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Rafael Wallinger

Klassik vom Feinsten: Höhepunkte des Festkonzerts auf Peter Wallingers Jahres-CD

Anlässlich des 20-jährigen Jubiläums der Konzertreihe von Peter Wallinger im Uhlandbau Mühlacker bietet „live 2024“ eine Mischung aus virtuoser Geigenkunst, klassischem Repertoire und temperamentvoller Orchesterbegleitung. 

Foto: Uta Süße-Krause

Mühlacker. Menschen freuen sich, wenn die eigene Region kulturelle Events zu bieten hat. Peter Wallingers im Uhlandbau Mühlacker veranstaltete Konzerte gehören bereits seit 20 Jahren zu solchen Höhepunkten. Grund genug für ein Festkonzert mit seiner sueddeutschen kammersinfonie bietigheim und der Geigerin Ursula Schoch, das nun als CD-Mitschnitt „live 2024“ vorliegt.

Mit Geigerin Ursula Schoch

Die aus der Region stammende und regelmäßig bei Wallinger gastierende Violinistin Schoch, international renommierte Konzertmeisterin beim Concertgebouw Orchester Amsterdam, interpretiert – souverän begleitet von der Kammersinfonie unter Wallingers Leitung – Ludwig van Beethovens Violinkonzert D-Dur (op. 81). Und ist mit makellos schlankem Spiel zu erleben, das seinesgleichen sucht. In dem vom Orchester temperamentvoll angegangenen „Allegro ma non troppo“, das mit vier Paukenschlägen einsetzt, tritt die Geige mit großem, lyrisch schönem Ton herein, wendet sich elegant und vermag mit leuchtendem Klang in hohe Lagen zu entschweben. In der mit virtuosen Doppelgriff-Folgen höchste geigerische Kraft erfordernden Kadenz des Bruckner-Schülers Kreisler bietet Ursula Schoch den krönenden Schluss des ersten Satzes, modelliert ein kunstvolles Meisterstück.

Im romantisch fließenden „Larghetto“ brilliert die Geigerin mit feinen Melodiebögen und herrlichem Diskant-Gesang. Schließlich entfaltet sich das solistische Vogelstimmen-Thema im finalen „Rondo“ fröhlich-locker, sehr kantilen und gleichzeitig mit intensiver Gestaltungskraft. Es ist ein Glück, dieser Solistin beim Musizieren zuzuhören.

Geschenkempfehlung

Rhythmisch pointiert und kontrastreich formen Wallinger und sein Orchesterensemble die erste Hälfte des auf der Silberscheibe festgehaltenen Festkonzertes und deuten damit auch die Vielfalt ihres Repertoires an. Federnd schwungvoll die „Slawischen Tänze“ von Antonín Dvorák (aus op. 46 und op. 72). Instrumental wuchtig und folkloristisch eingefärbt geben sich die „Ungarischen Tänze“ Nr. 1, 5 und 6 von Johannes Brahms. Elegisch verhalten blüht mit berührendem Orchestersound der „Valse triste“ (op. 44) von Jean Sibelius.

Die Wiedergaben – insbesondere des Beethoven-Violinkonzerts – brauchen sich vor großen Namen der klassischen Konzertszene nicht zu verstecken, auch die technische Aufnahmequalität ist gut. Also eine CD, die als Geschenk viel Freude bereitet.

Für 12 Euro ist Wallingers Jahres-CD „live 2024“ über Mail an susanne@boekenheide.net erhältlich.

Autor: Eckehard Uhlig

Die Tangomesse als Gegenstück zum besinnlichen Advent

Die „sueddeutsche kammersinfonie Bietigheim“ sprengt den Advent mit dem Konzert der anderen Art.

Die mexikanisch-amerikanische Mezzosopranistin Mónica Soto-GIl Salas vor Ihrem Auftritt als „Maria de Buenos Aires“ In der gleichnamigen Komposition von Astor Plazzolla beim Adventskonzert der „sueddeutschen kammersinfonie Bietigheim“ Im Kronenzentrum. Foto: Martin Kalb

Das Adventskonzert der „sueddeutschen kammersinfonie Bietigheim“ im Kronensaal am vergangenen Samstagabend hat ein Alleinstellungsmerkmal wie eine grell leuchtende Blüte auf einer Blumenwiese. Das Ensemble kooperierte mit der Lienzinger Akademie. Simon Wallinger, der künstlerische Leiter, nimmt markante Solisten mit ins Boot, um ein surreal geprägtes markantes Anti-Adventskonzert aufzuführen. Der berühmte Erfinder des Tango Nuevo, Astor Piazzolla, setzte seiner „Maria de Buenos Aires“ damit ein Denkmal. Er gibt dem Mädchen aus den Slums eine Plattform im Adventskonzert der anderen Art.

Das expressionistisch durchdrungene Werk sprengt die üblichen Formen in Wort und Ton. Freie Tonalität macht sich breit. Jedes Instrument gibt es nur einmal auf der Bühne, und alle befinden sich im Dialog miteinander in einer Messe, die keine ist, in einem Werk, bei dem der Sprecher und auch die Maria selbst sich in Wortakrobatik verlustieren und dem Hässlichen und Grässlichen mit Wonne eine Plattform bieten, um zum Nachdenken anzuregen.

Werk passt nicht zum landläufigen Advent

Hier führt das Bandoneon das Re-giment. Der Solist mit schwarzem langem Haar, Leonel Gasso, aus Uruguay befeuert sein Instrument vom Feinsten. Natürlich passt dieses Werk von Astor Piazzolla nicht in die üblichen landläufigen Gedankenströme im Advent. Zu wild, zu frei, zu experimentell, zu provokant zu ketzerisch. Etliche Stühle bleiben leer an diesem Abend. Die, die gekommen sind dürfen sich erst einmal daran gewöhnen, dass hier das freie Assoziieren und das neue Kombinieren von Worten an der Tagesordnung ist – der surrealistische Einschlag ist heute noch genauso erfrischend wie damals.

Die Tangomesse ist ein Unikat und mit nichts in der Literatur vergleichbar. Piazzolla spielt wortgewandt mit seinem größten Schatz, dem Tango. Statt Agnus Dei heißt der letzte Messeteil beim Tango-Nuevo-Schöpfer „Tangurus Dei – An einem Sonntag.“ In der Blütezeit des Surrealismus, 1968, bringt Piazzolla diese Anklage und Liebeserklärung zugleich an den Tango auf den Weg. Maria wird zur Heiligen inmitten ihrer kriminell geprägten Umgebung zwischen Machos und Peinigern, Drogenkartellen und Mördern.

Mónica Soto-Gil Salas, die Mezzosopranistin, füllt ihre Rolle mit Bravour. Als Südamerikanerin kommt ihr Gesang authentisch an. Der leidvolle Blick in die Ferne ist nicht aufgesetzt. Santiago Bürgi, der lyrisch-weiche Tenor, ist ihr ein herrlich ebenbürtiges Pendant. Johann-Michael Schneider mimt den Sprecher, den man in all seinen krassen Wendungen und Beobachtungen zum Geschehen immer versteht, bis in die letzten Reihen hinein.

Wer glaubt, er könnte sich hier zum angenehmen Adventskonzert gemütlich in seinen Sessel kuscheln, irrt. Astor Piazzolla und mit ihm die „sueddeutsche kammersinfonie Bietigheim“ wollen zeigen, wie schwer es all die haben, die nicht im Wohlstand und in der Sicherheit leben. Heftig rüttelt dieses Adventskonzert an gesellschaftlichen Missständen.

Autorin: Susanne Yvette Walter

Tango-Operita in Idealbesetzung

Im Adventskonzert der Süddeutschen Kammersinfonie Bietigheim bringt Simon Wallinger „María de Buenos Aires“ im Bietigheimer Kronenzentrum in einer eigenen Fassung zur Aufführung. Hierzulande ist Astor Piazzollas einzige Oper eine Rarität auf der Bühne.

Hinreißender Konzertabend: Die SKB beim Adventskonzert im Kronenzentrum. Foto: Alfred Drossel

BIETIGHEIM-BISSINGEN. Ein Adventskonzert gänzlich anderer Art hat die Süddeutsche Kammersinfonie Bietigheim (SKB) am Samstagabend im Kronenzentrum gegeben: Anstelle eines Potpourris feierlicher Klänge in festlicher Vorfreude erklang mit „María de Buenos Aires“ das einzige Bühnenwerk von Astor Piazzolla, dem 1921 im argentinischen Mar del Plata geborenen Bandoneonisten und Komponisten, der als Erfinder des Tango Nuevo gilt – in kompletter Länge, eigenem Arrangement und einer halbszenischen Inszenierung, die im Herbst bei der Lienzingen-Akademie vorgestellt und den technischen Gegebenheiten im Kronensaal angepasst wurde, insbesondere, was den Einsatz von Lichtstimmungen angeht. Dazu stand die SKB als siebenköpfiges Tangoensemble auf der Bühne, unter der Leitung von Simon Wallinger, wobei der Sohn des Orchester gründers Peter Wallinger als Kontrabassist selbst als Musiker beteiligt war.

Ultraviolett leuchtet der Bühnenraum, als Markus Däunert (Violine), Elya Levin (Flöte/Piccolo), Konstanze Bodamer (Cello), Leonel Gasso (Bandoneón), Sophia Weidemann (Klavier), Markus Hauke (Perkussion) und Walinger das Tango-Thema des „Alevare“ anstimmen, während Johann-Michael Schneider in der Sprechrolle des Geistes den dunklen Saal mit beleuchtendem Textbuch durchquerend seine „Beschwörung der María“ in maliziös geschärftem Tonfall „durch einen Riss im Asphalt der Straße“ vorträgt und zum (jenseitigen) Leben erweckt. So wie die vergessene Stimme Marías, die daraufhin als Mensch erscheint und sich mit einer folkloristischen Vokalise einführt, die Piazzolla mit Bartók-Referenzen instrumentiert.

Dunkel timbrierter Mezzosopran

Die mexikanisch-amerikanische Sängerin Mónica Soto-Gil Salas hat sich ihre Titelpartie als Mater Dolorosa zurechtgelegt, die bittere Würde der Schmerzensreichen entspringt ihren Verletzungen, zeitigt aber auch eine verhärmte Abwehr, entsprechend expressiv zeichnet Salas diese Figur mit ihrem tragfähigen, dunkel timbrierten Mezzosopran. Kongenial als Dritter im Bunde der (Sing-)Darsteller ist Santiago Bürgi, gebürtig wie ausgebildet in Buenos Aires und seit der Spielzeit 2021/22 festes Ensemblemitglied am Theater Pforzheim, der sämtliche männlichen Rollen der „Kammeroper“ verkörpert und mit kernigem, baritonalem Tenor vokal hinreichend Format verleiht – vom Volkssänger über den träumenden Buonaerenser Kerl, den Alten Anführer der Diebe und den Ersten Psychoanalytiker bis zur „Stimme jenes Sonntags“ – enorm eindringlich dieses „Tangus Dei“, das als 17. und letztes Bild in Piazzollas 1968 konzertant uraufgeführtem Musiktheaterstück mit den Worten „Maria unser von Buenos Aires / vergessen bist du unter allen Frauen“ endet.

Wenn Bürgi immer wieder aufs Neue „Es domingo“ (Es ist Sonntag) anhebt – gesungen wird auf Spanisch, gesprochene Passagen sind ins Deutsche übersetzt -, wirkt seine Phrasierung auch ein wenig schon wie ein Vorgriff auf John Adams „Nixon in China“. Auch Einflüsse von Ravel und Strawinsky kann man in der Musik entdecken. Hingabevoll widmet sich auch die Tango-Version der SKB der farbreichen, polystilistischen Partitur Piazzollas, die vom Tango Nuevo – den „Libertango“ hört man an allen Ecken und Enden heraus – über Milonga, Canyengue und Musettewalzer bis zu klassischen Formen wie Toccata oder Fuge reicht. Kurzum: eine hinreißende Vorstellung dieser „Tango Operita“!

Autor: Harry Schmidt

Sommerliche Serenade zeigt viele musikalische Facetten

Konzert der „Sueddeutschen Kammersinfonie“ in der Lienzinger Frauenkirche wird zum besonderen Erlebnis für das begeisterte Publikum.

Simon Wallinger dirigiert die „Sueddeutsche Kammersinfonie“. Foto: Filitz

Mühlacker-Lienzingen. Die Matinee am Sonntag im Rahmen des „Musikalischen Sommers“ in der Lienzinger Frauenkirche ist zu einem musikalischen Hochgenuss geworden. Die „Sueddeutsche Kammersinfonie Bietigheim“ unter Leitung von Junior-Dirigent Simon Wallinger erfreute die Gäste mit einem auserlesenen Programm. Die „Sommerliche Serenade“, so der Titel, führte auch in neue Gefilde konzertanter Musik.

Zum Auftakt erklang das Allegro aus der Kammersinfonie Nr. 1 op 145 von Mieczyslaw Weinberg (1919 bis 1986), einem jüdisch-polnischen Komponisten. „Wer ihn hört, ist begeistert von den großartigen Melodien, von der Vielfalt an Klängen und musikalischen Ideen“, ist in der Konzertliteratur nachzulesen. Diese Meinung teilt Simon Wallinger. Er hat sich auf Entdeckungsreisen begeben und ist fündig geworden. Seither ist es ihm ein wichtiges Anliegen, Werke dieses Komponisten bekannt zu machen.

Schon beim Adventskonzert 2022 im Uhlandbau hatte er einen Weinberg-Zyklus angekündigt und mit einer abwechslungsreichen und pointierten Interpretation des „Moderato“ aus der Kammersinfonie Nr. 2, op. 147 eine erste Kostprobe geliefert. Zur Eröffnung der Sommer-Serenade erklang das Allegro aus der Kammersinfonie Nr. 1 op. 145 von Weinberg. Zunächst fast behutsam und weich angestimmt, wusste der Komponist doch schnell aufregende Akzente zu setzen, die bereits ein umfangreiches Können der Musikerinnen und Musiker forderten. Mit der Folge von lieblich melodiösen Passagen hin zu mächtigen Tongemälden in höchsten Lagen und furiosem Aufspiel, dann wieder Hinabgleiten in tiefe düstere Klang-Ebenen war mehr Kontrast kaum möglich. Am Ende schien ein leises Fragezeichen zu stehen: Prägen die Kriegserlebnisse, die Ermordung der Familie, sein eigener Überlebenskampf die Kompositionen?

Trotz der sommerlichen Ankündigung bewegte sich auch die nachfolgende Kammersinfonie von Dimitri Schostakowitsch (1906 bis 1975) (Bearbeitung Rudolph Barschai) in dunkel gefärbtem C-moll. Das beginnende Largo ergeht sich in tiefer Klage, der das Allegro molto mit temperamentvoller Klangwucht ein Ende setzt. Fröhlich hüpft ein Allegretto dazwischen, ehe nach eruptiven Klangbildern weitschwingendes, singendes Legato in den beiden abschließenden Largo-Sätze einen im Pianissimo unendlich sanft entschwindenden Schlusspunkt setzt. Auch dieser russische Komponist hat seine ganz persönliche Handschrift. Er hatte, wie sein Freund Weinberg, unter politischen Repressalien zu leiden, musste zeitweise auch um sein Leben fürchten. Still blieb es im Kirchenraum nach diesem berührenden Finale und es dauerte eine Weile, ehe Wallinger den Taktstock senkte. Das Publikum hatte verstanden, was er damit sagen wollte und wartete mit dem Beifall, bis die Haltung des Dirigenten den Applaus erlaubte. Dieser fiel dann umso begeisterter aus.

Zurück in gewohnt klassische Klangwelten eines Franz Schubert (1797 bis 1828) nahm Konzertmeisterin Maryana Osipova die Zuhörer mit, heiter klangen die beiden Sätze des Rondos A-Dur D 438. Osipova ist die Primaria des renommierten Eliot-Quartetts. Heiter klangen die beiden Sätze des Rondos A-Dur D 438. Allein die Dur-Tonlage sorgte schon für hellere Färbung. Innig, mit zartem Bogenstrich intonierte die Solistin das Adagio. Klangprächtig schwang sie sich im Allegro giusto zu schwindelnden Höhen auf. Ihr durch und durch exzellentes Spiel unterstrich das Orchester noch mit seiner einfühlsamen Begleitung. Die Matinee endete mit der Suite für Streicher op. 1 a-moll des dänischen Komponisten Carl Nielsen (1865 bis 1931). Im zweifachen Andante und Allegro, Intermezzo und Finale konnten die Musikerinnen und Musiker nochmals ihr Einfühlungsvermögen und Verständnis für die Intentionen des Komponisten präsentieren. Jubelnder Applaus füllte das Kirchenschiff. War es da verwunderlich, dass die Solistin nochmals zu ihrer Violine griff und der Dirigent nach seinem Taktstock? Alles in allem: Ein in allen Facetten beglückendes Konzerterlebnis. Schöner kann ein Sonntag nicht beginnen.

Autorin: Eva Filitz

So klingt mitreißende Schicksalsmusik


Dreimal war die „Sommerliche Serenade“ der Süddeutschen Kammersinfonie Bietigheim an diesem Wochen ende in der Region zu erleben. Am Pult überzeugte Peter Wallingers Sohn Simon Wallinger, als Violinsolistin brillierte Maryana Osipova.

Die SKB Bietigheim mit Dirigent Simon Wallinger. Foto: Christiana Kunz


MÜHLACKER-LIENZINGEN/SACHSENHEIM. Die „Sommerliche Serenade“ ist einer der fünf Fixbausteine im Konzertkalenderjahr der Süddeutschen Kammersinfonie Bietigheim (SKB). Wobei der Sachsenheimer Schlosshof und die Liebfrauenkirche in Lienzingen zu den langjährigen Spielstätten dieses Programms gehören. Erstmals kam die Sommerliche Serenade“ am vergangenen Wochenende nun dreimal zu Gehör: Auf Einladung von Gudni Emilsson, dem Leiter des Tübinger Kammerorchesters, gastierte die SKB am Samstagabend im Sommerrefektorium des Klosters Bebenhausen. Das geplante Open-Air in Sachsenheim wurde indes aufgrund der unsicheren Wetterlage in den Saal des dortigen Kulturhauses verlegt. Die von uns besuchte Aufführung in der Lienzinger Liebfrauenkirche ist auch Teil der Konzertreihe „Musikalischer Sommer“, mit der Peter Wallinger seit 1977 das Kulturleben der Stadt Mühlacker bereichert.

Dessen Sohn Simon Wallinger steht nun vor einer deutlich verjüngten SKB – als Solo-Kontrabassist im Südwestdeutschen Kammerorchester Pforzheim hat sich das Netzwerk des auch als Pianist und Continuo-Cembalist ein Erscheinung tretenden Dirigenten nochmals erweitert – und setzt mit dem Kopfsatz der Kammersinfonie Nr. 1″ (0p. 145) den 2021 begonnenen Weinberg-Zyklus fort. Das 1987 veröffentlichte Werk des polnisch – sowjetischen Komponisten geht zwar auf dessen zweites Streichquartett (Op. 3) zurück, fasst aber die Faktur mit Rückbezügen auf klassische, teilweise frühklassische Tonsetzer wie Haydn, Mozart oder Schubert mehr im Sinn von Prokofjews erster Symphonie auf. Simon Wallinger hält die 16 Musikerinnen und Musiker der SKB zu einer so konzentrierten wie nuancierten Wiedergabe dieses immer zerklüfteter sich gestaltenden Allegros an.

Nicht minder trennscharf musizierte Schicksalsmusik dann im Anschluss die Kammersinfonie c-moll“ (Op. 110a) des mit Mieczyslaw Weinberg befreundeten Dmitri Schostakowitsch. Rudolf Barshais Bearbeitung dessen achten, 1960 uraufgeführten Streichquartetts (Op. 110) für Streichorchester übersetzt die fünf Sätze des in Dresden erstandenen Werks in kammersinfonische Dimensionen. Die ursprüngliche Komposition wurde mit dem Zusatz Im Gedenken an die Opfer des Faschismus und des Krieges veröffentlicht, in Schostakowitschs Briefzeugnissen aber als stark autobiografisch geprägt charakterisiert (Man könnte auf seinen Einband auch schreiben: Gewidmet dem Andenken des Komponisten dieses Quartetts“). Dem Fugato der DESCH-Signatur (gebildet aus den Notenwerten D-Es-C-H, stellvertretend für die Initialen seines Namens) im ersten „Largo“ folgen chromatische Gedanken, ein Quartmotiv und ein Zitat aus der 5. Symphonie, insgesamt herrscht Requiem-Stimmung.

In größtmöglichem Kontrast schließt nahtlos ein dauererregtes Allegro molto“ mit brutal schroff gestoßenen Staccato-Salven des Orchesters an, zwischen denen ein jüdisches Klagelied allerdings so hymnisch auftritt, als wär’s von Chatschaturjan eingeworfen. Das Mahlersche Scherzo des „Allegretto“ bereitet als ironischer Walzer auf die Exekutionsszenen des vierten Satzes vor, in denen unerbittlichen Tutti- Schlägen die einsame Stimme der 1. Violine von Konzertmeisterin Maryana Osipova gegen übersteht, zunächst als beklemmend anhaltender Bordun-Ton, dann mit einem Klagegesang, der vom 1. Cello aufgenommen und gesteigert wird und im finalen „Largo“ nach einer weiteren DESCH-Fuge in Dissonanzen ersterbend verklingt.

In Franz Schuberts von 1816 datierendem Rondo A-Dur“ brilliert Maryana Osipova, Primaria des Frankfurter Eliot Quartetts, nach der Pause als ausdrucksvolle Solistin mit außergewöhnlich geschmackvoll formulierter, ausgefeilt-geschliffener Klanggestaltung in lyrischen wie virtuosen Passagen gleichermaßen.

Ein typisches Wallinger-Kleinod zum Ausklang: Carl Nielsens „Kleine Suite“ für Streicher a- Moll von 1888. Sie ist ein reifes Frühwerk des seinerzeit erst 22- jährigen Komponisten. Und dass die Pflege skandinavischer Literatur Simon Wallinger ebenso wie seinem Vater ein großes Anliegen und somit in besten Händen ist, lässt sich seiner lebendigen wie konzisen Interpretation der drei Sätze unschwer entnehmen.

Autor: HARRY SCHMIDT

Sommerliche Klänge mit einer dunklen Note

Aufgrund des Wetters wird das Classic Open in Sachsenheim vom Wasserschloss in das Kulturhaus verlegt.

Die Sueddeutsche Kammersinfonie Bietigheim begeistert unter der Leitung von Simon Wallinger die Zuschauer am Sonntagabend im Kulturhaus. Foto: Friedrich

SACHSENHEIM. Auch wenn das Wetter am Ende gehalten hätte – die für Sonntagabend im Innenhof des Wasserschlosses Sachsenheim geplanten Classic Open mit der Sueddeutschen Kammersinfonie Bietigheim unter der Leitung von Simon Wallinger wurden sicherheitshalber ins Kulturhaus verlegt. Auch dort stieß die sommerliche Serenade auf reges Interesse. Zugleich war das Programm so konzipiert, dass dabei nicht nur sommerlich leichte Klänge vorgesehen waren.

„Es wäre schön gewesen, im Schlosshof zu spielen, aber der Sommer ist noch nicht ganz bei uns angekommen“, bedauerte Wallinger, dass der Umzug in das Kulturhaus am Ende notwendig gewesen ist. Die Entscheidung fiel bereits Anfang der Woche, erklärte Alexander Sterzel, Kulturamtsleiter in Sachsenheim, gegenüber der Vaihinger Kreiszeitung. Alle zu diesem Zeitpunkt konsultierten Wetter-Apps haben eine hohe Regenwahrscheinlichkeit für diesen Sonntagabend vorausgesagt. Insofern wollte man kein Risiko eingehen. Die Stadt hatte darauf verzichtet, die Mitarbeiter des Bauhofs auf Verdacht die Bestuhlung im Innenhof aufbauen zu lassen, und stattdessen die Verlegung ins Kulturhaus organisiert. Und auch wenn der eine oder andere Besucher das am Sonntag mit Blick auf die am Ende dann doch optimalen äußeren Bedingungen bedauert haben mag, die weithin bekannte Qualität der Sueddeutschen Kammersinfonie Bietigheim – in diesem Fall mit der mehrfach preisgekrönten Solistin und Konzertmeisterin Maryana Osipova an der Violine – hat das sicherlich schnell vergessen lassen. „Als hätten wir das geahnt, als wir das Programm zusammengestellt haben, haben wir nicht nur heitere und sommerliche Stücke ausgewählt, sondern auch eine dunkle Note hineingebracht“, beschrieb Simon Wallinger die Idee hinter dem Programm, das im ersten Teil mit dem Allegro aus der Kammersinfonie Nummer 1, opus 145, des polnischen Komponisten Mieczyslaw Weinberg eröffnet worden ist, „ein unterschätzter Komponist, der erst in den letzten Jahren bekannter wurde“ und zugleich ein enger Freund von Dimitri Schostakowitsch gewesen ist. „Er hat Weinberg sehr geschätzt und sich sehr inspirieren lassen.“

Das Orchester spielt Stücke von Mieczyslaw Weinberg

Diese persönliche Verbindung fand Einklang im ersten Teil dieser sommerlichen Serenade, indem neben Weinberg auch eine Kammersinfonie von Schostakowitsch auf dem Programm stand, fünf Sätze aus dem Opus 110a nämlich, in einer Bearbeitung von Rudolph Barschai. Für den zweiten Teil hatte das Orchester zudem das Rondo in A-Dur (D 438) von Franz Schubert sowie eine Streichersuite von Carl Nielsen ausgesucht.

Autor: Stefan Friedrich

Musikalischer Sommer mit prächtigen Klängen in Lienzinger Frauenkirche

Die Süddeutsche Kammersinfonie Bietigheim in der Frauenkirche Lienzingen unter der Leitung von Simon Wallinger und der Solistin & Konzertmeisterin Maryana Osipova (Violine). 
Foto: Fotomoment

Mühlacker-Lienzingen. Ältere Menschen freuen sich, wenn das, was sie erfolgreich aufgebaut haben, an würdige Nachfolger weitergegeben werden kann. Bei Peter Wallingers Süddeutscher Kammersinfonie Bietigheim scheint dieses Problem gelöst. Denn nicht nur die Interpretation von Dimitri Schostako-witschs Kammersinfonie c-Moll (op.110a) beim „Musikalischen Sommer“ in der Lienzinger Frauenkirche mit Sohn Simon am Pult, der das Wallinger-Ensemble souverän mit geschmeidigen Gesten dirigierte, war erste Sahne.

Mit prächtigem Raumklang und dunklen Farben entfaltete sich in Rudolf Barscheis Streicher-Ensemble-Bearbeitung der Schostakowitsch-Symphonie das klagende Einleitungs-“Largo““. Temperamentvoll auftrumpfend, die Klangwucht von maschinenhaft hämmernden Rhythmen unterlegt, folgte das „Allegro molto“. Frohgemut musikantische Spitzen präsentierte das „Allegretto“. Solistisch in feinem Legato ausgesungene Melodie-Linien zeichneten die beiden abschließenden, zunächst von heftigen Tutti-Einwürfen akzentuierten „Largo“-Sätze aus, deren Letzterer zart verdämmerte. Mit dieser Kammersinfonie – so beschreibt es die Musikwissenschaft – erzählte der Komponist, Trauer und Trost komprimierend, sein unter der Stalin-Herrschaft in Russland bedrohtes Leben.

Auch zwei andere in der Konzert-Matinee unter Simon Wallinger aufgeführte Werke zelebrierten musikalisches Dunkel in Moll. Vor allem das Allegro aus der Kammersinfonie Nr. 1 (op. 145) des jüdischen Komponisten Mieczyslaw Weinberg, der mit Schostakowitsch bekannt war. Die in abrupt abgebrochenen Aufschwüngen erregende Binnenstruktur des Symphonie-Satzes wurde von den Interpreten dynamisch intensiv herausgearbeitet. Danach mündete die Suite für Streicher in a-Moll (op.1) des mit volkstümlichen Liedern in seinem Heimatland Dänemark populären Komponisten Carl Nielsen, aus dunklen Klangbildern aufsteigend, über tänzerisch schwungvolle Rhythmen in ein mehrfach orchestral aufblühendes Finale.

Nie fehlt dem „Musikalischen Sommer“ der heitere Serenaden-Ton. Diesmal sorgte dafür die Wiedergabe von Franz Schuberts Rondo A-Dur für Violine und Orchester (D 438) mit der exzellenten Solistin (und Konzertmeisterin) Maryana Osipova. Eine gefällig-heitere, luftig-leichte, sich solistisch in höchste Höhen aufschwingende sommerfrische Musik, die – gewissermaßen lächelnd ausgeführt – jegliche Düsternis verscheuchte. Die Zuhörer dankten mit jubelndem Applaus.

Autor: Eckehard Uhlig

Die Solistin und Konzertmeisterin Maryana Osipova an der Violine. Foto: Fotomoment

Weltklasse-Geigerin krönt Jubiläumskonzert

Peter Wallinger begeht am Freitag gleich zwei Jubiläen auf einmal. Ursula Schoch, Konzertmeisterin des Königlichen Concertgebouw-Orchesters Amsterdam, glänzt mit einer hinreißenden Wiedergabe von Beethovens Violinkonzert in D-Dur.

Geigerin Ursula Schoch und Dirigent Peter Wallinger sind ein eingespieltes Team. Foto: Bastian

Mühlacker. Was Peter Wallinger in Bietigheim und Mühlacker künstlerisch auf die Beine gestellt hat, ist überaus beeindruckend. Dr. Johannes Bastian vom Förderverein „Mühlacker Klassik“ nannte in seiner Begrüßung den Musiker einen „herausragenden Kulturträger in der Region“ und bescheinigte ihm „enormes Durchhaltevermögen und Energie“. Wallinger habe vor 20 Jahren den Uhlandbau aus dem Dornröschenschlaf erweckt und die im frühen 20. Jahrhundert begründete Konzerttradition neu belebt.

Mit Gründung der Süddeutschen Kammersinfonie Bietigheim im Jahr 1984 war der Grundstein für zahllose Konzerte im Raum Bietigheim-Bissingen gelegt. 2004 kam zur Konzertreihe „Musikalischer Sommer in der Frauenkirche Lienzingen“ die Reihe „MühlackerConcerto“ im Uhlandbau hinzu, Initiativen, die der Region wunderbare Veranstaltungen beschert haben, ohne die die vergangenen Jahrzehnte um vieles ärmer verlaufen wären.

Das Festkonzert am Freitagabend lag Peter Wallinger wohl sehr am Herzen. Dies war im ausverkauften Uhlandbau atmosphärisch deutlich zu spüren. Das mit über 30 Musikerinnen und Musikern groß besetzte Orchester, darunter Doppelholz (jeweils zwei Querflöten, Oboen, Klarinetten, Fagotte) und Doppelblech (zwei Trompeten, zwei Hörner) und Schlagwerk, war bestens vorbereitet und ließ erahnen, wie viel Freude es macht, unter Wallinger zu musizieren.

Dem bestens vernetzten Musiker gelingt es immer wieder, vielversprechende junge Talente und Preisträger zu verpflichten. Und wenn es besonders glücklich verläuft, treten diese mehrfach in Erscheinung – so wie die großartige, aus dem Raum Bietigheim stammende Geigerin Ursula Schoch, die als Solistin der Solokonzerte von Johannes Brahms, Felix Mendelssohn, Ludwig van Beethoven, Max Bruch und Wolfgang Amadeus Mozart immer wieder zu erleben war. Neben zahlreichen Soloauftritten auf den großen Bühnen der Welt ist sie seit der Saison 2000/2001 Konzertmeisterin des berühmten Königlichen Concertgebouw-Orchesters Amsterdam.

„Peter Wallinger ist ein herausragender Kulturträger der Region mit enormem Durchhaltevermögen.“ Dr. Johannes Bastian, Förderverein „Mühlacker Klassik“

Wallingers Motto und künstlerische Zielsetzung, „Neue Musik vertrauter und vertraute Musik neu erlebbar zu machen“ lässt in Konzerten einmal stärker das Neue, das andere Mal mehr das Vertraute hervortreten. Beim Jubiläumskonzert am Freitag dominierte eindeutig das Vertraute, Bekannte. Eine Konzerteinführung konnte aufgrund von Baumaßnahmen nicht stattfinden, war aber auch nicht notwendig, denn die zur Aufführung gelangenden Werke waren bestens bekannt.

Vor der Pause gab es Tänze – von Antonin Dvořák, Jean Sibelius und Johannes Brahms. Sinfonische Tänze sind beim Publikum besonders beliebt, denn sie vereinen schlichte, leicht eingängige Melodien, die zu kreisen scheinen, reizvolle Rhythmen, starke Kontraste und immer wieder überraschende Klangfarben. Im slawischen Duktus spielte die Kammersinfonie zwei herrliche Tänze des „böhmischen Musikanten“ Antonin Dvořák, einen tiefgründigen „Valse triste“ des Finnen Jean Sibelius und drei sattsam bekannte „Ungarische Tänze“ von Johannes Brahms, die orchestrierte Übertragungen von Klavierstücken sind und ihm einst zu Weltruhm verholfen haben.

Wallingers Interpretation trumpfte nicht auf, sondern suchte nach einer transparenten Wiedergabe, einem feinsinnigen Herausschälen der Höhepunkte und einer Betonung des tänzerischen Charakters. Es gab schalkhafte Passagen, den warmen Sound der tiefen Streicher und eine hurtige Stretta am Ende des sechsten Tanzes.

Nach der Pause folgte eines der gewichtigsten Violinkonzerte der Literatur, das Konzert in D-Dur opus 61 von Ludwig van Beethoven. Das dreisätzige Werk ist per se kein typisches Solokonzert, sondern eher eine Sinfonie mit obligater Violinstimme. Doch es fehlt nicht an geigerischem Glanz und großer Geste, an einem kecken Widerspiel zwischen Solo und Tutti, an hochvirtuosen Kadenzen mit exponierten Doppelgriffen, die der Solistin beziehungsweise dem Solisten alles abverlangen.

Ursula Schoch spielte ganz wunderbar, fernab jeder Effekthascherei. Sie verfügt über einen exquisiten, farben- und obertonreichen Ton mit Wärme in der Höhe und Substanz in der Tiefe.

Ihr Spiel erinnert an keine Geringere als an Ann-Sophie Mutter. Nichts spielt Schoch flüchtig, alles hat Format, Leichtigkeit und Schwere zugleich, nichts ist vordergründig. Das ist Geigenspiel auf Weltniveau, woran auch ihr Instrument, eine Violine von Guadagnini aus dem Jahr 1755, einen nicht unwesentlichen Anteil trägt. Das Publikum war begeistert und spendete im Stehen Applaus, der mit einer Zugabe, einem Largo von Johann Sebastian Bach, belohnt wurde.

Autor: Dr. Dietmar Bastian

Mit einem Klangerlebnis wird in Mühlacker ein doppeltes Jubiläum gefeiert

Die Sueddeutsche Kammersinfonie Bietigheim unter Peter Wallinger besteht seit 40 Jahren und konzertiert aus diesem Anlass im Uhlandbau.

Dirigent und Gründer Peter Wallinger präsentiert seine sueddeutsche kammersinfonie bietigheim.  Foto: E. Filitz

MÜHLACKER. Mit dem diesjährigen Frühjahrskonzert der sueddeutschen kammersinfonie bietigheim wurden gleich zwei runde Geburtstage gefeiert: 40 Jahre Kammersinfonie – 20 Jahre Konzerte im Uhlandbau Mühlacker.

Vor vier Jahrzehnten hatte Peter Wallinger, damals Musiklehrer am Bietigheimer Ellental-Gymnasium, die Idee, mit einer Gruppe junger Musiker ein Orchester zu gründen. Eines seiner Ziele war es, Musik quer durch Jahrhunderte bis in die Moderne in vielfältiger Form erlebbar zu machen. Die Idee fiel auf fruchtbaren Boden. Bis zu sechsmal im Jahr treffen sich Musikerinnen und Musiker, um zusammen mit ihrem künstlerischen Leiter neue Konzertprogramme zu erarbeiten. Mehr als 200 Werke umfasst heute das Repertoire. Das Orchester ist zu einem professionell arbeitenden Klangkörper gereift, das sich in Fachkreisen einen hervorragenden Ruf erworben hat. Aufbauend auf dieser soliden künstlerischen Basis gelingt es Wallinger regelmäßig, für seine Konzerte national und international gefeierte Ausnahmekünstler als Solisten zu verpflichten.

2004 hängte er den Lehrerberuf an den Nagel. Als Dirigent und Initiator weiterer neuer Ideen war er voll ausgelastet. Bereits 1977 hielt seine neue Konzertreihe „Musikalischer Sommer“ Einzug in die Lienzinger Frauenkirche. Doch Mühlacker sollte auch in der restlichen Jahreszeit musikalisch nicht brach liegen. Der Uhlandbau, wo Wallinger schon als Schüler in Konzerten als Violinist mitgewirkt hatte, rückte in seinen Fokus. Warum nicht selbst dort Konzerte veranstalten? Dessen gute Akkustik lud geradezu ein. Im April 2004 war es so weit. Mit einem „Ungarischen Tanz“ von Brahms gelang ein nachhaltiger Auftakt. Drei Jahre später stand das Gegenstück zum „Musikalischen Sommer“ auf festen Beinen. Die Winterkonzertreihe „MühlackerConcerto“ feierte Premiere. Knapp 60 Kammersinfonie-Konzerte fanden bisher im Uhlandbau statt. Wallingers Initiative ist es auch zu verdanken, diesen wertvollen Konzertsaal nach Abriss des Mühlehofs nach jahrelanger Vergessenheit musikalisch neu belebt zu haben – und zwar hochkarätig. „Peter Wallinger ist der herausragende Kulturträger in unserer Stadt“ betonte Dr. Johannes Bastian, Vorsitzender des Fördervereins „Mühlacker Klassik“, in seiner Begrüßungsrede.

Grund genug also zum Feiern und Jubeln über soviel beglückende Historie mit heiteren Auftakten wie am Frühjahrskonzert. Gewiss war es kein Zufall, dass neben Slawischen Tänzen von Antonin Dvorak , einem „Valse triste“ von Jean Sibelius auch drei „Ungarische Tänze“ von Johannes Brahms auf dem Programm standen. Mit vitaler Frische und sichtbarer Freude spielte temporeich das Orchester auf, folgte dem kleinsten Wink seines Dirigenten und stimmte so die Zuhörer auf ein nächstes klangprächtiges Erlebnis ein.

Der Geigenbauer J. B. Guadagnini schuf 1755 die Geige, die Ursula Schoch heute noch spielt. Ludwig van Beethovens Violinkonzert D-Dur op. 61 war der glanzvolle Höhepunkt der Jubiläumsfeier. Die Solistin ist Konzertmeisterin des Königlichen Concertgebouw-Orchesters in Amsterdam. In Mühlacker ist sie keine Unbekannte, denn seit den 1990er Jahren hat sie unter Leitung Wallingers zahlreiche Violinkonzerte interpretiert. Ihr Spiel ist kaum in Worte zu fassen. Auswendig trägt sie dieses, mit kompositorischen Finessen aller Art gespickte Meisterwerk vor. Dynamisch, mit überbordender Spielfreude, mit unbeschreiblich reinem Bogenstrich, ungemein flinken Fingern, die auf den Saiten auf- und ab eilen, zartesten klangreinen Flageoletti in höchsten Lagen – atemberaubende atmosphärische Klänge, wie aus anderen Welten und zum Dahinschmelzen schön. Gänsehaut-Feeling inbegriffen. Das Orchester entfaltete dazu einen wunderbar warmen Klang, hüllte damit beim Larghetto fast spürbar wie mit wärmendem Mantel die Zuhörer ein. Aber auch klangprächtig voluminös wussten Musikerinnen und Musiker aufzuspielen und kontrastreich im Rondo dann wiederum tänzerisch leicht zu agieren. Alle Mitwirkenden wurden mit stehenden Ovationen gefeiert, der Beifall wollte nicht enden. Ursula Schoch dankte mit einem Largo von Bach – ohne Orchesterbegleitung.

Autorin: Eva Filitz

Sensationelle Beethoven-Interpretation

Ursula Schoch im Uhlandbau

Ein Konzert, das in Erinnerung bleibt: Ursula Schoch spielt mit der von Peter Wallinger geleiteten Süddeutschen Kammersinfonie Bietigheim. Fotomoment/Henkel

Mühlacker. Fünf weiche Paukenschläge leiteten das Konzert ein. Dann entfalteten sich die Orchesterstimmen, die Streicher und Bläsergruppen, vom Pauken-Rhythmus-Motiv heimlich durchzogen. Von den Zuhörern mit Spannung erwartet, tritt die Solo-Violine mit großem, lyrisch schönem Ton in den Konzertsatz herein, wendet sich elegant und vermag mit leuchtendem Klang in steigenden Linien zu entschweben.

Die Rede ist von der glanzvollen Aufführung des Beethoven-Violinkonzerts in D-Dur, op. 61, mit dem die sueddeutsche kammersinfonie bietigheim ein Doppeljubiläum feiert: „40 Jahre Kammersinfonie“ und „20 Jahre Konzerte im Uhlandbau Mühlacker“.

Nach wie vor steht der Gründer des Ensembles, Peter Wallinger (73), gestenreich mit vollem Körpereinsatz am Dirigentenpult. Unter seiner Leitung erneuerte die Kammersinfonie 2004 mit ihrer MühlackerConcerto-Reihe die viele Jahre lang brachliegende, in den 1920er-Jahren begründete großartige Tradition des Uhlandbaus als Klassikkonzertsaal. Oft war die inzwischen zur Konzertmeisterin des Königlichen Concertgebouw Orchesters Amsterdam aufgestiegene Geigerin Ursula Schoch dabei. Sie musizierte bereits 2006 mit dem von ihrem ehemaligen Musiklehrer geleiteten Ensemble das Beethoven-Konzert, das nun mit ihr im Zentrum des Jubiläumsfests steht. Von makelloser Technik und hoher Musikalität muss man bei Schoch nicht sprechen, das ist schiere Selbstverständlichkeit. Sie zaubert mit ausdrucksstarker, gestalterischer Souveränität und künstlerischer Intelligenz in dem selbst für den Komponisten ungewöhnlich ausgreifenden Kopfsatz „Allegro ma non troppo“ traumhafte Melodiebögen von himmlischen Längen, interaktiv getragen vom Orchester-Sound, den Wallinger mit feinfühliger Phrasierung ausstattete. Enge Verschränkungen mit dichtesten Doppelgriffpassagen im Solopart, die höchste geigerische Kraft erfordern, bilden den Schlussstein dieses ersten Satzes.

Im folgenden „Larghetto“ brilliert die Solistin mit herrlichem Diskant-Gesang, der an Vogelstimmen erinnert. Immer wieder sorgt der Dirigent mit seinem Orchester für feinsinnig retardierende Momente vor den Einsätzen der Solo-Violine. Vibrierend dann die (ohne Satzpause) überleitende Attacke zum Finalsatz – ein „Rondo“, in dem Schoch ihre Virtuosität mitreißend ausspielen kann. Auch ihre Kadenzen zeugen davon. Und das Orchester kehrt seine philharmonische Kompetenz hervor und strahlt in jedem Fortissimo. Maestro Wallinger wirkte am Ende erschöpft, aber glücklich.

Vor der sensationellen Beethoven-Interpretation stimmt die Kammersinfonie mit populären Tänzen in den musikalischen Festakt ein. Da gibt es einen Reigen der Klangfacetten und -farben, mit gehörigen rhythmischen Akzenten. Darunter schwungvolle Stücke von Dvorák (aus dessen „Slawischen Tänzen“), den elegischen „Valse triste“ von Sibelius und folkloristisch eingefärbte „Ungarische Tänze“ von Johannes Brahms.

Autor: Eckehard Uhlig