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Pforzheimer Zeitung

Die etwas anderen Seiten der Harfe

Komposition „L’Oiseau bleu“ beim Festival „Musikalischer Sommer“ uraufgeführt.

Peter Wallinger leitet die Borenstein-Uraufführung mit der Harfenistin Anne-Sophie Bertrand und der Süddeutschen Kammersinfonie Bietigheim in der Lienzinger Frauenkirche. Foto: Mammel

Mühlacker-Lienzingen. Mit „L’Oiseau bleu“ für Harfe und Streicher (op. 89) kommt bei Peter Wallingers Konzertreihe „Musikalischer Sommer“ in der Lienzinger Frauenkirche ein neues Werk des britisch-französisch-israelischen Komponisten Nimrod Borenstein erstmals zu Gehör. Gewidmet der Harfenistin Anne-Sophie Bertrand, sollte das höchst filigrane Stück für Soloharfe und Streichorchester ursprünglich im vergangenen Jahr in Cardiff uraufgeführt werden. Nachdem dies pandemiebedingt nicht stattfinden konnte, ging die Soloharfenistin des           hr-Symphonieorchesters Frankfurt mit der Idee, die Weltpremiere mit den Streichern der Süddeutschen Kammersinfonie Bietigheim zu realisieren, auf Wallinger zu, mit dem sie eine langjährige Zusammenarbeit verbindet.

Die Vertrautheit zahlt sich aus: In der Überlagerung verschiedener Rhythmen polyrhythmisch angelegt, birgt „L’Oiseau bleu“ einige Herausforderungen für die Musiker, reiht unterschiedliche Bilder vom Walzer über Märchenhaftes bis zu dramatischen Episoden – durchaus in einem neo-impressionistischen Sinn, geht in manchem aber über seinen klassizistischen Ansatz hinaus und führt die Harfe punktuell in Bereiche jenseits des im Instrument angelegten Klangrepertoires der Akkordbrechungen, Glissandi und Triller.

Geschmeidig und elegant, zuweilen aber auch fulminant und teilweise glashart greift Bertrand in die Saiten, frappierend schließlich die nahezu akrobatische Klimax der metrisch zunehmend vertrackteren Komposition. Verdient der begeisterte Applaus des dankbaren, auf Abstand gesetzten Publikums – für die fabelhafte Solistin, das aufmerksame und präzise Orchester, und wohl auch für den nicht anwesenden Komponisten. Mit Joaquin Turinas „La Oración del Torero“ (Das Gebet des Toreros, 1925 entstanden) und Claude Debussys „Danse sacrée et Danse profane“ (1904) hat Wallinger diese Sternstunde mit einem passenden Rahmen versehen, für den der Impressionismus den roten Faden bildet. In Pablo Casals’ „El cant dels Ocells“ (Der Gesang der Vögel) ist Chihiro Saito eine wunderbare Solistin. Versöhnlich und hoffnungsfroh der Ausklang mit Edward Elgars „Serenade e-Moll“ (op. 20).

Autor: Harry Schmidt

Wohltuender Schönklang zum Advent

Pianistin Magdalena Müllerperth brilliert bei Mozart-Klavierkonzert.
Online-Auftritt mit Süddeutscher Kammersinfonie.

Mit geschlossenem Gesamtklang und schöner Transparenz in den Einzelstimmen spielte die Süddeutsche Kammersinfonie Bietigheim unter der Leitung von Peter Wallinger im Kronenzentrum Bietigheim. FOTO: MAMMEL

BIETIGHEIM-BISSINGEN. Heimisches Wohnzimmer statt Konzertsaal: Die Süddeutsche Kammersinfonie Bietigheim unter der Leitung von Peter Wallinger und die Solistin Magdalena Müllerperth konnte man zwar nicht live beim Adventskonzert im Uhlandbau Mühlacker erleben, aber im Netz gibt es nun eine im Bietigheimer Kronenzentrum mitgeschnittene Aufzeichnung als kostenloses Angebot. Mit guten Lautsprechern oder Kopfhörern ein lohnendes Konzerterlebnis.

Das im Frühjahr noch recht umfangreiche Programm des Adventskonzerts wurde im Lauf des Jahres den Corona-Einschränkungen angepasst, zusammengestrichen und geändert, erzählt Magdalena Müllerperth im Interview. Die Wahl fiel vor zwei Monaten schließlich auf das Klavierkonzert A-Dur KV 414 von Mozart und die Sinfonie Nr. 5 B-Dur D 485 von Schubert.

Das Klavierkonzert ist eines der ersten, das die hochbegabte Pianistin im Alter von zehn Jahren gespielt hat. Mozart schrieb es 1782 für eigene pianistische Auftritte. Es ging darum, den Publikumsgeschmack, aber auch den Nerv von Kennern zu treffen, erläuterte die Musikwissenschaftlerin Christina Dollinger in ihrer sehr informativen Einführung.

In jedem seiner drei Sätze hat das Klavierkonzert neue Hörerlebnisse zu bieten. Das Allegro überrascht mit drei Themen, von denen das Soloklavier aber nur zwei übernimmt. Magdalena Müllerperth arbeitete mit ihrem technisch ausgefeilten, lyrisch interpretierenden Spiel die heitere Leichtigkeit, die Verzierungen und Läufe umwerfend heraus. Die Kammersinfonie mit geschlossenem Gesamtklang und schöner Transparenz in den Einzelstimmen agierte unter dem konzentrierten, unaufgeregten und einfühlsamen Dirigat von Peter Wallinger als gleichberechtigter Partner. In der von Müllerperth 2001 – im Alter von neun Jahren – geschriebenen Kadenz greift sie spielerisch das dritte Thema auf, ein gelungener Kunstgriff.

Im Andante erweist Mozart seinem 1782 verstorbenen Förderer Johann Christian Bach eine musikalische Reminiszenz – ein getragener Ausdruck der Trauer, verbunden mit schönen, wehmütigen Erinnerungen. Der brillante Höhepunkt ist das abschließende Rondeau, in dem sich ein vergnügtes Thema in einen liedhaften Aufbau mit Strophen (Couplets) und Refrains verwandelt. Auch hier setzte die in Maulbronn-Schmie aufgewachsene Künstlerin mit einer eigenen Solokadenz mit perlenden Läufen einen bemerkenswerten Schlusspunkt. Als Zugabe passend zum zweiten Advent spielte die Pianistin „Morgen Kinder, wird’s was geben“ in einer Vielzahl virtuoser Variationen.

Franz Schubert schrieb seine Sinfonie Nr. 5 B-Dur D 485 1816 mit 19 Jahren und macht hier seine Begeisterung für Mozart zum Inhalt. Vieles erinnert an den verehrten Meister, ohne ihn jedoch nachzuahmen. Schubert setzt auf schlichte Zartheit und Melodik, man könnte sagen, er antwortet auf Mozarts funkelnde Brillanz mit biedermeierlicher Idylle.

In den vier Sätzen (Allegro – Andante con moto – Menuetto – Allegro molto-Trio – Allegro Vivace) ist unüberhörbar, dass Schubert ein begnadeter Liedkomponist war. Aus kantablen Linien wird eine Musik von großer Leichtigkeit und Heiterkeit. Unerwartete Modulationen zwischen Dur und Moll, ein Menuett, in dem sich ein stampfender Volkstanz und ein heiterer Ländler finden, tänzerische Themen, die jäh dramatisch umkippen, das alles macht die Sinfonie zu einem wohltuenden, die Sinne aufheiternden Hörerlebnis. Der dankbare und begeisterte Beifall der virtuellen Zuhörer ist den Musikern gewiss.

Das Konzert im Internet: www.muehlacker-klassik.de/muehlacker-concerto  

Uta Volz

Aufmunternd in Corona-Zeiten

· Jahres-CD „live 2020“ der sueddeutschen kammersinfonie.
· Neues Album bietet begeisternde Musikprogramme.

Klingt einfach gut: die aus Maulbronn-Schmie stammende Magdalena Müllerperth, zu sehen auch im Konzertvideo.  Foto: Mammel 
Liebevolle, sanfte Zwiesprache: Ursula Schoch und Tjeerd Top. Foto: Privat

Mühlacker. Johann Sebastian Bachs berühmte Violinkonzerte, aber auch Mozarts Klavierkonzert A-Dur (KV 414), sind im Tonträger-Musikmarkt alles andere als Raritäten. CD-Aufnahmen dieser Höhepunkte bereiten den Klassik-Fans aber dann große Freude, wenn sie – gerade in Corona-Zeiten mit ihren einschränkenden Bedingungen – von herausragenden Solisten musiziert werden, die den regionalen Orchester-Ensembles und traditionellen Spielstätten verbunden sind. Die Jahres-CD „live 2020“ von Peter Wallingers sueddeutscher kammersinfonie bietigheim, die sich mit ihren Auftritten beim „Musikalischen Sommer“ in Lienzingen, beim „Mühlacker Concerto“, in der Ötisheimer Kelter, in Pforzheim oder Maulbronn einen Namen gemacht hat, dokumentiert solche Ereignisse. Erstaunlich, was Wallinger und sein Organisationsteam den misslichen Umständen an begeisternden Musikprogrammen abgetrotzt haben.

Unter Wallingers Leitung interpretieren seine Kammersinfonie und die Geigerin Ursula Schoch Bachs E-Dur-Violinkonzert (BWV 1042) mit barock funkelnder Klangpracht, zu der auch die Lienzinger Frauenkirche als Aufführungsort akustisch ihren Beitrag leistet. Die Concertgebouw-Konzertmeisterin spielt mit tragender Eleganz und klangsatten Farben in den schnellen Ecksätzen, im „Adagio“ sind ihre Melodie-Linien verhangen und weich. Die Wiedergabe von Bachs Violin-Doppelkonzert d-Moll (BWV 1043), die sie mit ihrem Kollegen Tjeerd Top präsentiert, erfreut mit solistischer Rasanz. Die geigerische Zwiesprache der Beiden im „Largo“ entfaltet sich geradezu liebevoll und sanft. Und das Orchester kommentiert stets mit aufmerksamem Verständnis.

Das im Bietigheimer Kronenzentrum ohne Publikum aufgeführte – und auch als Internet-Video festgehaltene – Mozart-Klavierkonzert mit Magdalena Müllerperth am Flügel ist eine Klasse für sich. In der reduzierten Orchester-Fassung wiedergegeben, bleibt das Werk für jedes Ensemble nicht ohne Tücken, weil mit der „kleinen Truppenstärke“ alle Unschärfen herauszuhören sind. Wallinger und seine Instrumentalisten haben damit freilich keine Probleme. Und was die Pianistin macht, klingt einfach gut. Die erfrischend heiteren Passagen, die lyrisch nachdenklichen Tonfolgen und die temperamentvollen Akzente wirken allesamt fein ausgehört. Die Phrasen sind sauber und rund, perlende Läufe und innige Kantilenen meisterlich ausgeführt. Zudem bietet die CD das in Lienzingen aufgeführte „Adagio Ges-Dur“ aus Anton Bruckners Streichquintett.

Die freundlich aufmunternde, den darbenden Künstlern finanziell helfende Silberscheibe ist im Sekretariat der Kammersinfonie unter Telefon (07043) 958393 oder per E-Mail an susanne@boekenheide.net für zwölf Euro erhältlich.

Elegie mit leichter Frühlingsbrise

Facettenreiches Online-Konzert der Süddeutschen Kammersinfonie          
Violin-Solist Tjeerd Top spielt virtuos auf kostbarer Stradivari.

Peter Wallinger dirigiert die Süddeutsche Kammersinfonie Bietigheim souverän und mit großem Einfühlungsvermögen.  Foto: Mammel 
Bravouröse Technik: Tjeerd Top, Konzertmeister des Concertgebouw Orchesters Amsterdam. Foto: Mammel

Mühlacker. Elegie, Melancholie, Trauer – sind das die richtigen Ingredienzien für ein Frühjahrskonzert? Aber ja, wenn sie mit optimistischen Anklängen angereichert sind. Die Süddeutsche Kammersinfonie Bietigheim unter Leitung von Peter Wallinger hatte für ihr drittes kostenloses Online-Konzert mit dem Violin-Solisten Tjeerd Top ein facettenreiches Programm zusammengestellt und zwei selten gespielte Werke mit zwei bekannten Kompositionen kombiniert. Musikwissenschaftlerin Christina Dollinger führte kenntnisreich in das ungewöhnliche Programm ein.

Antonio Vivaldi (1678-1741) schrieb in Prag 1730/1731 sechs sehr unterschiedliche Werke, zu denen das selten gespielte Violinkonzert e-Moll RV 278 gehört. Die Freude des Komponisten an den Möglichkeiten seines Instrumentes zeigt sich in Bravour-Techniken wie Doppelsaitengriffen, Akkordübergängen in den höchsten Registern und rasanten Tempi.

Im düsteren Largo verwandelt sich die mit melodiös-tänzerischen Teilen wechselnde elegische Stimmung des ersten Satzes in tiefe, sehr intim anmutende Melancholie. Der Satz überrascht mit ungewohnter, fast experimentell wirkender Harmonik. Der Finalsatz ist geprägt vom reizvollen Zwiegespräch zwischen Theorbe (Barocklaute, gespielt von Thomas Boysen) und Solovioline sowie leidenschaftlich ausbrechenden Phrasen.

Tjeerd Top, Konzertmeister des Concertgebouw Orchesters Amsterdam, spielte virtuos und präzise auf einer Stradivari aus dem Jahr 1713 mit einem wunderbar warmen und voluminösen, gleichzeitig aber auch transparenten Klang. Die Süddeutsche Kammersinfonie Bietigheim unter dem angenehm zurückhaltenden Dirigat Wallingers agierte als souveräner und flexibler Partner.

Der Amerikaner Samuel Barber (1910-1981) ist durch eine einzige Komposition bekanntgeworden: das Adagio für Streicher op. 11, ein Arrangement aus einem Streichquartett. Es gilt als die Trauermusik schlechthin und wurde bei Beerdigungen von Prominenten (US-Präsident Roosevelt, Gracia Patricia und Rainier II. von Monaco, Albert Einstein) gespielt, im Gedenken an die Anschläge auf New York 2001 aufgeführt und wiederholt als Filmmusik verwendet.

Seine Eindrücklichkeit entsteht durch die unaufgeregte Wiederholung eines sich nach oben schraubenden Dreitakt-Motivs, das durch alle Stimmen hindurch variiert wird und in einer offenen Phrase endet.

Der polnische Jude Miezcysław Weinberg überlebte als einziger seiner Familie den NS-Terror und konnte nach Moskau fliehen. In seinem Concertino op. 42 verarbeitet er wehmütig-schöne Erinnerungen, die überschattet sind von Kriegserlebnissen.

Obwohl tonal angelegt, lebt die Komposition von reizvollen, gleitenden Modulationen, einer um die zentralen Tonarten schweifenden Musiksprache. Das Orchester ist dem immer wieder virtuos geforderten Solisten zunächst untergeordnet und erhält erst im schwirrenden Mittelteil des Finalsatzes thematische Eigenständigkeit.

Als Abschluss erklang der Walzer A-Dur op. 54/1 von Antonin Dvořák in der Bearbeitung für Streicher. Das wehmütig-verhaltene Stück mit seinen lautmalerischen Crescendo-Wellen ist jenseits aller Walzerseligkeit eine Reminiszenz des tschechischen Komponisten an die Donaustadt Wien.

Ein großes Dankeschön an das Orchester für dieses Online-Konzert auf hohem Niveau, das weiterhin auf www.muehlacker-klassik.de/muehlacker-concerto  abrufbar ist.

Autorin: Uta Volz

DREI FRAGEN

an Peter Wallinger, Leiter der sueddeutschen kammersinfonie

„Jetzt weltweit zu hören“

  1. Wie war bislang die Resonanz auf Ihre Online-Konzerte? 

Die Resonanz war außerordentlich groß. Wir bekamen begeisterte Rückmeldungen sogar aus den USA und aus Rumänien. Das ist ja das Plus dieser Online-Konzerte: Unsere Musik kann weltweit gehört werden. Eine gute Aufnahmequalität ist halt sehr wichtig, und da scheuen wir keine Mühe…  

  • Welche Videoaufzeichnung steht als nächste an? 

Wir werden auch unser Frühjahrskonzert mit Werken von Antonio Vivaldi, Samuel Barber, Mieczyslaw Weinberg und Antonin Dvořák aufzeichnen und ab dem Sonntag, 14. März ins Netz stellen. Als Solisten konnten wir den fantastischen Geiger Tjeerd Top, Konzertmeister im Concertgebouw Orchester Amsterdam, gewinnen.  

  • Welches Konzert hoffen Sie, live spielen zu können? 

Wir werden hoffentlich unsere Konzertreihe „Musikalischer Sommer“ in der spätgotischen Frauenkirche Lienzingen mit sechs Sonntags-Matineen am 13. Juni wieder live starten können. 

Fragen von Sandra Pfäfflin

Optischer und akustischer Genuss

Neujahrskonzert der sueddeutschen kammersinfonie online.
Kontrabassist Michinori Bunya begeistert mit seinem Spiel.

Kostenlos zu erleben: Peter Wallinger dirigiert die sueddeutsche kammersinfonie bietigheim mit dem Solisten Michinori Bunya.
Foto: Theresa Mammel

Im Internet übertragene Video-Konzerte aus der „digital concert hall“ gibt es nicht nur aus Berlin, wo die Philharmoniker das Format für historische Aufnahmen 2009 erfunden haben, sondern – Corona sei’s geschuldet – auch von Peter Wallingers sueddeutscher kammersinfonie ohne Publikum aus der Kelter in Bietigheim-Bissingen.

Nach seinem erfolgreichen Adventskonzert (die PZ berichtete) folgt nun das – in analogen Zeiten bei der MühlackerConcerto-Reihe traditionsreiche – Neujahrskonzert, das sich hinter den übermächtigen großen Veranstaltern nicht zu verstecken braucht. Denn Wallinger und sein Team präsentieren eine Sensation: Michinori Bunya, einen der renommiertesten Kontrabassisten. Bunya, der sich im Konzert-Video sowohl solistisch (mit Hans Frybas „Arabesken für Kontrabass“) als auch zusammen mit dem Orchester („Adagio und Rondo für Kontrabass und Streicher“ von Johannes Matthias Sperger) vorstellt, ist eine Wucht.

Beim Spiel der selten zu hörenden Originalkompositionen scheint Bunya, über den Bass-Corpus gebeugt, mit seinem Instrument verwachsen, jedenfalls eine Einheit zu sein. Die Interpretation der technisch anspruchsvollen Arabesken changiert zwischen rhythmisch betonten Schrittfolgen in hohen Lagen, satten Tonfarben und melancholisch verhaltenem Gleiten über die Saiten. Stets versuchen die Stücke die Improvisation der klassischen Musik Arabiens nachzuempfinden. Die beiden zusammen mit Wallingers einfühlsam begleitendem Ensemble gebotenen Sperger-Sätze zelebrieren im Adagio einen klangsatten Trauerton, im temperamentvollen Rondo mit Springbögen, Doppelgriffen und Flageoletts atemberaubende solistische Virtuosität. Besonders in den Großauf-nahmen des Solisten hört das Auge mit, indem es dessen Konzentration und Ergriffenheit dem Höreindruck zuordnet.

Mit gewohnter Souveränität musiziert das Orchester unter Wallingers Leitung in Wiedergaben aus dem Repertoire – Vivaldis Concerto grosso op.3 (Nr.11), Schuberts Deutschen Tanz Nr.3 (aus D 90) und Respighis Suite Antiche Danze.

Der Berliner Schauspieler Johann-Michael Schneider leitet das Konzert mit hintergründigem Wortspiel zum Konzert-Motto „Tutti-Soli“ ein und rezitiert zwischen den Musiknummern erheiternde Texte und lyrische Preziosen von Ernst Jandl, Marie von Ebner-Eschenbach, Paul Celan, Mascha Kaléko, Giacomo Leopardi und Christian Morgenstern. Das hört und sieht man sehr gern. Chapeau. www.muehlacker-klassik.de/muehlacker-concerto

Eckehard Uhlig

Bach-Hommage mit prächtigem Klang beschert Publikum in der Lienzinger Frauenkirche ein eindrucksvolles Hörerlebnis

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Bach-Hommage mit prächtigem Klang beschert Publikum in der Lienzinger Frauenkirche ein eindrucksvolles Hörerlebnis

Die sueddeutschen kammersinfonie bietigheim unter der Leitung von Peter Wallinger spielt mit den Solisten Ursula Schoch (links) und Tjeerd Top (rechts).
Foto: privat

Mühlacker-Lienzingen. Auch die dritte Sonntags-Matinee der Klassikreihe „Musikalischer Sommer“ im spätgotischen Ambiente der Lienzinger Frauenkirche – gestaltet von der sueddeutschen kammersinfonie bietigheim unter der Leitung von Peter Wallinger – war bereits nach kurzer Zeit ausverkauft, sodass ein Zusatzkonzert am Samstagabend angesetzt wurde.

Drei große Solokonzerte von Johann Sebastian Bach mit den Solisten Ursula Schoch und Tjeerd Top – beide sind Konzertmeister im Concertgebouw-Orchester Amsterdam – sowie dem aus Argentinien stammenden Cembalisten Ricardo Magnus bescherten dem Publikum ein eindrucksvolles Hörerlebnis live unter dem Dach der altehrwürdigen Frauenkirche.

Eingebettet in die dreifache Hommage an den Leipziger Thomaskantor, die das Violinkonzert E-Dur BWV 1042, das Cembalokonzert f-Moll BWV 1056 und das Doppelkonzert d-Moll für zwei Soloviolinen BWV 1043 umfasste, erklang in klangvoller, erhabener Streicherpracht das Adagio Ges-Dur aus dem Streichquintett von Bruckner in einer Fassung für Kammerorchester.

Weiträumig gruppierte sich das Publikum um die Musiker im Zentrum des Kirchenraumes, was sich erneut als klangideale Entdeckung erwies. Das höchst differenzierte, großartige Spiel der Solisten war von allen Seiten des lichtdurchfluteten Raumes bestens hörbar und wurde in dieser besonderen Zeit mit großer Dankbarkeit und viel Beifall quittiert.

Feinsinnige Interpretationen

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Neue CD von Dirigent Peter Wallinger mit der sueddeutschen kammersinfonie bietigheim

Mühlacker. Wieder spannend ist die Präsentation der Jahres-CD, die Peter Wallinger und seine sueddeutsche kammersinfonie bietigheim nun schon zum 17. Mal herausgeben: klingende Erinnerung an die letzte Saison der im Mühlacker Uhlandbau und anderen Spielstätten gegebenen Konzerte. Was wurde live mitgeschnitten und ausgewählt? Welche Konzert-Höhepunkte sind beim Wiederhören nochmals zu erleben? Die neue Silberscheibe „live 2019“ bietet feinsinnig musizierte, farbige und subtil ausgeleuchtete Interpretationen, die man in einer regional orientierten klassischen Sammlung nicht missen möchte.

Herausragend die Aufnahme des Klavierkonzerts C-Dur (KV 467) von Wolfgang Amadeus Mozart: Die 24-jährige Solistin Elisabeth Brauß, die bereits mehrere Klavierwettbewerbe gewonnen hat, trumpft spielerisch-virtuos auf. Die von Wallinger geleitete Kammersinfonie agiert einfühlsam als Partner. Mit geheimnisvollem Piano-Unisono setzt das Werk ein, um sich bald in strahlenden Tutti zu entfalten. In den schnellen Allegro-Ecksätzen brilliert die Solistin mit perlenden Läufen, die überraschende Gefühlsausbrüche wiedergeben. Im Kontrast dazu bietet der breit ausgezogene langsame Andante-Mittelsatz über grundierend gezupften Bässen stimmungsvoll verträumten Klavier-Gesang. Eine weitere Musik-Preziose ist die Wiedergabe des Bravourstücks „El cant dels Ocells“ (Der Gesang der Vögel) von Pablo Casals. Solistin Chihiro Saito eifert dem berühmten Cellisten bravourös nach: Selten hört man die Kurzkomposition so berührend klangschön wiedergegeben.

Insgesamt beeindruckt die CD mit ihrer Vielfalt der vertretenen Epochen und Stile. Temperamentvoll musiziert das Orchester Johann Sebastian Bachs Brandenburgisches Konzert Nr. 3 (BWV 1048). Die sinfonische Dichtung „Der Schwan von Tuonela“ von Jean Sibelius erfreut mit einem von Andreas Vogel stimmungsvoll intonierten Englischhorn-Solo. Eine differenzierte Auslegung der Partitur zeichnet Wallingers Interpretation der 3. Sinfonie (D 200) von Franz Schubert aus.

INFO: Die CD ist über das Sekretariat „Musikalischer Sommer“ telefonisch unter (0 70 43) 95 83 93 oder susanne@boekenheide.net für zwölf Euro zu erwerben.

Eckehart Uhlig

Klänge aus dem Elfenland – Matinee in der Lienzinger Frauenkirche

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Foto: Fotomoment

Mühlacker-Lienzingen. Welch sanfte, auch erregende und schöne Musik! Der „Musikalische Sommer“ präsentierte diesmal seinen konzentriert lauschenden Zuhörern gleichsam „Klänge aus dem Elfenland“ – um eine Verszeile aus Benjamin Brittens „Serenade für Tenor, Horn und Streicher“ (op. 31) aufzugreifen.

Peter Wallinger hatte für sein sonntägliches Matinee-Konzert in der Lienzinger Frauenkirche zusammen mit seiner sueddeutschen kammersinfonie bietigheim ein besonderes Programm zusammengestellt. In acht Sätzen malt die zur Eröffnung musizierte Britten-Serenade Naturlandschaften in Abend- und Nachtstimmen aus, mit heiteren, ruhigen Aspekten, aber auch mit verstörend düsteren Klangbildern der Vergänglichkeit.

Erdige Naturfarben

Unter Wallingers Leitung kommentierte das Streichorchester den anspruchsvoll auskomponierten Liedgesang, den der renommierte Stuttgarter Tenor Kai Kluge teils in geschmeidiger Klangrede, teils mit gut gestütztem Stimmvolumen im Brustton der Überzeugung zelebrierte. Die von Britten in Zusammenarbeit mit seinem Lebensgefährten, dem Tenor Peter Pears vertonten Gedichte bedeutender englischer Lyriker (Cotton, Tennyson, Brake, Jonson und Keats) wurden lautmalerisch sinnfällig wiedergegeben, auch die pulsierenden Motive wie Seen und Wasserfälle. Hornsoli, mit denen sich der ebenfalls in Stuttgart tätige Hornist Reimer Kühn auszeichnete, sorgten für intensiv erdige Naturfarben und lebhafte Jagdtöne. Der auf dem ventillosen Waldhorn ohne Orchesterbegleitung gespielte Podiums-Prolog und ebenso im rückwärtigen Teil der Kirche wiedergegebene Epilog legten sich wie ein fein geschnitzter Rahmen um die Komposition.

Noch deutlicher passten die zitierten Elfen-Klänge zum zweiten Teil des Konzertprogramms. Zusammen mit vier weiteren Streichern musizierte die von Lotus String bekannte japanische Cellistin Chihiro Saito Franz Schuberts „Arpeggione“-Sonate (D 821). Die ursprünglich für das gleichnamige, um 1820 in Wien erfundene und heute vergessene Gitarren-Instrument geschriebene Sonate wird meist in einer Version für Klavier und Cello gespielt. Mit solcher Klarheit, mit soviel Sinn für Klangnuancen, wie von Saito und ihrem Quartett wiedergegeben, hört man das Stück freilich nur selten. Die charmante Solistin spielte völlig uneitel mit voll markiertem, aber nie gepressten Ton, leichthändig locker, ohne fettes Vibrato, aber hinreißend klangschön. Die mehrfach repetierte „Drehleier“ im Allegro moderato mutete wienerisch-volkstümlich an, die Leitmelodie im folgenden Adagio glich einem zart ausgesungenen Lied.

Populäre Musik

Nach der Pause gab es noch Antonín Dvořák Serenade in E-Dur (op. 22) – ein Standardwerk für Streichorchester. Auch Wallinger und sein Ensemble kennen das Stück aus dem Effeff. Entsprechend solide routiniert wiedergegeben, erfreute die (insbesondere in den ersten beiden Sätzen Moderato und Tempo di Valse) populäre Musik mit ihren charaktervollen Kontrasten die zahlreichen Konzertbesucher.

Eckehard Uhlig

Dunkler Einstieg, lichtheller Ausklang

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Peter Wallinger

Mühlacker. Mit dunklem Kolorit malte und gestaltete das Orchester die fantastische Klanglandschaft. Jean Sibelius’ Stück „Der Schwan von Tuonela“ (op. 22, Nr. 2), eine an das Totenreich aus dem finnischen Nationalepos „Kalevala“ erinnernde Tondichtung, setzte mit nebulösem Piano ein, um sich dann in breit ausgezogenen Bögen mit schwerblütiger Poesie zu entfalten. Da leuchteten Cello und Englischhorn, da flirrten die Geigen im Tremolo – musikalische Verläufe, den weiten finnischen Seen und dem Flug des mythischen Schwans nachempfunden.

Mit großer Empathie

Sibelius erlebt, gerade auch in der Pforzheimer Region, eine Renaissance, nachdem der Komponist wegen seiner Glorifizierung im „Dritten Reich“ lange gemieden wurde. Und Peter Wallingers sueddeutsche kammersinfonie bietigheim, die das Werk bei ihrem „Frühjahrskonzert“ im ausverkauften Mühlacker Uhlandbau mit großer Empathie aufführte, hat einen gewichtigen Anteil daran.

Danach kontrastierte die Kammersinfonie unter Wallingers Leitung das düstere Sibelius-Gemälde mit Kompositionen von Wolfgang Amadeus Mozart in lichthellem C-Dur. Verena Guthy-Homolka (Flöte) und Anne-Sophie Bertrand (Harfe) begeisterten mit Mozarts Konzert für Flöte, Harfe und Orchester (KV 299), das zu Recht als eines der schönsten Solokonzerte des Wiener Klassikers gilt. Der einführende „Allegro“-Satz, in dem beide Soloinstrumente in parallelem und alternierendem Spiel dominierten, erfreute mit reichen musikantischen Einfällen.

Wunderschön dann das „Andantino“ mit melodienseligem Gesang der Flöte, vom Saiten-Geglitzer der Harfe umzirpt und von zarten Orchester-Einwürfen begleitet. Im abschließenden „Rondo. Allegro“ zeichneten sich die Solistinnen auch durch originelle Kadenzen aus. Ihre Zugabe, ein Stück aus Astor Piazzollas „Café 1930“, bestätigte ihr hohes künstlerisches Niveau.

Festliche Tanzeslust

Nach der Pause interpretierten Wallinger und sein Ensemble Mozarts „Linzer Sinfonie“ (KV 425). Das vielgestaltige und abwechslungsreiche sinfonische Werk wurde in mitreißender Frische geboten, wobei sowohl die sinnlich zelebrierten Momente (in der „Adagio“-Einleitung) und die festliche Tanzeslust (im „Menuett“) als auch der furios-temperamentvolle Jubelton (im finalen „Presto“) voll zur Geltung kamen. Mit solcher Musik kann der Frühling Einzug halten.

Eckehard Uhlig