Pforzheimer Zeitung
„Tête-à-tête“ zweier Hochkaräter
„Leider finden sich im Konzertleben viel zu selten zwei gleichrangige, hochkarätige Solisten für dieses einzigartige Kabinettstück“, schreibt ein Konzertführer, doch Peter Wallinger und seine „sueddeutsche kammersinfonie bietigheim“ präsentierten diese Rarität: Wolfgang Amadeus Mozarts Sinfonia Concertante Es-Dur (KV 364) für Violine, Viola und Orchester. Das Werk war als Haupt- und Mittelstück des Saison-Abschlusses der Konzertreihe „MühlackerConcerto“ am vergangenen Samstag in der Pauluskirche der Senderstadt zu hören – zusammen mit der Geigerin und Konzertmeisterin des Amsterdamer Concertgebouw-Orchesters, Ursula Schoch, und dem Viola-Spieler Michael Gieler, der als Solobratschist ebenfalls Mitglied des Concertgebouw ist.
Ein eingespieltes „Tête-à-tête“ zweier Hochkaräter also, die in minutiöser gegenseitiger Feinabstimmung das Doppelkonzert als typischen Mozart ausgestalteten – heiter und fröhlich im Grundcharakter, mit eingeblendeten düsteren, abgründig dunklen Seiten.

In die prächtige, von Hörner- und Oboen-Klängen angereicherte Orchester-Einleitung mit den temperamentvollen Steigerungspassagen fügten sich die Solo-Streicher fast unmerklich ein und entfalteten, aus hoher Lage in ihre ersten Einzeleinsätze absteigend, ein farbenreich brillantes, sich einander ständig imitierendes Spiel. Bis dieser erste Satz („Allegro maestoso“) in eine technisch anspruchsvolle Solisten-Kadenz einmündete, die Mozart für beide Instrumente auskomponiert hat. Das folgende „Andante“ brachte tiefsinnig schwermütige Moll-Stimmungen in den zunächst vorherrschenden Optimismus ein, wobei die Solisten über einem durchdringenden Hörner-Halteton mit melodischer Intensität eine geradezu schmerzhafte Dissonanz ausformulierten. Das Finale bot die vergnüglich und virtuos musizierte, lebhafte „Presto“-Erlösung.
Eingerahmt wurde die bravouröse Mozart-Wiedergabe von Joseph Haydns Sinfonie Nr.6 D-Dur, genannt „Le Matin“, und von Igor Strawinskys „Pulcinella“-Suite für Orchester. Unter Wallingers motivierender Stabführung zeichnete Inspiration und Frische beide Interpretationen aus, so dass sich beim begeisterten Publikum konzertantes Vergnügen einstellte. Bei Haydn trumpfte das Ensemble insbesondere im Einleitungssatz mit munteren Bläser-Einwürfen auf und ließ den programmatischen morgendlichen Sonnenaufgang klangmalerisch nachempfinden, um im zweiten Satz der exzellenten Konzertmeisterin Sachiko Kobayashi solistische Gelegenheiten für fein ausgearbeitete, getragene Melodiebögen zu bieten. In der lustigen Strawinsky-Komposition „Pulcinella“, die der zu allerhand Scherzen aufgelegten venezianischen Commedia dell’Arte-Figur alle Ehre macht, brillierten vor allem die ausgezeichneten Bläsergruppen und der Kontrabass des Bietigheimer Orchesters mit pfiffigen Brechungen, rhythmischen Sprüngen, burlesken Tänzen und brachial lärmenden Akzenten.
Eckehard Uhlig
Munter zwitschert die Blockflöte
Kein aufwendiges Ritual, wie es sonst bei solchen Gelegenheiten gern zelebriert wird. Stattdessen fröhliche Leichtigkeit. Passend zum Vorfrühlings-Sonnenschein und zum lichtdurchfluteten Ambiente bereitete das Neujahrskonzert in Ötisheim eine helle Freude. Das lag vor allem an flink zwitschernden Töne-Kaskaden, zart ausgezogenen Klangbögen und virtuos sprühenden Cluster-Girlanden. Damit verzauberte Blockflötist Daniel Koschitzki die Zuhörer in der bis auf den letzten Winkel besetzten, erst kürzlich restaurierten und zum Konzertsaal umfunktionierten Historischen Kelter. Der alle Erwartungen übertreffende Erfolg war natürlich auch ein Verdienst der von Peter Wallinger geleiteten „sueddeutschen kammersinfonie bietigheim“, die dem Bläsersolisten einfühlsame Streicher-Grundierungen und mancherlei musikantische Impulse offerierte.

In zwei Konzertstücken demonstrierte der preisgekrönte und von der Bundesregierung zum „Kultur- und Kreativpiloten Deutschlands“ berufene Blockflöten-Virtuose seine glanzvolle Kunstfertigkeit. Das mit furioser Rasanz musizierte Allegro aus einem F-Dur-Concerto für Sopranblockflöte und Orchester des in Mailand geborenen und in London bei Händels Oratorienaufführungen mitwirkenden Oboisten Giuseppe Sammartini war eine Wucht: Glitzernde Trillerketten, hüpfende Arpeggien und brillant ausgeformte Akzente bestimmten die Komposition.
Frappierend Koschitzkis schwebende Behändigkeit bei lupenreiner Intonation – blockflötenübliche Unsauberkeiten Fehlanzeige! Dasselbe Bild bei noch gesteigerter Virtuosität mit der kleinsten aller Blockflöten zeigte sich in Antonio Vivaldis dreisätzigem Concerto C-Dur für Sopranino und Streichorchester (RV 443). In spieltechnisch unglaubliche Höhen aufsteigende, atemberaubend endlose Tempoläufe zeichneten das orchestral abgefederte Einleitungs-Allegro aus. Largo-Schönheiten mit weichen Melodiebögen über kraftvollem Streichersound lösten im zweiten Satz Sehnsuchts-Stimmungen aus, wie man sie dem Flöten- und Hirtengott Pan zuschreibt. Nicht nur hier reagierte die zerbrechliche Miniaturblockföte empfindsam noch auf die feinsten Atemschübe. Schlackenfrei klar und temperamentvoll das abschließende Allegro molto, das der fulminanten Interpretation die Krone aufsetzte. Publikumsjubel und Bravorufe sowie eine Zugabe (Allegro molto für Blockflöte solo von Benoit Tranquille Berbignies) waren die Folge.
Das von Wallinger ausgelassen zupackend dirigierte, munter aufspielende Streicherensemble punktete freilich auch ohne Solisten. Mit barocker Klangpracht in Vivaldis Concerto G-Dur „Alla Rustica“ (op.51, Nr.4), heiter mit einer A-Dur-Streichersonate von Rossini oder romantisch schwelgend mit Puccinis Bravourstück „Chrysanthemen“ für Streicher. Überhaupt lebte das bunte, von Edgar Wipf kompetent moderierte und unter den Titel „Venedig-Prag“ gestellte Nummernprogramm vom atmosphärischen Kontrast der historischen Aufführungsorte und Epochen. Die böhmische Musik war mit Walzern von Dvorák, einer selten zu hörenden Streicher-„Idylle“ von Leos Janácek und einem arios galanten, für Orchester gefassten Quintetto in Es-Dur von Josef Myslivecek vertreten. Walzer-Takt und der süße Schmelzklang der Geigen werden als Nachhall bleiben. Aber das gehört zu einem richtigen Neujahrskonzert einfach dazu.
Eckehard Uhlig
„sueddeutsche kammersinfonie“ im Mühlehof
Weil der Uhlandbau gegenwärtig renoviert wird, mussten Peter Wallinger und die sueddeutsche kammersinfonie bietigheim mit der Konzertreihe „MühlackerConcerto“ am Samstagabend in den deutlich größeren, deshalb leider nur schwach besetzten Gottlob-Frick-Saal im Mühlehof umziehen. Mit Werken aus zwei Jahrhunderten bot dieses brillante Ensemble den versprochenen Klangzauber in reichem Maße.

Die „Pavane pour une Infante défunte“ von Maurice Ravel ist ein sanft dahin schreitendes Orchesterstück, in dem wehmütig und andachtsvoll an eine verstorbene Prinzessin erinnert wird. Die sueddeutsche kammersinfonie bietigheim leitete damit das Konzert ein und bestach vom ersten Takt an mit einer lyrisch und verklärt gestalteten Aufführung der weit tragenden schlichten Melodik.
Vor drei Jahren beeindruckte der in Südfrankreich geborene, blinde Pianist Bernard d’Ascoli damals im Uhlandbau mit einer unvergesslich ausgereiften Interpretation des Klavierkonzerts Nummer drei von Ludwig van Beethoven. Am Samstagabend war dieser außergewöhnliche Künstler erneut in Mühlacker zu hören. Zusammen mit der sueddeutschen kammersinfonie bietigheim unter der Leitung von Peter Wallinger führte er das Klavierkonzert A-Dur, KV 488, von Wolfgang Amadeus Mozart auf. Bernard d’Ascoli ließ bereits im ersten Satz wegen seines schwebend leichten Anschlags aufhorchen, mit dem er die graziösen Themen in bewegtem Tempo überaus transparent ausbreitete. Unter d’Ascolis Händen erklang ein besinnliches und beseeltes Adagio und das Einleitungsmotiv des dritten Satzes spielte er mit solch erfrischendem Elan, dass eine von sprühender Intensität getragene Interpretation zu erleben war, zumal auch die sueddeutsche kammersinfonie bietigheim den Solisten mit klangprächtiger Fülle begleitete und ihren Begleitpart in gewohnt feiner Nuancierung farbenreich musizierte.
Zauberisch und verträumt erklang das Prélude à „L’après-midi d’un faune“ (Der Nachmittag eines Fauns), das Claude Debussy im Jahr 1892 komponierte. Es gilt als das erste impressionistische Orchesterwerk der Musikgeschichte. Das Flirren und Flimmern der Luft an einem warmen Sommernachmittag in der mythischen Landschaft Arkadiens ließ Peter Wallinger von seinem Orchester genüsslich musizieren. Insbesondere die Holzbläser führten die elegisch dahinfließende Melodik in sensibler Intonation aus. Ein wahrer Ohrenschmaus war dies Wiedergabe des Debussy-Werks.
Beliebt und gern gehört ist die Sinfonie Nummer fünf in B-Dur, von Franz Schubert 1816 in Noten gesetzt. Sie ist in ihrem anmutigen ersten Satz noch deutlich von Mozart beeinflusst. Romantische Stimmungen und tänzerische Elemente artikulieren sich auch in den weiteren vier Sätzen durch weitgespannte, eingängige Melodien. Drei Sätze musizierte das Orchester in forschen Tempi und entfaltete dabei seine in jedem Register glutvolle Klangfülle.
Nur das Andante erklang in geruhsam dahingleitendem Tempo Der beliebten Sinfonie wurde mit der unpathetischen Wiedergabe kraftvoll leuchtender Glanz verliehen.
Rudolf Wesner
Impressionen des Südens
„Mediterrane Streifzüge“ versprachen Peter Wallinger und seine „sueddeutsche kammersinfonie bietigheim“ beim „Musikalischen Sommer“ in Lienzingen. Tatsächlich waren (wegen drückender Hitze) nicht nur Dirigent und Instrumentalisten gekleidet, als stünde der Aufbruch in die Toskana kurz bevor. Auch die gebotene Musik leuchtete in sommersatten Farben.
Die einleitend musizierten Instrumentalstücke aus Claudio Monteverdis Bühnen-Märchen „Orfeo“ zelebrierten im Wechsel temperamentvoll aufgehellte und dunkel traurige Sätze, kamen gemessenen Schrittes daher oder tänzerisch leicht. Später gab es ein in manchen Passagen südländisch glühendes „Concerto per Archi“ (Streicherkonzert) des italienischen Komponisten Nino Rota, dessen Filmmusiken große Erfolge waren. Und Teile aus den populären, im alten Stil anmutig und musikantisch reizvoll vorgetragenen „Antiche Danze ed Arie“ von Ottorino Respighi. Im Zentrum der musikalischen Matinee aber standen zwei Solo-Konzerte mit der renommierten Marimba-Spielerin und polnischen Musikhochschul-Professorin Katarzyna Mycka, die als internationale Botschafterin ihres ursprünglich aus Guatemala stammenden Instrumentes gilt.

Virtuose Technik
Die Wiedergabe des von ihr transponierten d-Moll-Konzerts „für Marimba und Orchester“ von Johann Sebastian Bach (nach dessen Cembalo-Konzert BWV 1052) gefiel nicht nur wegen des dunkel-verhangenen Resonatoren-Tons der benutzten Stabspiele. Vor allem begeisterte die Zuhörer die virtuose Handhabung der Triller-Ketten, Töne-Kaskaden und fein nachhallenden Akkord-Brechungen. Marimbaspieler brauchen an ihrem breit ausladenden Instrumententisch, mit je zwei Klöppeln in beiden Händen, athletische Kondition bei höchster Konzentration. Katarzyna Mycka verfügt zudem über eine Sensibilität, die jede dynamische Nuance beherrscht und schlafwandlerisch sicher Akzente setzt. Das zeigte sich nicht zuletzt in ihrer fulminanten Interpretation des Marimba-Konzertes von Emmanuel Séjourné (geboren 1961), das sich dank seiner aus tiefsten Regionen in lichte Höhen aufsteigenden, anscheinend von kosmischen Energien getragenen Sphärenmusik ganz neuartigen, sinnlich intensiv erfahrbaren Klangräumen öffnete. Blitzschnelle Reaktionen zeichneten den Wirbel der Schlegel aus, aber auch geschmeidige, jäh gebremste Geläufigkeit.
Solche Impulse wurden vom Orchester unter Wallingers Leitung weiter getragen und zu einem stimmungsvollen Musiktableau mediterraner Prägung gefügt.
Eckehard Uhlig
Künstlerische Solidität Peter Wallinger dirigiert die Sueddeutsche Kammersinfonie
Die Konzerte des Dirigenten Peter Wallinger und seiner „Sueddeutschen Kammersinfonie Bietigheim“ in Mühlacker und beim Musikalischen Sommer in Lienzingen sind seit Jahren fester Bestandteil des klassischen Musikangebots in der Region.
Auf einer jetzt erschienen CD werden aufnahmetechnisch solide Mitschnitte, die klanglich recht kompakt und etwas direkt geraten sind, aus der Saison 2009/2010 des Orchesters vorgestellt. Als Solistin in Wolfgang Amadeus Mozarts 4. Violinkonzert D-Dur KV 218 ist die Geigerin Ursula Schoch, Konzertmeisterin des Amsterdamer Concertgebouw Orchestra, vertreten, mit der Wallinger seit langer Zeit eine erfolgreiche Zusammenarbeit pflegt.
Sie musiziert das D-Dur Konzert mit klarem, aufblühenden Ton, sehr lebendig und rhythmisch pointiert. Eine Herangehensweise, die durch ihre Natürlichkeit und die Unverkrampftheit des Spiels besonders für sich einnehmen kann. Als Zugabe der Geigerin wird zudem das Adagio aus Johann Sebastian Bachs 1. Solosonate BWV 1001 präsentiert.
Neben zweier Schubert-Tänze, bei denen von Wallinger das Folkloristisch-Erdverbundene der Musik in den Vordergrund gerückt wird, kann besonders die 4. Sinfonie von Robert Schumann, dessen 200. Geburtstag in diesem Jahr gefeiert wird, überzeugen. Die „Sueddeutsche Kammersinfonie Bietigheim“ präsentiert sich unter der vorantreibenden Stabführung Wallingers als sehr sicheres Orchester mit markanten Bläsern und klangschönen Streichern, die nur in den hohen Passagen gelegentlich etwas spitz und ausgedünnt wirken.
Die Spätfassung der d-Moll Sinfonie mit ihren zyklischen Verschränkungen erfährt hier eine profunde Wiedergabe. Etwas blechbläserlastig, aber dennoch sehr markant und wirkungsvoll erklingt Jean Sibelius „Finlandia“, feines Lokalkolorit prägt die Auszüge aus der ersten „Peer Gynt“-Suite von Edvard Grieg.
Alles in allem eine CD, die nicht nur den Freunden des Orchesters empfohlen werden kann.
Thomas Weiss
Solistenkonzert im Mühlacker Uhlandbau: Sommerduft und Winterwetter
Draußen Schneeflocken und Frost. Drinnen erwärmten beim letzten Mühlacker Uhlandbau-Winterkonzert dieser Saison Musikanten die Herzen der begeisterten Zuhörer. Und zwar mit der sueddeutschen kammersinfonie bietigheim unter Peter Wallinger und den Solisten Ursula Schoch (Violine) und Johan van Iersel (Violoncello) – Instrumentalisten der Extraklasse.
Eingeleitet wurde der Abend mit der selten aufgeführten Orchesterfassung von Maurice Ravels „Menuet antique“, bei dem man sich als programmatische Vorgabe munteres Treiben der Hirten und Panflöter aus der griechischen Mythologie vorstellen könnte. Jedenfalls befeuerten schrill dissonante, heiße Bläserakzente eine untergründig schwelende Glut. In ruhigen Phasen leuchteten lyrisch pastorale Melodien. Farbintensive Musikornamente beflügelten mit Klang-Wolken und den ersehnten sommerlichen Düften die thematisch pendelnde Schlussbewegung. In ihrem ureigensten Element bewegten sich Wallinger und sein Kammersinfonieorchester mit der Wiedergabe von Wolfgang Amadeus Mozarts „Prager Sinfonie“ (Nr. 38 D-Dur, KV 504). Die gleichermaßen zügig und gezügelt interpretierte Komposition bot einen Mozart, wie er sein soll: abgründig dunkel und dabei heiter und fröhlich. Die innere Logik der – ungewohnt dreisätzigen – Sinfonie wurde mit transparenter Dynamik herausgearbeitet und ihr Gefüge mit struktureller Geschlossenheit ausgestattet.
Die vorangestellte gewichtige „Adagio“-Einleitung setzte die grüblerische, in Teilen an die Zauberflöten-Ouvertüre erinnernde Entwicklung des „Allegro“-Sonatensatzes mit machtvollen Forte- und zarten Pianissimo-Abschnitten in Gang. Auch dem langsamen zweiten Satz, dem komplexen „Andante“, fehlte es nicht an Dichte und Energie. Im finalen „Presto“ zogen die Interpreten alle Register übermütiger Lebendigkeit, wobei Wallinger vom Pult aus für den nie nachlassenden Spannungsbogen sorgte.
Nach der Pause setzten die Bietigheimer zusammen mit den beiden Solisten in Johannes Brahms‘ Doppelkonzert a-Moll op.102 für Violine, Violoncello und Orchester zum angekündigten „klassisch-romantischen Höhenflug“ an. Das Brahms’sche Spätwerk hat zwar nie ganz die Popularität seiner anderen Solokonzerte erreicht. Und ist dennoch, wie man sich in Mühlacker überzeugen konnte, ein mitreißendes Meisterwerk.
Wuchtige, mottoartig platzierte Orchester-Tutti eröffneten das monumentale Werk, um bald den Soloinstrumenten Gelegenheit zu geben, sich einzeln und gemeinsam zu präsentieren. Und wie dabei Schoch und van Iersel in markant punktierten Motiven zum konzentriert ausbalancierten Duett zusammenwuchsen, wie sie mit delikatem Klangsinn ihrer fein verschlungen Streicherlinien oder im spannungsvollen Gegeneinander von Achteln und Triolen vor dem Orchester-Hintergrund agierten und virtuos aufgeladene Klangpakete ablieferten, war mehr als hörenswert. Solch dichtes Musizieren bis hin zum effektvoll vibrierenden Finale erlebt man nicht alle Tage.
Eckehard Uhlig
Neujahrskonzert mit Süddeutscher Kammersinfonie
Ein Neujahrskonzert ohne Johann Strauß-Walzer und finalen Radetzky-Marsch – ist das vorstellbar? In Mühlacker schon, und zwar mit überaus geglückter, unkonventioneller Programmauswahl und heiterer Musik, die das Publikum im sehr gut besuchten Uhlandbau- Saal reich beschenkte.
Natürlich war auch das von Peter Wallingers Süddeutscher Kammersinfonie Bietigheim gegebene Konzert zumindest im ersten Teil ganz von der Wiener Musiktradition bestimmt. Drei „Deutsche Tänze“ von Franz Schubert (aus D 89) leiteten die musikantische Matinee ein: Ein Tanz mit solistischen Geigen-Abschnitten, die von Konzertmeisterin Sachiko Kobayashi nuanciert fein ausgeführt wurden. Dann ein dynamisch „gewienerter“ zweiter Satz mit einem herausgestellten Reigen im Mittelteil und ein dritter mit konturscharf betonten Rhythmus-Akzenten. Danach folgte ein Bravour-Stück für Salonorchester und Solofagott, die komische Polka „Der alte Brummbär“ des österreichischen Armee-Kapellmeisters Julius Fucik.

Foto: Baumgärtel
Wobei der exzellente Solofagottist Frank Lehman sein Holzblasinstrument nicht nur in abgründig tiefen Lagen virtuos und sonor brummen ließ, sondern auch mit klangschön sanglichen Passagen glänzte. „Neue Wiener Ländler“ von Josef Lanner stimmten auf gefällige Weise in den Dreier-Takt ein, der dann in Antonin Dvoráks „Walzer A-Dur op. 54“ verhaltener Melancholie Ausdruck verlieh. Nach der Konzertpause widmete sich das Bietigheimer Ensemble dem weltläufigen Pariser Flair. Frisch und französisch prickelnd kam die „Ballettmusik“ von Christoph Willibald Gluck daher, um in einem wunderbar zarten Pizzikato-Pianissimo-Ausklang ihre anfangs präsentierte Tanzleidenschaft gleichsam erschöpft auszuhauchen. Die Soloflötistin Verena Guthy-Homolka brillierte in Benjamin Godards „Suite de trois morceaux“ (op. 116) mit herrlich lyrischen Klangbögen einerseits („Idylle“), mit spritzig schäumenden Skalen-Sprüngen und Läufen auf der anderen Seite („Allegretto“ und „Valse“). Jacques Offenbachs „Streicherserenade C-Dur“, die „Sicilienne op. 78“ von Gabriel Fauré sowie Peter Tschaikowskys „Barkarole op. 37a“ steuerten weitere, in unterschiedlichsten Farben blitzende Klangfacetten bei, die Orchesterleiter Peter Wallinger vom Dirigentenpult aus mit lebendiger Interpretationskunst aufpolierte. Als Moderatorin erläuterte Nicole Raichle das Konzert-Motto „Wien – Paris“. Naturgemäß gab es heuer vielerlei Gelegenheiten, Neujahrskonzerte zu hören: Das im Mühlacker Uhlandbau war eines der Schönsten.
Eckehard Uhlig
Mit jugendlich-frischem Elan Peter Wallinger dirigierte in Mühlacker mit der sueddeutschen kammersinfonie bietigheim „Nordische Impressionen“
Mit einem ebenso anspruchsvollen wie anregenden Programm unter dem Motto „Nordische Impressionen“ schlug Peter Wallinger mit seiner aus zumeist jungen Musikern bestehenden „sueddeutschen kammersinfonie bietigheim“ im Uhlandbau in Mühlacker den Bogen von Bekanntem wie „Finlandia“ von Jean Sibelius und der „Hebriden“-Ouvertüre von Felix Mendelssohn Bartholdy über Populäres (Edvard Griegs erster „Peer Gynt“-Suite) zu einer Rarität, dem zweiten Klavierkonzert des schwedischen Pianisten, Dirigenten und Komponisten Wilhelm Stenhammar. Stenhammar (1871 bis 1927), der als Vaterfigur der schwedischen Musik gilt, genießt außerhalb seiner Heimat längst nicht jenes Ansehen, das ihm ob seiner musikalischen Leistungen gebühren würde. Neben der „Excelsior“-Ouvertüre tauchen seine weiteren sinfonischen Werke außerhalb Schwedens nur sehr selten in den Konzertprogrammen auf.

Mit seinem zweiten, das ebenso wie das erste Klavierkonzert viersätzig, mit einem Sherzo als zweitem Satz angelegt ist, hat Stenhammar ein für den Solisten höchst anspruchsvolles, ohne dabei oberflächliche Virtuosität bedienendes Konzert geschrieben. Vom unbegleiteten Solobeginn des Pianisten an erhält das komplexe Werk seinen Reiz durch Verunklarung der „offiziellen“ Haupttonart d-Moll zwischen Solist und Orchester, die die ersten beiden Sätze an- hält. Im Uhlandbau konnte sich Gerhard Vielhaber als ein manuell ansprechender, dem dichten Klaviersatz manch anregendes Detail abgewinnender Interpret profilieren, der sich für den herzlichen Publikumsbeifall auf dem etwas sehr metallisch klingenden Flügel mit einem Intermezzo von Robert Schumann bedankte. Dass manche Passagen des d-Moll-Konzertes noch nicht konsequent genug ausgeformt erschienen, ist bei der ersten öffentlichen Interpretation eines ebenso schwierigen wie unbekannten Werkes verständlich. Nicht nur bei Stenhammar überzeugte die sueddeutsche kammersinfonie Bietigheim mit ihrer Spielfreude und dem bedingungslosen Engagement,das manche Probleme im Zusammenspiel, manches noch nicht überzeugende Detail in den Hintergrund treten ließ.
„Finlandia“ die heimliche Hymne Finnlands, die zur Zeit der russischen Okkupation das erwachsende Nationalgefühl widerspiegelte, wurde von Wallinger mit machtvollen, den Bläserapparat gegenüber den ausgedünnt klingenden hohen Strei- chern etwas zu sehr in den Vordergrund rückendem Pathos musiziert. Geschmeidig, mit ausgewogem Verhältnis des mit schönen Soli aufwartenden Holzbläserapparats und nuancierten Streichern erklang die „Hebriden“-Ouvertüre Mendelssohn-Bartholdys, ein würdiger Beitrag zum Mendelssohn-Jahr, der den Elan und das klangliche Vermögen des Ensembles ins beste Licht rückte. Mit fein ausgehörten Details präsentiere Wallinger auch die erste „Peer Gynt“-Suite Griegs, Musik, die etwas im Ruch von „Wunschkonzert“-Seligkeit steht.
Im Uhlandbau erklang die „Morgenstimmung“ fein austariert, „Ases Tod“ in lichte Streicherklänge ohne Sentimentalität getaucht, „Anitras Tanz“ rhythmisch entsprechend packend musiziert, um mit „In der Halle des Berglöwen“ einen ansprechend gesteigerten Abschluss zu finden.
Thomas Weiss
Sinfonisches Glück in vollen Zügen Peter Wallinger dirigierte das Festkonzert „25 Jahre Kammersinfonie“ in Mühlacker
Auf ausgetretenen Pfaden wandelt Peter Wallingers „sueddeutsche kammersinfonie bietigheim“, die mit einem Festkonzert im Mühlacker Uhlandbau ihr 25-jähriges Bestehen feiern konnte, gewiss nicht. Das Eröffnungsstück des Bietigheimer Komponisten Hans Georg Pflüger (1944-1999) ist selten zu hören, bildete nicht nur wegen seines Titels „Strahlende Pforte“ einen sinnfälligen Konzert-Eingang und konfrontierte das überraschte Publikum mit freier Atonalität. Unmittelbar aus dem Stimmvorgang des Orchesters entwickelte sich über dissonant schrillen Streicherflächen assoziativ und aufwendig gestalteter Bläserklang. Trompeten-Akzente oder lärmende Tutti mündeten in ein mitreißendes Finale ein.
Dann erlebten die Zuhörer als ausgleichenden, wohltuenden Ohrenschmaus Wolfgang Amadeus Mozarts D-Dur-Konzert (KV 218) für Violine und Orchester. Und zwar mit einer hochkonzentriert aufspielenden Sologeigerin Ursula Schoch, die 1990 am Beginn ihrer Karriere als Debütantin bei den Ludwigsburger Schlossfestspielen schon einmal mit diesem Werk des Salzburger Musikgiganten reüssierte. Seinerzeit überhäuften die Kritiker „die junge Nachwuchskünstlerin“ mit überschwänglichem Lob und attestierten „eine großartige, im Dienst der Musikalität stehende Technik und hohes Gestaltungsvermögen“. Dem ist auch heute wenig hinzuzufügen. Der Dialog mit dem Orchester im „Allegro“ zeichnete sich durch geschmeidige Flexibilität aus. Mit samtig voller Klangpracht strömte im Mittelsatz („Andante cantabile“) die innige Melodie wie sinnlich weicher Gesang. Die tänzerisch temperamentvollen Abschnitte im „Rondeau“-Finale wirkten ungemein frisch. Bemerkenswert fein ausgearbeitete Kadenzen und Spieleleganz kamen hinzu. In der Zugabe erfreute Schoch mit einem melancholisch-wehmütigen, zart ausgeführten Satz von Johann Sebastian Bach („Adagio“ aus der g-Moll-Violinsonate BWV 1001).
Nach der Pause kam die Stunde des (sowohl im Bläser- als auch im Streicherbereich deutlich verstärkten) Orchesters. Robert Schumanns Sinfonie Nr.4 (in d-Moll, op.120) stand auf dem Programm und wurde mit Klangschönheit und Verve gemeistert. Wobei ergänzt werden muss, dass der schwerflüssige Eindruck, der Zuweilen bei Wiedergaben von Schumanns Orchestermusik mit großen Philharmonien entsteht, in der Mühlacker Interpretation völlig vermieden wurde. Wallingers Deutung beeindruckte durch musikalische Geschlossenheit, durch Binnenspannung und hoch-fliegenden Schwung, war erfüllt von drängender, wogender Heftigkeit.
R. Uhlig
Facetten der Romantik: Fast intime Aura Virtuosität und Eleganz
Das war der unbestrittene Höhepunkt beim „Concerto“ der sueddeutschen kammersinfonie im Mühlacker Uhlandbau-Saal: Francis Gouton funkelte mit Tschaikowskys „Rokoko-Variationen“ op. 33 für Violoncello solo und Orchester.
Der Meister-Cellist aus Frankreich kann auf seinem Instrument klangseelig singen, aber auch wild und dramatisch aufbegehren. Mit unerhörter Leichthändigkeit entfaltet der Solist den Dialog mit sich selbst. Formt aus dem musikantischen Frage- und Antwortspiel eine mitreißende, spannende Erzählung. Und vermag dabei spieltechnisch zu glänzen und virtuos aufzutrumpfen wie kaum ein anderer seiner Zunft.
Wenn sich dann das Orchester unter Peter Wallingers Leitung vor allem mit seinen exzellenten Bläsern munter beteiligt und einmischt, dann leuchtet Peter Tschaikowskys romantisches Bravourstück in den allerschönsten Farben. Cello-Skalen stauen sich zum Gipfelpunkt hin und verglühen in den schwindelerregenden Höhen des Flageoletts. Scherzoartig sprühen kurz-gebundene Rhythmen vor Temperament. Gouton reizt den klanglichen Facettenreichtum seiner vier Cello-Saiten bis zur letzten Finesse aus und verfügt dennoch über schier unerschöpfliche Spielreserven. Auch beeindruckte die Eleganz des Musikhochschul-Professors und die höfliche Vornehmheit seines Auftretens das begeisterte Publikum.
Neben dieser Solisten-Kür bot der denkwürdige, unter den Titel „Facetten der Romantik“ gestellte Konzertabend zum 25. Geburtagsjubiläum des Wallinger-Ensembles eine fein ausgewogene Interpretation der Serenade Nr. 2 (in A-Dur, op. 16) von Johannes Brahms. Das „für kleines Orchester“ komponierte Werk erwies sich für das Format einer Kammersinfonie als geradezu ideal. Poesie und Empfindungen der nicht nur dynamisch sehr unterschiedlich angelegten fünf Sätze wurden von den Interpreten gleichsam szenisch ausgemalt. Wobei planvolle Detailarbeit und die Natürlichkeit der Klangbilder hervorzuheben wären. Dunkel verhangenes Timbre (Brahms verzichtete völlig auf die beiden hellen Violinstimmen) verlieh der Serenade eine charaktervolle, zum Aufführungsort passende, fast intime Aura. Richard Wagners „Siegfried-Idyll“ und das Vorspiel zum 3. Aufzug der „Meistersinger von Nürnberg“ rundeten das Programm mit den durchaus beabsichtigten emotionalen Romantik-Reminiszenzen ab.
R. Uhlig