Neue CD von Dirigent Peter Wallinger mit der sueddeutschen kammersinfonie bietigheim
Mühlacker. Wieder spannend ist die Präsentation der Jahres-CD, die Peter Wallinger und seine sueddeutsche kammersinfonie bietigheim nun schon zum 17. Mal herausgeben: klingende Erinnerung an die letzte Saison der im Mühlacker Uhlandbau und anderen Spielstätten gegebenen Konzerte. Was wurde live mitgeschnitten und ausgewählt? Welche Konzert-Höhepunkte sind beim Wiederhören nochmals zu erleben? Die neue Silberscheibe „live 2019“ bietet feinsinnig musizierte, farbige und subtil ausgeleuchtete Interpretationen, die man in einer regional orientierten klassischen Sammlung nicht missen möchte.
Herausragend die Aufnahme des Klavierkonzerts C-Dur (KV 467) von Wolfgang Amadeus Mozart: Die 24-jährige Solistin Elisabeth Brauß, die bereits mehrere Klavierwettbewerbe gewonnen hat, trumpft spielerisch-virtuos auf. Die von Wallinger geleitete Kammersinfonie agiert einfühlsam als Partner. Mit geheimnisvollem Piano-Unisono setzt das Werk ein, um sich bald in strahlenden Tutti zu entfalten. In den schnellen Allegro-Ecksätzen brilliert die Solistin mit perlenden Läufen, die überraschende Gefühlsausbrüche wiedergeben. Im Kontrast dazu bietet der breit ausgezogene langsame Andante-Mittelsatz über grundierend gezupften Bässen stimmungsvoll verträumten Klavier-Gesang. Eine weitere Musik-Preziose ist die Wiedergabe des Bravourstücks „El cant dels Ocells“ (Der Gesang der Vögel) von Pablo Casals. Solistin Chihiro Saito eifert dem berühmten Cellisten bravourös nach: Selten hört man die Kurzkomposition so berührend klangschön wiedergegeben.
Insgesamt beeindruckt die CD mit ihrer Vielfalt der vertretenen Epochen und Stile. Temperamentvoll musiziert das Orchester Johann Sebastian Bachs Brandenburgisches Konzert Nr. 3 (BWV 1048). Die sinfonische Dichtung „Der Schwan von Tuonela“ von Jean Sibelius erfreut mit einem von Andreas Vogel stimmungsvoll intonierten Englischhorn-Solo. Eine differenzierte Auslegung der Partitur zeichnet Wallingers Interpretation der 3. Sinfonie (D 200) von Franz Schubert aus.
Das Neujahrskonzert der Süddeutschen Kammersinfonie Bietigheim in Murr
Grandiose Programmgestaltung: Die SKB spielt auf. Foto: Holm Wolschendorf
MURR. „Wir sind solcher Stoff wie der zum Träumen, unser kleines Leben umfasst ein Schlaf.“ Das Neujahrskonzert der Süddeutschen Kammersinfonie Bietigheim (SKB) ist bereits Geschichte, der Schlussapplaus im Bürger und Rathaus ebbt langsam ab, als Johann-Michael Schneider nochmals vor die Bühne tritt und diese Zeilen aus Shakespeares Drama „Der Sturm“ deklamiert. „Zeit und Traum“ hatte Peter Wallinger das Programm des diesjährigen Konzerts seines Ensembles zum Jahreswechsel überschrieben, das am Samstagabend in Murr, wo diese Tradition schon seit rund 30 Jahren besteht, gegeben wurde, um am folgenden Tag in Mühlacker und Bietigheim wiederholt zu werden.
Selten erlebt man ein Konzert, das sein Motto so vollumfänglich einzulösen und umzusetzen versteht wie an diesem Abend. Einmal mehr erweist sich Wallinger als grandioser Programmgestalter. Die von ihm entdeckten Analogien, Parallelen, Bezüge und Verbindungen durch die Zeiten, Stile und Epochen wirken deshalb frappierend, weil sie, ganz ohne fingerzeigende Erklärungen, eine verblüffende Evidenz aufweisen, indem sie sich unmittelbar vor dem hörenden Ohr entfalten. Rund vier Jahrhunderte trennen Carlo Gesualdos „Gagliarda del Principe di Venosa“ und „Festina Lente“ („Eile mit Weile“), das der estnische Komponist Arvo Pärt 1988 geschrieben hat. Und doch verbinden sich beide auf eine komplett selbstverständliche Art organisch mit dem Thema des Abends: Sowohl im Schreittanz des Renaissance-Fürsten als auch im Werk des Esten ist die Zeit auf mehr als eine Weise präsent, weben Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft eine überzeitliche Textur, liegt Sternenstaub in der Luft. Wolfgang Amadeus Mozarts „Adagio für eine Orgelwalze“ (KV594) wiederum, 1790 komponiert, als mit Feldmarschall Laudon in der heute in Tschechien gelegenen Ludwigsburger Partnerstadt Novy Jicin Österreichs berühmtester Heerführer verstorben war, verbindet in seiner ergreifenden f-Moll-Harmonik die Motive der Trauer und Vergänglichkeit mit der aufkommenden Faszination für mechanische Musikautomaten.
All dies realisierte Wallinger mit der in 17-köpfiger Besetzung angetretenen SKB in ausgezeichneter Manier — mit atmenden Pausen, famos differenzierten Tempi und sorgsam ausgeloteter Dynamik. Hochdifferenziert seine Bewegungssprache: Mal genügten ihm Fingerspitzen zur Leitung seiner Musiker, dann wieder bediente er sich weitausschwingender Gesten, kreisrund wie der nahezu noch volle Mond über dem Murrer Rathausplatz. Peter Wallingers Gespür für Form, Raum, Zeit und das, was dazwischen liegt, sucht seinesgleichen. Vorzüglich auch Konzertmeisterin Sachiko Kobayashi, die in der „Humoreske IV“ (Op. 89 b) von Jean Sibelius solistischen Glanz verbreitete. Eine Aufgabe, die mit Leos Janáceks „Idylle“ immer wieder Chihiro Saito, ihrer Kollegin beim Lotus Quartett und Stimmführerin der Celli in der SKB, zufiel und virtuos, zuweilen gar expressiv eingelöst wurde.
Wer bis dahin geläufiges Repertoire vermisst hatte, wurde mit der „Romanze“ aus Mozarts „Eine kleine Nachtmusik“ (KV 525) besänftigt. Ungemein stimmig auch die Textauswahl zwischen den hochkarätigen Musikdarbietungen, Verse und Zitate von Ringelnatz, Goethe, von Hofmannsthal, Rilke und Mozart, mit szenischem Witz von Schneider hochkompetent zum Klingen gebracht. Das alles frei von Strauss und Klatschmarschritualen – traumhaft.
Die Klassikreihe „MühlackerConcerto“ steht unter dem Motto „Zeit und Traum“
Schauspieler Johann Michael Schneider bereichert die Matinee mit Texten Foto: Bischoff-Krappel
Mühlacker. Musik im Zusammenspiel mit Poesie – ein Genre, das sich wachsender Beliebtheit erfreut und das auch beim diesjährigen Neujahrskonzert der Klassikreihe „MühlackerConcerto“ seine Wirkung nicht verfehlte.
Unter der bewährten und souveränen Leitung von Peter Wallinger nahmen die Süddeutsche Kammersinfonie Bietigheim und der Schauspieler und Theatermusiker Johann Michael Schneider die Besucher im nahezu voll besetzten Mühlacker Uhlandbau mit auf eine musikalisch-literarische Reise unter dem Motto: „Zeit und Traum“. Nach dem Auftakt durch die „Gagliarda del Principe di Venosa“ von Carlo Gesualdo folgte das Werk „Festina Lente“ von Arvo Pärt. Gleichsam stehend und fließend zugleich wurde die zugrundeliegende Tonfolge von den Streichinstrumenten zwar gleichzeitig, jedoch in drei unterschiedlichen Tempi vorgetragen und entfaltete sich so zu einem nahezu meditativen Klangbild, das im Epilog mit kaum mehr vernehmbaren Saitenstrichen ausklang. Im Anschluss an Mozarts „Adagio für eine Orgelwalze“ stellte Solistin Sachiko Kobayashi in Jean Sibelius „Humoreske IV“ ihre Virtuosität an der Violine mit reiner Klangfarbe, facettenreicher Dynamik und perfektem Zusammenspiel mit dem Streicherensemble eindrucksvoll unter Beweis.
Beschwingt und fröhlich folgte die Streichersonate in A-Dur von Rossini, bei der insbesondere die Klangtiefe des Kontrabasses im lebendigen Spiel zum Ausdruck kam. Mit einem launigen Text von Heinz Erhardt verabschiedete Johann Michael Schneider, der die hochkarätige Darbietung der Musiker durch kurze literarische Sequenzen von Rilke, Ringelnatz und von Hofmannsthal mit ausdrucksvoller Gestik und Mimik bereicherte, die Besucher in die Pause. Nach Janaceks „Idylle“ folgte mit der Romanze aus Mozarts „Kleiner Nachtmusik“ eine Komposition, die mit ihrem vierten Satz als Zugabe eine perfekte Abrundung der Matinee darstellte.
Spannend und eine Herausforderung für die Zuhörer war das Experiment Wallingers, so gegensätzliche Klangwelten wie Carlo Gesualdos „Gagliarda“ aus dem 16. Jahrhundert und Arvo Pärts „Festina Lente“ aus dem 20. Jahrhundert bewusst und unvermittelt aufeinandertreffen zu lassen. Der verhaltene, an manchen Stellen morbide Gestus der Klänge aus so unterschiedlichen Epochen verband sich zur Überraschung des Publikums auf wundersame Weise. Dass Musik zugleich stehen und fließen kann, war in Wolfgang Amadeus Mozarts sehr kurzem Adagio für eine Orgelwalze, komponiert für eine mechanische Orgel mit einer drehbaren Stiftwalze, zu erleben. Weiche, stehende Harmonien eröffneten den Musikern Räume für pulsierende, melodische Bewegungen.
Nach auf hohem Niveau vorgetragener Musik und Texten aus unterschiedlichen Zeiten und in unterschiedlichem Zeitmaß verabschiedeten sich anschließend die Besucher beschwingt und heiter in einen grauen Januartag.
Bietigheim Die Streicher der „sueddeutschen kammersinfonie bietigheim“ gaben am Sonntagabend ein eher introvertiertes, aber feines Neujahrskonzert.
Die „sueddeutsche kammersinfonie bietigheim“ trat unter Leitung von Peter Wallinger in der Kelter auf. Foto: Martin Kalb
Freunde anspruchsvoller und glänzend durchdachter Programmkonzepte kommen bei der „sueddeutschen kammersinfonie bietigheim“ unter der Leitung ihres Dirigenten Peter Wallinger immer wieder voll auf ihre Kosten. Mit einer sensiblen Innenschau eher langsamer und intimer Stücke von Carlo Gesualdo, Arvo Pärt, Wolfgang Amadeus Mozart, Jean Sibelius, Gioacchino Rossini und Leos Janácek spielten die Streicher des Orchesters im schönen Ambiente der Kelter ein wunderbar inniges, klanglich vollständig zurückgenommenes Neujahrskonzert am Sonntagabend – trotz weniger Zuhörer. Dazu rezitierte der Berliner Schauspieler und Theatermusiker Johann- Michael Schneider tiefgründige, launige und romantische Poesie von Joachim Ringelnatz, Johann Wolfgang von Goethe, Rainer Maria Rilke, Hugo von Hofmannsthal und Gustav Falke.
„Zeit und Traum“ Das Konzert stand unter dem vielsagenden und doch rätselhaften Motto „Zeit und Traum“. „Die Zeit, die ist ein sonderbares Ding“ war in einem Gedicht von Hugo von Hofmannsthal zu vernehmen, ja wirklich, zumal in einer Zeitkunst wie der Musik. Alles fließt in ihr alles fügt sich ein zwischen ein Beginnen und Enden, ein Aufblühen und Erlöschen. In der Musik erscheint die Zeit zuweilen als stürmisches Presto furioso – und mit zahllosen Abstufungen – als Beinahe-Stillstand im Largo di molto.
Peter Wallinger hatte mit den knapp 20 Streichern in den Proben allem Anschein nach intensiv alle erdenklichen Schattierungen im Pianobereich erarbeitet. Dementsprechend wurde in dem anderthalbstündigen Programm an keiner Stelle aufgetrumpft, forciert oder gepoltert. Stattdessen gab es einen fein ausbalancierten, überaus homogenen, sauberen und biegsamen Streicherklang zu hören. Die zwischen den Musikstücken meisterhaft gesprochene Lyrik trug ihrerseits dazu bei, dass die Musik von selbst zu sprechen begann – als ausgestaltete und ausgeformte Zeit.
Spannend und eine Herausforderung für die Zuhörer war das Experiment Wallingers, so gegensätzliche Klangwelten wie Carlo Gesualdos „Gagliarda“ aus dem 16. Jahrhundert und Arvo Pärts „Festina Lente“ aus dem 20. Jahrhundert bewusst und unvermittelt aufeinandertreffen zu lassen. Der verhaltene, an manchen Stellen morbide Gestus der Klänge aus so unterschiedlichen Epochen verband sich zur Überraschung des Publikums auf wundersame Weise. Dass Musik zugleich stehen und fließen kann, war in Wolfgang Amadeus Mozarts sehr kurzem Adagio für eine Orgelwalze, komponiert für eine mechanische Orgel mit einer drehbaren Stiftwalze, zu erleben. Weiche, stehende Harmonien eröffneten den Musikern Räume für pulsierende, melodische Bewegungen.
Zurückhaltende Tongebung Eine kleine Humoreske von Jean Sibelius- für Solovioline und Streichorchester, toll gespielt von der jungen Geigerin Sachiko Kobayashi, sowie eine drei sätzige Streichersonate des italienischen Opernkomponisten Gioacchino Rossini gab es noch vor der Pause.
Auch in diesen Stücken herrschte eine zurückhaltende Tongebung vor. Die Streichersonate geriet zu einem feinsinnigen Klangspiel zwischen den Registern des Streicherapparates mit solistischen Einlagen des Kontrabasses, der Celli und der ersten Geigen. Nach der Pause trugen die Streicher drei Sätze aus dem eigentlich sieben Sätze umfassenden „Idyll“ des tschechischen Spätromantikers Leos Janácek vor. Dass am Ende alles doch nicht so bierernst gemeint war, verriet augenzwinkernd das Schlussstück, die schwelgerische Romanze aus Mozarts „Kleiner Nachtmusik“, aus der der Schlusssatz als Zugabe erklang. Anschließend gab es für die mit Wohlklängen verwöhnten und angeregten Besucher einen kleinen Umtrunk.
Murr Klänge aus vier Jahrhunderten prägten das Neujahrskonzert.
Die Musiker der Süddeutschen Kammersinfonie Bietigheim haben ihr Können unter Beweis gestellt. Foto: ayanti
Zeit und Traum“ – unter diesem Motto stand das Neu-jahrskonzert der Süddeutschen Kammersinfonie Bietigheim im Bürgersaal Murr. 17 Musikerinnen und Musiker, ein starkes Streicherorchester, dirigiert von Peter Wallinger, zeigten ihr vielfältiges Können mit Werken aus vier Jahrhunderten. Sie nahmen die rund 180 Zuhörer mit auf eine spannende Reise, in deren Verlauf sie die Stärke ihrer Instru-mente meisterhaft ausspielten: eine Musik voller Nuancen und Differenzierungen.
Matthias Bader vom Kulturamt der Gemeinde zitierte zur Begrüßung einen Zeitungsartikel, wonach heutzutage die Lautstarken häufig die Leisen und Stillen im Lande übertönen. „Doch beide gehören, zusammen, in der Gesellschaft wie in der Musik.“ An diesem Abend fanden tatsächlich nicht nur laute und leise Töne Gehör, sondern auch die Literatur Johann-Michael Schneider, freischaffender Schauspieler, Theatermusiker und Regisseur, las kurze Texte, die das Thema „Zeit und Traum“ beleuchteten und interpretierten. Diese Mischung kam beim Publikum gut an.
Zum Auftakt führte das Orchester die Zuhörer in die Zeit des frühen Barocks. Mit der „Gagliarda del Principe di Venosa“ des 1566 geborenen Italieners Carlo Gesualdo beschworen Violinen, Bratschen, Celli und der Kontrabass, souverän geleitet von Wallinger, eine getragene, nachdenkliche Erinnerung an diese ferne Epoche.
Ganz anders „Festina lente“, ein Werk des 1935 geborenen Esten Arvo Pärt. Dieses Stück spiegelt das vertraute Phänomen der subjektiv unterschiedlich erlebten Zeit musikalisch wider. So widersprüchlich, wie der lateinische Titel dieses Stückes lautet (wörtlich übersetzt: Eile mit Weile), so eigenwillig hörte sich diese Komposition an. Ein und dieselbe Melodie, von unterschiedlichen Instrumenten in verschiedenen Geschwindigkeiten intoniert, ergab ein Klangmuster, das vielschichtige Emotionen erzeugte, teils Nachdenklichkeit, teils Versöhnlichkeit, teils Wehmut. Gegen Ende versiegte förmlich der Fluss der Töne; Wallinger dirigierte eine ins Unhörbare abtauchende Musik. Passend dazu zitierte Schneider Goethes „Unbegrenzt“ aus dem West-Östlichen Diwan: „Daß du nicht enden kannst, das macht dich groß, und daß du nie beginnst, das ist dein Los….“
Lebhaft erklangen in der Folge das Adagio für eine Orgelwalze von Wolfang Amadeus Mozart; die fröhliche Humoreske IV des 1865 geborenen Finnen Jean Sibelius, die kraftvolle und harmonische Streichersonate A-Dur der italienischen Meisters Gioacchino Rossini. In der Komposition von Sibelius spielte Konzertmeisterin Sachiko Kobayashi auf ihrer Violine einen hingebungsvollen Solopart, entlockte ihrem Instrument zarte hohe Töne, auch mit Pizzicato, kurzem Zupfen der Saiten, und sie sorgte damit für einen Glanzpunkt des Abends.
Mit der ausdrucksvollen Lesung des Gedichtes „Närrische Träume“ von Gustav Falke, einem Feuerwerk heiterer Absurdität, leitete Schneider über in den zweiten Teil. Zum Träumen verführte das 1878 geschriebene „Idyll“ des Tschechen Leos Janácek. Eine romantische Hymne an die Schönheit der Natur, eine gefühlvolle Komposition, dabei abwechslungsreich, wobei die hohen Töne der Violinen und die tiefen der Celli anregende Kontraste setzten. Den Konzertabend krönte zum Abschluss das wohl bekannteste und beliebteste Stück. Die sanft dahinfließende Romanze aus Mozarts Kleiner Nachtmusik, blitzsauber und mit spürbarem Gefühl von den Musikern gespielt, erhielt lang anhaltenden und hoch verdienten Beifall. Zur Zugabe hob Wallinger noch einmal den Dirigentenstab zum vierten Satz der „Kleinen Nachtmusik“.
Elisabeth Brauß brilliert mit der Süddeutschen Kammersinfonie Bietigheim
Müheloses und schlankes Spiel: Die Pianistin Elisabeth Brauß. Foto: Alfred Drossel
BIETIGHEIM-BISSINGEN. „Italianità“ hieß der rote Faden im Programm der diesjährigen Adventskonzerte der Süddeutsche Kammersinfonie Bietigheim (SKB). Obwohl Rossini als einziger italienischer Komponist den Spielplan zierte, gelten sowohl Mozarts 21. Klavierkonzert als auch Schuberts 3. Sinfonie, die Peter Wallinger in Kombination dazu ausgewählt hatte, ebenfalls als von den milden Lüften des Südens angewehte Kompositionen. Und tatsächlich bot der Samstagabend im Kronensaal – das Konzert wurde tags darauf im Uhlandbau in Mühlacker wiederholt – ein nahezu vollkommen ungetrübtes Hörvergnügen, voller Leichtigkeit und Lebensfreude.
Hörvergnügen, voller Leichtigkeit und Lebensfreude. Maßgeblichen Anteil daran hatte die junge Pianistin Elisabeth Brauß, die als Solistin Mozarts Klavierkonzert in C-Dur (KV 467) zu einem unvergesslichen Erlebnis werden ließ. Faszinierend, mit welcher Unbeschwertheit die 24- Jährige das in der langen Einleitung dreifach vorgestellte orchestrale Hauptthema im Kopfsatz des Konzerts aufnahm, das den von Mozart in den beiden vorangegangenen Werken dieser Gattung entwickelten Typus des sinfonischen Klavierkonzerts im Jahr 1785 weiter ausformulierte. Hochvirtuos, aber gänzlich frei von überschwänglicher Emphase, vielmehr von einer dahin fließenden Empfindsamkeit geprägt, in feinsten klanglichen Nuancen die sensible Balance haltend, wie sie sich in der folgenden Soloexposition und der zentralen Durchführung vom Orchester emanzipierte. Makellos die Darbietung auch im Andante, das als Filmmusik in „Elvira Madigan“ (1967) große Popularität erlangte und diesem Klavierkonzert den gleichlautenden Beinamen eintrug. Fulminant schließlich das Finalrondo des Allegro vivace – ungemein mühelo und schlank präsentierte Brauß die die Drehungen und Wendungen des Ritornells. Auch hier glänzte sie mit einer eigenen Kadenz. Kein Zweifel: Mozarts empfindliche Musik ist bei Brauß in besten Händen.
Ebenso exzellent die orchestrale Einbettung durch Wallinger und die SKB. Hier stimmte die Chemie. Besser bekommt man das auch in größeren Sälen größerer Städte nicht zu Gehör. Für den euphorischen Applaus und zahlreiche Bravorufe bedankte sich die wunderbare Interpretin mit einer tonal passenden c-Moll-Sonate von Scarlatti. Bereits zuvor hatte Wallinger mit der in 36-köp-figer Besetzung angetretenen, von Konzertmeisterin Sachiko Kobayashi angeführten und erneut vor allem im Register der Violinen deutlich verjüngten SKB die Beredtheit der Opernmusik in Rossinis Ouvertüre zu dessen 1812 uraufgeführter einaktiger Farce „La scala di seta“ bravourös auf den Punkt gebracht.
Beeindruckend auch die differenzierte Gestaltung der vier Sätze in Schubert Sinfonie Nr. 3 in D-Dur (D 200) von 1815, in der Wallinger minuziös die Kontraste der Binnendynamik herausarbeitete, gleichzeitig aber auch die Spannkraft der rhythmischen Impulse nicht vernachlässigte. Gerade die temperamentvolle Tarantella im Finale ist dafür verantwortlich, dass diese Sinfonie auch als „Die Italienische“ bekannt wurde. Neben dem Trainer, Pardon: Dirigenten, war hier ganz klar das Team, sprich das Ensemble, der Star, Spieler des Spiels, um im Bild zu bleiben, war, wie bereits bei Rossini: Solo-Oboist Michele Batuni.
Adventskonzert der Süddeutscher Kammersinfonie Bietigheim mit Elisabeth Brauß begeistert das Publikum in Mühlacker
Die Finger perlen über die Tasten des Flügels und erzählen Geschichten. Elisabeth Brauß, deren Karriere gerade erst beginnt, zieht das Publikum im Uhlandbau in Mühlacker mit ihrem Spiel bis zur letzten Note in den Bann. Foto: Fotomoment
Exzellent vorbereitet und hellwach hat sich die Kammersinfonie unter der Leitung von Peter Wallinger im Uhlandbau präsentiert. Orchester und Pianistin Elisabeth Brauß agierten als zupackend musizierende Einheit, die das Publikum vom ersten Takt an mitriss.
Mühlacker. Der Konzertabend der Kammersinfonie konkurrierte am Sonntag mit Weihnachtsmärkten, Weihnachtsfeiern und anderen weihnachtlichen Veranstaltungen. Wer trotz dieses Angebots den Weg in den Uhlandbau gefunden hatte, konnte sich zu seiner vortrefflichen Wahl beglückwünschen. Mit der Ouvertüre aus der Oper „Die seidene Leiter“ des italienischen Komponisten Giacomo Rossini eröffnete Peter Wallinger den Abend. Frisch und zugleich geheimnisvoll, dann wieder keck und lebendig, legten Dirigent und Kammersinfonie den Grundcharakter der verzwickten Liebesoper mit einem Augenzwinkern dar. Mit seinem runden, geschmeidigen Klang und seiner mitreißenden Interpretation zauberte das Orchester mit Leichtigkeit und Temperament ein Stück italienischer Operntradition in den Uhlandbau. Die auf die Stimmen verteilten halsbrecherischen Figuren gelangen mühelos und absolut sauber.
Nach der gelungenen Ouvertüre folgte eines der beliebtesten Klavierkonzerte von Wolfgang Amadeus Mozart, das in C-Dur KV 467, das Wallinger in angenehmem und nicht zu schnellem Tempo nahm. Vielmehr ließ er mit Nachdruck und Entschlossenheit spielen, gab dabei aber zugleich dem typischen Mozart Raum. Orchester, Solistin und Dirigent bildeten eine Gemeinschaft, die als Ganzes funktionierte, mit offenen Ohren aufeinander hörte und reagierte. Die Finger der Solopianistin Elisabeth Brauß perlten über die Tasten des Flügels und entlockten ihm Töne, die ganze Geschichten erzählten. In der Kadenz zeigte die 1995 geborene Brauß, wie gut sie mit dem Flügel umzugehen weiß und wie fein ihre Anschlagtechnik ist. Fast schien es, als würde Brauß nicht nur das Publikum faszinieren, sondern auch ihre Orchesterpartner völlig in ihren Bann ziehen. Miteinander verwoben und verwachsen schienen sie, ergänzten sich und fächerten sich auf wie eine bunte Choreographie aus Tönen. Mit höchster Achtsamkeit reagierten das Orchester und Wallinger auf die junge Pianistin, sodass auch kleine motivische Ausdeutungen möglich wurden, die dem zweiten Satz des Werkes liebevolles Leben einhauchten. Kraftvoll und verspielt erklang der dritte Satz.
Auch hier zeigte Brauß ihre für ihre junge Karriere eindrucksvolle Klasse und Eleganz, indem sie hörbar ihrem eigenen Gefühl für die Musik vertraute und ihre eigene Interpretation der Mozart’schen Musik selbstbewusst und mit großer Freude darbot. Das Publikum zeigte sich begeistert und wollte eine Zugabe hören, die Brauß gerne gewährte. Passend zum zweiten Advent gab Brauß die Sonate E-Dur von Domenico Scarlatti in einer wohltuend versöhnlichen und poetischen Version.
Nach der Pause erklang ein weiterer Leckerbissen, der zugleich den Bogen zur Ouvertüre des Anfangs schloss. Franz Schuberts Sinfonie in D-Dur D200 mag auf den ersten Blick unterschätzt werden, hat sie der 18-jährige Schubert doch 1815 für ein Liebhaberorchester komponiert. Die Kammersinfonie aber bot sie als Hörgenuss dar, fein differenziert und mit kluger Ausleuchtung der dann doch nicht so simplen Motivik und Thematik. Wallinger ließ das Orchester auch mal laufen, in der Sicherheit, dass es vor lauter Begeisterung nicht davonstürmen wird. An diesem Abend bildeten die Musiker einen kompakten Klangkörper, in dem jeder Einzelne zur Summe des Ganzen sein Bestes beisteuerte. Und so wechselten sich elegant dramatische und energische Passagen mit tänzerisch neckischen ab. Entspannt, aber leichtfüßig, tönte der zweite Satz, zwischendurch immer wieder verträumt, während der dritte wieder mit deutlich mehr Nachdruck erschien, aber mit ebenso großer Lust und Freude musiziert war. Der vierte Satz, ein fulminantes Presto vivace, spannte nun endgültig den Bogen zur frisch-kecken Ouvertüre Rossinis. Dem Publikum blieb nur, sich zurückzulehnen, zu genießen und sich von den mitreißenden Klängen umhüllen zu lassen. Zu Recht spendete das Publikum großen Beifall zu einem außergewöhnlichen Konzertabend.
Adventskonzert der Süddeutscher Kammersinfonie Bietigheim mit Elisabeth Brauß begeistert das Publikum in Mühlacker
Heute gibt die Pianistin Elisabeth Brauß ihr Debüt bei der Süddeutschen Kammersinfonie Bietigheim. Im Interview spricht die 24-Jährige über hellhörige Wohnungen, die Schwierigkeiten von Mozart, musikalische Einfärbung von Tagen und ungesunde Vergleiche
HANNOVER/BIETIGHEIM-BISSINGEN. Die Pianistin Elisabeth Brauß gastiert regelmäßig in international renommierten Häusern wie der Elbphilharmonie Hamburg, am Mariinksy Theater in St. Petersburg, in der Tonhalle Zürich, im Barbican Centre in London, am Konzerthaus Berlin und Festivals wie dem Heidelberger Frühling, dem Schleswig-Holstein Musik Festival und den Festspielen Mecklenburg-Vorpommern. Nun ist die 24-jährige Hannoveranerin mit Wohnsitz in Berlin erstmals mit der Süddeutschen Kammersinfonie Bietigheim (SKB) zu hören. Als Solistin wird sie an diesem Wochenende an den Adventskonzerten der SKB mitwirken und am heutigen Samstag um 19 Uhr im Bietigheimer Kronensaal, morgen um 17 Uhr im Uhlandbau in Mühlacker auftreten.
Guten Morgen Frau Brauß, wo erreichen wir Sie gerade? ELISABETH BRAUß: Bei meinen Eltern. Eigentlich bin ich in Berlin zu Hause, aber ich komme oft nach Hannover – erstens weil ich sehr, sehr gerne bei meiner Familie bin und zweitens, weil es hier zwei Instrumente gibt, auf denen ich üben kann – Tag und Nacht!
Welche Instrumente stehen Ihnen dort zur Verfügung? Ein älteres Klavier und ein Bechstein-Flügel. In Berlin übe ich auf einem Essex-Klavier. Allerdings ist meine Wohnung relativ hellhörig und ich habe ungern das Gefühl, dass ich andere Leute mit meinem Üben belästige beziehungsweise dass andere Leute mir dabei zuhören. Deswegen übe ich dort meistens mit einem Silent-System (einer Stummschaltung mit Kopfhörerkontrolle; Anm. der Redaktion). Das ist aber nicht ganz so produktiv – deswegen bin ich, speziell zum Üben, lieber in Hannover.
Am Wochenende werden Sie erstmals als Solistin mit der Süddeutschen Kammersinfonie Bietigheim auftreten. Wie kam es dazu? Ursprünglich sollte Magdalena Müllerperth, die eine gute Freundin von mir ist, bei den Adventskonzerten spielen, musste dann aber ihre Auftritte absagen. So hat sie Peter Wallinger auf mich aufmerksam gemacht.
Auf dem Programm steht Mozarts Klavierkonzert in C-Dur (KV 467), das der österreichische Komponist im Frühjahr 1785 schrieb und das als sein 21. Klavierkonzert gilt (nach anderen Zählungen als sein 15.). Was bedeutet Ihnen Mozarts Musik generell? Seine Musik ist für mein Leben immer schon essenziell wichtig gewesen. Meine Eltern sind beide Musiker, mein Vater ist Dirigent (Martin Brauß war Chefdirigent der Niedersächsischen Kammeroper, Leiter des Hannoverschen Oratorienchores und hat eine Professur für Oper/Dirigieren an der Hochschule für Musik, Theater und Medien Hannover, Anm. der Redaktion), meine Mutter Bratschistin, deshalb hatte ich seit meiner frühsten Kindheit viel zu tun mit klassischer Musik, Sinfonien und Opern – und da eben speziell Mozarts Werken. Über das große Feld der stilistischen Annäherung und den vielen Dingen, die man darum herum noch wissen kann, habe ich ganz früh ganz viel von meinem Vater gelernt. Seitdem begleitet mich Mozarts Musik und war für mich immer schon das Wichtigste und Schönste.
Welche besondere Herausforderung stellt nun dieses C-Dur-Konzert für Sie als Pianistin dar? Es ist tatsächlich nicht so einfach zu spielen! (lacht) Speziell der erste Satz weist für mich einige pianistische Schwierigkeiten auf – er hat das ja für sich selbst geschrieben und wollte sich als fantastischer Pianist auch darin austoben können. Der zweite Satz geht dann unheimlich in die Tiefe. Die Lebensfreude der Ecksätze zu empfinden und darzustellen – das ist ein langer Prozess und auf der Bühne auch eine echte Herausforderung, genau in diese Stimmung zu kommen. Den Mut zu haben, diesen Weg bis ans Äußerste mitzugehen und für das Publikum darzustellen, das ist bei Mozart das Schwierige.
Wie bringen Sie sich in diese spezifische Stimmung? Pflegen Sie, abgesehen von den üblichen pianistischen Aufwärmroutinen, spezielle Rituale? Nein. Ich spiele auch ungern einzelne Stellen vorher an. Wichtiger ist mir, das Stück in seiner Gesamtheit zu rekapitulieren und mich darauf zu fokussieren. Man versucht, sich sozusagen auf das Treffen mit dem Komponisten auf der Bühne einzustellen. Wenn man abends ein Konzert spielt, verläuft der Tag sowieso unter anderen Vorzeichen – wenn man weiß, dass man abends Mozart spielt, ist das etwas anderes, als wenn man weiß, dass man abends Schostakowitsch spielt. Das färbt meine Tage schon eindeutig ein. Deswegen bin ich grundsätzlich bereits in einer anderen Stimmung, aber die versuche ich vor dem Auftritt einfach noch mal zu konzentrieren.
Bei der Musik welcher Epoche würden Sie Ihren Schwerpunkt sehen? Momentan bin ich noch in einem Alter, wo ich versuche, mich breit aufzustellen – also mich möglichst vielem aus möglichst vielen Epochen anzunähern. Aber es ist trotzdem so, dass ich merke, dass mir das deutsche Repertoire besonders nahe steht – nicht, weil mir anderes weniger wichtig wäre, sondern, weil es aus der Kultur kommt, mit der ich aufgewachsen bin, und gewissermaßen meine Sprache spricht. Dementsprechend beschäftige ich mich tatsächlich relativ viel mit Wiener Klassik – Mozart, Beethoven, Schubert, Haydn –, versuche aber auch, immer mehr zeitgenössische Musik mit reinzunehmen.
Wenn Sie sich auf drei beschränken müssten: Welches wären Ihre Lieblingskomponisten? Schwierig zu beantworten. Ich würde sagen: Mozart nimmt die ersten drei Plätze ein. (lacht)
Gibt es Pianisten, die Sie nachhaltig geprägt haben? Das ist auch gar nicht so leicht zu beantworten. Ich hätte keinen Pianisten im Kopf, der in seiner Gesamtheit für mich stilistisch prägend war. Aber ich bin ja mit Igor Levit vor der Nase aufgewachsen, weil seine Mutter meine Lehrerin war. Das war sicher ein Fixpunkt für mich, ich habe mich immer mit ihm verglichen – was für mich natürlich nicht sehr gesund war. (lacht) Pianistisch und musikalisch ist wirklich einzigartig, was er kann – mit den Händen, aber auch mit dem Kopf. Diese Erfahrung begleitet mich schon mein ganzes Leben und ich verfolge ihn – wir kennen uns ganz gut – nach wie vor. Diese Begegnungen sind auf jeden Fall Dinge, die für mich wichtig waren und nach wie vor sind.
Die Süddeutsche Kammersinfonie Bietigheim gibt ein Konzert in der Lienzinger Frauenkirche
Ausdrucksstark: Kai Kluge. Foto: Friedrich
Mühlacker-Lienzingen. Mit Musik aus dem 19. und 20. Jahrhundert bestritt die Süddeutsche Kammersinfonie Bietigheim unter ihrem Gründer und künstlerischen Leiter Peter Wallinger das dritte der insgesamt sechs Konzerte in der von diesem initiierten Reihe „Musikalischer Sommer“ in der Frauenkirche in Lienzingen.
1939 gingen der englische Komponist Benjamin Britten und der Tenor Peter Pears in die USA. Doch aus Heimweh kehrten die beiden drei Jahre später wieder nach Großbritannien zurück. Dort komponierte Benjamin Britten 1943 seine „Serenade opus 31“. Die Texte lieferten ihm ein Anonymus aus dem 15. Jahrhundert sowie englische Dichter vom 16. bis 19. Jahrhundert: Ben Jonson, Charles Cotton, William Brake, John Keate und Lord Tennyson.
Obwohl für Benjamin Britten der Dienst mit der Waffe nie infrage kam, solidarisierte er sich mit diesem Werk auf seine Weise mit dem „englischen Geist“ und seinem Heimatland in Zeiten des Krieges.
Geschrieben für Tenor – selbstverständlich seinen Lebensgefährten Peter Pears –, Horn und Streicher, beginnt das von Abend- und Nachtstimmung dominierte Werk mit einem Horn-Solo und endet auch mit einem solchen, gespielt hinter der Bühne, in Lienzingen im hinteren, von einem hölzernen Tonnengewölbe überspannten Kirchenraum, während das Orchester vor dem Chor Platz findet. Virtuos beherrscht Reimer Kühn, Solohornist des Staatsorchesters Stuttgart, seine zwei Horninstrumente. Kai Kluge, Ensemblemitglied der Staatsoper Stuttgart, der vor seinem Studium an der Musikhochschule Karlsruhe Aurelius-Sängerknabe in Calw war, zeigt in der Tenorpartie die gesamt Breite, Tiefe und Höhe seines stimmlichen Könnens. Nach den jeweiligen Erfordernissen gestaltet er seinen Part dramatisch, sensibel, klagend, getragen, verspielt und beschwingt, stets mit starkem Ausdrucksvermögen. Peter Wallinger und das Orchester sind den Solisten mehr als nur Begleiter. Sie gehen vielmehr verständnisvoll auf sie ein und sorgen mit ihnen dafür, dass die Intentionen des Komponisten adäquat zur Geltung kommen.
Als zweites Werk des Konzerts steht die „Arpeggione“-Sonate D 821 für Violoncello und Streicher von Franz Schubert auf dem Programm, entstanden 1824. Das als „Sonate“ bezeichnete ursprüngliche Duo für „Arpeggione“ und Klavier besteht aus drei Sätzen, wobei der zweite Satz unversehens in den rondoartigen Schlusssatz übergeht. Doch nicht genug damit, der Komponist hatte ein „Guitarre d’amour“ genanntes Instrument vor Augen. Dessen ungeachtet wird in Lienzingen die Arbeit von einer führenden Violoncellistin und vier Streichern aufgeführt, dazu ohne Klavier. Doch dieses Quartett und vor allem Chihiro Saito entschädigen mit ihrem nuancenreichen Spiel und dem von ihnen erzeugten differenzierten Klang dafür, dass man Schuberts Komposition nicht in der ursprünglichen Version hört.
Den Abschluss bildet die Serenade E-Dur opus 22 für Streichorchester von Antonín Dvořák, geschrieben 1875. Dieses häufig gespielte, populäre Werk zeichnet sich durch „melodische Eingängigkeit und die sinnliche Intensität der Instrumentation“ aus. Die fünf Sätze dieser in der Tradition seit Mozart stehenden Komposition werden vom Orchester unter der umsichtigen, einfühlsamen Leitung von Peter Wallinger, ganz im Sinn des Komponisten wiedergegeben: nach dem dreiteiligen Moderato mit fülligem Klang das Tempo di Valse, danach als zweiter Tanzsatz beschwingt und mit Tempo das Scherzo Vivace, eher bedächtig das Larghetto und aufpeitschend das Finale Allegro vivace.
Wieder einmal erweist sich Peter Wallinger nicht nur als interessanter Programmgestalter und kompetenter Dirigent. Sein „Musikalischer Sommer“ ist auch in diesem Jahr wieder eine Bereicherung im kulturellen Leben der gesamten Region.
Mühlacker-Lienzingen. Welch sanfte, auch erregende und schöne Musik! Der „Musikalische Sommer“ präsentierte diesmal seinen konzentriert lauschenden Zuhörern gleichsam „Klänge aus dem Elfenland“ – um eine Verszeile aus Benjamin Brittens „Serenade für Tenor, Horn und Streicher“ (op. 31) aufzugreifen.
Peter Wallinger hatte für sein sonntägliches Matinee-Konzert in der Lienzinger Frauenkirche zusammen mit seiner sueddeutschen kammersinfonie bietigheim ein besonderes Programm zusammengestellt. In acht Sätzen malt die zur Eröffnung musizierte Britten-Serenade Naturlandschaften in Abend- und Nachtstimmen aus, mit heiteren, ruhigen Aspekten, aber auch mit verstörend düsteren Klangbildern der Vergänglichkeit.
Erdige Naturfarben
Unter Wallingers Leitung kommentierte das Streichorchester den anspruchsvoll auskomponierten Liedgesang, den der renommierte Stuttgarter Tenor Kai Kluge teils in geschmeidiger Klangrede, teils mit gut gestütztem Stimmvolumen im Brustton der Überzeugung zelebrierte. Die von Britten in Zusammenarbeit mit seinem Lebensgefährten, dem Tenor Peter Pears vertonten Gedichte bedeutender englischer Lyriker (Cotton, Tennyson, Brake, Jonson und Keats) wurden lautmalerisch sinnfällig wiedergegeben, auch die pulsierenden Motive wie Seen und Wasserfälle. Hornsoli, mit denen sich der ebenfalls in Stuttgart tätige Hornist Reimer Kühn auszeichnete, sorgten für intensiv erdige Naturfarben und lebhafte Jagdtöne. Der auf dem ventillosen Waldhorn ohne Orchesterbegleitung gespielte Podiums-Prolog und ebenso im rückwärtigen Teil der Kirche wiedergegebene Epilog legten sich wie ein fein geschnitzter Rahmen um die Komposition.
Noch deutlicher passten die zitierten Elfen-Klänge zum zweiten Teil des Konzertprogramms. Zusammen mit vier weiteren Streichern musizierte die von Lotus String bekannte japanische Cellistin Chihiro Saito Franz Schuberts „Arpeggione“-Sonate (D 821). Die ursprünglich für das gleichnamige, um 1820 in Wien erfundene und heute vergessene Gitarren-Instrument geschriebene Sonate wird meist in einer Version für Klavier und Cello gespielt. Mit solcher Klarheit, mit soviel Sinn für Klangnuancen, wie von Saito und ihrem Quartett wiedergegeben, hört man das Stück freilich nur selten. Die charmante Solistin spielte völlig uneitel mit voll markiertem, aber nie gepressten Ton, leichthändig locker, ohne fettes Vibrato, aber hinreißend klangschön. Die mehrfach repetierte „Drehleier“ im Allegro moderato mutete wienerisch-volkstümlich an, die Leitmelodie im folgenden Adagio glich einem zart ausgesungenen Lied.
Populäre Musik
Nach der Pause gab es noch Antonín Dvořák Serenade in E-Dur (op. 22) – ein Standardwerk für Streichorchester. Auch Wallinger und sein Ensemble kennen das Stück aus dem Effeff. Entsprechend solide routiniert wiedergegeben, erfreute die (insbesondere in den ersten beiden Sätzen Moderato und Tempo di Valse) populäre Musik mit ihren charaktervollen Kontrasten die zahlreichen Konzertbesucher.