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Ludwigsburger Kreiszeitung

Tango-Operita in Idealbesetzung

Im Adventskonzert der Süddeutschen Kammersinfonie Bietigheim bringt Simon Wallinger „María de Buenos Aires“ im Bietigheimer Kronenzentrum in einer eigenen Fassung zur Aufführung. Hierzulande ist Astor Piazzollas einzige Oper eine Rarität auf der Bühne.

Hinreißender Konzertabend: Die SKB beim Adventskonzert im Kronenzentrum. Foto: Alfred Drossel

BIETIGHEIM-BISSINGEN. Ein Adventskonzert gänzlich anderer Art hat die Süddeutsche Kammersinfonie Bietigheim (SKB) am Samstagabend im Kronenzentrum gegeben: Anstelle eines Potpourris feierlicher Klänge in festlicher Vorfreude erklang mit „María de Buenos Aires“ das einzige Bühnenwerk von Astor Piazzolla, dem 1921 im argentinischen Mar del Plata geborenen Bandoneonisten und Komponisten, der als Erfinder des Tango Nuevo gilt – in kompletter Länge, eigenem Arrangement und einer halbszenischen Inszenierung, die im Herbst bei der Lienzingen-Akademie vorgestellt und den technischen Gegebenheiten im Kronensaal angepasst wurde, insbesondere, was den Einsatz von Lichtstimmungen angeht. Dazu stand die SKB als siebenköpfiges Tangoensemble auf der Bühne, unter der Leitung von Simon Wallinger, wobei der Sohn des Orchester gründers Peter Wallinger als Kontrabassist selbst als Musiker beteiligt war.

Ultraviolett leuchtet der Bühnenraum, als Markus Däunert (Violine), Elya Levin (Flöte/Piccolo), Konstanze Bodamer (Cello), Leonel Gasso (Bandoneón), Sophia Weidemann (Klavier), Markus Hauke (Perkussion) und Walinger das Tango-Thema des „Alevare“ anstimmen, während Johann-Michael Schneider in der Sprechrolle des Geistes den dunklen Saal mit beleuchtendem Textbuch durchquerend seine „Beschwörung der María“ in maliziös geschärftem Tonfall „durch einen Riss im Asphalt der Straße“ vorträgt und zum (jenseitigen) Leben erweckt. So wie die vergessene Stimme Marías, die daraufhin als Mensch erscheint und sich mit einer folkloristischen Vokalise einführt, die Piazzolla mit Bartók-Referenzen instrumentiert.

Dunkel timbrierter Mezzosopran

Die mexikanisch-amerikanische Sängerin Mónica Soto-Gil Salas hat sich ihre Titelpartie als Mater Dolorosa zurechtgelegt, die bittere Würde der Schmerzensreichen entspringt ihren Verletzungen, zeitigt aber auch eine verhärmte Abwehr, entsprechend expressiv zeichnet Salas diese Figur mit ihrem tragfähigen, dunkel timbrierten Mezzosopran. Kongenial als Dritter im Bunde der (Sing-)Darsteller ist Santiago Bürgi, gebürtig wie ausgebildet in Buenos Aires und seit der Spielzeit 2021/22 festes Ensemblemitglied am Theater Pforzheim, der sämtliche männlichen Rollen der „Kammeroper“ verkörpert und mit kernigem, baritonalem Tenor vokal hinreichend Format verleiht – vom Volkssänger über den träumenden Buonaerenser Kerl, den Alten Anführer der Diebe und den Ersten Psychoanalytiker bis zur „Stimme jenes Sonntags“ – enorm eindringlich dieses „Tangus Dei“, das als 17. und letztes Bild in Piazzollas 1968 konzertant uraufgeführtem Musiktheaterstück mit den Worten „Maria unser von Buenos Aires / vergessen bist du unter allen Frauen“ endet.

Wenn Bürgi immer wieder aufs Neue „Es domingo“ (Es ist Sonntag) anhebt – gesungen wird auf Spanisch, gesprochene Passagen sind ins Deutsche übersetzt -, wirkt seine Phrasierung auch ein wenig schon wie ein Vorgriff auf John Adams „Nixon in China“. Auch Einflüsse von Ravel und Strawinsky kann man in der Musik entdecken. Hingabevoll widmet sich auch die Tango-Version der SKB der farbreichen, polystilistischen Partitur Piazzollas, die vom Tango Nuevo – den „Libertango“ hört man an allen Ecken und Enden heraus – über Milonga, Canyengue und Musettewalzer bis zu klassischen Formen wie Toccata oder Fuge reicht. Kurzum: eine hinreißende Vorstellung dieser „Tango Operita“!

Autor: Harry Schmidt

So klingt mitreißende Schicksalsmusik


Dreimal war die „Sommerliche Serenade“ der Süddeutschen Kammersinfonie Bietigheim an diesem Wochen ende in der Region zu erleben. Am Pult überzeugte Peter Wallingers Sohn Simon Wallinger, als Violinsolistin brillierte Maryana Osipova.

Die SKB Bietigheim mit Dirigent Simon Wallinger. Foto: Christiana Kunz


MÜHLACKER-LIENZINGEN/SACHSENHEIM. Die „Sommerliche Serenade“ ist einer der fünf Fixbausteine im Konzertkalenderjahr der Süddeutschen Kammersinfonie Bietigheim (SKB). Wobei der Sachsenheimer Schlosshof und die Liebfrauenkirche in Lienzingen zu den langjährigen Spielstätten dieses Programms gehören. Erstmals kam die Sommerliche Serenade“ am vergangenen Wochenende nun dreimal zu Gehör: Auf Einladung von Gudni Emilsson, dem Leiter des Tübinger Kammerorchesters, gastierte die SKB am Samstagabend im Sommerrefektorium des Klosters Bebenhausen. Das geplante Open-Air in Sachsenheim wurde indes aufgrund der unsicheren Wetterlage in den Saal des dortigen Kulturhauses verlegt. Die von uns besuchte Aufführung in der Lienzinger Liebfrauenkirche ist auch Teil der Konzertreihe „Musikalischer Sommer“, mit der Peter Wallinger seit 1977 das Kulturleben der Stadt Mühlacker bereichert.

Dessen Sohn Simon Wallinger steht nun vor einer deutlich verjüngten SKB – als Solo-Kontrabassist im Südwestdeutschen Kammerorchester Pforzheim hat sich das Netzwerk des auch als Pianist und Continuo-Cembalist ein Erscheinung tretenden Dirigenten nochmals erweitert – und setzt mit dem Kopfsatz der Kammersinfonie Nr. 1″ (0p. 145) den 2021 begonnenen Weinberg-Zyklus fort. Das 1987 veröffentlichte Werk des polnisch – sowjetischen Komponisten geht zwar auf dessen zweites Streichquartett (Op. 3) zurück, fasst aber die Faktur mit Rückbezügen auf klassische, teilweise frühklassische Tonsetzer wie Haydn, Mozart oder Schubert mehr im Sinn von Prokofjews erster Symphonie auf. Simon Wallinger hält die 16 Musikerinnen und Musiker der SKB zu einer so konzentrierten wie nuancierten Wiedergabe dieses immer zerklüfteter sich gestaltenden Allegros an.

Nicht minder trennscharf musizierte Schicksalsmusik dann im Anschluss die Kammersinfonie c-moll“ (Op. 110a) des mit Mieczyslaw Weinberg befreundeten Dmitri Schostakowitsch. Rudolf Barshais Bearbeitung dessen achten, 1960 uraufgeführten Streichquartetts (Op. 110) für Streichorchester übersetzt die fünf Sätze des in Dresden erstandenen Werks in kammersinfonische Dimensionen. Die ursprüngliche Komposition wurde mit dem Zusatz Im Gedenken an die Opfer des Faschismus und des Krieges veröffentlicht, in Schostakowitschs Briefzeugnissen aber als stark autobiografisch geprägt charakterisiert (Man könnte auf seinen Einband auch schreiben: Gewidmet dem Andenken des Komponisten dieses Quartetts“). Dem Fugato der DESCH-Signatur (gebildet aus den Notenwerten D-Es-C-H, stellvertretend für die Initialen seines Namens) im ersten „Largo“ folgen chromatische Gedanken, ein Quartmotiv und ein Zitat aus der 5. Symphonie, insgesamt herrscht Requiem-Stimmung.

In größtmöglichem Kontrast schließt nahtlos ein dauererregtes Allegro molto“ mit brutal schroff gestoßenen Staccato-Salven des Orchesters an, zwischen denen ein jüdisches Klagelied allerdings so hymnisch auftritt, als wär’s von Chatschaturjan eingeworfen. Das Mahlersche Scherzo des „Allegretto“ bereitet als ironischer Walzer auf die Exekutionsszenen des vierten Satzes vor, in denen unerbittlichen Tutti- Schlägen die einsame Stimme der 1. Violine von Konzertmeisterin Maryana Osipova gegen übersteht, zunächst als beklemmend anhaltender Bordun-Ton, dann mit einem Klagegesang, der vom 1. Cello aufgenommen und gesteigert wird und im finalen „Largo“ nach einer weiteren DESCH-Fuge in Dissonanzen ersterbend verklingt.

In Franz Schuberts von 1816 datierendem Rondo A-Dur“ brilliert Maryana Osipova, Primaria des Frankfurter Eliot Quartetts, nach der Pause als ausdrucksvolle Solistin mit außergewöhnlich geschmackvoll formulierter, ausgefeilt-geschliffener Klanggestaltung in lyrischen wie virtuosen Passagen gleichermaßen.

Ein typisches Wallinger-Kleinod zum Ausklang: Carl Nielsens „Kleine Suite“ für Streicher a- Moll von 1888. Sie ist ein reifes Frühwerk des seinerzeit erst 22- jährigen Komponisten. Und dass die Pflege skandinavischer Literatur Simon Wallinger ebenso wie seinem Vater ein großes Anliegen und somit in besten Händen ist, lässt sich seiner lebendigen wie konzisen Interpretation der drei Sätze unschwer entnehmen.

Autor: HARRY SCHMIDT

Auf den Gipfeln der klassischen Musik

Virtuose Solistin im Festkonzert zum 40-jährigen Bestehen der Süddeutschen Kammersinfonie Bietigheim war die Geigerin Ursula Schoch. Mit der Konzertmeisterin des Amsterdamer Concertgebouworkest verbindet Orchesterleiter Peter Wallinger eine lange Zusammenarbeit.

Extraportion Schwung: Peter Wallinger dirigiert die SKB. Foto: Andreas Becker

BIETIGHEIM-BISSINGEN. Seit 40 Jahren leitet er dieses Orchester. 1984 hat Peter Wallinger, seinerzeit noch als Musikerzieher an den Ellental-Gymnasien tätig, die Süddeutsche Kammersinfonie Bietigheim (SKB) aus der Taufe gehoben. Fünf bis sechs Konzertprogramme erarbeitet das Projektorchester im Jahr, mindestens zwei davon werden pro Saison im Kronenzentrum als Teil des städtischen Veranstaltungsbetriebs gespielt und bereichern den Kulturkalender der Großen Kreisstadt nicht unwesentlich.

Weitere Spielstätten der SKB sind das Rat- und Bürgerhaus in Murr, der Uhlandbau in Mühlacker und die Liebfrauenkirche in Lienzingen – auch die dortigen Konzerte strahlen weit in die Region hinaus. Jahr für Jahr dokumentiert Wallinger seine ausgefeilten Konzertprogramme auch auf CD, die Reihe dieser Aufzeichnungen ist zu einem prächtigen Kompendium kammersinfonischer Preziosen herangewachsen.

Dennoch hat es fast den Charakter einer Premiere: Mit 430 Besuchern wirkt der Kronensaal gut bis bestens ausgelastet. Ein Grund für den großen Zuspruch: Aus Anlass des Jubiläums hat das städtische Kulturamt das „Festkonzert“ der SKB ins Konzertabonnement aufgenommen – sogar prominent als Spielzeitabschluss, wie Michaela Ruof betont. Ob das Commitment auch in die Zukunft weist? „Mal so, mal so“, laute diesbezüglich die Devise, so die Amtsleiterin im Gespräch.

Zuletzt war ein Konzert des Orchesters, das den Namen Bietigheim seit vier Dekaden als Bestandteil in seinem eigenen führt, als „kulturelles Markenzeichen unserer Stadt“ (Rouf in ihrer Begrüßung der Festkonzertgäste) vor 20 Jahren Teil des städtischen Abonnementprogramms gewesen.

Der Witz in der Partitur

Plastisch und pointiert gestaltete Wallinger die erste Hälfte, mit einer Extraportion lässigem Schwung federn Dvoráks „Slawische Tänze“ heran, festlich-folkloristisch im Gestus der „Furiant“, die Nr. 8 aus dem Opus 46 (1878), ein Presto in g-Moll, dessen rhythmische und dynamische Kontraste unter den Händen des Dirigenten mit wunderbaren Holz- und Blechbläserfarben koloriert erklingen. Atmende, erblühende Schlagfiguren beleben auch die Nr. 2 aus dem erst eine Dekade später entstandenen Opus 72. Direktes Vorbild Dvoráks waren die „Ungarischen Tänze“ von Brahms, in Orchesterfassungen der Nr. 1, Nr. 5 und Nr. 6 serviert Wallinger mit einer hervorragend disponierten SKB, angeführt von Konzertmeisterin Sachiko Kobayashi, gänzlich unmuseale Deutungen, kitzelt den Witz aus der Partitur und umschifft alle lauernden Klassikhit-Repertoire-Klippen. 40 Jahre jung – Chapeau!

Auf tänzerische, sehnig gespannte Motorik und schlanke, quicklebendige, hochtransparente Klangästhetik bedacht, con brio, zuweilen auch mit Verve, jedoch unter Verzicht auf plakative Wirkung und ohne je zu breit aufzutragen, rührt Wallinger die imaginäre Trommel, geht in die Knie, dämpft die 1. Violinen mit der Linken. Isolierung und Ohrenspitzer zugleich dazwischen Jean Sibelius’ „Valse triste“: Auch die Bühnenmusik zu Arvid Järnefelts Drama „Kuolema“ (Der Tod) gerät so spannend und plastisch, als wäre es Szene. Je dünner die Luft (in den Bergen, im Norden), je näher die Morgenröte auch (im Osten), desto mehr ist Wallinger in seinem Element.

Einer hochalpinen Gipfelbesteigung tatsächlich nicht unähnlich dann Beethovens Violinkonzert nach der Pause. Mit keiner Solistin hat Wallinger häufiger zusammengearbeitet als mit der in Ludwigsburg geborenen Ursula Schoch. Seit mehr als 20 Jahren Konzertmeisterin des Amsterdamer Concertgebouworkest, ist die Geigerin ein so oft wie gern gehörter Gast in den SKB-Konzerten. „Rutsch’ mal ein bisschen, ich brauch’ mehr Platz“, bedeutet die Violinistin im schulterfreien, taubenblauen Abendkleid Wallinger mit einer kurzen Handbewegung. Ohne Worte verbunden und verbindlich bleibt ihre Kommunikation auch im D-Dur-Konzert. 1806 im Theater an der Wien uraufgeführt, gilt Beethovens Opus 61 als eines der bedeutendsten Werke seiner Gattung. Monumental bereits der Kopfsatz: Das Orchester bewältigt fast einen halben Sonatensatz allein, bevor die Solovioline im „Allegro ma non troppo“ einsetzt und die Themen in Figurationen transformiert. Schochs (gewissermaßen weniger von der romantischen als von der barocken Seite aus) erlesene Interpretation betont die kantable Rhetorik, gebärdet sich eher als Klangrede denn als Klangmalerei, dabei teilt die Virtuosin mit der vor allem in der Mittellage mit außergewöhnlichem Wohlklang ansprechenden Guadagnini von 1755 auch im Variationssatz („Larghetto“) und im finalen Rondo (gleich einer klugen Primadonna) hervorragend ein. Exquisit!

Autor: Harry Schmidt

Ein tiefgründiger Kontrapunkt

Die Süddeutsche Kammersinfonie Bietigheim überzeugt bei den Neujahrskonzerten

Die Süddeutsche Kammersinfonie Bietigheim in Mur. Foto: Ramona Theiss

MURR. Ein sorgsam abschattiertes, gewissenhaft-verhaltenes und doch umso wirkungsvoller in leuchtend klar gezeichneten Konturen aus der Dunkelheit von Jahreszeit und Weltenlauf hervortretendes Glimmen und Glosten — hochspannend und von der Aura des Klandestinen umgeben wie das Chiaroscuro in einem Gemälde von Georges de La Tour wirkt die Farbe dieses ersten Neujahrskonzerts der Süddeutschen Kammersinfonie Bietigheim (SKB) im Murrer Rathaus. Anderntags stehen die Termine in Mühlacker und Bietigheim an. Auch in Murr blickt diese Veranstaltung auf eine über 20-jährige Tradition zurück, entsprechend gut besucht präsentierte sich der Bürgersaal der Gemeinde – ganz offenkundig stellt das Neujahrskonzert der SKB hier ein erstrangiges gesellschaftliches Ereignis im kommunalen Kulturkalender dar.

Spannend bis zuletzt blieb es auch hinter den Kulissen: Erst eine Stunde vor dem Auftritt war Barbora Hulcovä wieder eingetroffen – die Tschechin hatte zwischen Proben und Konzertwochenende noch Engagements in Basel zu absolvieren -, nun sitzt sie da mit ihrer Theorbe, umringt vom Halbkreis der in 13-köpfiger Besetzung angetretenen SKB, als Peter Wallinger den Taktstock hebt, um mit der „Aria“ aus Johann Sebastian Bachs „Goldberg-Variationen“ (BWV 988) das erste Konzert seines 1984 gegründeten Orchesters im noch jungen Jahr zu eröffnen. Würdevoll und grazil, in schlichter Schönheit schreitet dieser einer gravitätischen Sarabande verwandte Instrumentalsatz einher – ein apollinischer Auftakt, angemessen andächtig und behutsam gestaltet.

„Hört dieses. Hier ist Musik“ — mit diesem Wort des Pianisten James Rhodes, das Bach dem unter Komponisten gemeinhin vorherrschenden „Hier bin ich“- Marktgeschrei gegenüberstellt, war das Programm überschrieben, Werke des Thomaskantors bildeten den verbindlich-verbindenden roten Faden darin. Diesem und anderen Gedanken über dessen Musik gab Maiken Wallinger Ausdruck, die bereits seit langem an der Gestaltung des literarischen Anteils der Neujahrskonzerte beteiligt ist. Von Die Zeit-Autor Alard von Kittlitz stammt der vielleicht instruktivste: „Es gibt in dieser Musik kein Oben und Unten. Kein Haupt und Neben, kein Groß und Klein. (…) Im Kontrapunkt ist alles eins.“

Präsenz und Resonanzvermögen

Hörbar illustriert wurde diese Einschätzung durch die sechsstimmige Proto-Fuge aus dem „Musikalischen Opfer“ (BWV 1079), ausgezeichneten Eindruck im von Wallinger mit Übersicht gestalteten „Ricercar. á 6.“ wie auch im weiteren Verlauf hinterließ Konzertmeisterin Andrea Langenbacher, als Stimmführerin der 2. Violinen seit langem ein vertrautes Gesicht in den Reihen des SKB, vorzüglich in der heiklen Balance von Präsenz und Resonanzvermögen.

Dem im Ricercar angelegten Rückbezug auf die Renaissance trug Wallinger mit zwei Tanzsätzen John Dowlands Rechnung, mit geradezu jugendlichem Elan geformt die dem seinerzeitigen König von Dänemark gewidmete Galliarde, noch dynamischer die George Witehead zugeeignete Allemande.

In Dowlands berühmtem „Flow my tears“ gelang Wallinger eine wundervolle, ganz dem Titel entsprechende Wiedergabe mit der SKB und Sopranistin Juliane Brittain, die auch Henry Purcells „If music be the food of love“ und „Music for a while“ sehr ansprechend interpretierte.

Wahre Begeisterungsstürme erntete dann Bachs „6. Brandenburgisches Konzert“ mit den Bratschensolistinnen Andrea Lamoca Alvarez und Lilia Rubin nach der Pause, atmosphärisch gerahmt durch Sibelius „Impromptu Op.5“ und, analog zu den „Goldberg-Variationen“, die finale Reprise der „Aria“, die nun, obgleich in den Notenwerten unverändert, den Charakter eines Wiegenlieds anstelle eines Vorhangs annimmt. Ein tiefgründiger Kontrapunkt in Sachen Neujahrskonzert.

Autor: Harry Schmidt

Mit geschmeidiger Eloquenz im Spiel

Bei den Adventskonzerten der Süddeutschen Kammersinfonie Bietigheim konnte man die junge Berliner Pianistin Annika Treutler kennenlernen. Die 33-Jährige verfügt über ein außergewöhnlich nuanciertes Gestaltungsvermögen.

Annika Treuter am Klavier beim Adventskonzert der Süddeutschen Kammersinfonie. Foto: Holm Wolschendorf

BIETIGHEIM-BISSINGEN/MÜHLACKER. Gut eine Dekade lang hat Sachiko Kobayashi mit selten unterbrochener Regelmäßigkeit der Süddeutschen Kammersinfonie Bietigheim (SKB) als Konzertmeisterin ein Gesicht gegeben und das Profil des 1984 von Peter Wallinger gegründeten Orchesters in dieser Ära mitgeprägt. Nachdem die japanische Violinistin, ihres Zeichens auch Primaria des Stuttgarter Lotus Quartetts, in den vergangenen zwei Jahren kürzer getreten hat, war ihre Rückkehr ans erste Pult der ersten Violinen für nicht wenige der Zuhörer ein überraschendes Wiedersehen mit einer hochgeschätzten Musikerin.

Treues Publikum aufgebaut

Mit der Reihe Mühlacker Concerto trägt der 73-jährige Dirigent Wallinger seit langem einen nicht unwesentlichen Baustein zum kulturellen Leben von Mühlacker bei, dementsprechend hat sich die SKB hier ein treues Publikum aufgebaut.
Eine Premiere dürfte indes für die meisten die Begegnung mit Annika Treutler gewesen sein: Zwar wurde die Berliner Pianistin bereits mehrfach ausgezeichnet, zuletzt 2020 mit dem „Opus Klassik“ für die „Konzerteinspielung des Jahres“, doch die Gelegenheiten, Treutler bei Auftritten in Süddeutschland zu erleben, waren bislang eher rar gesät. Abhilfe schaffte ihr Debüt als Solistin der SKB bei den Adventskonzerten des Orchesters – das Programm wurde zuvor im Bietigheimer Kronenzentrum präsentiert -, die zugleich die Jubiläumssaison zum 40-jährigen Bestehen des Ensembles einläuteten.
In Mozarts 1786 komponiertem Klavierkonzert A-Dur (KV488) konnte man eine nachgerade ideale Interpretin dieses Schlüssel- und Gipfelwerks seiner Gattung kennenlernen. Mit erlesenem Rubato gestaltet die 33-Jährige ihre Solopassagen im Allegro-Kopfsatz, vollzieht die vielgestaltigen Gedanken der Mozart’schen Klangrede nicht nur pianistisch auswendig, sondern auch sehr beredt in ihrer Mimik nach. Eine im Wortsinn geschmeidige Eloquenz, eine superb geschliffene Klangkultur prägt ihr Spiel, die von Mozart hier erstmals auskomponierte Kadenz wächst zu einem atemberaubenden Ohrenspitzer. Das folgende Siciliana-Adagio unterstreicht, dass die empfindliche Musik Mozarts bei Treutler nicht nur in besten Händen ist; in den nuancenreichen Variationen spricht der gesamte Körper der Pianistin mit. Exquisit dann das finale Kehraus-Rondo, in dessen buffoneskem Charakter sich auch die zeitliche Nähe zu „Le nozzo de Figaro“ äußert, durchgehend exzellent die Einbettung durch Wallinger und die SKB. Für den enthusiastischen Beifall und Bravorufe bedankt Treutler sich mit dem Impromptu No. 5 von Jean Sibelius.
Ungeheuer eindringlich im Anschluss das „Moderato“ aus Pēteris Vasks’ „Musica adventus“, Wallinger lässt die nordisch-kontemplative Musik atmen. Mit einer in ihrer Balance von kammermusikalischer Transparenz und orchestraler Sinfonik den zwischen barocken Rückbezügen und einer Vorschau auf die Romantik oszillierenden Gestus der Es-Dur-Sonfonie (KV 543) exakt treffenden Interpretation schließt sich nach der Pause der Mozart-Kreis des vorzüglichen Adventskonzerts. Das letzte Mal in der verdienstvollen Laufbahn SKB mit Peter Wallinger? Das lässt der Dirigent im Gespräch mit unserer Zeitung vorerst noch offen.

Autor: Harry Schmidt

Romantische Tendenz bei Barockevergreens

„All’Italiana“ hat Peter Wallinger die beiden „Sommerlichen Serenaden“ der Süddeutschen Kammersinfonie Bietigheim, in Sachsenheim und Lienzingen am Wochenende überschrieben. In zwei der vier Violinkonzerte von Antonio Vivaldis „Die vier Jahreszeiten“ gab Maryana Osipova ihr umjubeltes Debüt als Solistin der SKB.

Die Süddeutsche Kammersinfonie Bietigheim beim Auftritt in Sachsenheim Foto: Alfred Drosse

SACHSENHEIM/BIETIGHEIM/LIENZINGEN. Besser hätten die Bedingungen kaum sein können: Das aktuelle Hochdruckgebiet Cigdem sorgte dafür, dass die beiden als „Sommerliche Se­renade“ angekündigten Konzerte der Süd­deutschen Kammersinfonie Bietigheim (SKB) am vergangenen Wochenende zumindest dem ersten Teil des Formattitels vollumfäng­lich gerecht wurden: Mehr Sommer geht kaum. Dem entsprechend präsentierte sich der Innenhof des Sachsenheimer Wasser­schlosses am Samstagabend komplett aus­verkauft, gut besucht war auch die Matinee in der Lienzinger Frauenkirche tags darauf.
lm Vergleich zum trutzigen Turm der Pe­terskirche ragt deren schlanker Dachreiter wie ein Zahnstocher empor: Als Friedhofska­pelle am Ortsrand hat die einstige Marien­wallfahrtskirche den wechselhaften Lauf der Zeiten relativ unbeschadet überdauert – zur weitgehend im Originalzustand erhaltenen spätgotischen Bausubstanz gehört auch die auf 1482 datierte, mit einem Gebet, Ranken und Girlanden geschmückte Holzdecke des Tonnengewölbes über dem Kirchenschiff, die zu den bemerkenswerten akustischen Quali­täten des außerordentlich stimmungsvollen Raums nicht unwesentlich beiträgt.
Passgenau zur Hitzewelle hat Peter Wallin­ger zwei der als „Die vier Jahreszeiten“ über­aus bekannten Violinkonzerte auf den Spiel­plan gesetzt, in denen Antonio Vivaldi 1725 beredte musikalische Bilder für das Anstei­gen der Temperaturen (und Temperamente) gefunden hat. Bravourös gestaltet Maryana Osipova das Vogelstimmgezwitscher im Kopfsatz von „Der Frühling“ im Dialog mit Konzertmeisterin Swantje Asche-Tauscher und den weiteren 14 Musikerinnen und Mu­sikern der SKB – die ungemein mitteilsame, konzise Körpersprache der in Moskau und Karlsruhe ausgebildeten Primgeigerin des Frankfurter Eliot Quartetts habe ihn dazu be­wogen, hier auf ein Dirigat zu verzichten, so der Orchestergründer im Gespräch mit dieser Zeitung.
Nichts deutet indes darauf hin, dass dieses Konzert um ein Haar ausgefallen wäre: Akute Rückenbeschwerden zwangen die italieni­sche Violinistin Rebecca Raimondi am Don­nerstagabend, ihre Auftritte mit der SKB ab­zusagen. Binnen weniger Stunden war es Wallinger daraufhin gelungen, mit Osipova eine hinreichend qualifizierte Einspringerin für die erkrankte Solistin zu rekrutieren. In­nig zelebriert die Russin das Frühjahrsschä­feridyll im „Largo e pianissimo“, ausgelassen den Hirtentanz im finalen „Allegro“. Die Sommergewitterstretta im „Allegro non mol­to“ entlockt einer einzelnen Besucherin ei­nen wohltemperierten Jubelruf. Dass Osipova sich für den großen Beifall mit einer Repri­se des Largos bedankt, unterstreicht eine zwar eher zwischen Wiener Klassik und Romantik zu verortende, aber dennoch reizvolle Tendenz in ihrer Interpretation dieser Ba­rockevergreens.
Hellwach und hochkonzentriert musizierte Wallinger mit einer ausgezeichnet disponier­ten SKB auch den entsprechenden Rahmen des „All’ltaliana“ überschriebenen Pro­gramms: Sowohl Ottorino Respighis „Antiche Danze ed Arie“ (1931) als auch Nino Rotas „Concerto per Archi“ (2007) erklangen in nicht nur (weitestgehend) makelloser, son­dern vor allem auch lebendig-inspirierter Wiedergabe. Bestechend insbesondere die Homogenität und Transparenz des Ensemb­leklangs in der neoklassizistisch-impressio­nistischen Partitur von Respighi, grandios ge­steigert die „Siciliana“, fulminant das Fortis­simo-Crescendo der „Passacaglia“. Wallin­gers Deutungen vereinen exquisites Form­empfinden mit differenzierter, geistreicher Durchdringung des Materials zu einer stets originellen, frischen Lesart. Pauschalklang­angebote gibt es ja ohnehin bereits mehr als genug.

Autor: Harry Schmidt

Barocke Hits und ein roter Faden

Die Süddeutsche Kammersinfonie Bietigheim spielt „Sommerliche Serenaden“

Peter Wallinger Foto: privat

BIETIGKEIM·BISSINGEN. Es ist ein geradezu idealtypisches Peter­ Wallinger-Programm, das am Wochenende bei den beiden Konzer­ten der Süddeutschen Kammer­sinfonie Bietigheim (SKB) auf dem Spielplan steht: Antonio Vivaldis 1725 publizierte „Die vier Jahreszeiten“ sind mit das populärste, was sich in der Barockmusik finden lässt, weit über den Kreis der dezidierten Klassikhörerschaft hinaus geläufiges Reper­toire. Demgegenüber müssen Ottorino Respighis „Antiche Danze ed Arie“ (1931) und Nino Rotas „Concerto per Archi“ (2007) in diesem Kontext als vergleichswei­se unbekannte (Gegen-)Stücke angesprochen werden – tendenziell unterschätze Preziosen, deren (Wieder-)Entdeckung überreich belohnt wird.
Die „Sommerliche Serenade“ ist einer der fünf Fixbausteine im Konzertkalenderjahr der SKB, traditionell wird das Programm zweimal aufgeführt: Am Samstag als Open-Air im Schlosshof in Sachsenheim (bei schlechter Wit­terung in der Mensa des Lichten­stern-Gymnasiums), tags darauf dann beim „Musikalischen Sommer“ in der Lienzinger Frauen­kirche. „All’Italiana“ überschrie­ben, ist der rote Faden ltalianita mühelos erkennbar. Ausgangs­punkt war der ausgesprochen positive Eindruck, den die junge ita­lienische Geigerin Rebecca Rai­mondi bei ihrem SKB-Debüt als Konzertmeisterin bei den Neu­jahrskonzerten des Ensembles hinterlassen hat: „Daraufhin hab ich gesagt: Gut, wir machen mal ein Programm, das ganz auf Rebecca zugeschnitten ist“, erklärt Peter Wallinger die Genese des diesjährigen Serenadenkonzerts. Dementsprechend wird die 1996 in Rom geborenen Raimondi nun als Solistin in zwei der vier Violin­konzerten zu hören sein – Wallin­ger beschränkt sich hier auf „Der Frühling“ (Op. 8 Nr. 1, RV 269) und „Der Sommer“ (Op. 8 Nr. 2, RV 315): „an dieser Nahtstelle be­wegen wir uns ja gerade“ -, während Swantje Asche-Tauscher ih­ren Platz als Konzertmeisterin einnimmt, bei Respighi und Rota teilen sie sich das erste Pult, wobei Raimondi dann wieder Stimmführerin der 1. Violinen ist.
Der Kontakt zu Raimondi kam über Peter Wallingers Sohn Simon zustande, der wie Raimondi an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Frankfurt stu­dierte, an der die Italienerin heute auch einem Lehrauftrag für Barockvioline nachkommt. Simon Wallinger, der mit Raimondi auch als künstlerisches Leitungsduo der „Lienzingen Akademie“ fun­giert und zuletzt beim Frühjahrs­konzert der SKB am Pult stand, wird nun wieder am Kontrabass in den Reihen des Ensembles zu finden sein. Eine weitere Klammer im Programm ist das neo­klassizistische Motiv des Rückbezugs: Sowohl Respighis „Antiche Danze ed Arie“ als auch Rotas „Concerto per Archi“ sind in Anlehnung an „antike Vorbilder“ (Wallinger) entstanden: „Beide schauen zurück und kleiden Alte Musik neu ein – bei aller Unterschiedlichkeit: Respighi mehr spätromantisch-impressionistisch, Rota sehr rhythmisch-kraftvoll.“ Für den Vivaldi hätte sie gern das 1732 in Neapel ge­baute lnstrument von Gennaro Gagliano eingesetzt, das eine Stif­tung ihr zur Verfügung stellt, sagt die auf historische Aufführungspraxis spezialisierte Violinistin, doch Darmsaiten in einem Open-Air-Konzert seien eine wenig vorteilhafte Kombination. Entscheidender für den „Barockklang“ ist ohnehin der Bogen, weiß Raimondi und betont, dass es bei aller Bildlichkeit dieser Programmmusik darauf ankomme, die „zweite Ebene„ der „Idee dahinter“ mitzugestalten.

INFO: Die Konzerte finden am Samstag, 24. Juni. um 19.30 Uhr im Schlosshof Sachsenheim, am Sonntag, 25. Juni um 11:00 Uhr in der Frauenkirche in Lienzingen statt. Weitere Infos gibt es unter www.sueddeutsche-kammersinfonie.de.

Autor: Harry Schmidt

„Live 2022“: Exquisites mit hochkarätigen Solisten

Mit der 20. Ausgabe der Dokumentationsreihe „Kammersinfonie live“ legt Peter Wallinger mit der Süddeutschen Kammersinfonie Bietigheim erneut eine hervorragende Visitenkarte vor.

Die CD „Live 2022“ der Süddeutschen Kammersinfonie Bietigheim. Foto: privat

Mit der 20. Ausgabe der Dokumentationsreihe „Kammersinfonie live“ legt Peter Wallinger mit der Süddeutschen Kammersinfonie Bietigheim erneut eine hervorragende Visitenkarte vor.

Bietigheim-Bissingen. Die Qualität eines Orchesters lässt sich nicht zuletzt daran bemessen, wie es um die Karatzahl der Solisten bestellt ist, die sich ihnen anvertrauen. Für Fans von Sebastian Manz sollte die CD „live 2022“, die 20. Ausgabe der Dokumentationsreihe der Süddeutschen Kammersinfonie Bietigheim (SKB), ein Pflichtkauf sein: Denn die „Israeli Suite“, die der Soloklarinettist des SWR- Symphonieorchesters sich als Medley dreier Klezmer des Giora-Feidmann-Wegbegleiters Helmut Eisel auf den Leib geschrieben hat, liegt hiermit als Ersteinspielung vor.

Regelmäßig krönt der 37-jährige Virtuose seine Auftritte mit dieser alle Ausdrucksmöglichkeiten der menschlichen Stimme auf die Klarinette übertragenden Partitur als Zugabe. Doch bereits in W. A. Mozarts Klarinettenkonzert (KV622) bringt Manz sein Instrument zum Sprechen, wahlweise mit vorwitziger, funkensprühender Brillanz oder im vertraulichsten Flüsterton. Dazu kommt, dass Manz das A-Dur-Konzert auf einer Bassettklarinette spielt – dem Instrument, für das Mozart wohl ursprünglich geschrieben hat.

Ein Glücksfall ähnlicher Art auch der Auftakt des Albums: Ursula Schoch, seit mehr als 20 Jahren Konzertmeisterin des Amsterdamer Concertgebouworkest, blickt wie Manz auf eine langjährige Zusammenarbeit mit Peter Wallinger und der SKB zurück. Mit überbordender Spielfreude gestaltet die Violinistin die „Humoreske III“ von Jean Sibelius, auch hier produziert das Einverständnis von Solistin und Orchester ein exquisites Ergebnis, das mehr ist als die Summe der Teile.

Für Joseph Haydns Sinfonie Nr. 81 hat Peter Wallingers Sohn Simon Wallinger die Stabführung übernommen – eine ungemein plastische, lebendige, gleichwohl formbewusste Interpretation dieses landläufig etwas unterschätzten Werks. Als einen Vorgeschmack auf einen Mieczyslaw-Weinberg-Zyklus, bei dem alle vier Kammersinfonien des jüdischen Komponisten polnischer Herkunft aufgeführt werden, komplettiert das „Moderato“ der 2. Kammersinfonie die Blütenlese der Saison 2022.

INFO: Die CD „live 2022“ ist über das Sekretariat „MühlackerConcerto“, Telefon (07043) 958393 oder per E-Mail an susanne@boekenheide.net zu beziehen. Für Mitglieder der Fördervereine „Süddeutsche Kammersinfonie“ und „Mühlacker Klassik“ ist sie als Jahresgabe kostenfrei.

Autor: Harry Schmidt

Vom Gedanken hin zum Gefühl

Die Süddeutsche Kammersinfonie Bietigheim und Tjeerd Top im Kronenzentrum

BIETIGHEIM-BBISSINGEN. Traditio­nell feiert das Frühjahrskonzert der Süddeutschen Kammersinfonie Bietigheim (SKB) im Kro­nenzentrum seine Premiere, anderntags wird das Programm im Uhlandbau in Mühlacker wiederholt und aufgezeichnet. Wie bereits 2022 wird das Konzert komplett von Simon Wallinger dirigiert, diesmal allerdings vor allem, weil sein Vater Peter Wallinger, der die SKB 1984 gegründet hat, durch die nahezu zeitgleich stattfindenden Schulkonzerte gebunden war.

Tjeerd Top ist für Freunde der SKB kein Unbekannter, bereits mehrfach hat der erste Konzert­meister des Königlichen Con­certgebouw Orchester Amsterdam mit dem renommierten Klangkörper zusammengearbeitet. Genau genommen hat er den Anstoß zu diesem Programm gegeben, indem er vor zwei Jahren Mieczyslaw Weinbergs „Concer­tino für Violine und Streichorchester“ (Op. 42) einbrachte. Daraus ist der Plan entstanden, alle vier Kammersinfonien des polnischen Komponisten und Schos­takowitsch-Weggefährten aufzu­führen. Den Auftakt des Weinberg-Zyklus bildete nun die Kammersinfonie Nr. 3 (Op. 151) von 1991, deren vier Sätze nach der Pause zu Gehör kamen.

Angeregt durch deren in Teilen spätromantische Klangsprache hat Simon Wallinger für die erste Hälfte eine Art Gegenpol konzipiert, der den Beginn der Romantik in den Fokus rückt. Trotz seines ungeklärten Entstehungs­zusammenhangs ist das Frag­ment gebliebene „Violinkonzert C-Dur“ (WoO 5) von Ludwig van Beethoven, vermutlich zwischen 1790 und 1792 entstanden, alles andere als eine Fingerübung: In seiner dramatischen, von vielen Generalpausen zerklüfteten Entwicklung, den Dialogen mit dem Orchester, insbesondere mit den Bläsern, ist bereits der komplette Beethoven voll ausgeprägt erkennbar. Top spielt die Vervollständigung der 259 überlieferten Takte durch Josef Hellmesberger (1879) auf einer Stradivari von 1713, virtuos und inspiriert in einem ungemein schlanken, honigtaufarben singend hellen Instrumentalklang.

Wallinger sucht nicht die große Geste, ist eher ein Mann kleinteiliger Präzision und bettet Tops Kantilenen behutsam wie eine Singstimme, wobei er dem Ensembleklang der SKB eine geradezu sinfonische Tiefe entlockt. Als langsamer „Mittelsatz“ folgt Beethovens „Romanze F­ Dur“ (Op.50) – klar, dass eine solche trotz aller gebotenen zärtlichen Poesie bei Beethoven nicht ohne Pathos abgeht. In Sachen emotionaler Affirmation und Ge­mütsbewegung steht der Titan der Wiener Klassik hier mit einem Bein eben schon in der Ro­mantik, die – aus Gedanken wer­ den Gefühle – mit Franz Schuberts „Polonaise B-Dur“ (D 580) dann schon fast erreicht ist. Für den Beifall bedankt sich Top mit einem Wiegenlied der Red Hot Chili Peppers, „Porcelain“ ver­blüfft durch mit der Griffhand ausgeführte Pizzicati.

Für Weinbergs dritte Kammer­sinfonie teilt Top sich das erste Pult der ersten Geigen mit Swantje Asche-Tauscher, Wallin­gers Interpretation dieser wundervoll introvertierten, wie durch das 20. Jahrhundert hindurchgegangenen Musik ist höchst aufmerksam gegenüber ihrer Fragilität, auf der sprich­wörtlichen Stuhlkante musiziert das expressive Allegro molto. Bravos für Wallinger, Top und die SKB im leider nur mäßig besuch­ten Kronensaal. Diesem vorzüglichen Konzert wären weit mehr als die anwesenden 120  Besucher zu wünschen gewesen.­

Autor: Harry Schmidt

Auf der Schwelle zur Romantik

Am Wochenende stehen die traditionellen Früh­jahrskonzerte der Süd­deutschen Kammersinfo­nie Bietigheim an. Erneut liegt die Leitung komplett in den Händen von Simon Wallinger. Ein direk­tes Signal in Sachen Stab­übergabe sei dies aber noch nicht, heißt es.

BIETIGHEIM/MÜHLACKER. Bereits zum zweiten Mal liegt die Lei­tung der Süddeutschen Kammersinfonie Bietigheim (SKB) komplett in Händen von Simon Wallinger: Während das beim Frühjahrskonzert 2022 noch dem zufälligen Umstand ge­schuldet war, dass Orchester­gründer Peter Wallinger vor dem Konzertwochenende erkrankt war und der junge Musiker kurz­fristig auch das Dirigat für den Programmteil seines Vaters übernommen  hatte,  machten die in diesem Jahr nahezu zeitgleich stattfindenden Schüler­konzerte in Bietigheim und Mühlacker es naheliegend, für die am Wochenende ebenda an­stehen den Frühjahrskonzerte 2023 von Beginn an mit Simon Wallinger am Pult zu planen. Mit einer Stabübergabe sei dies in­ des (noch) nicht gleichzusetzen, heißt es von Wallinger senior und junior gleichermaßen: Peter Wallinger spricht von einer „Übergangszeit“, Simon Wallin­ger davon, „Erfahrungen zu sam­meln und Perspektiven zu entwi­ckeln“. Eine direkte Botschaft in Sachen Stabübergabe verbinde sich damit jedenfalls noch nicht.

Ausgangspunkt des Programms war der Wunsch, alle vier Kammersinfonien von Mieczyslaw Weinberg mit der SKB aufzuführen, die 1991 veröffentlichte Kammersinfonie Nr. 3 (Op.151) zählt zum Spätwerk des polnischen Komponisten, der aufgrund seiner jüdischen Her­kunft 1939 über Minsk und Taschkent nach Moskau emig­riert ist, wo er ein enger Wegge­fährte Schostakowitschs wurde, und markiert nun den Auftakt zum Weinberg-Zyklus der SKB. Bereits vor zwei Jahren hatte man dessen „Concertino für Violine und Streichorchester“ (Op.42) auf den Spielplan ge­setzt, seinerzeit auf Initiative des für Vivaldis „Violinkonzert e­-Moll“ (RV 278) einge­ladenen Solisten Tjeerd Top. „Für mich ist Weinberg als Komponist eine wahnsinnige Entde­ckung gewesen“, so Simon Wallinger, „ein völlig unterschätztes Werk, das neben Mahler, auch neben Bruckner be­stehen kann. Was mich an den Kam­mersinfonien faszi­niert, ist, dass man am Ende des 20. Jahrhunderts immer noch tonal kompo­nieren kann und damit wirklich überzeugt.“ Ein weiteres Mo­mentum für die Konzeption ei­nes Weinberg-Zyklus war das 100-jährige Bestehen des von der jüdischen Familie Emrich gestif­teten, von der SKB regelmäßig bespielten Uhlandbaus in Mühlacker, das 2021 gefeiert wurde.

„Die riesengroßen Bögen, die Weinberg schafft, nehmen manchmal schon fast sinfonische Dimensionen an – das ist auch für mich und die Musiker eine Herausforderung.“ Beim Er­arbeiten seiner Interpretation habe er durchaus auch Aufnah­men wie die vorzügliche von Gi­don Kremer für ECM studiert, schlussendlich gelte es dann aber, sich auch wieder davon zu lösen, so Wallinger junior. Während Weinbergs dritte Kammer­sinfonie nach der Pause erklingt, wirkt der erste Teil des Pro­gramms heterogener. Lediglich als Fragment erhalten ist Beethovens „Violinkonzert C-Dur“ (WoO 5), gespielt wird die Vervollständigung von Josef Hellmesberger (1879). Darauf folgen Beethovens „Romanze F-Dur“ (Op. 50) und  die „Polonaise B-Dur“ (D 580) von Franz Schubert. Im Wechsel von schneller und langsamer Bewegung entspricht die Zusammenstellung ihrerseits der Satzfolge eines Con­certos.

Entstanden sind die drei Werke in relati­ver zeitlicher Nähe zueinander, an der Schwelle von der Wiener Klassik zur Romantik. Insofern bewege man sich mit dem Frühjahrskon­zert vom Beginn dieser Epoche bis zu ih­ren letzten Ausläu­fern in der spätromantischen Klangsprache Weinbergs, so Wallinger. Als Solist im ersten Teil wird erneut Tjeerd Top mit seiner Stradivarius aus dem Jahre 1713 zu hören sein, im zwei­ten wird der erste Konzertmeis­ter  des  Königlichen  Concertge­bouw Orchester Amsterdam sich das erste Pult mit Swantje Asche-Tauscher teilen.

Autor: Harry Schmidt