Ludwigsburger Kreiszeitung
Klassik frisch entstaubt
Die Süddeutsche Kammersinfonie Bietigheim spielt mit Geigerin Ursula Schoch

Bietigheim-Bissingen. Mit 575 Besuchern komplett ausverkauft war der Kronensaal, als Peter Wallinger und seine Süddeutschen Kammersinfonie Bietigheim (SKB) am Sonntagabend antraten. In der frühen Adventszeit wirkt eine Veranstaltung wie „Faszination Klassik“ ohnehin schon ideal platziert, auch wenn der Titel für manche Ohren vielleicht etwas zu pauschal nach Klassik Compilation im Drogeriemarkt geklungen haben mag. Doch neben geschicktem Timing dürften mehrere Faktoren zu diesem schönen Erfolg beigetragen haben. So genossen nicht nur Wallinger und sein 1984 gegründetes Orchester den Heimspielvorteil.
Auch für die in Ludwigsburg geborene und in Sachsenheim aufgewachsene Violinistin Ursula Schoch, die 1990 bei den Schlossfestspielen ihr solistisches Debüt gab und nach Jahren bei den Berliner Philharmonikern seit 2000 Konzertmeisterin des Königlichen Concertgebouw Orchesters Amsterdam ist, stellte der Auftritt mithin eine Visite in der alten Heimat dar. Hinzu kommt, dass die SKB als Projekt- wie als Auswahlorchester gleichermaßen gelten darf: Die Musikerinnen und Musiker sind allesamt Profis, ob als Mitglied renommierter Ensembles wie Konzertmeisterin Sachiko Kobayashi vom Lotus String Quartet, namhafter regionaler Orchester oder fortgeschrittene Studierende. Dass das Niveau des aus so hochtaltentierten wie -motivierten Mitgliedern bestehenden Ensembles deshalb doch einiges über dem Anspruch eines Amateurorchesters rangiert, liegt auf der Hand.
Mit dem Violinkonzert in G-Dur (KV 216), das der seinerzeit 19-jährige W.A. Mozart 1775 in Straßburg geschrieben hat, stand nicht weniger als ein Gipfelwerk klassischer Musikliteratur im Mittelpunkt des Programms. Impulsiv die Tutti-Eröffnung im Kopfsatz, Wallingers distinkte Schlagtechnik vermittelte Schwung und Genauigkeit zugleich. Der frechen Vorwegnahme ihres Themas durch das 28-köpfige Orchester begegnete Schoch mittels souveränder Zuspitzungen im zeizvollen Tändeln und Flirten mit den Stimmgruppen. Elektrisierend virtuos präsentierte sie die liedahaften Wendungen der Kadenz. Von lyrischer Leichtigkeit das Adagio, Schochs Kantilenen wie auf orchestralem Samtgebettet, ein pastorales ldyill.
Angriffslustig und verspielt dagegen das Rondeau: Das Hin und Her zwischen Violine und Orchester ließ fast ans Opernfach denken, auch hier begeisterte die frische Transparenz, mit der Schoch und die SKB Mozarts schier überbordenden Melodiereichtum auf die Bühne brachten.
Als Dirigent mit Fingerspitzengefühl erwies sich Wallinger auch in den vier Sätzen von E Mendelssohn Bartholdys 1833 uraufgeführter Sinfonie Nr. 4 in A-Dur (op. 90). Zügige Tempi anschlagend, stieg Wallinger bei Kulminationspunkten der „Italienischen“ auf Zehenspitzen, hob manchmal gar kurz ab. Gestochen klar konturiert die exzellente Wiedergabe der SKB, fulminant die finalen Forti der Ecksätze. Extrem gelungen die Gestaltung des Andante con moto, präzise wie ein Uhrwerk das tickende Ostinato des Streicherapparats. Klangscharfsinnig formuliert auch das Presto des Saltarello – jede Faser in Wallinger nun ganz Formwille. Der beeindruckend geschlossene und gleichzeitig wendige Ensembleklang ist so sinfonisch wie nötig, dabei aber so kammermusikalisch wie möglich. Fabelhaft, wie Wallinger mit seinen lebendigen Interpretationen auch kanonische Klassik von ihren Staubschichten befreit.
Harry Schmidt
Barockes mit hochkarätigen Solisten
Sueddeutsche Kammersinfonie Bietigheim begeistert mit Gästen in Sachsenheim

Sachsenheim. Die Premiere fiel aus, wenn auch nicht ins Wasser. Erstmals sollte das Sommerkonzert im Serenadenhof des Lichtenstern-Gymnasiums stattfinden, wo das beliebte klassik-Open-Air während der noch bis voraussichtlich 2019 andauernden Sanierungsarbeiten im Wasserschloss ein Ausweichquartier gefunden hat. Doch das Wetterrisiko erschien zu groß: „Am Freitagvormittag mussten wir entscheiden“, sagt Andrea Fink, die Kulturreferentin der Stadt Sachsenheim. Somit wurde, auch wenn am Abend dann kein Tropfen viel, das Foyer der weiterführenden Schule am südlichen Ortsrand zur Spielstätte der Sueddeutschen Kammersinfonie Bietigheim (SKB), die Peter Wallinger vor mehr als 30 Jahren gegründet hat. Beglückend war die traditionsreiche Veranstaltung dennoch. Mit Anna Ritter und Daniel Koschitzky hatte Wallinger für das diesjährige Konzert, das am Sonntag nochmals in Lienzingen gegeben wurde, gleich zwei hochkarätige Blockflöten-Solisten gewonnen, die sich mit ihrem Ensemble „Spark“ bereits in jungen Jahren beachtliches Renommee erworben haben: „Kammermusik auf höchstem Niveau“ jubelte die Frankfurter Allgemeine. Für ihr Debütalbum wurden sie mit dem ECHO Klassik ausgezeichnet. In den drei Sätzen von Vivaldis Concerto für Sopranino und Orchester (OP. 10 Nr. 3), das den sprechenden Beinamen „Il Gardellino“, zu Deutsch „Der Distelfink“ trägt, wurde sogleich die solistische Klasse von Koschitzky hörbar: Atemberaubend die stupende Virtuosität seiner Triller und Vorhalte in den tänzerisch bewegten Ecksätzen – die Imitation der Vogelstimme ist hier programmatisch gewollt. Lediglich bei den freigestellten Solostellen machte sich die suboptimale Akustik des Foyers mit etwas undefinierten Hallzeiten leicht bemerkbar.
Gefühlvoll singendes Legato im Cantabile, begleitet nur von Akkorden und Arpeggien des Cembalos sowie Mikael Samsonow am Cello. Koschitzky steigt auf Zehenspitzen im abschließenden Allegro, messerscharf die Tutti der SKB.
Eingebettet war diese hinreißende Darbietung in einen raffinierten Rahmen: Über zwei Jahrhunderte hinweg korrespondierten die Sinfonie in A-Dur von Carl Philipp Emanuel Bach, mit dem die SKB das Konzert eröffnete, und Nino Rotas „Concerto per Archi“, das der italienische Grandseigneur der Filmmusik in den Jahren 1964 und 1965 geschrieben und 1977 überarbeitet hat. Deutlich der Anklang barocker Muster in den vier Sätzen: Die motorischen Ketten und kontrapunktischen Figuren nehmen klar Bezug auf die Tradition, ohne sich jedoch als Werk des 20. Jahrhunderts zu verleugnen. Die Aria verweist auf die berühmte Air von J.S. Bach.
Fabelhafte Präzision
Für dessen Brandenburgisches Konzert Nr. 4 in G.Dur (BWV 1049) trat nach der Pause Sachiko Kobayashi, Konzertmeisterin der SKB und Primgeigerin des international renommierten Lotus String Quartet, zum Solisten-Paar Ritter und Koschitzky, die auch als Duo firmieren. Fabelhaft, mit welcher Präzision sie ihre kantablen Kantilenen ineinandergreifen lassen. An Klarheit kaum zu überbieten Wallingers Dirigat: Wo er in der Sinfonie des Bach Sohns zum Auftakt die Kontraste der galanten Partitur schärft, unterstreicht er im Konzert des Vater die elaborierte Motivarbeit der drei Solisten mit transparentem, kammermusikalisch ausgerichtetem Ensembleklang.
Harry Schmidt
Die Leichtigkeit Mozarts als Solist verkörpert

Bietigheim-Bissingen. Einer der verlässlichsten Indikatoren für das Niveau eines Orchesters ist die Qualität der Solisten, die mit dem Ensemble auftreten. Bei der Sueddeutschen Kammersinfonie Bietigheim (SKB) war am Freitagabend im Bietigheimer Kronensaal Sebastian Manz zu Gast. Der Enkel des russischen Geigers Boris Goldstein gilt als einer der talentiertesten Interpreten seiner Generation und wurde bereits zweimal mit dem Echo ausgezeichnet.
In den drei Sätzen des Klarinettenkonzerts in A-Dur (KV 622), mit dem W.A. Mozart 1791 die Gattung mitbegründet hat und für dessen Interpretation Manz 2011 seine erste Klassik-Trophäe gewann, erfuhren die knapp 400 Besucher, warum dem so ist: ungeheuer mühelos und unbeschwert das Wechselspiel zwischen sprechend-narrativer Motivarbeit und gestisch-expressivem Passagenwerk im Kopfsatz, hauchzart die kantablen Koloraturen im populären Adagio, mit quirligem, aber nie überbordendem Witz das virtuose Rondo.
Der Leichtigkeit Mozarts begegnet man in der einnehmenden Persönlichkeit von Manz ganz unmittelbar. Das Vergnügen steht ihm ins Gesicht geschrieben. Brillant, was ihm spieltechnisch wie hinsichtlich der Differenzierung kleinster Nuancen seiner vielfältigen Ausdrucksmöglichkeiten zu Gebote steht. Brillant auch, was die SKB anbietet: Weit mehr als nur ein souverän geknüpftes Netz aufzuspannen leistet das vorzügliche Orchester. Vielmehr vereint Peter Wallinger Transparenz auf den Satz und Geschlossenheit des Ensembleklangs zu einem exakt austarierten, präzise getimten Organismus.
Bereits zuvor begeisterte die fast kammermusikalische Konzentration in J. Haydns Symphonie Nr. 6 in D-Dur, genannt „Le Matin“. Gelungen trotz kleinerer Unschärfen auch 1. Strawinskys Orchestersuite „Pulcinella“. Famos die Beweglichkeit der Streicher im eilenden Staccato der „Tarantella“. zirzenisch pulsierend der Dialog von Posaune und Kontrabass im jazzig humorvollen „Vivo“, zur Freude der Anwesenden als Zugabe wiederholt.
Harry Schmidt
Ungeschminkt im besten Sinne
Die Süddeutsche Kammersinfonie Bietigheim legt ihre CD „Live 2016“ vor
Bietigheim-Bissingen. „Ungeschminkte Konzertmitschnitte“ verspricht das Booklet der nunmehr vierzehnten CD in der Reihe „Kammersinfonie live“, die die Süddeutsche Kammersinfonie Bietigheim jetzt vorgelegt hat. Das klingt ein wenig, als müsste man etwaigen spielerischen oder tontechnischen Beanstandungen vorsorglich entgegentreten. Dabei braucht sich der bereits seit über drei Jahrzehnten bestehende Klangkörper keineswegs zu verstecken. Der Querschnitt durch die drei Konzerte am 17. Januar und 19. März in Mühlacker sowie am 4. Dezember 2016 in Bietigheim-Bissingen führt vor Ohren, dass das Orchester unter der Leitung von Peter Wallinger in der Lage ist, unterschiedlichste Werkgattungen und Epochen zu bedienen – in diesem Fall sind es Werke von Antonin Dvorák, Gustav Mahler, Franz Schubert und Ludwig van Beethoven.
Überaus furios kommt so Dvoráks Slawischer Tanz op. 46 Nr. 8 daher, geschmeidig winden sich die Streicher durch die von tongeschlechtlichen und dynamischen Kontrasten geprägten Kapriolen. Ausgewogen und präzise präsentiert sich der Streicherapparat, farbprächtig das Holz. Die Höhepunkte der Kompilation stellen sicherlich die fein konturierten Auftritte der drei Solistinnen dar. Hiyoli Togawa spielt die Viola in den vier Instrumentalbearbeitungen von Schuberts berühmter „Winterreise“ – darunter Lieder wie „Wetterfahne“ und „Der Leiermann“ – mit einem körperreichen, bisweilen keck ausbrechenden Ton, der den bewussten Textverzicht beinahe vergessen lässt. Der jungen Pianistin Magdalena Müllerperth ist indes die Spielfreude, gepaart mit beachtlicher künstlerischer Reife im brillanten Kopfsatz von Beethovens Klavierkonzert Nr. 5 Es-Dur, deutlich anzuhören. Klanglich ungeschminkt im besten Sinne ist diese CD, die sich bei weitem nicht nur für eingefleischte Fans des Klangkörpers zu hören lohnt.
Johannes Koch
330 Küsse tauen Europa auf
Süddeutsche Kammersinfonie Bietigheim gastiert mit originellem Programm in Murr

Murr. „Obwohl Europa jetzt im Winter liegt – vielleicht auch im übertragenen Sinne – , verbinden wir mit dem Titel unseres Konzerts die Hoffnung und Gewissheit, dass auch wieder ein Frühling kommt“, so begrüßte Johann-Michael Schneider die knapp 200 Besucher zum Neujahrskonzert der Süddeutschen Kammersinfonie Bietigheim (SKB) im Bürgersaal des Murrer Rathauses. Unter dem Motto „Europäischer Frühling“ hatte Peter Wallinger ein hochoriginelles rund 80-minütiges Programm zusammengestellt. Das verschränkte Musik des 20.Jahrhunderts von vier europäischen Komponisten aus allen vier Himmelsrichtungen kunstvoll mit kurzen Texten jeweiliger Landsleute. Die Texte wurden von Schneider zwar nicht frei, dafür aber sehr lebhaft vorgetragen.
Mit Elias Canettis leicht spöttischer Beschreibung der Rezeptionshaltung klassischer Konzertbesucher („Die Menschen sitzen regungslos da , als brächten sie es fertig, nichts zu hören“) und der daraus folgenden Beschreibung des Beifallklatschens als Tauschhandel („ein chaotischer, kurzer Lärm für einen wohlorganisierten, langen“) war ein launiger Tonfall etabliert. Schwungvoll, vielleicht zu schwungvoll steigt Wallinger in das „Boisterous Bourrée“, den ersten Satz der „Simple Symphony“ (op.4) ein – in hohem Bogen fliegt der Taktstock durch die Luft. Der Dirigent eilt schmunzelnd hinterher.
Zwischen drei Sätzen aus Benjamin Brittens ursprünglich für Schulorchester geschriebenes Werk rezitierte Schneider kurze Reflexionen von Wystan Hugh Auden, der für Britten auch als Librettist tätig war, über die Natur des Geheimnisvollen und die Beschaffenheit der Liebe.
Stricher glänzen durch dynamische Finesse
Die 17 Streicher der SKB glänzten durch geschmeidigen Ensembleklang und dynamische Finesse: Wundervoll ihr Dialog von Violinen, Bratschen, Celli und Kontrabässen im „playful Pizzicato“, das – nomen est omen – ausschließlich aus gezupften Tönen besteht. Scharf konturiert Konzertmeisterin Sachiko Kobayashi die Kantilene des „Frolicsome Finale“, bevor die Bewegung des Themas wie ein Wogen durch das Halbrund der Musiker läuft.
Von Westen aus geht’s gen Norden: Ausgesprochener Klangwitz prägt das Orchesterwerk „Pelimannimuotokuvia“ (op. 26; auf Deutsch: Bilder der Spielleute) des finnischen Komponisten Pehr Henrik Nordgren, formidabel umgesetzt durch die Musikerinnen und Musiker der SKB. Ihr astraler Streicherklang in „Tuumiskelija“ (übersetzt: Der Grübler) trifft einen tief im Innersten.
So berührend wie der Auszug aus Elio Vittorinis „Gespräche in Sizilien“ geraten auch die „Arie di corte“ aus der III. Suite Ottorino Respighis „Antiche Danze ed Arie“.
Zum Abschluss des Konzerts geht es aus dem südlichen Italien in den Osten: Expressiv und poetisch, mit rustikalem Strich gezeichnet, die „Rumänischen Volkstänze“, die Béla Bartók 1905 in Siebenbürgen mithilfe eines Phonographen dokumentiert hat. 330 Küsse im Tunnel – als Rückerstattung für die 330 türkischen Lehnwörter im Ungarischen – krönen die Geschichte aus Dezsö Kostolányis „Ein Held seiner Zeit“.
Einziger Wermutstropfen: Die vorzügliche Vorstellung des hervorragenden, in diesem Fall tendenziell kammermusikalisch disponierten Orchesters endete ohne Zugabe.
Harry Schmidt
Kammersinfonie feiert Jubiläum
Festkonzert der „sueddeutschen kammersinfonie bietigheim“. Unter der Leitung des Gründers dieses Klangkörpers, Peter Wallinger, erklangen Werke von Ludwig van Beethoven, Felix Mendelssohn-Bartholdy und Franz Schubert. Als Solistin wirkte die Violinvirtuosin Ursula Schoch mit. Die einstige Schülerin am Ellental-Gymnasium unterhält trotz ihrer umfangreichen Verpflichtungen als Konzertmeisterin des weltweit bekannten Concertgebouw in Amsterdam stets freundschaftlichen Kontakt zu ihrem damaligen Mentor Wallinger und seinem Orchester.

Mit der Ouvertüre zu Goethes Trauerspiel „Egmont“, Opus 84, von Ludwig van Beethoven wurde das Konzert voller Dramatik und mit triumphalem Ausdruck eingeleitet. Die kontrastreichen Stimmungen und Klangbilder, mit denen das Geschehen des Bühnenwerks musikalisch beschrieben wird, musizierte die Kammersinfonie in forschem Tempo. Spannungsreich und opulent ließ Wallinger das Werk ausführen.
Das einzige Violinkonzert von Felix Mendelssohn-Bartholdy führte Ursula Schoch schon mehrfach mit der Süddeutschen Kammersinfonie auf. Doch die Interpretation, die sie am Freitagabend im Kronensaal darbot, gestaltete die Künstlerin nicht nur mit bravouröser Virtuosität, sondern vor allem mit einer unübertrefflich eingebungsvollen Hinwendung zu einem Werk, das die verlockendsten, aber auch eine Menge höchst anspruchsvoller solistischer Aufgaben enthält. Vom ersten Einsatz im Allegro molto appassionato an glänzte Schoch mit einer leidenschaftlichen, emotionalen und die Feinheiten der Komposition auslotenden Wiedergabe. Auch das Andante mit seiner zutiefst berührenden Melodik musizierte die Geigerin überaus beseelt. Doch als sie die rasanten Läufe des abschließenden Allegros ausführte, elektrisierte sie die Zuhörer im Saal regelrecht mit ihrem Temperament und ihrer musikantischen Bravour.
Das Orchester unter Wallingers Leitung begleitete die Solistin in klarer, kraftvoller Klangpracht und ließ damit einmal mehr seine erfrischende Musizierfreude in allen Registern aufleuchten. Für den minutenlang anhaltenden Applaus bedankte sich Ursula Schoch mit der Gavotte aus der sechsten Partita für Violine solo von Johann Sebastian Bach als tänzerisch anmutende Zugabe.
Mit der populären Sinfonie Nummer acht in h-Moll, genannt „Die Unvollendete“, von Franz Schubert, schenkte die Süddeutsche Kammersinfonie den Besuchern ein andächtiges Hörerlebnis. Die beiden Sätze der Komposition führte Peter Wallinger ohne Larmoyanz und frei von aufgesetztem Pathos in vitaler Klangentfaltung und in keineswegs zögerlichen Tempi auf. Dabei beglückten die liedhaften, freischwebend und verträumt sich ausdehnenden Melodiebögen insbesondere im zweiten Satz in ihrer seelenvollen Darbietung.
Mit einer Zugabe aus Schuberts Ballettmusik zu „Rosamunde“ endete das Festkonzert.
Rudolf Wesner
Musiker aus bis zu 13 Nationen
Die Süddeutsche Kammersinfonie Bietigheim wurde 1984 von dem Dirigenten und Celibidache-Schüler Peter Wallinger und einer Gruppe junger engagierter Musiker aus dem Stuttgarter Raum ins Leben gerufen. Längst ist sie zu einem professionellen Klangkörper geworden, der qualifizierte Musikerinnen und Musiker aus bis zu 13 Nationen vereint.
Geschätzt und unterstützt wird das klangdifferenzierte und vitale Spiel der Kammersinfonie sowie ihre markant-eigenwilligen Interpretationen auch von namhaften internationalen Solisten und Ensembles: Musiker wie der Pianist Bernd Glemser, die Geigerinnen Ulrike-Anima Mathé und Ursula Schoch, der australische Hornist Andrew Joy, der französische Harfenist Xavier de Maistre, der französische Pianist Bernard d’Ascoli oder der englische Bariton Konrad Jarnot zählen zu den Partnern der Kammersinfonie.
Neben den Konzerten in Bietigheim-Bissingen ist das Orchester regelmäßig zu Gast beim Festival „Musikalischer Sommer“ in der spätgotischen Frauenkirche Lienzingen und als „Orchestra in Residence“ bei der Konzertreihe „MühlackerConcerto“ im dortigen Uhlandbau, einem Konzertsaal, in dem schon vor 90 Jahren Musiker von Weltruf konzertierten.
Eine Mozart-Aufführung zum Jubeln
Festlich freudige Musik zum Advent ließ die Süddeutsche Kammersinfonie Bietigheim in einem sehr gut besuchten Konzert im Kronensaal erklingen.Das bravouräse Trompetenduo Saleem Khan und Eline Beumer sowie die ausdrucksstarke Mezzosopranistin Maria Rebekka Stöhr überzeugten als Solisten.
Bereits mit der Aufführung des Konzerts in C-Dur für zwei Trompeten und Streichorchester, Opus 46, Nummer eins, von Antonio Vivaldi begeisterten Orchester unter der Leitung von Peter Wallinger die Besucher, zumal zwei junge, aber exzellente Solisten daran mitwirkten: Saleem Khan und Eline Beumer stammen aus der Meisterklasse von Reinhold Friedrich an der Staatlichen Hochschule für Musik in Karlsruhe. Sie beglückten vom ersten Takt an mit kristallklarer Intonation in den beiden. schnellen Sätzen. Zusammen mit dem vom Orchester entfalteten, edlen Streicherklang, der besonders warm und dicht im Largo zu hören war, verbreitete sich mit der Vivaldi-Komposition eine festlich freudige Stimmung im Saal.
Das Trompeten-Duo war noch einmal mit der weihevollen, ruhigen Komposition „Eternal source of light devine“ von Georg Friedrich Händel zu hören. Im Original war dies ein Stück für Sopran und Trompete. Der 24-jährige Saleem Khan hatte jedoch die Idee, die Sopranstimme auf der Trompete zu spielen. Begleitet von der Süddeutschen Kammersinfonie entstand damit eine musikalische Delikatesse.
Von glanzvoller Ausstrahlung der Interpretin, der Mezzosopranistin Maria Rebekka Stöhr, waren die Gestaltungen von zwei Sätzen aus Mozarts weithin bekannter Solo-Motette „Exsultate-Jubilate“ sowie zweier Opernarien geprägt. Die in Tübingen geborene Künstlerin führte die beiden Mozart-Sätze mit ihrer überaus hel- len, geschmeidigen Stimme, die in tieferen Lagen auch ausgewogen warm klang, tem- poreich, zugleich sehr andachtsvoll auf. Tief berührend war die Wiedergabe der schmerzerfüllten Klage der Dido „When I am laid to earth“ aus Henry Purcells Oper „Dido and Äneas“. Im Gegensatz dazu stand die dramatische Arie „Grässliches Schicksal“ aus „Die Italienerin in Algier“ von Gioacchino Rossini, die Maria Rebekka Stöhr mit Bravour darbot. Das nun auch mit Bläsern besetzte Orchester musizierte unter Peter Wallingers Leitung transparent und farbenreich.
Ein Grund zum Jubeln war die Aufführung der 41. und damit letzten Sinfonie, C-Dur, KV 551, von Wolfgang Amadeus Mozart, die als „Jupitersinfonie“ bekannt wurde. Die Süddeutsche Kammersinfonie interpretierte sie sprühend und funkelnd musizierend. Das war eine Glanzleistung des Dirigenten Peter Wallinger, der zusammen mit seinen hochmotivierten Musikerinnen und Musikern all die leuchtend strahlenden, von vitaler Emotionalität getragenen und daher mächtige sinfonische Steigerungen entfaltenden Themen und Motive der Partitur in voluminöse Klangbilder verwandelte: Die Aufführung war ein unübertrefflicher Hörgenuss, für den es verdientermaßen anhaltenden Schlussbeifall im Kronensaal gab.
Rudolf Wesner
Streicher und Saxofonisten in Harmonie
Bietigheimer Orcheser musiziert gemeinsam mit dem Ensemble „Alliage“ – Ungewöhnliches Arrangement und Besetzung im Kronenzentrum

Es war nicht das erste Mal, dass Peter Wallinger entweder kaum bekannte oder nur selten gespielte Werke aus den Tiefen seines Notenarchivs hervorzog und diese, mit der von ihm gegründete süddeutschen Kammersinfonie Bietigheim aufführte.
In seinem Konzertprogramm „Begnung zweier Klangkörper“ verband Wallinger Streicherpracht mit dem warmen, satten Klang der vier Saxofone, virtuos vorgetragen vom Ensemble „Alliage“. Doch zunächst erklang die „Serenata notturna“ in D-Dur, KV 249, für Steicher und Pauken von Wolfgang Amadeus Mozart. Schon im ersten marschartigen Satz enstand ein markanter Kontrast aus elegantem, geschmeidigem Streicherklang und kraftvollen Paukenschlägen. Auch das in schreitendem Tempo dargebotene Menuetto wurde damit im Ausdruck fester, ohne dass dies den typischen Mozart-Melodiefluss beeinträchtigte. Das abschließende Rondo erfreute in seinem musikalischen Humor, den die süddeutsche Kammersinfonie Bietigheim glanzvoll auslotete.
Eine Aufführung „In neuem Gewand“ stand auf dem Programm. Gemeint war ein neuzeitliches Arrangement der „Sonata piano e forte“ des italienischen frühbarocken Komponisten Giovanni Gabrieli, denn an Stelle von ursprünglich vorgesehenen „Zinken“, also Trompeten, übernahm das Saxofonquartett „Alliage“ dessen Aufgaben. In diesem Ensemble wirken Daniel Gauthier (Sopransaxofon), Eva Barthas (Altsaxafon), Koryun Asatryan (Tenorsaxofon) und Sebastian Pottmeier (Baritonsaxofon) mit. Bereits bei der Aufführung des barocken Werks brachten sie die farbenprächtige Klangfülle dieses Blasinstruments vollendet zur Geltung. Die Verbindung des feinstimmigen, aber auch opulenten Steicherklangs mit dem der vier Saxofone ließ ein anmutiges Hörvergnügen entstehen. Im Alter von 23 Jahren komponierte der Tscheche Leos Janácek (1854 bis 1928) eine Suite für Streicher mit sechs Sätzen. Für die süddeutsche Kammersinfonie Bietigheim war die Komposition eine weitere anspruchsvolle Aufgabe, mit der sich ihr feiner Streicherglanz silbrig klar ausbreitete.
Im zweiten Teil des Konzerts stand das Saxofonquartett „Alliage“ im Mittelpunkt. Aus der Oper „Porgy an Bess“ von George Gershwin musizierte das Ensemble eine Suite mit bekannten und beliebten Melodien des zwischen 1933 und 1935 entstandenden Bühnenwerks. Es klang fetzig und jazzig, aber auch, etwa bei der beseelten Intonierung des Blues „Summertime“, atmosphärisch verträumt.
Zum Abschluss spielte die süddeutsche Kammersinfonie und das Ensemble „Alliage“ unter der Leitung von Peter Wallinger bei der Aufführung einer „Carmen-Rhapsodie“ mit den Melodien von Georges Bizet, hier in einem für diese beiden Klangkörper von dem Japaner Nun Nagao geschaffenen Arrangements, das zudem noch umfangreiches Schlagwerk vorsah.
Solches mit Bravour und brodelnden Temperament ausgeführtes Musizieren hörte man bisher eher selten von dem Bietigheimer Streichorchester und die vier Saxofoninterpreten hatten kaum Zeit zum Atemholen, als sie in rasantem Tempo und viel Virtuosität spielten und dafür mit großem Beifall durch das Publikum bedacht wurden.
Rudolf Wesner
Aschenputtel mit Lego und Arien
Theaterstück von Jörg Schade und Franz-Georg Stähling begeistert mit Schlichtheit, Witz und klassischer Musik

Auf der Bühne sitzt ein schönes Fräulein im Ballkleid auf einer Kutsche aus überdimensionalen Legosteinen. 250 Kinder erzeugen im Publikum trommelnd laute Donnergeräusche und sorgen mit kleinen Wasserpistolen für Regenschauer. Auf Fagott, Harfe und Querflöte begleitet ein Musiktrio direkt neben dem ungewöhnlichen Bühnenbild das Geschehen mit klassischer Musik. Das Schauspiel in der Bietigheimer Kelter erinnert auf den ersten Blick kaum an einen Besuch in der Oper oder an das bekannte Märchen vom Aschenputtel.
Doch mit eben dieser Kombination aus Gioachino Rossinis „La Cenerentola“ und der bekannten Erzählung der Gebrüder Grimm begeistert das Musiktheaterstück „Aschenputtel räumt auf“ von Jörg Schade und Franz Georg Stähling nicht nur die kleinen Besucher. In Zusammenarbeit mit der Süddeutschen Kammersinfonie Bietigheim unter der Leitung von Peter Wallinger hat der Schauspieler, Autor und Regisseur Jörg Schade neben der Darbietung einer unterhaltsamen Show für Kinder ab sechs Jahren vor allem ein Ziel: „Ich möchte Kindern die Scheu vor der klassischen Musik nehmen, sie dafür begeistern“, so der Künstler aus Bad Pyrmont.
Und das gelingt dem Team seit 2004 mit so großem Erfolg, dass die Schülerkonzertreihe des Kulturamts Bietigheim-Bissingen dieses Jahr vom 4. bis 6. Februar sechsmal in der ausgebuchten Kelter vorgeführt wird. „Jörg Schade ist einfach ein kreativer Kopf und ein genialer Künstler“, so Peter Wallinger. In der Rolle des Schlossgärtners von Montefiasco führt Schade alias Paolo als Erzähler durch das Märchen und gestaltet die Kulisse mit nur zehn Legosteinen aus Schaumstoff immer wieder neu – so wird die Küche mit wenigen Handgriffen zum Schloss und dieses wiederum zur Kutsche. „Die Lego- steine kommen aus der Lebenswelt der Kinder und regen ihre Fantasie an“, kommentiert Schade seine ausgefallene Idee. Von Anfang an bezieht er das junge Theaterpublikum ins Geschehen ein, sorgt mit frechen Sprüchen und lustigen Kostümen für Lacher und führt die Kinder geschickt an die Musikwelt der Oper heran. So erfahren sie, dass der klare Klang des „Engelflügels“ von Harfenistin Marlene Angerer auf 47 Saiten und mit Pedalen erzeugt wird, die silberne Flöte von Verena Guthy-Homolka eine sogenannte Querflöte ist und das große Blasinstrument von Frank Lehmann nicht – wie in der Raterunde vermutet – als Trompete oder Saxofon, sondern als Fagott bezeichnet wird.
Schade schlüpft außerdem in die Rolle des geizigen Barons Don Magnifico, der gemeinsam mit seinen beiden verwöhnten Töchtern Clorinda und Tisbe zum Schloss des Fürsten Ramiro eingeladen wird. Einzig der dritten Tochter des Hauses wird der Gang zum Ball und damit die Chance auf eine Hochzeit mit dem Fürsten verwehrt. Nämlich dem Aschenputtel, gespielt von Mezzosopran-Sängerin Maria Rebekka Stöhr, die damit die harmonische Zwei-Mann-Show auf der Bühne komplettiert. „Es ist beeindruckend, wie einfach sie eine so fantasievolle Welt gestalten“, sagt Sabine Martz, die als Lehrerin der Grundschule Benningen jedes Jahr die Schülerkonzertreihe besucht. Mehr als zwei Akteure, das Musiktrio und die Lego-Kulisse braucht die Inszenierung auch nicht. Den Rest übernehmen die Schulkinder selbst. Sie sorgen für die gewünschte Wetterlage auf der Bühne und verstecken das Aschenputtel, nachdem dieses seinen Schuh auf dem Ball verloren hat. Sängerin Maria Rebekka Stöhr freut sich als Aschenputtel natürlich über ein glückliches Ende und sorgt mit einer finalen italienischen Arie für staunende Kinderaugen. „So einen Gesang habe ich noch nie gehört. Das war toll“, sagt die siebenjährige Mona strahlend.
Laura Wolf