Bietigheimer Zeitung
Unerschütterliche Begeisterung für die Klassik
Konzert Die „sueddeutsche kammersinfonie bietigheim“ und Klarinettist Sebastian Manz spielten in Sachsenheim

Klarinettist Sebastian Manz und die „sueddeutsche kammersinfonie Bietigheim“ mit Peter Wallinger am Pult spielten im Lichtenstern-Gymnasium. Foto: Helmut Pangerl
Sachsenheim. Was in der Vergangenheit selten klappte, konnte diesmal umgesetzt werden: das Sachsenheimer Sommerkonzert als Open Air. Gut 80 Besucher waren am Samstagabend ins Lichtenstern-Gymnasium gekommen, um sich die „sueddeutsche kammersinfonie bietigheim“ unter ihrem Dirigenten Peter Wallinger und den Ausnahmeklarinettisten Sebastian Manz anzuhören.
Manz ist einer der ganz Großen der Klassik-Szene, momentan Solo-Klarinettist beim SWR Symphonieorchester, als solist international gefragt. Ein solcher Status verleitet viele Musiker dazu, einen imaginären Zaun um sich herum zu bauen, und sich abzuschotten. Die Vermeintliche Unantastbarkeit der Künstler macht es einem Fan-Kult ungemein schwer – doch genau der mag wichtig für den Fortbestand der Szene sein. „Wir sind selbst Schuld“, meinte Sebastian Manz im Gespräch mit der BZ zu diesem Thema.
Dabei kann man ihm am allerwenigsten einen Vorwurf machen – im Gegenteil. Sebastian Manz stand nach seinem Auftritt in T-shirt und kurzer Hose auf der Wiese des Lichtenstern-Gymnasiums, unterhielt sich mit seinen Fans, erzählte ihnen von der Notwendigkeit des Sports für einen Musiker und von den Vorteilen eines digitalen Notenblatts.
Große Ausstrahlung
Bei seinem Auftritt ergriff er wie selbstverständlich das Wort, fütterte das Publikum mit Hintergrundinformationen zu den Stücken, erklärte, warum er für die Zugabe eine andere Klarinette holen muss. Vor allem aber strahlte Manz, Jahrgang 1986, nach vielen Jahren in diesem Metier eine Begeisterung für seinen Job aus.
Bevor er am Samstag an der Reihe war, spielte die „sueddeutsche kammersinfonie bietigheim“ Josef Mysliveceks „Orchesterquintett in Es-Dur“. Der Böhme Myslivecek, Zeitgenosse und Freund des viel berühmteren Wolfgang Amadeus Mozart, komponierte in heiterer Klassik-Manier. Diesen stilistischen Geist legte die „sueddeutschte kammersinfonie bietigheim“ unter Peter Wallinger unprätentiös, aber klangvoll offen.
Obwohl die Werke, die am Samstagabend aufgeführt wurden, in einem Zeitraum von über einhundert Jahren entstanden sind, ergänzten sie sich hervorragend zu einem stimmigen Programm. Zwischen den reinen Orchesterstücken interpretierte Sebastian Manz gemeinsam mit dem 16-köpfigen Orchester das „Klarinettenkonzert in B-Dur“ von Johann Stamitz sowie den dritten Satz aus dem „1. Darmstädter Konzert“ von Stamitz’ Sohn Carl. Als Zugabe spielte Manz das „Adagio KV 580a“, bei dem Mozart den Melodieanfang seines berühmten „Ave Verum“ wiederverwertet hat.
Sebastian Manz macht Musik offenbar nicht um ihrer selbst Willen, sondern weil er seinen Zuhörern etwas mitteilen möchte. Der gebürtige Hannoveraner verfügt über eine außergewöhnliche Bühnenpräsenz und das liegt bei Weitem nicht nur an seinem großen Bewegungsradius. Auch beim Open-Air-Konzert im Lichtenstern-Gymnasium fesselte er nicht nur die Ohren, sondern auch die Augen des Publikums.
Naturgewaltige Musik in der Kelter

Die Süddeutsche Kammersinfonie unter Leitung von Peter Wallinger spielte in der Kelter. Foto: Martin Kalb
Zauber der Natur“ lautete der Programmtitel des diesjährigen Neujahrskonzerts der „sueddeutschen kammersinfonie bietigheim“. Unter der Leitung von Peter Wallinger hörten die Besucher in der Alten Kelter „naturgewaltige“ Musik aus dem Barock bis hin zum Impressionismus. Für die gesprochene Sprache zeichnete der Schauspieler und Sprecher Frank Albrecht verantwortlich, der zwischen den Orchesterwerken mit akzentuierter Stimme Gedichte las.
Den musikalischen Natur-Reigen eröffnete das Kammerorchester mit zwei Stücken aus Edvard Griegs „Nordischen Weisen“. Getragen, melancholisch, fast düster das erste, leichtfüßig daherkommend das zweite präsentierten sich die Musikerinnen und Musiker des von Peter Wallinger gegründeten Projektorchesters gewohnt professionell und äußerst spielfreudig. Die abwechslungsreiche, mal karge, mal üppige landschaftliche Schönheit des Landes hoch im Norden transportierten die Instrumentalisten genauso überzeugend in die Bietigheimer Kelter wie die tiefe Trauer in Giacomos Puccinis „Chrysanthemen“, ein Stück, das der italienische Tonsetzer anlässlich des Todes eines nahen Freundes komponiert hatte. Frank Albrecht gelang es dann in seiner Rezitation von Georg von der Vrings „Notenblatt des November“ mühelos, diese feierliche Stimmung zu wahren.
Höchste Ansprüche
Mit Antonio Vivaldi reiste die sueddeutsche kammersinfonie ins südlicher gelegene Italien: Doch sein Violinkonzert „Der Winter“ aus „Vier Jahreszeiten“, bei dem die langjährige Konzertmeisterin des Orchesters, Sachiko Kobayashi, an der Solovioline brillierte, ist alles andere als ein Lobgesang auf Sommer, Sonne und Meer, sondern eine Hommage an die Kraft der Naturgewalten: Mit ihrem virtuosen Spiel zeichnete Sachiko Kobayashi für die Zuhörer in der Alten Kelter gemeinsam mit dem gesamten Klangkörper die Unbarmherzigkeit des Frostes, die Heftigkeit des Windes und die Sanftheit leise herabfallender Schneeflocken nach.
Als zweite Solistin hatte Peter Wallinger mit Anne-Sophie Bertrand eine preisgekrönte Harfenistin verpflichten können, die neben ihrer Tätigkeit beim hr-Sinfonieorchester in Frankfurt als Gastmusikerin viele Ensembles bereichert. Für das Neujahrskonzert in Bietigheim setzte Peter Wallinger auf Claude Debussys „Danses pour Harpe et Orchestre“ und „Jardins sous la pluie“, zwei Kompositionen, die höchste Ansprüche an die Instrumentalisten stellen. Ganz ins Spiel versunken, kaum einen Blick auf das Notenblatt werfend und mit unendlicher Hingabe an ihr Instrument und an die Musik begeisterte Bertrand die Konzertbesucher in einem solchen Maß, dass sie gleich zwei Zugaben vorwegnahm.
Miriam Staudacher
Die Musik als launisches Kind
Sachsenheim Die „sueddeutsche kammersinfonie bietigheim“ spielte im Lichtenstern-Gymnasium ein vielschichtiges und tiefgründiges Konzert. Von Sandra Bildmann.

Das Live-Erlebnis gewinnt in Zeiten der dauerhaften Verfügbarkeit und Reproduzierbarkeit an Bedeutung. Nicht nur der Klangeindruck unterscheidet sich vom Musikhören über Boxen zuhause: Das Konzert der „sueddeutschen kammersinfonie bietigheim“ unter Dirigent Peter Wallinger am Freitagabend im Foyer des Lichtenstern-Gymnasiums zeigte eindrucksvoll, wie sich durch die Musik Räume öffnen können. Wer sich darauf einlies, konnte sich selbst besser kennen. Das traditionelle Open Air-Sommerkonzert des Orchesters fand in diesem Jahr aufgrund der Bauarbeiten nicht im Schlosshof statt, und war auch wegen der unsicheren Wetterlage nach drinnen verfrachtet worden.
Wuselnde Solisten-Finger
Zum Auftakt spielte das sechzehn-köpfige Ensemble Carl Philipp Emanuel Bachs Sinfonie in A-Dur. Danach wuselten die Finger von Solist Daniel Koschitzki über seine Sopranino-Flöte. In Vivaldis Concerto „Il Giardellino“ konnte der Echo-Klassik-Preisträger sein perfektes Spiel zeigen.
Die Luftzufuhr war fein austariert: nicht zu viel, aber ausreichend, damit der Ton schwingen und klingen konnte. Der Reichtum an Obertönen auf Basis des Präzisen uns sauberen Spiels vervielfachte das Tonvolumen, so dass die Flöte nicht unterging, sondern klar die Chefrolle spielte. Das Orchester grundierte fein. Nach der Pause erntete das Orchester mit den Solisten Andrea Ritter und Daniel Koschitzki (bei der Flöte) sowie Sachiko Kobayashi (Violine) bei Bachs viertem Brandenburgischem Konzert eine Menge Applaus vom begeisterten Publikum, so dass sie die Schlussfuge noch einmal wiederholten.
Mit Nino Rotas „Concerto per Archi“ aus den 1960er Jahren übersprang das Ensemble virtuell über zwei Jahrhunderte Musikgeschichte. Besonders der zweite Satz, das Scherzo, machte richtig Laune – auch weil das Orchester unter Wallinger die verschiedenen Stilistiken und Charaktere der Abschnitte deutlich voneinander abgrenzte. So wirkte das Scherzo tatsächlich wie ein Scherz mit vielen verschiedenen Facetten. Zunächst schien es, als ob die Musik ihren eigenen Kitsch karikiert, als ob sie sich nicht recht entscheiden könne, ob die ihn nachahmen oder sich ihm entgegen stellen soll.
Bezirzender Walzer
Die Musik kam als launisches Kind daher, das betont hässlich sein will, postwendend in eine vorgegaukelte heile Welt abtaucht. Kaum stellte sich der Zuhörer auf einen verdrießlichen, lethargischen Trott ein, bezirzte ihn urplötzlich ein Walzer. Die scharfen Dissonanzen hielten dem nicht stand, mussten sich ergeben. Der Satz endete unvermittelt im Irgendwo. In dieser Welt verschwammen die Grenzen von Ernst, Hohn und Ironie. Da bestand Anschluss zur Realität. Wer sich solchen Assoziationen öffnete, konnte in dem vor Kontrasten strotzenden Werk von Nino Rota auf Selbstfindungs-Tour gehen.
Der Komponist kupferte – wie in zeitgenössischer Methodik durchaus üblich – bei kompositorischen Wegbereitern ab. Auch wenn Rota eher im Filmmusik-Genre zuhause war, hat er die Entwicklung in der „klassischen“ Musik nicht missachtet. Spannungsaufgeladen und unbequem will die Musik im vierten Satz sein, bitte nicht zu gefällig. Wie Filmmusik klingt sein Stück für Streicher nicht, stattdessen mehr wie die musikalische Untermalung einer Lebensgeschichte mit Höhen und Tiefen. Ohne Vorwarnung ist Schluss. Rotas Musik hat das Publikum auf eine Reise mitgenommen und in einer anderen Welt ausgesetzt. Die „sueddeutsche kammersinfonie bietigheim“ unter Wallinger spielte dieses Spiel hervorragend. Langweilig war das überhaupt nicht. Dieses Live-Erlebnis schuf kreative Freiräume mit einer Relevanz für das eigene Leben.
Sandra Bildmann
In der Mucki-Bude der Musik
Klarinettist Sebastian Manz spielt mit der „sueddeutschen kammersinfonie bietigheim“ unter Peter Wallinger am Freitagabend im Kronenzentrum

Wäre Sebastian Manz im medialen Showbiz tätig, könnte man ihm das Prädikat des Entertainers zusprechen. Denn was er auf der Bühne tut, ist für das Publikum in hohem Maß unterhaltend. Die Reduzierung auf Unterhaltungskunst würde dem Klarinettisten aber keinesfalls gerecht – Manz ist ein Meister auf seinem Instrument. Sein Auftreten am Freitagabend im Bietigheim-Bissinger Kronenzentrum wirkte nicht aufgesetzt, übertrieben schwülstig oder exaltiert. Stattdessen hatte es den Anschein, dass Manz seine ungehaltene Spielfreude kaum zügeln mochte. Sein Auftritt lebte, war nicht steif oder abgenudelt. Manz, Jahrgang 1986, wirkte noch unverbraucht. Und das tat gut.
Manz spielt perfekt
Im Zentrum des Abends stand das Klarinettenkonzert A-Dur von Wolfgang Amadeus Mozart. Manz‘ perfektes Spiel wurde schnell zur Selbstverständlichkeit, bereits im ersten Satz neigte man dazu, dem Klarinettisten Unfehlbarkeit zu attestieren. Die wunderschönen kantablen Melodien im Adagio wurden bei Manz und der „sueddeutschen kammersinfonie bietigheim“ zu einem Sinnbild für Behaglichkeit. Das Orchester gab dem Klang hier viel Raum und Fülle, beherbergte den Zuhörer in einer endlosen Weite. Verlieren konnte sich der Zuhörer darin vielleicht schon, blieb aber vom weichen Klang der Klarinette geführt. Mozart griff mit diesem Satz tief in die Sentimentalitäten-Kiste. Wo Kitsch lauert, erschufen Sebastian Manz und die „sueddeutsche kammersinfonie bietigheim“ Harmonie.
Klassische Verspieltheit
Mozart gab in seinem Klarinettenkonzert aber nicht nur einem Soft-Boy eine Plattform, sondern komponierte im dritten Satz eine Mucki-Bude der Klarinettenkunst. Im technisch anspruchsvollen Rondo kehrt mit flinken Läufen über einen großen Tonraum die klassische Verspieltheit zurück.
Je schwieriger es offenkundig wurde, desto mehr Spaß schien Sebastian Manz an seiner Arbeit zu haben. Er genoss seinen Auftritt. Frei wirkte das alles, auch weil er nicht an Noten klebte, sondern auswendig spielte. Deutlich erkennbar: Was so spontan und locker wirkte, war keineswegs Zufall. Manz gestaltete und phrasierte sehr bewusst.
Barocke Einflüsse als Verbindung
Gerahmt wurde das Klarinettenkonzert durch Joseph Haydns sechste Sinfonie in D-Dur mit dem Beinamen „Le Matin“ und der „Pulcinella“, einer Suite für Orchester von Igor Strawinsky. Barocke Einflüsse fungierten gewissermaßen als verbindendes Element: Haydns frühe Sinfonie weist durch fugenartige und konzertierende Elemente deutliche Bezüge zur barocken Praxis auf und Strawinskys „Pulcinella-Suite“ ist ein Remix von Triosonaten und Arien des barocken Komponisten Giovanni Battista Pergolesi. Polyrhythmik und Stimm-Einsätze an vermeintlich falschen Stellen bergen hier Herausforderungen für Orchestermusiker.
Die „sueddeutsche kammersinfonie bietigheim“ schien damit mehr ihre Freude zu haben. Komödiantisches blitzte am Freitagabend indes auch immer wieder auf. Gerade im Vivo der „Pulcinella-Suite“ interagierten Posaune und Kontrabass in einem grotesken Duett und auch bei der Zugabe – zwei kurzen Stücken für Klarinette solo von Igor Strawinsky – wurde es komisch. Man solle an einen Hirten denken, der zu seinen Schafen spielt. Anschließend solle man sich ein Spiel zwischen einem Kater und Vögeln vorstellen, erklärte Manz.
Sandra Bildmann
Musik von frühlingshafter Leichtigkeit
Neujahrskonzert: Die Süddeutsche Kammersinfonie Bietigheim lädt zu einer musikalischen und literarischen Reise durch Europa ein und begeistert das Publikum in der Kelter.

Einen echten Hörgenuss versprach Bürgermeister Joachim Kölz den Besuchern in der nicht ganz ausverkauften Kelter am Sonntagabend, und er sollte recht behalten. Die Mitglieder der Süddeutschen Kammersinfonie Bietigheim unter ihrem Dirigenten und musikalischen Leiter PeterWallinger stimmten bei ihrem traditionellen Neujahrskonzert virtuos auf die kommenden Wochen und Monate ein. „Das Konzert steht unter dem Motto ‚Europäischer Frühling‘, obwohl in unserer Stadt gerade der Winter eingekehrt ist“, leitete Bürgermeister Kölz in den Abend ein. Aber bekanntlich habe der Winter die Stadt meist nicht von allzu lange im Griff, sodass sich die Konzertbesucher bereits auf den Frühling freuen könnten. Das Motto lasse sich aber auch im übertragenen Sinne deuten. Zwischen einigen Staaten Europas herrschte im vergangenen Jahr frostige Stimmung in ihren wechselseitigen Beziehungen. „Daher hoffen wir darauf, dass in diesem Jahr bei diesen Kontakten wieder mehr der Frühling präsent ist“, betonte Bürgermeister Kölz in seiner einleitenden Ansprache.
„Wir hoffen in Europa auf mehr Frühlingspräsenz.“
Joachim Kölz · Bürgermeister
Danach ergriff Schauspieler Johann-Michael Schneider das Wort und machte den Besuchern Appetit auf Musik aus vier Himmelsrichtungen in Europa. Den Auftakt dabei machte Großbritannien mit dem bekannten Komponisten Benjamin Britten und seiner „Simple Symphony“, von der die Musiker der Kammersinfonie drei Sätze vortrugen. Besonders im zweiten Satz, dem spielerischen „Pizzicato“, zupften die Akteure vorwiegend an Violine, Kontrabass oder Violoncello. Dieses Werk, das Britten im Alter von 20 Jahren schrieb, enthält viele Passagen, die der englische Komponist schon in seiner Kindheit und Jugend arrangiert hatte. Entsprechend frisch, unbekümmert und heiter waren die Melodien, bei denen auch immer wieder auf Walzerklänge und barocke Tänze Bezug genommen wurde bis hin zum kraftvollen Finale. Zwischen den einzelnen Sätzen rezitierte Theater-Schauspieler Johann-Michael Schneider bekannte Verse von Wystan Hugh Auden, der zu den größten englischen Lyrikern des 20. Jahrhundert zählt. „Manch einer sagt, Liebe sei kindisch, mancher sagt, sie sei federleicht, für manchen dreht sie die Welt im Kreis, manch andrer findet’s zu seicht“, zitierte Schneider aus „Sag mir die Wahrheit über die Liebe“, und die Verse harmonisierten mit der beschwingten Musik Brittens.
Von England begaben sich Musiker und Besucher in den hohen Norden nach Finnland, wo Komponist Pehr Henrik Nordgren zu Hause war. Seine Streichersuite „Pelimannimuotokuvia op. 26“ intonierten die Mitglieder der Kammersinfonie in gekonnt brillanter Weise, indem sie den Charakter des Werks, mit dem sich der Komponist der Folklore widmete, schwungvoll deutlich werden ließen. Literarisch wurde die Musik umrahmt von der seltsam erscheinenden Novelle „Die Busfahrt“ der finnischen Autorin Suvi Vaarla.
Die Süddeutsche Kammersinfonie Bietigheim unter der Leitung von Peter Wallinger lud zur Reise durch Europa ein.
Vom kalten Norden ging es in den sonnigen Süden nach Italien, wo schon Komponist Ottorino Respighi mit seiner Orchestersuite aus „Antiche Danze ed Arie“ wartete. Der Italiener ließ sich bei diesem Werk von Lautenklängen aus längst vergangenen Zeiten inspirieren und hat diese neu interpretiert. Die Rhythmen der Kammersinfonie muteten bisweilen mystisch, dann wieder kraftvoll oder auch spielerisch leicht an.
Dazu las Schauspieler Schneider aus Elio Vittorinis Roman „Gespräche in Sizilien“, in dem dieser Kindheitserinnerung und die Liebe zu seinem Heimatland Italien verarbeitete. Zum Abschluss des Neujahrskonzerts stattete die Kammersinfonie noch Ungarn einen Besuch ab. Vielfältig, manchmal wild und ausgelassen waren die Klänge der „Rumänischen Volkstänze“, die Béla Bartók für Streichorchester und Solovioline komponiert hatte. Inspiriert wurde der Ungar dazu von den Melodien und Volksliedern, die er in den Dörfern Siebenbürgens gesammelt hatte, das damals noch zu Ungarn gehörte. Variantenreich waren auch die Bekenntnisse von Autor Dezsö Kosztolänyi in „Ein Held und seine Zeit“, aus denen Schneider ergänzend vortrug. Den besonderen Applaus des Publikums verdiente sich bei diesem Finale des Neujahrskonzerts Konzertmeisterin Sachiko Kobayashi an der Solovioline.
Erst Stuttgarter Raum, jetzt aus 13 Nationen
Um ausgetretene Pfade zu verlassen, wurde die Süddeutsche Kammersinfonie Bietigheim1984 von ihrem musikalischen Leiter Peter Wallinger gegründet. Er ist heute international als Gastdlrigent tätig. Inzwischen stammen die engagierten Mitglieder des Orchesters aus dem gesamten süddeutschen Raum und es sind bis zu 13 Nationen vereint. Mehrmals im Jahr schließen sich die bis zu 40 Musiker zusammen, um erlesene Konzertprogramme miteinander einzustudieren. bz
Michaela Glemser
Herausragende Solisten
Gefällig und gleichzeitig kraftvoll präsentiert sich die Süddeutschen Kammersinfonie Bietigheim auf ihrer neue Live-CD. Herausragende Rollen spielen die Solisten.
Die vorliegende Doppel-CD der Süddeutschen Kammersinfonie Bietigheim ist der dreizehnte Silberling aus der Reihe „Kammersinfonie live“ und gibt unter der Leitung von Peter Wallinger einen Überblick über die Werke der zurückliegenden Saison.
Dabei wurde mit dem Intro der „Ungarischen Tänze“ von Johannes Brahms, vor allem mit der Nummer 5 g-moll, ein bekanntes Werk ausgesucht. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts war Ungarn „in“. Auch Brahms war fasziniert von der exotischen Ausdruckskraft der sogenannten „Zigeunermusik“ und machte sich 1869 daran, eine erste Sammlung aus Ungarischen Tänzen zu komponieren, denen er bis 1880 weitere folgen ließ. Dass Nummer 5 dann in Filmen wie Charlie Chaplins „Der große Diktator“ und „Bugs Bunny“ Verwendung finden würde, hätte den Romantiker Brahms sicherlich verwundert.
Joseph Haydns Klavierkonzert D-Dur setzt gewiss einen ersten musikalischen Kontrapunkt auf der CD. Es ist das hochemotionale „Un poco adagio“, dessen Zwiesprache der Streicher mit Marina Müllerperth am Klavier heraussticht. Alles fließt, bleibt dabei doch zurückhaltend, um dann in das tänzerische „Rondo all‘ Ugarese“ zu münden. Die Kadenzen mit ihren harmonischen Schlusswirkungen von Marina Müllerperth zählen zu den schönsten Klangerlebnissen dieser Sammlung.
Das nachfolgende Klavierkonzert Nummer 2 d-moll von Felix Mendelssohn Bartholdy klingt wie eine Zwischennummer, entstand es doch direkt nach der Hochzeitsreise mit seiner Frau Cecile. Und der mit Mendelssohn befreundete Robert Schumann zählte das Werk zu Mendelssohns „flüchtigsten“ Erzeugnissen. „Es ist, als wenn man an einem Baum schüttelt, die reife, süße Frucht fällt ohne weiteres herab.“ Trotzdem: Das Adagio mit Magdalena Müllerperth am Klavier mag man festhalten, wenngleich es am Ende dann doch wie ein leichter Vogel davonfliegt. Magdalena Müllerperth bestreitet am Ende der ersten CD dann auch die Französische Suite Nummer 5 G-Dur von Johannes Sebastian Bach und unterstreicht kraftvoll ihr hohes Können als Solisten.
Als Mozart-Fan muss man vor der Süddeutschen Kammersinfonie Bietigheim immer wieder den Hut ziehen. Auf der zweiten CD wird mit dem Divertimento B-Dur eingestiegen, obwohl Mozarts Kammermusikwerke nicht so sehr im Zentrum seines Schaffen stehen. Trotzdem bleibt festzuhalten, dass Mozart besonders auf dem Gebiet der Streichquartette und Violinsonaten auch Werke geschrieben hat, die zu den meistgespielten ihrer Gattung gehören. Und eben dies tut die Kammersinfonie Bietigheim.
In Carl Maria von Webers Klarinettenkonzert B-Dur glänzt Sebastian Manz als Solist. Der erste Satz beginnt mit den Streichern. Sie legen einen Klanggrund aus wenigen Akkorden, über dem sich die Klarinette von Manz in hoher Lage melodiös entfaltet. Weber nannte das Finale „fröhliches Allegro“. Musikalischer Humor in der Art eines Galopps, der im Feuerwerk der Manz-Klarinette endet. Als Ausgleich schließt sich ganz entspannt Heinrich Josef Baermanns Adagio Des-Dur für Klarinette und Streicher an.
Mit „Sommernacht“ von Othmar Schoeck widmet sich die Kammersinfonie einem Außenseiter – und schafft einen der wahren Höhepunkte diese CD. Ein spröder und wehmütiger Grundton fängt einen ein, in allem ein Wechselspiel, bis zum Ende hin letztendlich ein Klangbild reiner Schönheit.
Der Abschluss zeigt sich als großes musikalisches Theater, Bartholdys „Sommernachtstraum“ zu Shakespeares gleichnamiger Komödie. Die einsätzige Ouvertüre komponierte Mendelssohn im Sommer 1826 im Alter von nur 17 Jahren. Diejenigen, die Shakespeares Lustspiel, 215 Jahre vor Mendelssohn Geburt geschrieben, noch nicht kennen, erahnen eine geheimnisvolle Märchenwelt voller Elfen und tanzender Rüpel. Die Unbeschwertheit in dieser Musik kann man hören, es spiegelt sich musikalisch eine luftige Stimmung.
Info Die CD „Kammersinfonie live 2015“ gibt es zum Preis von 15 Euro zu bestellen unter Telefon (07043) 4 04 10 oder per Mail: cd@sueddeutsche-kammersinfonie.de.
Jörg Palitzsch
Mit dem Orchester auf Winterreise
Konzert der „sueddeutschen kammersinfonie bietigheim“ in der Kelter

Bietigheim-Bissingen. Originell zusammengestellte musikalische und literarische Köstlichkeiten verpsrach das Neujahrskonzert der „sueddeutschen kammersinfonie bietigheim“, das am Sonntag in der Bietigheimer Kelter aufgeführt wurde.
Unte der Leitung von Peter Wallinger begaben sich alle auf „Eine Winterreise“ mit Musik von Franz Schubert und Leos Janáek. Im Mittelpunkt standen die vier Lieder „Wetterfahne“, „Gefrorene Tränen“, „Frühlingstraum“ und „Der Leiermann“ aus Schuberts „Winterreise“ in einer eigens für das Konzert verfassten Bearbeitung für Solo-Viola und Streichorchester. Den Solopart spielte die preisgekrönte Bratschistin Hiyoli Togawa, deren Solodebüt bei der Mühlacker Gartenschau und in der Frauenkirche Lienzingen im September vergangenen Jahres mit großer Begeisterung aufgenommen wurde. Auch in Schuberts beliebter „Arpeggione“Sonate agierte sie gekonnt als Solistin.
Eine interessante Variation stellten die einzelnen Sätze aus Janáeks Suite für Streichorchester und verschiedene Tänze von Schubert dar. Passend zur Musik wurden Gedichte zum Thema „Winter“ von Friedrich Hölderlin über Ulla HAhn und Hermann Hesse bis erich Kästner vorgetragen von Nathalie Cellier und Peter Steiner vom Xenia-Theater Karlsruhe.
Romantische Erlebnisreise
Mit Brahms großem Violinkonzert lassen Violin-Solistion ursula Schoch und die „sueddeutsche kammersinfonie bietigheim“ im Kronenzentrum Gefühle sprechen.
Bietigheim. Die Adventszeit ist günstig, um in die romatische Seite der klassischen Musik einzutauchen. Ein besonderes geschenk zum Nikolaustag machte die „süddeutsche kammersinfonie bietigheim“ ihrem Publikum mit einem Konzert zum zweiten Advent, das Violinvirtuosin Ursula Schoch zurück in ihre Heimat holte. Man hätte eine Stecknadel fallen hören können, als sie im Bietigheimer Kronenzentrum Johannes Brahms zeitlos faszinierendes Violinkonzert hören ließ. Die „sueddeutsche kammersinfonie bietigheim“ ließ es knistern vor Spannung am Sonntagabend. Jeder wusste, dass es ein Wiedersehen geben wird mit Ursula Schoch, der Ludwigsburgerin, die bekanntlich als Violinvirtuosin eine Weltkarriere hinlegt. Das Profiorchester unter Peter Wallinger schickte ihr als besonderen „Zauber der Romantik“ Felix Mendelsohn-Batholdys „Ein Sommernachtstraum“ voraus und erinnerte damit an Shakespeares gleichnamige Komödie. Es war der Sommernachtstraum in einer kühlen Sommernacht, keine Spur von schwüler Trägheit.
Schon in der Ouvertüre machte Dirigent Peter Wallinger Tempo und hielt damit die Streicher dennoch nicht davon ab, ihr schönes „Hexenlachen“ auszubilden. Erste Anklänge an Melancholie, Dramatik und schicksalhafte Wendungen deuteten sich an. Die Verzahnung von Streichern und Bläsern wob ein Klangbett, auf dem sich erstklassig das Werk erhob. Die Illusion eines Sommernachtstraums schimmerte im melodischen Passagen mit lyrischen themen in allen Stimmen. Als überraschendes Nikolaus-Präsent gab das Orchester schon vor der Pause eine Zugabe, den Valse Triste von Sibelius.
Auf diesem Parkett fühlte sich die Violinsolistin sichtlich wohl, wusste sie doch ein starkes Orchester hinter sich und tauchte ein in Brahms‘ Lyrik, die zwischen ungarischem Heißblut, vor allem im dritten Satz, undpoetischen Stimmungslagen hin- und hertingelt. Brahms Violinkonzert ist das Konzert der wiederkehrenden Anläufe, bis sich endlich ganz oben in schwindelerregenden Tonregionen wie ein Aufschrei, die Stimmung entlädt.
Ursula Schoch ist Meisterin darin, sich von dem emotionalen Werk nicht den Boden unter den Füßen wegziehen zu lassen. Sie kletterte behende, in der Intonation blitzsauber, hinauf, in die Höhenregionen und gab dem Spitzenton ihr eigenes Kolorit. Ihr Spiel regierte einmal mehr die Posie. Nicht zum ersten Mal stand Ursula Schoch mit der Kammersinfonie Bietigheim auf der Bühne. Natürlich intonierte Schoch auswendig. Themen riss sie an, schwenkte scheinbar launisch mittendrin zum nächsten, verknüpfte Melodiefetzen zu einem Traumgespinst und lebte den Moment bis zum Triller, der das Orchester zurück auf den Plan rief.
Susanne Yvette Walter
Ein „Gespräch“ unter Freunden
Kammermusik passt in den Schlosshof nach Sachsenheim. Rund 100 Klassikbegeisterte erlebten am Samstagabend einen intimen Dialog zwischen dem Klarinettisten Sebastian Manz und der sueddeutschen kammersinfonie bietigheim.

Sebastian Manz kennt man spätestens seit 2008. Damals zeigte er beim Internationalen Musikwettbewerb der ARD in München als Klarinettist sein Ausnahmekönnen und bekam dabei die Sympathiepunkte des Publikumspreises gleich obendrauf. Wer ihn in der nahen Atmosphäre des Schlosshofes in Sachsenheim erlebt, weiß warum.
Manz geht nicht nur in einen facettenreichen und feinen Dialog mit dem handverlesenen Orchester. Er kommuniziert zugleich mit Dirigent und Publikum und hat viel zu „erzählen“. Er stellt Fragen, neckisch oder fordernd, ganz nach Situation, und bekommt Antworten – ebenso neckisch aus den Reihen des Orchesters.
Sprachrohr ist seine Klarinette, die er als Sohn eines Pianistenehepaars für sich entdeckte und schließlich eroberte. Die Disziplin, das zu erreichen, steckt ihm vielleicht im Blut – sein Großvater ist der berühmte russische Geiger Boris Goldstein.
Kunst kommt von Können und vielleicht auch von kommunizieren? Zwei Echo-Klassik-Auszeichnungen können kaum Zufall sein. Sebastian Manz genießt den Ruf, einer der ganz großen zeitgenössischen Solisten zu sein. Nach Mozarts Divertimento in B-Dur spielt er im Schlosshof individuell mit einer großen Einlage aus der Musikgeschichte: Carl Maria von Webers Klarinettenkonzert – ein wendiges Werk in vielen Stimmungslagen, eine Herausforderung für flinke Finger von vielseitigen Interpreten wie Sebastian Manz.
Als „Meister an den Klappen“ nimmt sich Manz gern dynamische Extremlagen vor. Die Klarinette ist natürlich prädestiniert dafür mit ihren extremen Klangfarben. Der Schlosshof schluckt selbst das leiseste Pianissimo nicht, so brillant ist die Akustik zwischen den Schlosswänden. Kein Klang entweicht, schon gar keiner, der pointiert gesetzt immer im neuen Gewand erscheint. Manz‘ Klarinette schreit an exponierter Stelle. Sie haucht an anderen. Sie kichert ihr Hexenlachen, neckisch gefolgt vom imitierenden Orchesterapparat. Sie liebt das Wehklagen, ohne in den Kitsch abzutauchen und macht vor allem eins: Sie unterhält ein Publikum, das keinen Blick von Sebastian Manz lässt, perfekt an einem lauschigen Sommerabend im Freien.
Die Wogen glättet der Klarinettist mit dem lyrisch weichen Adagio in Des-Dur von Heinrich J. Baermann. Baermann war selbst Klarinettist und komponierte auch Stücke für sein Instrument. Freundschaft verband ihn mit Carl Maria von Weber sowie Felix Mendelsohn Bartholdy. Damit passt er ins Programm, auch wenn sein Adagio den Kontrast schlechthin zum Weberschen Klarinettenkonzert mit sich bringt. Hier legt sich der morgendliche Tröpfchennebel auf die erhitzten Gemüter.
Der Klarinettist selbst bleibt klar und diszipliniert. Er plaudert gern mit seinem Publikum. In einem letzten Bonbon für Klarinette solo, einer Zugabe von Igor Strawinsky, füllt Manz den Schlosshof mit Naturstimmung: Man hört Vögel zwitschern. Manz lädt ein, an einen Hirten zu denken, der vor Sonnenaufgang schon für seine Schafe spielt. Poesie bekommt ihren Raum – eine charmante Überleitung zur „Sommernacht“ nach der Pause von Zeitgenosse Othmar Schoeck. Die „Sommernacht“ spielt das Bietigheimer Orchester allein, ebenso eine romantische Streichersinfonie von Felix Mendelsohn-Bartholdy. Dabei kommen die expressiven Seiten des aus Individualisten und Könnern zusammengesetzten Ensembles voll zur Geltung.
In allen Stimmen sitzen markante Köpfe. Ihr gemeinsames Wirken ist projektbezogen. Das schützt das Ensemble davor, gemeinsam in die Berufsroutine abzurutschen. Das wiederum hört man am bewussten Auskosten jeder melodischen Wendung, an der Lebendigkeit der Dialoge und letztlich an der Freude, mit der Peter Wallinger und sein Team ans Werk gehen.
Susanne Yvette
Eine Oper für die Kleinen
„Don Quijote“ für Kinder in der Bietigheimer Kelter

Bietigheim-Bissingen. So schlagfertig wie Don Quijote selbst ist, hat die Schauspieltruppe der Pyrmonter Theater Companie den bekannten Stoff um den spanischen Rebell für Kinder umgemünzt. Gestern hatte „Don Quijote oder die Macht der Fantasie“ Premiere in der Kelter in Bietigheim mit Live-Orchester, versteht sich. Musiker der Süddeutschen Kammersinfonie Bietigheim liefern den musikalischen Hintergrund von Georg Philipp Telemann in einer Bearbeitung von Andreas Tarkmann.
Am Montag, Dienstag und Mittwoch gehört die Bietigheimer Kelter dem „Ritter der traurigen Gestalt“, die so traurig gar nicht sein muss. Mit viel Action steht die Pyrmonter Theater Companie auf der Bühne. Am Montag haben sich schon die ersten Bietigheimer Schulklassen vor Lachen gebogen. Alle drei Schauspieler sind Chamäleons, wenn es um das Schlüpfen in verschiedene Rollen geht. Schließlich decken sie zu dritt nicht nur die Protagonisten, sondern auch deren Umfeld ab. Companie-Mitbegründer Carl-Herbert Braun hat mit seiner Bearbeitung des Textes dem Helden neues Leben eingehaucht. Allein die Dialoge, die er mit sich selbst oder seinem Weggefährten und Nachbarn Sancho Pansa führt, sind von unseren gar nicht so weit weg. Natürlich jagen die beiden Tagträumen hinterher, sehen sich als „Castellan“ auf einem spanischen Schloss, Inselbesitzer oder kämpfen um den Ritterschlag bekanntlich sogar gegen Windmühlen, die Don Quijote für Riesen hält. Sancho Pansa verkörpert den bürgerlichen Familienvater, den zu Hause nur jede Menge Ärger erwartet, wenn er von seinen Abenteuern mit leeren Taschen und Riesenhunger nach Hause kommt. Warum er sich gemeinsam mit Don Quijote überhaupt auf den Weg macht, fragen sich die Zuschauer automatisch. Der Erzähler gibt zur Antwort: „Daheim kann man auch vor Langeweile sterben, wenn man immer nur vernünftig ist.“ Grundsätzliches Gedankengut auf Kinderebene für Erst- bis Viertklässler heruntergebrochen, liefert diese Inszenierung.
Immer wieder stoßen die Helden auf Überlegungen wie diese und regen im Stück nicht nur die Fantasie, sondern auch die Lust, sich kritische Gedanken über das Leben zu machen, bei den Kindern an.
Als Extrabonbon liefern sieben Musiker der Kammersinfonie Bietigheim das musikalische Gerüst zum Stoff nach dem berühmten Roman von Miguel de Cervantes. Sie sitzen direkt neben den Schauspielern auf der Bühne, lassen die Bögen im Tremolo erzittern und liefern Musik aus Profihand zu den vor Spannung knisternden Kampfszenen. Kulissen sind kaum nötig. Als Windmühle dient ein hochkantig gestellter Cellokoffer mit einem aufgespannten Regenschirm, und schon fliegen „Ross und Reiter übel zugerichtet durch die Luft.“ Suchen die beiden Helden Zuflucht im Steineichenwald, sorgt das kleine Orchester für die passenden Waldgeräusche. Diese Don Quijote-Inszenierung ist so erfrischend, dass sich selbst die Musiker auf der Bühne das Lachen nicht verkneifen können. Kombinationen wie diese zwischen Schauspiel und Musik sind so recht nach dem Geschmack der Kammersinfonie, die dafür bekannt ist, dass sie die projektbezogene Arbeitsweise mag.
Susanne Yvette Walter