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Ludwigsburger Kreiszeitung

„Berühmte Arien, entfesseltes Cello“

Neujahrskonzerte der Süddeutschen Kammersinfonie Bietigheim mit Nils Wanderer

Die SKB beim Neujahrskonzert, hier in Murr.              Foto: Holm Wolschendorf

MÜHLACKER. Neben Bietigheim ­Bissingen und Murr kommt traditionell Mühlacker in den Genuss eines SKB-Neujahrskonzerts. Seit 2004 bereichert Orchesterleiter Peter Wallinger dort mit seiner Initiative „Mühlacker Concerto“ das Kulturleben der Großen Kreisstadt im Enzkreis. Der Uhlandbau könnte kaum besser besucht sein: Keiner der 200 Plätze im Saal bleibt unbesetzt, auf der Empore haben sich weitere Musikliebhaber verteilt. Vergangenheit und Zukunft überschneiden sich, der Blick geht zurück wie nach vorn: Das ist das janusköpfige Profil der Neujahrszeit, der Jahreswechsel als Gegenwart par excellence gewissermaßen – „… es wird einmal“ hat Wallinger sein diesjähriges Programm überschrieben.

Das überspannt einen Bogen von rund drei Jahrhunderten und reicht von der Renaissance über das Barock bis in die Moderne. Claudio Monteverdi steht am Übergang der beiden erstgenannten Epochen, seine „Favola in Musica“ namens „L’Orfeo“, uraufgeführt 1607 am Hof des Herzogs von Mantua, gilt als eine der ältesten Opern überhaupt und markiert (mit „La Daphne“ und „Euridice“ von  Jacopo  Peri) die Geburtsstunde der Gattung. Text und Musik stehen hier gleichwertig nebeneinander – ein Konzept, das Wallinger auf seine Neujahrskonzerte übertragen hat. Wieder ist der Berliner Schauspieler Johann-Michael Schneider mit von der Partie und trägt durch pointierten Vortrag poetischer Texte zum positiven Gesamteindruck der Matinee bei.

Und so erklingen zwischen der einleitenden „Toccata“ mit der Fanfare der Gonzaga-Familie und dem ersten „Ritornell“, das den Auftritt der Musik höchstpersönlich ankündigt, kurze Verse des bengalischen Literaturnobelpreisträgers Rabindranath Tagore. Insbesondere die „Sinfonia“ aus dem 5. Akt geht mit schmerzlichem Melos unter die Haut. Ähnlich, wenn auch ohne Zwischentexte, verfährt Wallinger mit Henry Purcells Semi-Oper „The Fairy-Queen“ (1692) und verzichtet auf Singstimmen, um stattdessen Instrumentalmusikteile zu einer kurzen Suite zu verbinden.

Ensemble hat Luft nach oben

Als Ausgleich für das Fehlen von Arien und Chören des auf Shakespeares „Sommernachtstraum“ beruhenden Librettos darf Schneider zuvor als Puck durch den Mittelgang geistern. Schwungvoll und präzise animiert Wallinger seine SKB, differenziert in Zeichen- und Körpersprache hält der 72-Jährige alle Fäden in der Hand. Viele neue Gesichter sind unter den 13 Musikerinnen und Musikern auszumachen, überaus präsent wirkt Konzertmeisterin Rebecca Raimondi, doch in Sachen Ensembleklang bleibt etwas Luft nach oben: Es mangelt an Resonanz und Blending, die Einzelstimmen schließen sich noch nicht zum kammersinfonischen Chor zusammen.

Mit Nils Wanderer ist das Neujahrskonzert dann tatsächlich in der Oper angekommen: Einem silberhell überfangenen Sich-Verströmen gleicht die Stimme des Countertenors in Antonio Vivaldis „Sovente il Sole“ (aus der Pasticcio-Serenata „Andromeda liberata“, 1726). Ganz zurückgenommen und verinnerlicht gestaltet ist dann Purcells „When I am laid in earth“ aus „Dido and Aeneas“ (1688/1689) – die schönste, die traurigste Arie der Musikgeschichte wirkt unweigerlich berührend. Dass mit Händels „Lascia ch’io pianga“ (aus „Rinaldo“, 1711)  als Zugabe eine weitere berühmte Barockarie folgt, ist da fast schon zu viel des Guten.

Nach der Pause verblüfft, zu welch entfesselter Raserei der vermeintlich so gemütliche „Papa Haydn“ Anlass geben kann: Was Arthur Cambreling in dessen erstem Cello-Konzert veranstaltet, mutet wie ein expressives Klangfeuerwerk an. Mit der Streichorchesterfassung von Béla Bartóks „Rumänischen Volkstänzen“ (1917) schließt sich der Kreis zu den Suiten des ersten Teils. Euphorischer Beifall für Wallinger, die SKB und die Solisten.

Autor: Harry Schmidt

„Ich gebe immer tausend Prozent“

Der Ingersheimer Countertenor Nils Wanderer ist international auf großen Bühnen zu Hause. Jetzt wirkt der 29-Jährige an den Neujahrskonzerten der Süddeutschen Kammersinfonie Bietigheim mit.

KILLARNEY/BIETIGHEIM-BISSINGEN. Der in Ludwigsburg geborene Countertenor Nils Wanderer bat als Stipendiat des Barbican Centres prägende Jahre in London verbracht, wo er mit dem London Symphony Orchestra unter Leitung von Dirigenten wie Jordi Savall und Kent Nagano aufgetreten ist. Im vergangenen Jahr wurde der in Bietigheim-Bissingen aufgewachsene Sänger mit dem ersten Preis für die beste Barockarie beim Bundeswettbewerb Gesang und dem zweiten Preis bei Placido Domingos „Operalia“, dem größten Wettbewerb dieser Art, geehrt. Nun kehrt Wanderer in seine Heimat zurück und wird 2023 ein eigenes Festival aus der Taufe heben.

Zuvor ist er an diesem Wochenende neben dem jungen französischen Cellisten Arthur Cambreling als Solist in den Neujahrskonzerten der Süddeutschen Kammersinfonie Bietigheim (SKB) zu hören. Wir erreichen den 29-Jährigen im südirischen Killarney – mit ein wenig Verspätung: Ein vom Sturm geknickter Baum hatte die Stromversorgung des Hauses, das er mit Freunden bewohnt, gekappt.

Guten Tag, Herr Wanderer. Konnten Sie die Sturmschäden beseitigen?

NILS WANDERER: Wir haben es vor einer halben Stunde hinbekommen: Jetzt ist der Akku wieder geladen und ich bin einsatzbereit! (lacht)

Killarney, London, Weimar, Tübingen, Ingersheim – hinsichtlich Ihres Lebensmittelpunkts kursieren unterschiedliche Informationen …

Nachdem ich Gesang an der Hochschule für Musik in Weimar in der Klasse von Prof. Siegfried Gohritz studiert hatte, habe ich in London gelebt und den Opera Course der Guildhall School of Music & Drama absolviert, ein zweijähriges Exzellenzprogramm für jeweils 24 postgraduierte Sängerinnen und Sänger. Irland ist eine der Stationen, an denen ich regelmäßig bin: Ich gebe hier eine Meisterklasse und singe an der Nationaloper. Deshalb pendele ich oft zwischen Dublin und Kerry, wo ich mit Freunden in einem Haus wohne. Zuvor hatte ich einen Erstwohnsitz in Tübingen, seit einem halben Jahr bin ich offiziell Ingersheimer, weil meine Eltern und Großeltern da leben, aber ich bin eigentlich immer unterwegs, vor allem momentan.

Am Wochenende werden Sie als Solist an den Neujahrskonzerten der Süddeutschen Kammersinfonie Bietigheim mitwirken. Wie ist es dazu gekommen?

Peter Wallinger war mein Musiklehrer am Ellental Gymnasium, bevor ich ans Seminar Maulbronn gewechselt bin. Wir haben viele gemeinsame Freunde und Kollegen. Als der Kontakt nach mehreren Jahren wieder zustande kam, war mein erster Impuls: Ich bin so selten zu Hause, es wäre wirklich schön, auch in der Heimat wieder einmal auftreten zu können. Als Peter mir vor Weihnachten ein E-Mail schrieb, ob ich Lust hätte, an den Neujahrskonzerten mitzuwirken, traf sich das perfekt mit dem Wunsch, sich auch hier künstlerisch präsentieren zu dürfen. Sowohl im Uhlandbau als auch im Kronenzentrum stand ich schon auf der Bühne, im Kronensaal bereits in meiner Kindheit: Mit fünf Jahren war ich Solist im Knabenchor Capella Vocalis, der in Reutlingen und Besigheim aktiv ist, dazu erinnere ich ein „Sommernachtstraum“-Musical, da war ich vielleicht neun oder zehn. Es ist immer schön, zu den Wurzeln zurückkehren zu dürfen.

Royal Opera House, Teatro Massimo, Berliner Staatsoper – große Bühnen sind Ihnen nicht fremd. Worin besteht der besondere Reiz des kleineren Maßstabs der nun anstehenden Konzerte mit der SKB?

Es sind ganz klar die Menschen. Weil man mit Menschen arbeiten kann und für Menschen singt, die man sehr gut kennt, für ein offenes, persönlich zugewandtes und herzliches Publikum. Natürlich hat beides seinen Reiz – Teatro Massimo oder „kleine“ intime Kammermusikbühne -, aber ich gebe immer tausend Prozent, egal, ob es für eine Person oder für tausend Personen ist. Ich freue mich auf diese Konzerte genauso wie auf jedes andere, wenn nicht noch ein bisschen mehr!

Wie Ist das Programm entstanden?

Peter hat sich Vivaldis „Sovente il Sole“ aus der Oper „Andromeda liberata“ gewünscht, ich Henry Purcells „When I am laid in earth“. Das hat ihn wiederum dazu bewogen, Auszüge aus dessen Semi-Oper „The Fairy Queen“ nach Shakespeares „Sommernachtstraum“ hinzuzunehmen, gerahmt von Monteverdi und Bartoks „Rumänischen Volkstänzen“. Der Solist in Haydns Violoncello-Konzert C-Dur ist Arthur Cambreling, Johann Michael Schneider wird ausgesuchte Texte rezitieren.

2019 haben Sie bei den Klosterkonzerten Maulbronn „Dido and Aeneas“ inszeniert und die Partie der Zauberin sowie den Geist gesungen, nun werden Sie mit „When I am laid in earth“ eine der berührendsten Barockarien präsentieren. Worin bestehen die größten Herausforderungen des auch als „Didos Lament“ bekannten Stücks?

Zunächst muss ich den Zusammenhang im Stück verstehen: Wo steht Dido gerade? Was hat sie bis dahin durchgemacht? Und wo möchte sie hin? In ihrem Fall in den Tod. Sängerisch ist es wichtig, Text und Musik schlüssig zu verbinden. Für mich ist diese Arie ein barockes Juwel von einzigartigem Rang: Ich habe sie schon sehr oft gesungen. Vielleicht gibt es gleich schöne Musik, aber bestimmt keine schönere. Worauf es ankommt, ist, nicht zu versuchen, eine Emotion künstlich herzustellen, etwa das traurige noch trauriger, noch emotionaler zu gestalten, son­dern die Musik wirklich für sich sprechen zu lassen. Es ist egal, ob ich sie in Istanbul, in Palermo, in Indien, in Kanada singe – sie hat immer die gleiche Wirkung, weil sie so nah an den Menschen ist.

Was steht 2023 sonst noch an?

An der Staatsoper Hannover singe ich in Monteverdis „Orfeo“, in der Uraufführung des Musicals „Romeo und Julia“ im Theater des Westens die für mich geschriebene Countertenor-Partie des Todesengels. An der Oper Frankfurt werde ich als Tolomeo in Händels „Giulio Cesare“ auftreten. Nach einer zehntägigen Meisterklasse in Kerry werde ich auf Kanada und Amerikatour gehen. Und gegen Ende des Jahres wird, wenn alles gut läuft, der erste Teil meines ersten Albums erscheinen. Vor allem möchte ich aber viel mehr in der Heimat machen und die Neujahrskonzerte mit der SKB sind da ein sehr guter Anfang. Noch in diesem Jahr soll mein Festival „Wanderer zwischen den Welten“ an den Start gehen, das in Zusammenarbeit mit den Staatlichen Schlössern und Gärten Baden-Württemberg entsteht.

INFO: Die SKB spielt am 14. Januar um 19.30 Uhr im Bürgersaal im Rathaus Murr, 15. Januar um 11 Uhr im Uhlandbau in Mühlacker und um 17 Uhr in der Kelter in Bietigheim-Bissingen.

Autor: Harry Schmidt

Festlich-galante Hochstimmung

Die traditionellen Adventskonzerte der Süddeutschen Kammersinfonie Bietigheim am Wochenende begeistern mit Sebastian Manz als Solist in Mozarts Klarinettenkonzert. Auf den von Peter und Simon Wallinger angekündigten Weinberg-Zyklus mit allen vier Kammersinfonien des polnisch-jüdischen Komponisten gibt es schon mal einen Vorgeschmack.

Grandiose Musik, grandios interpretiert: Die SKB mit Sebastian Manz (links). Foto: Holm Wolschendorf

BIETIGHEIM-BISSINGEN. Zum dritten Mal gestaltet Peter Wallinger ein Konzertprogramm gemeinsam mit seinem Sohn Simon Wallinger, zum ersten Mal seit drei Jahren findet ein Adventskonzert der Süddeutschen Kammersinfonie Bietigheim (SKB) wieder ohne Einschränkungen live vor Publikum statt; wie gewohnt samstags im Kronenzentrum, tags darauf im Uhlandbau in Mühlacker. Dass Wallinger aus diesem Anlass erneut Sebastian Manz ein geladen hat, mit dem ihn eine lange künstlerische Zusammenarbeit verbindet – zuletzt war der Soloklarinettist des SWR Symphonieorchesters hier im Neujahrskonzert der SKB zu hören-, dürfte nicht unerheblich zur positiven Resonanz beigetragen haben.
Der 36-jährige Klarinettist gilt auch international als einer der Virtuosen seines Instruments. Mit Wolfgang Amadeus Mozarts Klarinettenkonzert (KV 622), einem der letzten Werke, die der Komponist in seinem Todesjahr 1791 vollendet hat und das gewissermaßen am Beginn der gesamten Gattung steht, ist Manz, der 2008 den1. Preis des Internationalen Musikwettbewerbs der ARD gewann, sozusagen per Du. Doch nicht nur zum A-Dur-Konzert, sondern auch zum Ort der Aufführung unterhält der Enkel des russischen Geigers Boris Goldstein eine besondere Beziehung: Hier im Kronensaal hat Manz seine Frau kennengelernt.
Der festlich-galanten Hochstimmung im Kopfsatz nimmt er sich mit hörbarem Vergnügen an, die Leichtfüßigkeit seiner Kantilene wirkt frappierend mühelos: Dieses Allegro ist Spielfreude pur. Grandios, wie Wallinger mit der SKB den Schwung mitnimmt, als Manz das Parlando seiner Legato-Girlanden zu einem Forte steigert.
Überhaupt scheint die Chemie zwischen Dirigent, Orchester und Solist zu stimmen: Die Begeisterung für diesen Mozart ist jedem der Gesichter abzulesen. Dem Bühnencharakter der Musik trägt Manz mit tänzerischer Beweglichkeit Rechnung, luxuriös eingebettet in einen so transparenten wie homogenen Ensembleklang. Dann wieder wartet die SKB hellwach und blitzschnell mit einem überfallartigen Tutti auf.

Eine neue Dimension von Körperlichkeit

Emotion, nicht Technik bestimmt das vielen aus „Jenseits von Afrika“ bekannte Adagio, wundervoll gelingen die heiklen Anschlüsse und die Klangverschmelzung. Dennoch dürfte die pastorale Träumerei in manchen Ohren überraschend anders klingen: Manz spielt das im Gegensatz zu Jack Brymer, der in der Filmmusik zu hören ist, auf einer Bassettklarinette – dem Instrument, für das Mozart dieses Konzert wohl ursprünglich geschrieben hat. Gerade durch die tiefen Register ergibt sich eine neue Dimension von Körperlichkeit. Das finale Rondo vereint tänzerische mit kantablen Anlagen, manchen der Couplets verleiht Manz geradezu klezmerartige Züge. Eine Kadenz benötigt diese Juwel indes nicht: Mozart hat alles, was einen Klarinettisten handwerklich glänzen lassen könnte – Hochgeschwindigkeitsläufe und -skalen, komplexe Dynamik- und Phrasierungskontraste, immense Intervallsprünge-, bereits der Partitur eingeschrieben – hier und heute in einer inspirierten Interpretation, bei der sich Manz auf Brillanz reimt.
Den „fast enthusiastischen Applaus“ (Manz) quittiert der sympathische Musiker mit dem 2. Satz aus Mozarts Klarinettenquintett (KV 581) als Zugabe, Konzertmeisterin Swantje Asche-Tauscher, Andrea Langenbacher (Violinen), Tomoko Yamasaki (Viola) und Chihiro Saito (Cello) sekundieren in diesem Larghetto, das dem zuvor gehörten Adagio als Vorlage diente.
Ein Ohrenspitzer erster Güte ist der Mittelsatz der 2. Kammersinfonie (Op. 147, 1987) von Mieczyslaw Weinberg, der nahe zu vergessen war und vor allem durch Gidon Kremers Aufnahmen für ECM ins Bewusstsein der Musiköffentlichkeit zurückgefunden hat: grandiose Musik, grandios interpretiert von Peter Wallinger mit der SKB. Dass das Pesante moderato nach einer kurzen Vorstellung des polnisch-jüdischen Komponisten durch Simon Wallinger wiederholt wurde, leuchtet dagegen nicht unbedingt ein. Auf den angekündigten Weinberg-Zyklus mit allen vier Kammersinfonien des Schostakowitsch-Wegbegleiters darf man sich gleichwohl freuen.
Landläufig etwas unterschätzt dürfte auch Joseph Haydns Sinfonie Nr. 81 sein: Simon Wallingers lebendige wie formbewusste Deutung mit der SKB lässt sich jedenfalls als klares Plädoyer für diese letzte der sogenannten Esterházy-Sinfonien anhören, die zwar innerhalb der Konventionen der Gattung operiert, doch entsprechende Hörerwartungen immer wieder unterläuft.

Autor: Harry Schmidt

So ausgewogen wie eigenwillig

Die Süddeutsche Kammersinfonie Bietigheim spielt am Wochenende zweimal

Peter Wallinger (links) dirigiert das Adventskonzert,
mit dabei an beiden Abenden ist der Solo-Klarinettist Sebastian Manz. Fotos: privat, Marco Borggreve/p

BIETIGHEIM/MÜHLACKER. Nachdem die Süddeutsche Kammersinfonie Bietigheim (SKB) die Pandemiedurststrecke mit professionell inszenierten Videoaufzeichnungen überbrückte, die nach wie vor auf der Homepage des 1984 von Peter Wallinger gegründeten Ensembles abrufbar sind, können die traditionellen Adventskonzerte der SKB nun erstmals seit 2019 wieder uneingeschränkt live vor Publikum stattfinden. Mit Sebastian Manz hat Wallinger dazu einen Solisten eingeladen, der nicht nur hierzulande kein Unbekannter ist: Der Soloklarinettist des SWR-Symphonieorchesters und mehrfache Echo-Preisträger wird von vielen Klassikfans für seine lebendigen Interpretationen geschätzt und erfreut sich als Solist auch international großer Beliebtheit. Mit Peter Wallinger verbinden den 36-Jährigen, der auch am Neujahrskonzert des Sinfonieorchesters Ludwigsburg mitwirken wird und am Stadtrand von Stuttgart wohnt, eine langjährige musikalische Zusammenarbeit.

Skurril und fast gespenstisch

Ebenfalls sehr populär ist Wolfgang Amadeus Mozarts Klarinettenkonzert (KV622). Dem Wiener Hofklarinettisten Anton Stadler gewidmet, gehört insbesondere das kantable Adagio spätestens mit der Verwendung als Filmmusik in „Jenseits von Afrika“, zu den bekanntesten Werken des Österreichischen Komponisten. „Die schönste Adventsmusik, die man sich vorstellen kann”, da seien Manz und er sich einig, so Wallinger. Die Niederschritt des A-Dur Konzerts hat Mozart nahezu unmittelbar nach Uraufführung der „Zauberflöte“ am 30. September 1791, wenige Wochen vor seinem Tod, beendet. Insofern Ist es sein letztes Solokonzert. Seinerzeit brandneu war die Bassettklarinette, für die Mozart dieses Konzert ursprünglich geschrieben hat. Nachdem es mehr als 150 Jahre in einer Bearbeitung für die normale A-Klarinette erklungen war, hat vor allem Sabine Meyer dazu beigetragen, dass verstärkt wieder rekonstruierte Fassungen mit entsprechenden Instrumenten zu Gehör kommen. Keine Frage, dass Manz, der in Lübeck bei Sabine Mayer und Rainer Wehle studiert hat, ebenfalls eine Bassettklarinette spielen wird.

Zwei weitere Spätwerke komplettieren das Programm: „Wir wollten auf jeden Fall Joseph Haydn und Mieczyslaw Weinberg aneinander rücken”, erklärt Peter Wallinger. Den jüdischen Komponisten polnischer Herkunft, der 1939 nach Moskau floh und ein enger Weggefährte Schostakowitschs war, habe man für sich entdeckt, als der niederländische Primgeiger Tjeerd Top im März 2021 mit der SKB dessen Concertino (Op. 42) aufgeführt hat. Als „Appetizer“ (Wallinger) auf einen Weinberg-Zyklus, bei dem alle vier jeweils auf Streichquartette basierende Kammersinfonien uraufgeführt werden, serviert die SKB schon mal dem Moderato-Mittelsatz der 2. Kammersinfonie (Op. 147, 1987). „Ein langsames, skurriles, fast gespenstisches Scherzo, das im Duktus sehr an Gustav Mahler erinnert”, so Wallinger „instrumentales Theater, aber überhaupt nicht illustrativ.” Parallelen zu Haydn sieht Wallinger vor allem in einem Formbewusstsein, dessen Klarheit einem geradezu klassischen Ideal folgt, wobei die eher selten gespielte Sinfonie Nr. 81 in G-Dur, die bei den Adventskonzerten Peter Wallingers Sohn Simon dirigieren wird, vermutlich 1794 entstanden, als letzte der sogenannten Esterhazy-Sinfonien die „experimentelle Phase“ Haydns abschließe, und dabei sehr reif und ausgeglichen wirke, im Einzelnen dann aber doch mit recht unkonventionellen Detail aufwarte: „Eigenwillig, aber insgesamt rund und ausgewogen“ – mit dieser Definition könnte man dann auch Wallingers komplettes Adventskonzertprogramm überschreiben.

INFO Heute Abend gastiert die Süddeutsche Kammersinfonie Bietigheim um 19 Uhr im Bietigheimer Kronensaal, morgen um 17 Uhr im Uhlandbau in Mühlacker. Weitere Infos unter www.sueddeutsche-kammersinfonie.de

Autor: Harry Schmidt

Romantik mit barockem Unterton

„Sommerliche Serenade“ der Süddeutschen Kammersinfonie Bietigheim

Moment innerer Einkehr: Die SKB in der Pauluskirche. Foto: Andreas Essig

BIETIGHEIM-BISSINGEN. Sommer, Sonne, Süden: Ein Dreiklang, der vielen bis zur Selbstverständlichkeit geläufig ist. Doch Peter Wallinger, Dirigent der 1984 gegründeten Süddeutschen Kammersinfonie Bietigheim (SKB), hat sich für die genau entgegengesetzte Richtung entschieden und den Programmbogen seiner „sommerlichen Serenade“ mit „Nordische Impressionen“ überschrieben. In der hellen, lichten Weite der Pauluskirche haben sich die 16 Musikerinnen und Musiker der SKB um Wallinger versammelt – so wie vor 38 Jahren, als das Orchester hier seinen ersten Auftritt hatte, Auch Ursula Schoch, die nun im schulterfreien, indigoblauen Abendkleid hinzutritt, hat der Orchesterleiter aus Maulbronn an dieser Stelle erstmals gehört.

In zwei Humoresken für Solovioline und Orchester (Op. 89) von Jean Sibelius zeigt sich, wie innig das musikalische Einverständnis zwischen der in Ludwigsburg geborenen Violinistin, die seit mehr als 20 Jahren als Konzertmeisterin am Concertgebouworkest in Amsterdam wirkt, und Wallinger ist. Ungeheuer virtuos gestaltet Schoch ihren Part, dessen technischer Anspruch allein schon nicht zu unterschätzen ist: Insbesondere der stete Wechsel zwischen sphärischen Kantilenen, Trillern, Prallern, Doppelgriffen und Arpeggien, dazwischen mit der Bogenhand angerissenen Einzeltöne machen das „Andantino“ zur spieltechnischen Herausforderung. Doch Schoch begnügt sich nicht mit Handwerklichem und spürt mit dem warmen, gedeckten Grundton ihrer Guadagnini dem Iyrischen, zuweilen auch exzentrischen Melos der musikalischen Gedanken des 1917 entstandenen Werks nach. Wallinger orientiert sich an seiner formidablen Solistin: Hellwach reagiert die SKB im Presto der tänzerischen „Alla gavotta“.

Nahezu ein halbes Jahrhundert früher datiert Johan Svendsens Romanze in G-Dur für Solo- Violine und Orchester: Der norwegische Komponist hat mit seinem Opus26 eine ungemein eingängige Musik (mit einem Hauch Wiener Kaffeehausflair) geschrieben, die Schoch zu anmutigem Instrumentalgesang nutzt. Großer Beifall für die sympathische Musikerin, Wallinger und die SKB.

Erneut hervorragenden Eindruck hinterließ auch Simon Wallinger, der beim diesjährigen Frühjahrskonzert sein Debüt am Pult der SKB gab: Peter Wallingers Sohn entlockte der spielfreudigen SKB eine vorzügliche Interpretation von Max Bruchs posthum veröffentlichter Serenade auf schwedische Volksmelodien, sorgsam abgestuft in der Dynamik zwischen kammermusikalischer Finesse und sinfonischer Klangballung.

Hier wie auch in Edvard Griegs Suite „Aus Holbergs Zeit“ (Op.40) offenbart dieses skandinavisch-( spät-)romantische Programm zudem einen barocken Unterton, der selbst noch in den Östinati und Fugati der Humoresken von Sibelius nachhallt. Ein wundervoll zurückgenommener, umso eindringlicherer Moment innerer Einkehr war die Wiedergabe des „Vater unser“ von Arvo Pärt in einer Bearbeitung für Solo-Cello und Orchester durch Chihiro Saito, die seit vielen Jahren als Stimmführerin der Celli in den Reihen der SKB zu hören ist, mit dem Wallinger-Orchester.

Autor: Harry Schmidt

Gedenken steht im Mittelpunkt

Die neue CD der Süddeutschen Kammersinfonie Bietigheim dokumentiert die zweite Corona-Saison des vorzüglichen Orchesters von Peter Wallinger

Kammersinfonie live 2021

BIETIGHEIM-BISSINGEN. Stets zu Jahresbeginn blickt Peter Wallinger auf die vergangene Saison mit seiner Süddeutschen Kammersin- fonie Bietigheim (SKB) zurück und versammelt die Höhepunkte aus den Programmen auf einem Album. Dass dies mit „Live 2021“ auch in diesem Jahr der Fall ist, kann aus allseits bekannten Gründen nicht als selbstverständich gelten. Obwohl die meisten Konzerte bestenfalls vor begrenzter Besucherzahl stattfinden konnten, ist es Wallinger gelungen, die wesentlichen Pfeiler des Jahresspielplans umzusetzen und per Videoaufzeichnung auch einer größeren Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Ausschnitte aus drei der vier nach wie vor kostenfrei im Internet abrufbaren Konzerte haben ihren Weg auf diese CD gefunden, die nun als mittlerweile 19. Ausgabe dieser beachtlichen Dokumentationsreihe vorliegt.

Eines der wichtigsten Anliegen Wallingers war das Gedenkkonzert zur Einweihung des Uhlandbaus in Mühlacker vor 100 Jahren. Gestiftet von der jüdischen Familie Emrich, entwickelte sich das Gebäude im ersten Jahrzehnt zu einem überregionalen Zentrum des Musiklebens. Eröffnet wurde das Haus seinerzeit mit „Le nozze di Figaro“. Dementsprechend erklingt hier die Ouvertüre zu Mozarts erster Da-Ponte-Oper als Auftakt, von der SKB ungemein spritzig musiziert. Mit Mezzosopranistin Maria Rebekka Stöhr, dem Kontrabassvirtuosen Michinori Bunya und dem Geiger Tjeerd Top, Konzertmeister beim Amsterdamer Concertgebouw- Orchester, konnte Wallinger erneut hochkarätige Solisten gewinnen. Werke von Gustav Mahler und Samuel Barber unterstreichen die Wertschätzung jüdischer Komponisten. Herausragend ist die Aufnahme von Mieczysław Weinbergs „Concertino für Violine und Orchester“: Von seismografischer Empfindlichkeit, hellwach und auf Augenhöhe die SKB – eine brillante Interpretation dieses Kammermusikjuwels.

Autor: Harry Schmidt

Facetten der Leidenschaft

Simon Wallinger gibt heute sein Debüt am Pult der Süddeutschen Kammersinfonie Bietigheim

Vater und Sohn am Pult: Simon Wallinger (links) springt beim Frühjahrskonzert ein, dürfte aber Peter Wallinger auch folgen Fotos:
Norbert Braun/p, privat

BIETIGHEIM/MÜHLACKER. Am Kontrabass war Simon Wallinger bereits mehrfach in den Reihen der Süddeutschen Kammersinfonie Bietigheim (SKB) zu erleben. An diesem Wochenende gibt er nun sein Debüt am Pult des von seinem Vater Peter Wallinger 1984 gegründeten Ensembles. Das traditionelle Frühjahrskonzert der SKB wird zweimal gegeben: Am heutigen Samstag kommt das „La Passione“ überschriebene Programm im
Bietigheimer Kronenzentrum zu Gehör, am morgigen Sonntag im Uhlandbau in Mühlacker. Ursprünglich war Simon Wallinger lediglich für den ersten Teil als Dirigent eingeplant, doch nachdem Peter Wallinger noch eine Erkältung auskuriert, übernimmt sein Sohn kurzfristig die Leitung des kompletten Konzerts.

Im Mittelpunkt steht mit Joseph Haydns 1768 komponierter Sinfonie Nr. 49 in f-Moll ein Werk, dessen exzentrische Intensität Anlass zu verschiedenen Spekulationen gegeben hat. Ihr Beiname „La passione“ (Italienisch: Leidenschaft, Leidenszeit) geht nicht auf Haydn zurück, sondern verdankt sich wohl einer Ergänzung eines zeitgenössischen Kopisten. Während ein Leipziger Aufführungsbericht von 1811 auf die Verarbeitung eines Trauerfalls bei Haydn hindeutet, gehen andere Quellen davon aus, dass die f-moll-Sinfonie als Bühnenmusik für ein Theaterstück names „Il Quakero di bel’humore“ („Der gut gelaunte Quäker“) entstanden sei.

Für Simon Wallinger, der, nachdem er sein Studium an der Münchner Hochschule für Musik und Theater (Klavier und Kontrabass) mit Bestnoten abgeschlossen hatte, noch ein weiterführendes Studium in Historischer Aufführungspraxis mit Hauptfach Cembalo draufgesattelt hat, bevor er ein zweijähriges Engagement als Kontrabassist beim Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks antrat, enthalten solche Quellen
wichtige Hinweise. Dabei halte er die Spielweise für entscheidender als die Verwendung historischer Instrumente: „Es steckt wirklich viel Arbeit drin, eine solche Partitur richtig zu deuten. Ein Forte bei Haydn heißt etwas ganz anderes als eines bei Mozart.“ Was beim einen „laut“ bedeute, könne bei jenem als „plötzlich“ gemeint sein.

Bedingungen von Freiheit und Frieden

Neben der Nähe zur Osterzeit klingen im sinnfälligen Motto „La Passione“ natürlich auch Gegenwartsbezüge an. Deshalb wird der Berliner Schauspieler und Sprecher Johann-Michael Schneider zwischen den Musikstücken zwei Gedichte von Friedrich Schiller einflechten, die Grundbedingungen von Freiheit und Frieden thematisieren. Zwei weitere Auslegungen des Begriffs „Lei denschaft“ kommen mit der Prelude zu George Bizets „Carmen““ sowie dem Larghetto und als „Furientanz“ bekannten Allegro aus Christoph Willibald Glucks Ballettmusik zu „Don Juan“ ins Spiel.

Nach der Pause wird Wolfgang Amadeus Mozarts Sinfonia Concertante für Solovioline, Soloviola und Orchester (KV 364) mit den Solistinnen Sachiko Kobayashi und Tomoko Yamasaki vom renommierten Lotus String Quartet erklingen. Dass Simon Wallinger, der Anregungen in Meisterkursen von Johannes Schlaefli erhielt und erste Dirigiererfahrungen mit der Südwestdeutschen Philharmonie Konstanz und als Leiter der Lienzingen-Akademie vorweisen kann, nun erstmals die SKB dirigiert, lässt sich durchaus auch als Vorzeichen für die weitere Zukunft des Orchesters verstehen: Auch für die kommenden Konzerte sei eine Zusammenarbeit geplant, eine Stabübergabe perspektivisch gut denkbar, so die Wallingers. Übrigens handelt es sich bei Simon Wallingers SKB-Dirigat nicht um die einzige Premiere dieses Frühjahrskonzerts: Erstmals fungiert Swantje Asche-Tauscher als Konzertmeisterin der SKB.

Autor: Harry Schmidt

Zwischen Erinnerung und Zuversicht

Das Neujahrskonzert der Süddeutschen Kammersinfonie Bietigheim unter Peter Wallinger mit Sebastian Manz

Umwerfend: Sebastian Manz (rechts) und die SKB. Foto: Theresa Mammel/p

Mühlacker. „Dennoch – denn noch klingt die Musik“ hat Peter Wallinger das Neujahrskonzert mit seiner Süddeutschen Kammersinfonie Bietigheim (SKB) überschrieben. Der trotzig mahnende Tonfall kommt nicht von ungefähr und ist mehrfach determiniert. In der Vergangenheit war diese Veranstaltung im Kulturkalender von Bietigheim und Murr fest verankert, doch wie bereits das Herbstkonzert der SKB konnte nun auch das traditionelle Neujahrskonzert lediglich in Mühlacker im dortigen Uhlandbau vor begrenzter Besucherzahl stattfinden. Erneut hat sich Wallinger zu einer Videoaufzeichnung entschlossen und stellt mit dem Neujahrskonzert bereits den sechsten kostenfrei abrufbaren Stream seines 1984 gegründeten Ensembles ins Internet.

„Dennoch“ stand auch über der Bühne des Uhlandbaus zu lesen, als das von der kunstsinnigen jüdischen Familie Emrich finanzierte, in einer Rekordbauzeit von 99 Tagen errichtete Konzerthaus im Oktober 1921 eröffnet wurde. Wie das Herbstkonzert trägt auch das Programm der jüngsten Produktion der SKB diesem Jubiläum in mehrfacher Hinsicht Rechnung. Vor allem hat Wallinger mit dem Lento aus der „Partita für Streicher“ von Gideon Klein ein Stück in den Mittelpunkt gestellt, das der tschechisch-jüdische Pianist und Komponist im KZ Theresienstadt geschrieben hat, kurz bevor er als 24-Jähriger nach Auschwitz deportiert wurde. Wie die dort ebenfalls internierten Emrichs hat Klein das Massenvernichtungssystem der Nazis nicht überlebt. Das Gewicht der Bedrohung und die Gewissheit existenzieller Geworfenheit sind dieser ungeheuer eindringlichen Musik einkomponiert – mit großem Ernst setzt Wallinger die Emotionen frei, die innige Interpretation der SKB geht auch dem Rezipienten vor dem Bildschirm noch direkt unter die Haut.

Bemerkenswert, wie es Wallinger gelingt, diesen nachdenklichen Ton im Verlauf des knapp einstündigen Programms gleichzeitig als roten Faden beizubehalten wie ihn zu transzendieren. Denn in Wallingers Zerfällung „denn noch“ klingt nicht nur die Mahnung an, dass der aktuelle Zustand für ein Orchester ohne ein großes Haus im Rücken nicht dauerhaft zu überstehen ist, sondern auch ein gewisses Maß an Hoffnung und Zuversicht. Hier kommt Sebastian Manz mit seinen an Eigenkompositionen grenzenden Arrangements ins Spiel: Spürbar gut aufgelegt gestaltet der Soloklarinettist des SWR Symphonieorchesters Astor Piazzollas melancholisch-nostalgische Reflexion über den Tango in „Café 1930“. Hier wie in der folgenden „Promenade – Walking the dog“, 1937 von George Gershwin für den Film „Shall We Dance“ mit Fred Astaire und Ginger Rogers komponiert, überlässt Wallinger die SKB komplett der Führung durch seinen grandiosen Solisten. Die dankt es mit hellwacher Spielfreude und folgt Manz und seinen lautmalerischen Kapriolen, bei denen sich vor dem inneren Auge sofort Bilder einer Gassigeher-trifft-Gassigeherin-Szene einstellen, gewissermaßen bei Fuß.

So virtuos wie klangsinnlich nimmt sich Manz der kapriziösen Fantasia aus Carl Maria von Webers Klarinetten-Quintett (op.34) an. Ein Wendepunkt ins Heitere, dem die zehnköpfig besetzte SKB mit Simon Wallinger am Kontrabass zusätzlich Volumen und Tiefe verleiht, während Manz den kompletten Tonumfang seines Instruments auslotet. Überbordende Lebensfreude dann im „Klezmer-Medley“, das Manz aus der „Israeli-Suite“ von Helmut Eisel herausdestilliert hat. Die umwerfende Ausgelassenheit, mit der er das musiziert, wirkt ansteckend und überträgt sich direkt auf die Musikerinnen und Musiker der SKB. Erneut hat Wallinger auch den Berliner Schauspieler Johann-Michael Schneider engagiert, der zwischen den Musikbeiträgen Lyrik von Mascha Kaléko und Hilde Domin eine Stimme gab – sein pointierter Vortrag, in dem auch die Musikalität dieser Texte anklingt, trägt ebenfalls maßgeblich zum Gelingen dieses ungewöhnlichen Neujahrskonzerts bei.

Info: Das Neujahrskonzert der SKB ist kostenfrei unter
www.sueddeutsche-kammersinfonie.de und
www.muehlacker-klassik.de/muehlacker-concerto abrufbar.

Autor: Harry Schmidt

INTERVIEW: „Man muss die Musik erleben“

Als Soloklarinettist des SWR-Symphonieorchesters und mehrfacher Echo-Preisträger ist Sebastian Manz international gefragt. Morgen steht der 36-Jährige mit der Süddeutschen Kammersinfonie Bietigheim beim Neujahrskonzert im Uhlandbau in Mühlacker auf der Bühne.

FRAGEN VON HARRY SCHMIDT

STUTTGART/BIETIGHEIM-BISSINGEN. Der Kalender von Sebastian Manz ist eng getaktet. Soeben hat er das Stuttgarter Funkhausverlassen, wo eine Probe für ein Konzert in Dortmund anstand. In einer Stunde wird der Klarinettist mit Peter Wallinger und der Süddeutschen Kammersinfonie Bietigheim (SKB) in der dortigen Kelter das Programm des Neujahrskonzerts einstudieren, das morgen im Uhlandbau in Mühlacker stattfinden wird. Weil „coronabedingt“ weder in Murr noch in Bietigheim gespielt werden könne, hat Wallinger erneut eine Video-Aufzeichnung angekündigt. Auf der Fahrt nach Bietigheim spricht Manz nicht nur über seine musikalischen Präferenzen und Grenzen westlicher Klangvorstellungen, sondern verrät auch, wo er seine Frau kennengelernt hat.

Herr Manz, als Solist werden Sie entscheidend am Neujahrskonzert der SKB in Mühlacker mitwirken. Wie ist es dazugekommen?
SEBASTIAN MANZ: Ich glaube, ich habe mit niemand so oft zusammengearbeitet wie mit Peter Wallinger – wir kennen uns schon seit mehr als zehn Jahren und haben bereits einige Programme zusammen auf die Bühne gebracht, zuletzt eine Stamitz-Exkursion. Vielfach bearbeite ich die Stücke auch. Die Arrangements, aus denen Wallinger nun eine Auswahl für dieses Neujahrskonzert getroffen hat, habe ich ihm schon vor längerer Zeit in Aussicht gestellt. Jetzt ist er relativ spontan, im Dezember, auf mich zugekommen und wir konnten uns rasch auf eine konkrete Programmfolge verständigen.

Auf dem Programm stehen, neben dem Lento aus der „Partita“ für Streicher von Gideon Klein, einem im KZ Fürstengrube ums Leben gekommenen tschechisch-jüdischen Komponisten, unter anderem die „Fantasia“ aus Carl Maria Webers Klarinetten-Quintett, Astor Piazzollas „Café 1930“ und ein „Israeli Suite Medley“. Wie ist dieser weitgespannte Programmbogen entstanden?
Insgesamt trägt die Auswahl natürlich auch dem Format eines Neujahrskonzerts Rechnung. Tatsächlich habe ich alle Stücke, an denen ich beteiligt bin, selbst arrangiert. Und wenn ich von Arrangements spreche, sind das meistens auch halbe Eigenkompositionen. Mit Ausnahme von Piazzolla: „Café 1930“ ist einfach eines meiner absoluten Favoritenstücke – diese Melancholie, diese Schwermut. Das ist musikalisch so großartig emotional verpackt! Da sind zwar immer wieder Tango-Elemente drin, aber im Grunde hat Piazzolla hier seinen ganz eigenen Stil gefunden, eine Kombination aus Jazz- und klassischen Elementen – sehr lyrisch, sehr expressiv.

Wie fügt sich Webers Klarinetten-Quintett hier ein?
Auch der zweite Satz aus Webers Klarinetten-Quintett hat etwas nachdenkliches. Wir werden die „Fantasia“ mit mehreren Streichern der SKB spielen – das hat dann vielleicht nicht die Flexibilität wie mit einem Streichquartett, dafür aber eine andere Power. Das Klarinetten-Quintett wurde von Weber ja ursprünglich als Klarinettenkonzert konzipiert. Weil es nicht aus Notwendigkeit, sondern aus innerer Berufung entstand, ist jeder Satz ein Juwelstück geworden. Die „Fantasia“ etwa wirkt wie eine improvisatorisch angelegte Arie.

Und im Aspekt der Kantabilität haben Sie wiederum eine Verbindung zwischen Weber und Klezmermusik entdeckt?
Genau. Im „Israeli Suite Medley“ habe ich drei Klezmer von Helmut Eisel, einem langjährigen Wegbegleiter von Giora Feidman, zusammengefasst. Da ist eine ganz andere Klangauffassung im Spiel als die Ausgeglichenheit, um die sich unsere klassische Ausbildung bemüht, eine, die der menschlichen Stimme unglaublich nahekommt. Zudem spiegelt sich hier auch die Geschichte des von der jüdischen Familie Emrich errichteten Uhlandbaus.

Mit Gershwins „Promenade – Walking the dog“ steht ein Stück auf dem Plan, das auf Ihrer Homepage auch als Video zu sehen ist – inklusive Hund! Haben Sie wieder einen Vierbeiner engagiert?
Ich würde am liebsten in jeder Aufführung einen Hund über die Bühne laufen lassen (lacht). Aber diesmal belasse ich es bei einem Triller an dieser Stelle.

Welche besonderen Herausforderungen stellen diese Partien für Sie dar?
Zunächst mal, sich auf die schiere Bandbreite der Musik einzulassen und dann authentisch im Moment abrufen zu können. Mit Notenspielen ist es ja nicht getan– man muss die Sachen als Musiker auch wirklich erleben. Auch keine Scheu zu haben, klassische Konventionen hinter sich zu lassen – allzu oft sind wir noch Sklaven unserer eigenen Regeln. Nicht zuletzt das immer neue Zusammenwachsen von Solist und Ensemble.

Als Solo-Klarinettist des SWR-Symphonieorchesters sind Sie in der Region gutbekannt. Haben Sie darüber hinaus einen besonderen Bezug zum Ludwigsburger Kreisgebiet?
Durchaus! (lacht) Als wir 2017 im Kronenzentrum geprobt haben, schrieb mich eine Klarinettenlehrerin an, ob sie mit ihren Schülerinnen zur Generalprobe kommen könne. Und wie es der Zufall so will, ist sie jetzt meine Frau.

INFO: Am 13. Januar um 20 Uhr wird das Neujahrskonzert der SKB im Uhlandbau Mühlacker mit begrenzter Besucherzahl stattfinden. Voranmeldung unter Tel. 07043/958393. Der Mitschnitt ist ab 16. Januar unter www.sueddeutsche-kammersinfonie.de abrufbar.

Gedenkkonzert für Uhlandbau mit jüdischen Komponisten

Mit dem Herbstkonzert der Süddeutschen Kammersinfonie Bietigheim stellt Peter Wallinger bereits die fünfte Videoproduktion seines vorzüglichen Ensembles ins Netz

Die Mezzosopranistin Maria Rebekka Stöhr. Foto: Theresa Mammel/p

BIETIGHEIM-BISSINGEN/MÜHLACKER. Nachdem bereits das Ende November angesetzte Herbstkonzert der Süddeutschen Kammersinfonie Bietigheim (SKB) im Kronenzentrum den Auswirkungen der vierten Pandemiewelle zum Opfer gefallen ist und abgesagt werden musste, konnte auch der in Mühlacker geplante Auftritt nicht als öffentliche Veranstaltung stattfinden. Auch weil das Programm als Gedenkkonzert zur 100-Jahr-Feier der Einweihung des dortigen Uhlandbaus konzipiert war, hat sich Dirigent Peter Wallinger erneut zu einer Videoaufzeichnung vor einer begrenzten Besucherzahl entschlossen und stellt nun mit „Lieb und Leid und Welt und Traum“ den bereits fünften, kostenfrei abrufbaren Stream seines 1984 gegründeten Ensembles ins Internet (www.sueddeutsche-kammersinfonie.de).

Unmittelbar mit der Geschichte des Uhlandbaus verbunden ist „Le nozze di Figaro“, wurde das Haus doch am 29. Oktober 1921 mit einer Aufführung von Mozarts erster Da-Ponte-Oper in einer Neuinszenierung des Württem- bergischen Landestheaters Stuttgart unter Leitung von Generalmusikdirektor Fritz Busch feierlich eröffnet. Folgerichtig steht die Ouvertüre der 1786 uraufgeführten Oper hier am Beginn des Programmbogens. Mit den ersten Takten stellt sich sofort das Figurentableau aus „Der tolle Tag“, so der Titel der zugrundeliegenden Komödie von Beaumarchais, vor dem inneren Auge ein und erinnert an die Tatsache, dass der Uhlandbau mit einer seinerzeit hochmodernen Bühnentechnik inklusive eines versenkbaren Orchesterraums einst als „württembergisches Bayreuth“ galt. Statt im Graben sitzen die Musikerinnen und Musiker des in 31-köpfiger Besetzung angetretenen Orchesters nun ebenerdig vor der Bühne, wo sonst die Parkettbestuhlung begänne. Wallinger fügt dem Presto den im Druck zumeist unterschlagenen Zusatz „ma non tanto“ (aber nicht zu sehr) hinzu, arbeitet die dynamischen Kontraste heraus und betont den tänzerischen Charakter der Partitur, quirlig jubilieren die von Konzertmeisterin Sachiko Kobayashi angeführten Streicher, exquisit artikuliert das aufreizende Kichern der Traversflöten, herzhaft das Lachen der Bläser. Eine Apotheose der Lebensfreude als Auftakt, in Wallingers so präziser wie klangsinnlicher Interpretation wie aus einem Guss musiziert.

Zwischen den von Theresa Mammel mit drei Kameras eingefangenen Perspektiven des Orchesters zeigt der von Rafael Wallinger produzierte Videostream Schnittbilder von leeren Reihen und nächtlichen Außenaufnahmen des Uhlandbaus. Gestiftet von der kunstsinnigen jüdischen Familie Alfred und Laura Emrich, entwickelte sich das in der Rekordzeit von 99 Tagen errichtete Gebäude im ersten Jahrzehnt seines Bestehens zu einem weit über die Grenzen Mühlackers hinausstrahlenden Zentrum des Musiklebens, mit dem sich Namen wie Carl Orff, Rudolf Serkin oder Walter Gieseking verbinden.

Schwerelos intoniert

Die jähe Zäsur kam 1934 mit der Enteignung durch die Nationalsozialisten. An diese dunkle Epoche erinnert das Gedenkkonzert mit Werken von Felix Mendelssohn Bartholdy und Gustav Mahler. Für drei von dessen Rückert-Liedern tritt die Münchner Mezzosopranistin Maria Rebekka Stöhr hinzu: Während sie „Ich atmet’ einen linden Duft“ und „Liebst du um Schönheit“ wundervoll schwerelos intoniert, ist ihr „Ich bin der Welt abhanden gekommen“ von erschütternder Eindringlichkeit. Dass sie den bereits vor einem Jahr geplanten Auftritt aufgrund einer Chemotherapie absagen musste und nun, nach der kurzfristigen Absage von Annelie Sophie Müller, zu ihrer eigenen Einspringerin wurde, erfährt man im kurzen Interview.

Ungeheuer präsent und zugespitzt dann die Wiedergabe der Konzert-Ouvertüre (Op. 21) von Mendelssohn Bartholdy zu „Ein Sommernachtstraum“. Lediglich das folgende Intermezzo (Op. 61 Nr. 5) kommt für ein Allegro appassionato in Sachen Binnenspannung ein wenig zu kurz.

Autor: Harry Schmidt