begann, Horn zu spielen, ist zudem Gründungsmitglied des Mannheimbrass Quintetts, einem der führenden Blechbläserquintette des Landes. Kluge begann seine musikalische Ausbildung bei den Aurelius Sängerknaben in Calw. Während dem Studium wurde er vom Opernstudio des Staatstheaters Karlsruhe engagiert, er wechselte 2016/17 ans Opernstudio des Staatstheaters Stuttgart und wurde im Jahr darauf fest im Ensemble angestellt. 2014 gewann er den ersten Preis der Opernakademie Baden-Baden, 2015 kam er beim Internationalen Wettbewerb „Franz Schubert und die Musik der Moderne“ im Lied-Duo mit seiner Schwester ins Finale.
Chihiro Saito ist schon seit vielen Jahren Solocellistin bei der Süddeutschen Kammersinfonie Bietigheim. Nach dem Studium in Tokio an der University of Fine Arts and Music und in Stuttgart an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst gewann sie sowohl als Solocellistin und als Mitglied des Lotus String Quartetts international Preise, etwa in Japan und Italien. Bei den Ludwigsburger Schlossfestspielen trat sie bereits auf, ebenso wie beim Schleswig-Holstein Musikfestival, beim Davos International Music Festival, bei den Mecklenburg-Vorpommern Festspielen, beim Luzern Festival, bei den Schwetzinger Festspielen und beim Rheingau-Musikfestival.
Vier Streicher begleiten Saito
Den Beginn des Konzerts machten Kluge und Kühn mit der Serenade op. 31 für Horn, Tenor und Streicher von Benjamin Britten. Den zweiten Teil der gut einstündigen ersten Hälfte bestritt Saito mit der,,Arpeggione“- Sonate D 821 von Franz Schubert. während im ersten Teil das ganze Orchester spielte, begleiteten Saito vier Streicher. In der zweiten Hälfte des einmal mehr überzeugenden Konzerts der Kammersinfonie stand Dvoráks Serenade E-dur op. 22 auf dem Programm.
Bei der Gestaltung des Programms wählt Peter Wallinger zuerst das Thema und die entsprechenden Stücke aus, an diesem Abend eben die beiden Serenaden und die Sonate. Davon abhängig wurden dann die Solisten gewählt. Saito und Kühn sind bereits im Orchester, der Kontakt zu Kluge kam über Kühn zustande. Das Talent des jungen Tenors beeindruckt Wallinger, der ihm eine enorme Karriere prophezeit, „warten Sie nur ein halbes Jahr.“ Wer in Sachsenheim dabei war, möchte ihm da kaum widersprechen.
Jonathan Lung
Klassiker der Musikgeschichte
Klassik Die „sueddeutsche kammersinfonie“ präsentierte in der Bietigheimer Kelter ein Neujahrskonzert.

Bietigheim-Bissingen. Am Sonntagabend ereignete sich ein klangvolles „Wintermärchen“ in der Kelter in der Bietigheimer Altstadt. Die „süddeutsche kammersinfonie“ präsentierte dort das traditionelle Neujahreskonzert 2019 unter der künstlerischen Leitung von Peter Wallinger. Das 17-köpfige Streichorchester mit Percussion präsentierte Klassiker der Musikgeschichte, die sich zwischen 1700 und 2000 ereigneten, vor rund 120 Besuchern.
Das Konzert begann mit dem dritten Brandenburgischem Konzert von Johann Sebastian Bach. Textlich unterstrichen wurde das musikalische Programm von Dr. Hatto Zeidler, Bildhauer und Autor aus Maulbronn. Er lieferte Hintergrundinformationen zu den Künstlern und trug freie Texte und Literatur der Zeitgeschichte vor. „Man muss sich vorstellen; die sechs Brandenburgischen Konzerte Bachs brauchten zwei Jahre bis zu ihrer Fertigstellung. Zu jener Zeit hatte Bach sechs kleine Kinder und vermutlich nie seine Ruhe“, berichtete Sprecher Zeidler. Humorvoll und informativ gestaltete der ehemalige Hochschulprofessor das literarische Programm des Abends.
Anschließend stellte das Orchester „Fratres“ (estländisch: Brüder) den Zeitgenossen Arvo Pärt vor. Laut Zeidler habe Pärt sich sehr für die russisch-orthodoxe Kirche und die gregorianischen Gesänge interessiert und diese in seine musikalischen Werke einfließen lassen. In dem speziellen Werk verbergen sich viele Akzente der gregorianischen Musik. Vor allem der starke Bass ließ das Stück in der kalten Akustik der rustikalen Kelter sehr mystisch und düster klinken. „Wenn all das, was heute als Schnee fallen würde, dann hätten wir gewiss ein Wintermärchen“, scherzte der Sprecher.
Das dritte Werk trug den Namen „Erinnerungen an den vergangenen Frühling“ von Evard Grieg. Sich bei dem regnerischen Wetter von Sonntag an die warmen Frühlingssonne und die erblühende Landschaft zu erinnern, fiel bei den musikalischen Meisterwerken, die die Kammersinfonie vorstellte, nicht schwer. Die Streicher harmonierten, die neun Violinen, drei Violas, drei Violoncellos zusammen mit Kontrabass und Percussion-Elementen begeisterten dem lautstarken Applaus nach zu urteilen das Publikum in hohem Maß.
Katalanisches Weihnachtslied
Nach einer kurzen Pause begann Solistin Chihiro Saito, mir ihrem Violoncello in Solos zu zaubern: Mit Peter Tschaikowskys „Andante cantabile“ zog sie das Publikum in den Bann ihrer Musik. Chihiro Saito studierte unter anderem in Tokio an der University of fine Arts and Music und in Stuttgart in der Solistenklasse an der Staatlichen Hochschule für Musik. Sie gewann als Solocellistin und als Mitglied des Weltweit konzertierenden „Lotus String Quartets“ mehrfach Preise in verschiedenen Ländern. „Frau Saito und auch unsere Solo- Violonistin Frau Kobayashi sind bereits seit vielen Jahren in unserer Kammersinfonie. Sie sind in jeder Hinsicht eine Bereicherung für unser Orchester“, schwärmte Gründer und künstlerischer Leiter Peter Wallinger. Das zweite Solo-Stück, das Chihiro Saito mit ihrem Violoncello vortrug, war Pablo Casels „El cant dels ocells“ (katalanisch: Der Gesang der Vögel). „Das katalanische Weihnachtslied handelt von 30 verschiedenen Vögeln, die die Geburt Christi besingen und ihm Glückwünsche aussprechen. Für dieses Meisterwerk imitierte Casels die verschiedenen Vögel und vereinte sie mit den Klängen seines Violoncellos“, erklärte Hatto Zeidler.
Das Streichorchester beschloss sein Konzert mit Mozarts sechster Serenade „serenata notturna“, in der Violinistin Sachiko Kobayashi ein bezauberndes Solo zum Besten gab. Nach dem lautstarken Applaus spielte die Kammersinfonie noch eine Zugabe.
Vivien Staib
Erhabener Glanz, zarte Innerlichkeit
Der Ausnahme-Trompeter Wolfgang Bauer und die Süddeutsche Kammersinfonie Bietigheim spielten unter der Leitung von Peter Wallinger im Kronenzentrum. Von Dr. Dietmar Bastian

Die Süddeutsche Kammersinfonie Bietigheim spielte mit Stargast Wolfgang Bauer ein Konzert unter dem Titel „Musica Adventus“ im Kronenzentrum. Foto: Martin Kalb
Zweierlei Horizonte verbinden sich mit dem Wort Advent (Ankunft): Das von den Römern geknechtete jüdische Volk hoffte auf die Ankunft des Messias, eines Königs, Erlösers und Befreiers. Das in einer Futterkrippe im Stall geborene Knäblein hingegen, von dem die Evangelisten im Neuen Testament berichten, entsprach nun ganz und gar nicht dieser Vorstellung, sondern offenbarte den Willen Gottes, dass das Starke im Schwachen Gestalt annehmen und mächtig werden sollte. Genau diese Widersprüchlichkeit griff das Programm „Musica Adventus“ auf, das der Leiter der Süddeutschen Kammersinfonie Bietigheim, Peter Wallinger, am Samstagabend im Kronenzentrum zur Aufführung brachte.
Wallinger hatte den grandiosen Trompeter Wolfgang Bauer engagiert, der gleich zwei Solokonzerte spielte: Johann Baptist Georg Nerudas „Concerto für Diskanthorn und Streichorchester“ sowie das bekannte Trompetenkonzert Es-Dur von Joseph Haydn, dessen „Ohrwurmthemen“ wohl viele Zuhörer schon auf den Lippen führten. Die optisch sehr jung wirkende Süddeutsche Kammersinfonie Bietigheim musizierte auf gewohnt hohem Niveau, begleitete klangschön und transparent und hob den heiter-festlichen Charakter der Werke hervor.
Strahlend und eindringlich
Kein Zweifel, dass der vielfach ausgezeichnete Wolfgang Bauer, der weltweit unterwegs ist und eine Professur in Stuttgart inne hat, ein Großer seines Fachs ist. Beim Konzert von Neruda, das noch heute als einziges Werk des ansonsten fast vergessen Frühklassikers aufgeführt wird, traf Bauer genau jenen galanten Ton, den der damalige Zeitgeist evoziert hatte. Den Haydn spielte er auswendig, mit großer Strahlkraft und Eindringlichkeit. Hier hätte man sich vielleicht gewünscht, dass Bauer die Nebenthemen und Überleitung zurücknimmt und nicht durchgängig forciert.
Doch genau die leiseren Töne, die ebenso zum Advent gehören, gab es auch: Peteris Vasks‛ „Musica Adventus I“ war die eigentliche Überraschung des Abends. In eindrucksvoll-zarten Klanggesten und fein gesponnenen Tongeweben nimmt das Stück des zeitgenössischen lettischen Komponisten jene geheimnisvollen Vorgänge auf, die das Geschehen im Stall ausmachen. Im Choralzitat „Vom Himmel hoch“ macht Vasks deutlich, das er jenem inneren Licht nachspürt, das uns im Advent erreichen möchte. Sehr gerne hätte man nicht nur den 1. Satz, sondern die komplette etwa 25-minütige „Musica Adventus“ gehört, doch dies hätte den Rahmen gesprengt.
Die bekanntesten der neuen Sinfonien Beethovens werden sehr häufig gespielt, die anderen leider viel zu wenig. Dieses Schicksal ist auch dem Schlussstück des Abends, der achten Sinfonie in F-Dur, beschieden. Dabei muss man dieses an überraschenden Modulationen und harmonischen Experimenten so reiche Werk eigentlich im Zusammenklang mit der Neunten hören, in der Beethoven endgültig eine musikalische Zeitenwende herbeiführt. Man hätte der Kammersinfonie und Bauer volle Reihen gewünscht, denn es war ein denkwürdiger Musikabend, der wunderbar in ein Adventwochenende hineingepasst hat.