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Ludwigsburger Kreiszeitung

Jenseits des Klangrepertoires

Die Süddeutsche Kammersinfonie Bietigheim spielt in der Lienzinger Frauenkirche

In Aktion: Die SKB bei der „Sommerlichen Serenade“. Foto: Theresa Mammel/p

LIENZINGEN. Auch unter Pandemiebedingungen lässt Peter Wallinger nicht locker. Die Advents-, Neujahrs- und Frühjahrskonzerte hatte der Maulbronner Dirigent noch als Videoaufzeichnungen produziert und kostenfrei ins Netz gestellt, die traditionelle „Sommerliche Serenade“ seiner Konzertreihe „Musikalischer Sommer“ in der Lienzinger Frauenkirche ist für seine Süddeutsche Kammersinfonie Bietigheim (SKB) nun der erste Auftritt vor Publikum seit langer Zeit. Einmal am Samstagabend, einmal am Sonntagvormittag gespielt, jeweils ausverkauft vor 110 Besuchern, erklingt in einem flirrenden, sommerlich leichten Programmbogen sogar eine Uraufführung: Mit „L’Oiseau bleu“ für Harfe und Streicher (op. 89) kommt ein neues Werk des britisch- französisch-israelischen Komponisten Nimrod Borenstein erstmals zu Gehör. Gewidmet der Harfenistin Anne-Sophie Bertrand, sollte das höchst filigrane Stück für Soloharfe und Streichorchester ursprünglich im vergangenen Jahr in Cardiff uraufgeführt werden. Nachdem dies pandemiebedingt nicht stattfinden konnte, ging die Soloharfenistin des hr Symphonieorchesters Frankfurt mit der Idee, die Weltpremiere mit den Streichern der SKB zu realisieren, auf Wallinger zu, mit dem sie eine langjährige Zusammenarbeit verbindet. Die Vertrautheit zahlt sich aus: In de Überlagerung verschiedener Rhythmen angelegt, birgt „L’Oiseau bleu“ einige Herausforderungen für die Musiker, reiht unterschiedliche Bilder vom Walzer über Märchenhaftes bis zu dramatischen Episoden – durchaus in einem neoimpressionistischen Sinn –, geht in manchem aber über seinen klassizistischen Ansatz hinaus und führt die Harfe punktuell auch in Bereiche jenseits des im Instrument angelegten Klangrepertoires der Akkordbrechungen, Glissandi und Triller – Echowirkungen sind da nur eine Möglichkeit.

Geschmeidig und elegant, zuweilen aber auch fulminant und teilweise glashart greift Bertrand in die Saiten, frappierend schließlich die nahezu akrobatische Klimax der metrisch zunehmend vertrackteren Komposition. Verdient der begeisterte Applaus des dankbaren, auf Abstand gesetzten Publikums – für die fabelhafte Solistin, die grandios aufmerksame und präzise SKB und wohl auch für den nicht anwesenden Komponisten.

Mit Joaquin Turinas „La Oración del Torero“ (Das Gebet des Toreros, 1925 entstanden) und Claude Debussys „Danse sacrée et Danse profane“ (1904) hat Wallinger diese Sternstunde mit einem passenden Rahmen versehen, für den der Impressionismus den roten Faden bildet. In Pablo Casals’ „El cant dels Ocells“ (Der Gesang der Vögel) ist Chihiro Saito eine wunderbare Solistin. Versöhnlich und hoffnungsfroh der Ausklang mit Edward Elgars „Serenade emoll“ (op. 20), Wallingers Körper mal pulsierendes Zentrum, mal feinste Nuancen abmessend, aber stets mit jeder Faser Musik.

INFO: Eine Videoaufzeichnung der „Sommerlichen Serenade“ wird in wenigen Tagen unter
www.sueddeutsche-kammersinfonie.de und www.muehlacker-klassik.de/muehlacker-concerto abrufbar sein.

Autor: Harry Schmidt

Flirrend-bunter Bilderreigen in der Frauenkirche Lienzingen

Mit einer Weltpremiere gastieren die Harfenistin Anne-Sophie Bertrand und die Süddeutsche Kammersinfonie Bietigheim in Lienzingen.

Die Solistin Anne-Sophie Bertrand. Foto: Astrid Ackermann/p

Bietigheim-Bissingen. „Es ist alles dreimal so viel Arbeit, aber wir lassen nicht locker“, sagt Peter Wallinger. „Daten der Besucher wollen erfasst, Hygienekonzepte erstellt und Abstandsregelungen umgesetzt werden – das ist schon ein Riesenaufwand“, so der Dirigent der Süddeutschen Kammersinfonie Bietigheim (SKB). „Aber wir verzeichnen auch eine riesengroße Nachfrage.“

Bereits im Juni gastierten das Marimba-Duo Katarzyna Mycka und Conrado Moya, das Lotus String Quartet und Gaby Pas-Van Riet, die ehemalige Soloflötistin des RSO Stuttgart, bei seiner Konzertreihe „Musikalischer Sommer“ in der Lienzinger Frauenkirche – das Eröffnungskonzert konnte erst am Vortag genehmigt, musste aufgrund der reduzierten Platzkontingente dann aber zweimal gespielt werden, um allen Kartenwünschen nachkommen zu können. Auch der nach wie vor rege Zuspruch, den die kostenfrei abrufbaren Videoaufzeichnungen der SKB erfahren, sowie die anhaltende Unterstützung durch private Spendenzuwendungen stimmen Wallinger zuversichtlich. Von staatlichen Förderprogrammen habe die SKB, trotz einiger Bemühungen, hingegen nicht profitieren können. Umso erfreulicher, dass Wallinger auch am Format der „Sommerlichen Serenade“ festhält, die als nächste Episode des „Musikalischen Sommers“ heute Abend und morgen Vormittag in der Frauenkirche ansteht. Dass das Konzert nicht wie in den Jahren zuvor auch in Sachsenheim gegeben wird, liege indes daran, dass die Stadt alle Veranstaltungen im ersten Halbjahr frühzeitig abgesagt habe, erklärt Wallinger. Dabei handelt es sich bei der diesjährigen Serenade um ein besonders „ambitioniertes Vorhaben“ (Wallinger): Mit „L’Oiseau bleu“ für Harfe und Streicher (op.89) kommt ein neues Werk des britisch-französisch-israelischen Komponisten Nimrod Borenstein erstmals zu Gehör. Gewidmet der Harfenistin Anne-Sophie Bertrand, sollte das „höchst filigrane Werk“ ursprünglich im vergangenen Jahr bei einem Festival in Cardiff uraufgeführt werden. Nachdem dies pandemiebedingt nicht stattfinden konnte, ging die Soloharfenistin des hr-Symphonieorchesters Frankfurt mit der Idee, die Weltpremiere mit den Streichern der SKB zu realisieren, auf Wallinger zu, mit dem sie eine langjährige Zusammenarbeit verbindet. Auf die Empfehlung Bertrands hin kam es zum persönlichen Kontakt zu Borenstein – letzte Woche sei man in einer intensiven Videokonferenz die Partitur zusammen durchgegangen, erzählt Wallinger. In der Überlagerung verschiedener Rhythmen polyrhythmisch angelegt, berge „L’Oiseau bleu“ einige Herausforderungen für die Musiker.

Zudem gefalle ihm, dass es „nicht abstrakt“ ist, sondern unterschiedliche Bilder – Walzer, Märchenhaftes, Dramatisches – abruft. Umgekehrt handle es sich aber auch nicht um Programmmusik: „Da hört man keinen blauen Vogel flattern“ – der Name sei erst nachträglich entstanden: eine Impression. Von dort aus ergab sich ein Bezug zu Claude Debussy („Danse sacrée et Danse profane“) einerseits, zu Pablo Casals’ „El cant dels Ocells“ (Der Gesang der Vögel) andererseits. Umgeben von einer Klammer aus Joaquin Turinas „La Oración del Torero“ und Edward Elgars „Serenade e-moll“ (op. 20), soll ein „flirrender, bunter“ Programmbogen entstehen, ein Bilderreigen gewissermaßen, der „die Leichtigkeit des Seins“ feiert, verspricht Wallinger.

Info: Sommerliche Serenade der SKB mit Anne-Sophie Bertrand heute (19 Uhr) und morgen (11 Uhr) in der Frauenkirche Lienzingen. Vorbestellungen sind unter Telefon (07043)958393 und per E-Mail unter susanne@boekenheide.net möglich. Eine Impf- oder Testnachweispflicht besteht nicht.

Autor: Harry Schmidt

Helle Freude in dunklen Zeiten

Das Online-Adventskonzert der sueddeutschen kammersinfonie bietigheim

Hochklassige Solistin: Magdalena Müllerperth. Foto: Theresa Mammel

Bietigheim-Bissingen. Auch die Verlagerung des Kulturlebens ins Internet hat zwei Seiten: Zwar haben die Erfahrungen der vergangenen Monate gezeigt, dass das Online-Erlebnis das Livekonzert nicht ersetzen kann. Dennoch ist es – durch die Pandemie beschleunigt und in gewisser Analogie dazu exponentiell wachsend – ein zunehmend bedeutsamer Teil des Kulturlebens geworden, der uns auch, wenn Corona schon wieder Geschichte geworden ist, weiterhin begleiten dürfte. Nicht als Ersatz, sondern als Ergänzung: Schließlich ermöglicht virtuelle Präsenz, Kultur unabhängig von Ort und Zeit zu erfahren, was zu einer Vergrößerung der Reichweite führen kann. Zudem unterstreicht der dafür nötige Aufwand auch den der Kultur zugemessenen Stellenwert.

Insofern höchsterfreulich und verdienstvoll, dass auch die Süddeutschen Kammersinfonie Bietigheim (SKB) sich in den Reigen der Online-Darbietungen einreiht. Jeder kann nun in der Vorweihnachtszeit selbst bestimmen, wann und wo er das traditionelle Adventskonzert der SKB genießen will. Und um einen hochkarätigen Musikgenuss handelt es sich allemal: Einmal mehr hat Peter Wallinger für sein 1984 gegründetes, über die Jahrzehnte jedoch stets verjüngtes Ensemble ein stimmig durchdachtes Programm entworfen. Magdalena Müllerperth, im saphirblauen Hosenanzug, verneigt sich vor dem imaginären Publikum im Kronensaal, bevor sie als Solistin in Wolfgang Amadeus Mozarts A-Dur-Klavierkonzert (KV 414) glänzt.

Andächtig wandert ihr Blick immer wieder nach oben, als sie nach dem Orchestervorspiel im Allegro die Kantilenen der empfindsamen, sich an Gesanglichkeit gegenseitig übertrumpfenden Hauptthemen zelebriert. Ganz in sich gekehrt gestaltet die 28-jährige Pianistin das elegische Andante, einer Hommage Mozarts an seinen Mentor Johann Christian Bach, der Anfang 1782, ein Dreivierteljahr vor der Niederschrift dieses außergewöhnlich melodiösen Klavierkonzerts, das heute zu seinen beliebtesten zählt, verstorben war – mit den nach Moll modulierten Passagen des Mittelteils gestaltet Müllerperth einen der berührendsten Momente dieses bewegenden Adventskonzerts. Umso ausgelassener dann wieder die vergnügten Trillerverzierungen im heiteren Rondofinale – auch das Tänzerische kommt ihr spürbar entgegen.

Die Innigkeit, mit der die in Pforzheim geborene Pianistin Mozarts 12. Klavierkonzert präsentiert, kommt nicht von ungefähr: Im Alter von zehn Jahren hatte sie mit diesem Werk ihren ersten öffentlichen Auftritt – die Kadenzen der Ecksätze hat sie seinerzeit selbst geschrieben. Den Beifall spenden die Musikerinnen und Musiker der SKB, mit Mozarts „Zwölf Variationen in C-Dur über das Lied ‚Ah, vous dirai-je, Maman‘“ (KV 265) nimmt Müllerperth, die eine langjährige Zusammenarbeit mit Wallinger verbindet, mit ihrer Zugabe direkt auf den Anlass Bezug: Hierzulande singt man „Morgen kommt der Weihnachtsmann“ auf diese Melodie.

Auch Wallingers Interpretation von Franz Schuberts fünfter Sinfonie (D 485) mit einer hochmotivierten und hellwachen SKB unter Konzertmeisterin Sachiko Kobayashi besticht durch sorgfältige Gestaltung, die Liebe zum Detail mit dem Blick fürs große Ganze vereint; exquisit die Traversflötenpassagen von Verena Guthy-Homolka in der 1816 entstandenen B-Dur-Sinfonie des Mozart-Bewunderers. Von Wallinger unter Konzertbedingungen, ohne Wiederholungen, realisiert und von Theresa Mammel mit drei Kameras dokumentiert, bereitet diese Aufzeichnung jedem Freund der Wiener Klassik eine helle Freude in dunklen Tagen.

Internet: www.sueddeutsche-kammersinfonie.de

Autor: Harry Schmidt

Mysteriöses trifft Populäres

Die dritte Videoproduktion der Süddeutschen Kammersinfonie Bietigheim

Solist Tjeerd Top Foto: Theresa Mammel

Bietigheim-Bissingen. Nachdemschon das Advents- und Neujahrskonzert pandemiebedingt ausschließlich im Internet verfolgt werden konnten, legt Peter Wallinger mit dem Frühjahrskonzert bereits die dritte Videoproduktion seiner 1984 gegründeten Süddeutschen Kammersinfonie Bietigheim (SKB) vor. Aufgezeichnet am 12. März in der historischen Kelter Bietigheim, führt der Programmbogen vom Barock bis in die Neuzeit.

Wenig ist bekannt über Vivaldis Violinkonzert in e-Moll (RV 278): Zu Lebzeiten unveröffentlicht, steht es auch heute noch im Schatten seiner populäreren Werke. Zu Unrecht, wie Wallinger mit der SKB und dem niederländischen Solisten Tjeerd Top hier aufzeigt: Wann hat man je einen kontrastreicheren Kopfsatz gehört als dieses Allegro molto? Und wann ein mysteriöseres Largo?

Vieles ist ungewöhnlich an diesem Konzert: Obwohl es dem Solisten einiges an Virtuosität abverlangt, gibt es ihm nie Gelegenheit, im Sinne einer echten Klimax zu triumphieren. Stattdessen schleichen sich immer wieder leise Dissonanzen ein. Wie stenografische Kürzel wirken die Kantilenen des abschließenden Allegro. Fulminant, wie Top, Konzertmeister beim Amsterdamer Concertgebouw-Orchester, dieses Enigma von einem Violinkonzert mit seiner Stradivari von 1713 gestaltet.

Ungemein populär dagegen: Samuel Barbers „Adagio for Strings“ (aus Op. 11). Wallinger nutzt die Gelegenheit, die Intonationsqualitäten seines Ensembles in Reinkultur zu entfalten.

In Mierczyslaw Weinbergs Concertino für Violine und Orchester (Op. 42) brilliert wiederum Top als Solist: In seiner Anlage bewusst einfach gehalten, geht es hier vor allem darum, auf dem schmalen Grat der Klangschönheit zu wandeln, ohne in den Abgrund des Banalen abzugleiten, eine Herausforderung, die jenseits spieltechnischer Anforderungen liegt und von Top bravourös gemeistert wird.

Den folkloristischen Gestus des 1948 entstandenen Concertinos des in die Sowjetunion geflohenen Polen und Schostakowitsch-Vertrauten, ebenso jüdischer Herkunft wie Barber, nimmt Wallinger mit Antonin Dvořáks Walzer in A-Dur (Op.54, Nr. 1) auf, wendet damit aber die Stimmung vom Melancholischen ins Versöhnliche.

Indem Wallinger Stücke wie Sätze behandelt und in einem System strukturaler Ähnlichkeiten und Gegensätze über mehrere Achsen aufeinander bezieht, entsteht ein Programm, dessen Binnenstruktur einem Konzert im Sinn des musikalischen Formbegriffs gleicht.

Autor: HARRY SCHMIDT  

„Wir gehen voll in die Offensive“

Mit dem Frühjahrskonzert wird die dritte Produktion der Süddeutschen Kammersinfonie Bietigheim online abrufbar.

Schwierige Zeiten erfordern besondere Formate: Die Süddeutsche Kammersinfonie Bietigheim – hier beim Neujahrskonzert im Januar in der Kelter – lässt sich nicht beirren. Foto: Holm Wolschendorf

Bietigheim-Bissingen. Bereits zum dritten Mal seit dem zweiten Lockdown präsentiert Peter Wallinger ein Konzert seiner Süddeutschen Kammersinfonie Bietigheim (SKB) als Videoaufzeichnung. Im Interview spricht der 70-jährige Dirigent über die Resonanz auf die Mitschnitte, das Programm des ab morgen Nachmittag abrufbaren Frühjahrskonzerts und die pandemiebedingten Herausforderungen bei der Planung und Durchführung der Aufzeichnungen.

Herr Wallinger, zum dritten Mal findet ein Konzert der Ihres Orchesters in Form einer Videoaufzeichnung statt. Welche Erfahrungen haben Sie mit dem Format gemacht?

Peter Wallinger: Wir sind total überrascht, wie gut das Format ankommt, auch beim älteren Publikum, wo wir anfangs schon skeptisch waren, ob die sich das vor dem Computer anschauen und -hören würden. Aber wir haben so viel positive Resonanz, auch von treuen Begleitern der SKB, erhalten – damit haben wir nicht gerechnet. Auch hat uns überrascht, wie oft die Konzerte abgerufen wurden. Das Adventskonzert wurde inzwischen über tausend Mal angeklickt, das Neujahrskonzert über 400 Mal. Das Format scheint also angekommen zu sein.

Wovon Sie zu Beginn nicht komplett überzeugt gewesen zu sein scheinen …

Ich selbst stand der Idee einer Videoaufzeichnung am Anfang etwas reserviert gegenüber: Der Aufwand ist enorm und die Einnahmen sind gering, weil wir keine Eintrittsgelder erheben. Wenn ich aber sehe, dass wir dadurch auch Resonanz aus den USA, Rumänien, Italien und Frankreich bekommen, auch von Menschen, die uns vorher nur dem Namen nach kannten, denke ich inzwischen, dass das Format durch die Erhöhung der Reichweite auch große Vorteile bietet.

Planen Sie perspektivisch hybride Veranstaltungen?

Konkret in Planung ist das noch nicht, aber die Vorstellung, dass man interessante Konzerte auch dann, wenn wieder vor Publikum gespielt werden kann, in Bild und Ton aufzeichnet und ins Netz stellt, spukt schon in den Köpfen herum. Zunächst hoffen wir aber, im Sommer wieder live auftreten zu können.

Worin bestehen bei der Programmplanung in künstlerischer Hinsicht die Herausforderungen durch die Pandemie?

Zum einen gilt es Literatur für die reduzierten Besetzungen zu finden, die gerade möglich sind. Zudem stellen diese Stücke dann auch spieltechnisch für die Musiker eine größere Herausforderung dar: Wenn eine Streichergruppe aus nur zwei statt wie üblich aus drei oder mehr Instrumenten besteht, muss die Intonation wirklich total präzise aufeinander abgestimmt sein – da hört man jede Abweichung. Drei Stimmen verschmelzen dagegen dann schon wieder. Der Faktor, wer mit wem gut harmoniert, erhält also ein viel größeres Gewicht und muss bereits bei der Besetzung genau bedacht werden. Auch das Zusammenspiel auf Abstand ist nicht ganz trivial.

Von welchen Überlegungen haben Sie sich bei der Programmplanung für das jetzt anstehende Frühjahrskonzert leiten lassen?

Traditionell findet unser Frühjahrskonzert ja sowohl im Bietigheimer Kronensaal als auch im Uhlandbau in Mühlacker statt. Weil dieser vor hundert Jahren auf Betreiben des jüdischen Ehepaars Alfred und Laura Emrich, das später enteignet wurde und im KZ umgekommen ist, in Eigeninitiative errichtet wurde, war es mir ein Anliegen, dieses Jubiläum auch im Programm abzubilden. In den Zwanzigerjahren des letzten Jahrhunderts galt der Uhlandbau als das „schwäbische Bayreuth“ – alle Größen dieser Zeit sind dort aufgetreten: Carl Orff, Rudolf Serkin, Walter Giseking, Fritz Busch, das Rosé-Quartett aus Wien und viele andere. Mit Mieczysław Weinberg und Samuel Barber stehen deshalb zwei jüdische Komponisten auf dem Spielplan, wobei der Impuls zu Weinbergs Concertino für Violine und Orchester (Op. 42) von unserem holländischen Solisten Tjeerd Top ausging, der Konzertmeister beim Amsterdamer Concertgebouw-Orchester ist. Dazu gesellt sich ein unbekannteres, aber ganz extravagantes Violinkonzert von Vivaldi (RV 278) – weil ich mir gut vorstellen konnte, wie Top den dramatischen, nahezu opernhaften Gestus dieses Stücks auf seiner Stradivari-Geige von 1713 gestaltet: „con fuoco“ – mit Feuer nämlich. Anstelle eines Cembalos, das in kleiner Besetzung klanglich heikel ist, vervollständigt der Freiburger Thomas Boysen an der Theorbe die Continuogruppe. Als Puffer dazwischen Barbers überaus populäres „Adagio for Strings“ (aus Op.11), als frühlingshafter, aber leicht melancholischer Ausklang Dvořáks Walzer in A-Dur (Op.54, Nr. 1).

Wie kompensieren Sie die fehlenden Ticketeinnahmen?

Zwei unserer Konzerte, das Advents- und das Frühjahrskonzert, finden üblicherweise im Kronenzentrum statt und werden von der Stadt Bietigheim finanziert. Trotz der nun im Internet erfolgenden Ausspielung wurde uns dankenswerterweise ein Teil der Honorare zugesichert – damit kriegen wir die Produktionen einigermaßen hin. Darüber hinaus sind wir beim Regierungspräsidium vorstellig geworden, haben Mittel aus dem „Kunst trotz Abstand“-Programm beantragt und sind ganz optimistisch, was die Bewilligung dieser Beihilfe angeht. Höchst erfreulich ist auch die Resonanz auf den Spendenaufruf auf unserer Homepage – in Summe sind mit den beiden bislang online gestellten Videos rund 1000 Euro zusammengekommen.

Was steht in 2021 für die SKB noch an?

Im Prinzip unser übliches Pensum: Der „Musikalische Sommer“ in der Lienzinger Frauenkirche, wenn möglich auch die „Sommerliche Serenade“ in Sachsenheim, die Herbstkonzerte in Mühlacker, bei denen nochmals das 100-jährige Jubiläum des Uhlandbaus im Mittelpunkt stehen wird, vorgezogen auf November dann das Adventskonzert. Falls wir im Sommer wider Erwarten noch nicht live spielen können, würden wir auch wieder den Weg der Videoaufzeichnung wählen. Insgesamt gehen wir voll in die Offensive und versuchen, trotz mancher Widerstände, das Konzertleben über die Krise hinweg bestmöglich aufrecht zu erhalten.

Info: Das Frühjahrskonzert der SKB ist ab morgen Nachmittag kostenfrei unter www.sueddeutsche-kammersinfonie.de 
und www.muehlacker-klassik.de/muehlacker-concerto abrufbar.
Um Spenden wird gebeten.

Autor: Fragen Harry Schmidt

Klangpracht und virtuose Leichtigkeit

Die neue CD der Süddeutschen Kammersinfonie Bietigheim dokumentiert einen Querschnitt der Coronasaison.

Bietigheim-Bissingen. Wie gewohnt legt die Süddeutsche Kammersinfonie Bietigheim (SKB) auch 2021 zu Jahresbeginn eine Blütenlese der vergangenen Saison vor – mit „Live 2020“ schon zum fünfzehnten Mal, die Jubiläumseditionen nicht eingerechnet. Das ist umso bemerkenswerter, als auch Peter Wallingers 1984 ins Leben gerufenes Projektorchester pandemiebedingt unter einer stark eingeschränkten Konzerttätigkeit zu leiden hatte. Einiges, wie die traditionellen Frühjahrstermine, fiel aus, anderes konnte, wenn auch unter strengen Vorgaben (Instrumentalisten auf Abstand, dadurch reduzierte Besetzung, eingeschränkte Publikumskapazitäten), stattfinden.

Das Adventskonzert schließlich vor leeren Stühlen und laufenden Kameras. Dennoch stellt das bei diesem Anlass gegebene A-Dur-Klavierkonzert (KV 414) von Wolfgang Amadeus Mozart hier den strahlenden Höhe-und Schlusspunkt dar. Denn Magdalena Müllerperth erweist sich als ideale Interpretin der von Mozart angestrebten Balance zwischen Leichtigkeit und Virtuosität.

Qualitäten in Reinkultur

Das kommt nicht von ungefähr: Mit diesem Werk hatte die 1992 in Pforzheim geborene Pianistin, die eine langjährige Zusammenarbeit mit Wallinger verbindet, ihren ersten öffentlichen Auftritt – die Kadenzen der Ecksätze hat die seinerzeit Zehnjährige selbst geschrieben. Auch Ursula Schoch, die Solistin in Johann Sebastian Bachs die CD eröffnendem Violinkonzert E-Dur (BWV 1042) ist ein „Produkt“ der Wallinger-Schule: Die gebürtige Ludwigsburgerin besuchte dessen Musikunterricht im Bietigheimer Ellentalgymnasium, bevor sie 1990 ihr solistisches Debüt bei den Ludwigsburger Schlossfestspielen gab. Hier wie in Bachs Doppelkonzert in d-Moll (BWV 1043), wo ihr mit Tjeerd Top ein weiterer Violinsolist zur Seite steht, der wie Schoch eine Konzertmeisterposition beim Amsterdamer Concertgebouw-Orchester bekleidet, zeigt sie sich als brillante Interpretin dieser in der Tradition Vivaldis stehenden Barockklangpracht, kongenial begleitet von der Continuogruppe unter Führung des Freiburger Cembalisten Ricardo Magnus. Die klanglichen Qualitäten der SKB in Reinkultur erfährt der Hörer in Anton Bruckners Adagio Ges-Dur.

Autor: HARRY SCHMIDT

Virtuoses Spiel um Tutti und Soli

Videoaufzeichnung des Neujahrskonzerts der Süddeutschen Kammersinfonie Bietigheim mit Dirigent Peter Wallinger

Videoaufzeichnung mit großem technischem Aufwand in der Bietigheimer Kelter. Theresa Mammel und Vivien Betz stehen hinter der Kamera.
Peter Wallinger dirigiert die Süddeutsche Kammersinfonie Bietigheim mit Solist Michinori Bunya am Kontrabass. Foto: Holm Wolschendorf
Schauspieler Johann-Michael Schneider rezitiert Gedichte.
Tonmeister Thomas Schmidt ist voll konzentriert.

Bietigheim. Im Halbkreis und auf Abstand um ein flaches Podest gruppiert, stehen zwölf Stühle am Kopfende der historischen Kelter in Bietigheim, davor die Notenpulte – ebenerdig, denn dieses Konzert benötigt nicht die Erhöhung durch ein Podium. Wie bereits anlässlich des Adventskonzerts im Dezember hat sich Peter Wallinger auch für das traditionelle Neujahrskonzert der Süddeutschen Kammersinfonie Bietigheim (SKB) zu einer Videoaufzeichnung entschlossen, die nun bis mindestens bis Ende Januar auf der Homepage des Ensembles abrufbar bleibt. „Das ist recht aufwendig – auch finanziell –, aber wir scheuen keine Mühe für den Erhalt unserer Musik- und Orchesterkultur“, betont der Gründer und Leiter der SKB.

Weil der heimische Bildschirm somit zur Bühne des Konzerts werde, habe man sich die Freiheit genommen, den kompletten Raum der Kelter als solche zu bespielen, erläutert Johann-Michael Schneider die Konzeption des Events unter dem Titel „Tutti – Soli …“. Dieser lasse sich durchaus nicht nur im musikalischen Sinn, sondern auch metaphorisch verstehen, so Schneider. Ohne das Wort Pandemie zu nennen, trifft er den Nagel auf den Kopf: Schließlich wird einem durch diese vieler Selbstverständlichkeiten beraubten Zeit das komplexe Verhältnis von Kollektiv zu Individuum nochmals ganz anders und eindrücklich vor Augen geführt.

Drei Kameras im Einsatz

Während Wallinger den Ablauf der Aufzeichnung mit Theresa Mammel durchgeht, die das Konzert mit drei Kameras einfängt, tröpfeln nach und nach maskierte Musikerinnen und Musiker in der Kelter ein. Tonmeister Thomas Schmidt hat vor jeder Streichergruppe ein Mikrofon aufgebaut, zusätzlich drei Schallwandler für den Raumklang auf einem hohen Stativ platziert. Bald erklingen Einspielgeräusche aus jeder Ecke der Kelter, Chihiro Saito, Stimmführerin der Celli in der SKB, macht sich mit Dehnübungen warm. Wie Konzertmeisterin Sachiko Kobayashi zählt die Japanerin zu den Gründungsmitgliedern des renommierten Lotus String Quartetts, die Vertrautheit ihrer musikalischen Kommunikation trägt maßgeblich zu den Qualitäten der Kammersinfonie bei. Etwa im Kopfsatz des elften Konzerts aus dem Opus 3 von Antonio Vivaldi: Das d-Moll-Konzert ist das populärste des 1711 veröffentlichten, immens einflussreichen Zyklus „L’Estro Armonico“ und ein Musterbeispiel des Concerto grosso, von der SKB ungemein vital und bravourös musiziert.

Auch in der Anspielprobe braucht Wallinger nicht viele Worte, um dem Orchester seine Auffassung zu vermitteln: Die Körpersprache des 70-Jährigen ist nuanciert und präzise – mal geht er geschmeidig in die Knie, mal steigt er auf Zehenspitzen. Seine Interpretationen sind von intimer Werkkenntnis geprägt, folgen aber stets einem ausgeprägten Sinn für markant-lebendige Gestaltung: „Vivaldi möge verzeihen, wenn er sich’s anders vorgestellt hat.

Interessante Kombinationen

Charakteristisch für Wallinger auch die Entdeckerfreude, mit der er Geläufigeres mit seltener gehörten Werken kombiniert, um dabei Gemeinsamkeiten und Verwandtschaften ans Licht zu bringen: Auch die dritte Suite aus Ottorino Respighis 1932 uraufgeführten „Antiche Danze ed Arie“ widmet sich dem Zusammenspiel von Tutti und Soli, allerdings unter neoklassizistischen Vorzeichen.

Virtuose Soli sind auch Schneiders Gedichtrezitationen: Anstelle langatmiger Erklärungen bringt der Berliner Schauspieler zwischen den Musikdarbietungen hochkompetent Texte von Paul Celan, Mascha Kaléko und Christian Morgenstern zum Klingen. So trifft Ernst Jandls Wortakrobatik in „Chanson“ auf Hans Frybas „Drei Arabesken für Kontrabass solo“ (1946), meisterhaft interpretiert von Michinori Bunya, dem musikalischen Solisten des Programms. Auch in Johannes Matthias Spergers Adagio und Rondo, kombiniert aus dem 15. und 18. Kontrabasskonzert des Beethoven-Zeitgenossen, spielt der sonore Wohlklang seines über 300 Jahre alten Testore-Instruments mit impulsiven, spieltechnisch höchst herausfordernden Kantilenen die Hauptrolle – mustergültig eingebettet in glänzende, gestochen scharf konturierte Tutti der SKB. Ein auf allen Ebenen hochkarätig besetztes Neujahrskonzert, dessen mannigfaltige Bezüge und Verbindungen auch online einleuchten.

Autor: Harry Schmidt

Tiefes Verständnis, hohes Niveau

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Die neue CD der Süddeutschen Kammersinfonie Bietigheim dokumentiert einen Querschnitt der vergangenen Saison.

BIETIGHEIM-BISSINGEN. Stets zu Jahresbeginn legt die Süddeutsche Kammersinfonie Bietigheim (SKB) einen Programmquerschnitt der vergangenen Saison vor. Mit „Live 2019“ hält man erneut eine CD in Händen, die das hohe Niveau der auf Transparenz und klangliche Differenzierung abstellenden Interpretationskunst, die Peter Wallinger mit der SKB erreicht hat, aufs Trefflichste dokumentiert. Im Mittelpunkt steht Mozarts Klavierkonzert in C-Dur (KV 467), das in der faszinierend unbeschwerten, hochvirtuosen Interpretation der Pianistin Elisabeth Brauß auch durch die eigenen Kadenzen der 24-Jährigen zu einem Erlebnis mit Seltenheitswert wird – ein tiefgreifenderes Verständnis dieser Musik scheint kaum vorstellbar.

Subtil und feinnervig

So zurückgenommen wie eindringlich musiziert Chihiro Saito, die Cellistin des renommierten Lotus String Quartets, das kurze „El cant dels ocells“ („Der Gesang der Vögel“), ein katalanisches Weihnachtslied, das Pablo Casals weltbekannt gemacht hat. Ebenfalls in a-Moll steht Jean Sibelius’ „Schwan von Tuonela“, der zweite Satz der „Lemminkäinen-Suite“ (Op. 22): Subtil und feinnervig bettet Wallinger die lyrische Melancholie des Englischhorns (Andreas Vogel) auf wispernden, kristallin vibrierenden Streicherflächenverläufen, bevor sich Saitos dunkel grundierte Cellostimme in den Dialog einschaltet.

Auslese statt Konzerterlebnis

Keinesfalls zufällig flankieren die beiden Moll-Stücke das zentrale Klavierkonzert in der Dur-Paralleltonart. Dieser Kern wird wiederum von Bachs 3. Brandenburgischem Konzert in G-Dur (BWV 1048) und Schuberts Sinfonie Nr. 3 in D-Dur (D 200) als äußerer Klammer umfasst – ähnlich wie in einem Sonatensatz moduliert Wallinger hier durch einander benachbarte Tonarten und -geschlechter.

Auch die 17. Ausgabe dieser Reihe legt eindrucksvoll Zeugnis von der exquisiten Aufführungspraxis der hochmotivierten SKB ab. Was dagegen das Format der Auslese nur anzudeuten erlaubt und damit fast zwangsläufig auf der Strecke bleibt, ist die Stringenz, mit der Wallinger als Programmgestalter sinnfällige, musikimmanente Bezüge aufzuzeigen in der Lage ist. Manches Konzert der SKB würde man eben doch gerne in voller Länge nachhören.

Die CD „Live 2019““ der Süddeutschen Kammersinfonie Bietigheim in der Reihe „Kammersinfonie live“ kann unter der Telefonnummer (07043) 40410 oder per E-Mail an susanne@boekenheide.net bestellt werden.

Harry Schmidt

Sternenstaub liegt in der Luft

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Das Neujahrskonzert der Süddeutschen Kammersinfonie Bietigheim in Murr


Grandiose Programmgestaltung: Die SKB spielt auf.
Foto: Holm Wolschendorf

MURR. „Wir sind solcher Stoff wie der zum Träumen, unser kleines Leben umfasst ein Schlaf.“ Das Neujahrskonzert der Süddeutschen Kammersinfonie Bietigheim (SKB) ist bereits Geschichte, der Schlussapplaus im Bürger und Rathaus ebbt langsam ab, als Johann-Michael Schneider nochmals vor die Bühne tritt und diese Zeilen aus Shakespeares Drama „Der Sturm“ deklamiert. „Zeit und Traum“ hatte Peter Wallinger das Programm des diesjährigen Konzerts seines Ensembles zum Jahreswechsel überschrieben, das am Samstagabend in Murr, wo diese Tradition schon seit rund 30 Jahren besteht, gegeben wurde, um am folgenden Tag in Mühlacker und Bietigheim wiederholt zu werden.

Selten erlebt man ein Konzert, das sein Motto so vollumfänglich einzulösen und umzusetzen versteht wie an diesem Abend. Einmal mehr erweist sich Wallinger als grandioser Programmgestalter. Die von ihm entdeckten Analogien, Parallelen, Bezüge und Verbindungen durch die Zeiten, Stile und Epochen wirken deshalb frappierend, weil sie, ganz ohne fingerzeigende Erklärungen, eine verblüffende Evidenz aufweisen, indem sie sich unmittelbar vor dem hörenden Ohr entfalten. Rund vier Jahrhunderte trennen Carlo Gesualdos „Gagliarda del Principe di Venosa“ und „Festina Lente“ („Eile mit Weile“), das der estnische Komponist Arvo Pärt 1988 geschrieben hat. Und doch verbinden sich beide auf eine komplett selbstverständliche Art organisch mit dem Thema des Abends: Sowohl im Schreittanz des Renaissance-Fürsten als auch im Werk des Esten ist die Zeit auf mehr als eine Weise präsent, weben Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft eine überzeitliche Textur, liegt Sternenstaub in der Luft. Wolfgang Amadeus Mozarts „Adagio für eine Orgelwalze“ (KV594) wiederum, 1790 komponiert, als mit Feldmarschall Laudon in der heute in Tschechien gelegenen Ludwigsburger Partnerstadt Novy Jicin Österreichs berühmtester Heerführer verstorben war, verbindet in seiner ergreifenden f-Moll-Harmonik die Motive der Trauer und Vergänglichkeit mit der aufkommenden Faszination für mechanische Musikautomaten.

All dies realisierte Wallinger mit der in 17-köpfiger Besetzung angetretenen SKB in ausgezeichneter Manier — mit atmenden Pausen, famos differenzierten Tempi und sorgsam ausgeloteter Dynamik. Hochdifferenziert seine Bewegungssprache: Mal genügten ihm Fingerspitzen zur Leitung seiner Musiker, dann wieder bediente er sich weitausschwingender Gesten, kreisrund wie der nahezu noch volle Mond über dem Murrer Rathausplatz. Peter Wallingers Gespür für Form, Raum, Zeit und das, was dazwischen liegt, sucht seinesgleichen. Vorzüglich auch Konzertmeisterin Sachiko Kobayashi, die in der „Humoreske IV“ (Op. 89 b) von Jean Sibelius solistischen Glanz verbreitete. Eine Aufgabe, die mit Leos Janáceks „Idylle“ immer wieder Chihiro Saito, ihrer Kollegin beim Lotus Quartett und Stimmführerin der Celli in der SKB, zufiel und virtuos, zuweilen gar expressiv eingelöst wurde.

Wer bis dahin geläufiges Repertoire vermisst hatte, wurde mit der „Romanze“ aus Mozarts „Eine kleine Nachtmusik“ (KV 525) besänftigt. Ungemein stimmig auch die Textauswahl zwischen den hochkarätigen Musikdarbietungen, Verse und Zitate von Ringelnatz, Goethe, von Hofmannsthal, Rilke und Mozart, mit szenischem Witz von Schneider hochkompetent zum Klingen gebracht. Das alles frei von Strauss und Klatschmarschritualen – traumhaft.

Harry Schmidt

Mozarts Musik in besten Händen

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Elisabeth Brauß brilliert mit der Süddeutschen Kammersinfonie Bietigheim


Müheloses und schlankes Spiel: Die Pianistin Elisabeth Brauß.
Foto: Alfred Drossel

BIETIGHEIM-BISSINGEN. „Italianità“ hieß der rote Faden im Programm der diesjährigen Adventskonzerte der Süddeutsche Kammersinfonie Bietigheim (SKB). Obwohl Rossini als einziger italienischer Komponist den Spielplan zierte, gelten sowohl Mozarts 21. Klavierkonzert als auch Schuberts 3. Sinfonie, die Peter Wallinger in Kombination dazu ausgewählt hatte, ebenfalls als von den milden Lüften des Südens angewehte Kompositionen. Und tatsächlich bot der Samstagabend im Kronensaal – das Konzert wurde tags darauf im Uhlandbau in Mühlacker wiederholt – ein nahezu vollkommen ungetrübtes Hörvergnügen, voller Leichtigkeit und Lebensfreude.

Hörvergnügen, voller Leichtigkeit und Lebensfreude. Maßgeblichen Anteil daran hatte die junge Pianistin Elisabeth Brauß, die als Solistin Mozarts Klavierkonzert in C-Dur (KV 467) zu einem unvergesslichen Erlebnis werden ließ. Faszinierend, mit welcher Unbeschwertheit die 24- Jährige das in der langen Einleitung dreifach vorgestellte orchestrale Hauptthema im Kopfsatz des Konzerts aufnahm, das den von Mozart in den beiden vorangegangenen Werken dieser Gattung entwickelten Typus des sinfonischen Klavierkonzerts im Jahr 1785 weiter ausformulierte. Hochvirtuos, aber gänzlich frei von überschwänglicher Emphase, vielmehr von einer dahin fließenden Empfindsamkeit geprägt, in feinsten klanglichen Nuancen die sensible Balance haltend, wie sie sich in der folgenden Soloexposition und der zentralen Durchführung vom Orchester emanzipierte. Makellos die Darbietung auch im Andante, das als Filmmusik in „Elvira Madigan“ (1967) große Popularität erlangte und diesem Klavierkonzert den gleichlautenden Beinamen eintrug. Fulminant schließlich das Finalrondo des Allegro vivace – ungemein mühelo und schlank präsentierte Brauß die die Drehungen und Wendungen des Ritornells. Auch hier glänzte sie mit einer eigenen Kadenz. Kein Zweifel: Mozarts empfindliche Musik ist bei Brauß in besten Händen.

Ebenso exzellent die orchestrale Einbettung durch Wallinger und die SKB. Hier stimmte die Chemie. Besser bekommt man das auch in größeren Sälen größerer Städte nicht zu Gehör. Für den euphorischen Applaus und zahlreiche Bravorufe bedankte sich die wunderbare Interpretin mit einer tonal passenden c-Moll-Sonate von Scarlatti. Bereits zuvor hatte Wallinger mit der in 36-köp-figer Besetzung angetretenen, von Konzertmeisterin Sachiko Kobayashi angeführten und erneut vor allem im Register der Violinen deutlich verjüngten SKB die Beredtheit der Opernmusik in Rossinis Ouvertüre zu dessen 1812 uraufgeführter einaktiger Farce „La scala di seta“ bravourös auf den Punkt gebracht.

Beeindruckend auch die differenzierte Gestaltung der vier Sätze in Schubert Sinfonie Nr. 3 in D-Dur (D 200) von 1815, in der Wallinger minuziös die Kontraste der Binnendynamik herausarbeitete, gleichzeitig aber auch die Spannkraft der rhythmischen Impulse nicht vernachlässigte. Gerade die temperamentvolle Tarantella im Finale ist dafür verantwortlich, dass diese Sinfonie auch als „Die Italienische“ bekannt wurde. Neben dem Trainer, Pardon: Dirigenten, war hier ganz klar das Team, sprich das Ensemble, der Star, Spieler des Spiels, um im Bild zu bleiben, war, wie bereits bei Rossini: Solo-Oboist Michele Batuni.

Harry Schmidt