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Rafael Wallinger

Auf den Gipfeln der klassischen Musik

Virtuose Solistin im Festkonzert zum 40-jährigen Bestehen der Süddeutschen Kammersinfonie Bietigheim war die Geigerin Ursula Schoch. Mit der Konzertmeisterin des Amsterdamer Concertgebouworkest verbindet Orchesterleiter Peter Wallinger eine lange Zusammenarbeit.

Extraportion Schwung: Peter Wallinger dirigiert die SKB. Foto: Andreas Becker

BIETIGHEIM-BISSINGEN. Seit 40 Jahren leitet er dieses Orchester. 1984 hat Peter Wallinger, seinerzeit noch als Musikerzieher an den Ellental-Gymnasien tätig, die Süddeutsche Kammersinfonie Bietigheim (SKB) aus der Taufe gehoben. Fünf bis sechs Konzertprogramme erarbeitet das Projektorchester im Jahr, mindestens zwei davon werden pro Saison im Kronenzentrum als Teil des städtischen Veranstaltungsbetriebs gespielt und bereichern den Kulturkalender der Großen Kreisstadt nicht unwesentlich.

Weitere Spielstätten der SKB sind das Rat- und Bürgerhaus in Murr, der Uhlandbau in Mühlacker und die Liebfrauenkirche in Lienzingen – auch die dortigen Konzerte strahlen weit in die Region hinaus. Jahr für Jahr dokumentiert Wallinger seine ausgefeilten Konzertprogramme auch auf CD, die Reihe dieser Aufzeichnungen ist zu einem prächtigen Kompendium kammersinfonischer Preziosen herangewachsen.

Dennoch hat es fast den Charakter einer Premiere: Mit 430 Besuchern wirkt der Kronensaal gut bis bestens ausgelastet. Ein Grund für den großen Zuspruch: Aus Anlass des Jubiläums hat das städtische Kulturamt das „Festkonzert“ der SKB ins Konzertabonnement aufgenommen – sogar prominent als Spielzeitabschluss, wie Michaela Ruof betont. Ob das Commitment auch in die Zukunft weist? „Mal so, mal so“, laute diesbezüglich die Devise, so die Amtsleiterin im Gespräch.

Zuletzt war ein Konzert des Orchesters, das den Namen Bietigheim seit vier Dekaden als Bestandteil in seinem eigenen führt, als „kulturelles Markenzeichen unserer Stadt“ (Rouf in ihrer Begrüßung der Festkonzertgäste) vor 20 Jahren Teil des städtischen Abonnementprogramms gewesen.

Der Witz in der Partitur

Plastisch und pointiert gestaltete Wallinger die erste Hälfte, mit einer Extraportion lässigem Schwung federn Dvoráks „Slawische Tänze“ heran, festlich-folkloristisch im Gestus der „Furiant“, die Nr. 8 aus dem Opus 46 (1878), ein Presto in g-Moll, dessen rhythmische und dynamische Kontraste unter den Händen des Dirigenten mit wunderbaren Holz- und Blechbläserfarben koloriert erklingen. Atmende, erblühende Schlagfiguren beleben auch die Nr. 2 aus dem erst eine Dekade später entstandenen Opus 72. Direktes Vorbild Dvoráks waren die „Ungarischen Tänze“ von Brahms, in Orchesterfassungen der Nr. 1, Nr. 5 und Nr. 6 serviert Wallinger mit einer hervorragend disponierten SKB, angeführt von Konzertmeisterin Sachiko Kobayashi, gänzlich unmuseale Deutungen, kitzelt den Witz aus der Partitur und umschifft alle lauernden Klassikhit-Repertoire-Klippen. 40 Jahre jung – Chapeau!

Auf tänzerische, sehnig gespannte Motorik und schlanke, quicklebendige, hochtransparente Klangästhetik bedacht, con brio, zuweilen auch mit Verve, jedoch unter Verzicht auf plakative Wirkung und ohne je zu breit aufzutragen, rührt Wallinger die imaginäre Trommel, geht in die Knie, dämpft die 1. Violinen mit der Linken. Isolierung und Ohrenspitzer zugleich dazwischen Jean Sibelius’ „Valse triste“: Auch die Bühnenmusik zu Arvid Järnefelts Drama „Kuolema“ (Der Tod) gerät so spannend und plastisch, als wäre es Szene. Je dünner die Luft (in den Bergen, im Norden), je näher die Morgenröte auch (im Osten), desto mehr ist Wallinger in seinem Element.

Einer hochalpinen Gipfelbesteigung tatsächlich nicht unähnlich dann Beethovens Violinkonzert nach der Pause. Mit keiner Solistin hat Wallinger häufiger zusammengearbeitet als mit der in Ludwigsburg geborenen Ursula Schoch. Seit mehr als 20 Jahren Konzertmeisterin des Amsterdamer Concertgebouworkest, ist die Geigerin ein so oft wie gern gehörter Gast in den SKB-Konzerten. „Rutsch’ mal ein bisschen, ich brauch’ mehr Platz“, bedeutet die Violinistin im schulterfreien, taubenblauen Abendkleid Wallinger mit einer kurzen Handbewegung. Ohne Worte verbunden und verbindlich bleibt ihre Kommunikation auch im D-Dur-Konzert. 1806 im Theater an der Wien uraufgeführt, gilt Beethovens Opus 61 als eines der bedeutendsten Werke seiner Gattung. Monumental bereits der Kopfsatz: Das Orchester bewältigt fast einen halben Sonatensatz allein, bevor die Solovioline im „Allegro ma non troppo“ einsetzt und die Themen in Figurationen transformiert. Schochs (gewissermaßen weniger von der romantischen als von der barocken Seite aus) erlesene Interpretation betont die kantable Rhetorik, gebärdet sich eher als Klangrede denn als Klangmalerei, dabei teilt die Virtuosin mit der vor allem in der Mittellage mit außergewöhnlichem Wohlklang ansprechenden Guadagnini von 1755 auch im Variationssatz („Larghetto“) und im finalen Rondo (gleich einer klugen Primadonna) hervorragend ein. Exquisit!

Autor: Harry Schmidt

Unbekanntes erlebbar machen

Die „sueddeutsche kammersinfonie bietigheim“ zeigt Flagge beim 40-Jahr-Konzert.

Das Jubiläumskonzert zum 40-jährigen Bestehen der „sueddeutschen kammersinfonie bietigheim“ fand am Donnerstagabend im Kronenzentrum in Bietigheim-Bissingen statt.

Bietigheim-Bissingen. Die „sueddeutsche kammersinfonie bietigheim“ nimmt seit 40 Jahren ihren Platz als Flaggschiff für klassische Konzerte in Bietigheim-Bissingen ein. Zweimal im Jahr lädt das sinfonische Orchester zu seinen beliebten Themenkonzerten in den Kronensaal ein – ein kulturelles Markenzeichen der Stadt.

Die Idee hinter dem Orchester

Am Donnerstagabend gab die klangstarke Gemeinschaft ihr Jubiläumskonzert zum 40-jährigen Bestehen, das auf einer Vision basiert: Im Jahr 1984 hatte Peter Wallinger, der bis heute das Orchester anleitet, die Idee, mit jungen Musikern aus dem Hochschulumfeld, Musikstudenten und Musikerkollegen aus dem Stuttgarter Raum, ein Orchester für Bietigheim-Bissingen zu gründen. Die Grundphilosophie, die auch heute noch immer gilt, ist ein Servicegedanke voller Empathie: Es geht darum, neue Musik vertrauter und vertraute Musik neu erlebbar zu machen. Heute vereint der professionell arbeitende Klangkörper Musiker aus der gesamten Region in Süddeutschland.

Peter Wallinger wird als Dank für 40 Jahre Engagement als Dirigent und Orchesterleiter minutenlang mit Beifall überschüttet. Noch immer wiegt er sich zur Musik hin und her. Er liebt den leichten Schwung in Antonin Dvoraks Slawischem Tanz Nr. 8 und nimmt sich das Werk mit einer spritzigen Geschwindigkeit vor.

Ein Jubiläum ist bekanntlich ein Freudenfest – und was bietet sich mehr an als „zu tanzen“, sprich berühmte Tänze von berühmten Komponisten auszuwählen? Die Stimmung ist entsprechend. Vorfreude liegt in der Luft. Der Kronensaal in Bietigheims Innenstadt ist voll bis ganz nach hinten, als sich endlich die Türen schließen und das Orchester seinen Platz einnimmt.

An der Körpersprache der Musiker und Musikerinnen beim Spiel zeigt sich: Hier sitzt keiner und macht nur Dienst nach Vorschrift. Jeder ist ganz dabei, geht voll in seiner Rolle auf und bereitet sich entsprechend so auf die gemeinsamen Proben vor, dass Intonation und Fingerfertigkeit selbstverständlich sind. Es macht Spaß zu beobachten, wie gut Peter Wallinger und das Orchester miteinander kommunizieren.

Ausgeprägte Dynamik

Das Laut-Leise-Spiel, sprich die Dynamik, ist sehr ausgeprägt. Peter Wallinger kennt die Tricks und weiß, wie sein Publikum unterhalten werden will: Flott, keine Längen oder tiefschürfend mit viel Leidenschaft.

Zweiteres kommt in Jean Sibelius Valse triste zum Tragen. Dissonanzen bestimmen gegen Ende die Szenerie, ein typischer Sibelius. Das Orchester schlüpft wieder gekonnt hinter die Noten und bemüht sich, sie so zu interpretieren, dass der Komponist selbst seine Freude daran gehabt hätte.

Solistin Ursula Schoch

Mit Ungarischen Tänzen von Johannes Brahms vor der Pause verbreitet sich das Tanzfeuer weiter. Doch das junge Orchester bereitet bereits die Spur für Solistin Ursula Schoch vor, die nach der Pause jede Aufmerksamkeit auf sich lenkt. Sie ist eine Beethoven-Spezialistin an der Geige und intoniert dessen Violinkonzert in D-Dur auswendig mit einer Klasse, die man suchen kann. Ursula Schoch klettert mit flinken Fingern souverän den Geigenhals hoch und runter und schafft ohne Klimmzug auch die ganzen hohen Liegenoten.

Beethoven schenkt ambitionierten Solisten nichts, die sich durch sein Violinkonzert kämpfen. Das funktioniert nur mit sehr fortgeschrittener Bogentechnik und superlativ gut geschulten Fingern, sowie einer Extraportion Einfühlungsvermögen in die Tonsprache des Komponisten. Die Solistin war schon bei den Berliner Philharmoni- kern aktiv und ist seit 2000 Konzertmeisterin im Concertgebouw-Orchesters Amsterdam.

Die Jahrhunderte alte Meistergeige von Giovanni Battista Guadagnini mag das Ihre dazu beitragen: Jedenfalls macht Ursula Schoch, den Platz als Teufelsgeigerin des Abends keiner streitig. Die Disziplin, die sie an den Tag legt in Intonation und Technik, ist atemraubend. Der Beifall hört nicht auf, bis Schoch die Geige noch einmal an den Hals nimmt und ein kleines Largo spielt – am Ende ohne Orchester.

Aurtorin: Susanne Yvette Walter

Tiefste Trauer, zarte Hoffnung, helles Leuchten

Neue CD mit Konzertmitschnitten aus dem Uhlandbau erschienen.

Peter Wallinger leitet die Musikreihen „Musikalischer Sommer“ und „MühlackerConcerto“. Foto: Archiv

Enzkreis. Ein Konzert lebt von der mitreißenden Kraft der Musik und derer, die sie ausführen. Es lebt ganz im Moment und bleibt im besten Fall als angenehme Erinnerung im Gedächtnis haften. Oder es wird ein Konzertmitschnitt produziert, der diese Erinnerung klingend wachhält. Peter Wallinger, Leiter der Musikreihen „Musikalischer Sommer“ und „MühlackerConcerto“, beschreitet diesen Weg seit vielen Jahren – mit Erfolg, wie auch die 21. Ausgabe der Dokumentation „Süddeutsche Kammersinfonie Bietigheim live“ belegt.

Die jetzt erschienene CD enthält Höhepunkte aus drei Konzerten, die 2023 im Uhlandbau in Mühlacker stattgefunden haben. Am Dirigentenpult standen Peter Wallinger beziehungsweise sein Sohn Simon Wallinger, und ausgezeichnete Solisten gesellten sich zur wie gewohnt ausgewogen und auf hohem Niveau agierenden Süddeutschen Kammersinfonie Bietigheim hinzu. Die ausgewählten Werke decken rund 400 Jahre von Monteverdis „Orfeo“ bis zur „Musica adventus I“ des 1946 geborenen Komponisten Pēteris Vasks ab. Dabei zeigen sich Dirigenten und Orchester stilsicher und sattelfest, und technische Sicherheit, kombiniert mit Spielfreude, schlagen die Brücke zwischen den Epochen und Charakteren.

Tänzerisch und kraftvoll – die Adjektive treffen sowohl auf die am Beginn der CD stehenden „Orfeo“-Ausschnitte zu als auch auf die wesentlich jüngeren Rumänischen Volkstänze von Béla Bartók. Ein auskomponiertes Warten auf die durch sphärische Höhen angedeutete Ankunft Jesu bringt die Kammersinfonie im Vasks-Werk zum Ausdruck – gekonnt kombiniert mit perkussiven Elementen. Auch als Begleiter überzeugt das Orchester und webt den vibratolosen Teppich, auf dem Countertenor Nils Wanderer in der Arie „When I am laid in earth“ aus der Purcell-Oper „Dido and Eneas“ in die tiefstmögliche Trauer – bis zum Tod – hinabsteigt. „Remember me“, singt Dido, und wer würde die warme, makellos geführte Stimme Wanderers vergessen, der auch einer so häufig gesungenen Arie wie „Lascia ch’io pianga“ aus Händels „Rinaldo“ noch neue Facetten entlocken kann?

Vielfach preisgekrönt wie Wanderer ist auch die junge Pianistin Annika Treutler, deren Interpretation des Mozart-Klavierkonzerts A-Dur KV 488 auf der CD enthalten ist. Eindrucksvoll gelingt der mit perlend leichtem Anschlag überzeugenden Solistin und dem Orchester besonders der langsame Satz, der jedem Klassikfreund bekannt sein dürfte. Doch keine Spur von Langeweile, stattdessen atmet die Musik ehrliche Trauer und Hoffnung gleichermaßen und geht ans Herz. Eine ganz andere Stimmungswelt erschließt Treutler in Jean Sibelius’ „Impromptu“, aus dessen bewegten Klangwolken sie die Melodie stets gut hörbar hervortreten lässt.

Die Konzertmitschnitte bieten neben häufig gespielten Fixpunkten im Repertoire klassischer Orchester auch Raritäten wie das nur als einsätziges Fragment erhaltene Violinkonzert C-Dur von Ludwig van Beethoven, das von Josef Hellmesberger vervollständigt wurde. Solist ist Tjeerd Top, Erster Konzertmeister des Königlichen Concertgebouw Orchesters Amsterdam. Im technisch anspruchsvollen, von Kraft und Dynamik geprägten gut 15-minütigen Allegro con brio beweist er sowohl Virtuosität als auch die Fähigkeit, seine Stradivari in allen Lagen zum Strahlen und Leuchten zu bringen.

Die CD ist zu beziehen über das Sekretariat „Musikalischer Sommer“, Telefon 07043/958393, E-Mail susanne@boekenheide.net. Verkaufsstellen sind außerdem Buch-Elser an der Bahnhofstraße 62 in Mühlacker und die Buchhandlung Krüger im Klosterhof in Maulbronn.

Autorin: Carolin Becker

Funkelnde Klang-Juwelen

Jahres-CD der sueddeutschen kammersinfonie „live 2023“ erschienen

Die Solisten zählen zu den Glanzlichtern der neuen CD

Mühlacker. Öfters sind es kurze Musikstücke, manchmal auch Zugaben, die in Konzertprogrammen als kostbare Preziosen funkeln. Das ist ganz besonders beim Hören der kürzlich erschienenen Jahres-CD „live 2023“ der sueddeutschen kammersinfonie zu erleben, die erneut aufzeigt, dass Ensemble-Chef Peter Wallinger ein Händchen für erstklassige Solisten besitzt.

Ein exquisites Juwel präsentiert die Silberscheibe mit dem Impromptu Nr. 5 aus Jean Sibelius‘ frühem Klavierzyklus Opus 5. Die junge Pianistin Annika Treutler musiziert das romantisch verträumte, vierminütige Fantasiestück in wunderbarer Zartheit mit wehmütiger, auf der Klaviatur meist in der linken Hand vorgetragenen Melodie, die in der rechten mit frisch perlenden Wirbeln harmonisch reich umspielt wird. Die kleine Komposition haben zahlreiche bedeutende Pianisten eingespielt, selten aber so fesselnd klangschön, feinfühlig und technisch brillant wie Treutler.

Der in der Region beheimatete, international renommierte Countertenor Nils Wanderer ist auf der CD, die ausschließlich Live-Mitschnitte aus Wallingers Konzerten im Mühlacker Uhlandbau offeriert, mit vokalen Highlights vertreten.

Programmatische Vielseitigkeit

Er singt, getragen und begleitet von der Kammersinfonie unter Peter Wallingers Leitung, Henry Purcells dunkel trauriges und entsagungsvolles Lied „When I Am Laid In Earth“ aus der Oper „Dido and Eneas“, sowie Georg Friedrich Händels „Lascia ch’io pianga“ aus „Rinaldo“. Letzteres Stück ist ein Klassikradio-Ohrwurm geworden, aber so, wie es Wanderer mit seinem elegisch ausdrucksstarken Timbre interpretiert, ein einmaliger, emotional tiefgehender Hörgenuss.

Als weitere Musik-Miniaturen sind auf der Jahres-CD sehr kurze Tanzsätze aus Claudio Monteverdis „Orfeo“ aufgenommen, auch Peteris Vasks leise säuselnde „Musica adventus I“ und Bela Bartóks folkloristische „Rumänische Volkstänze“. Die Kammersinfonie wartet in ihren Konzerten vor allem mit sinfonischen Großformen in respektabler Wiedergabe-Qualität auf, von denen die Schallplatte ebenfalls beste Mitschnitte bietet.

Mit Peter Wallinger am Pult und mit der erwähnten exzellenten Pianistin am Flügel musiziert das Ensemble Wolfgang Amadeus Mozarts Klavierkonzert A-Dur (KV 488), unter der Leitung von Simon Wallinger mit dem Geiger Tjeerd Top, dem Ersten Konzertmeister des Conertgebouw-Orchesters Amsterdam, Ludwig van Beethovens Violinkonzert C-Dur (WoO5), das nur als Fragment überliefert ist und selten aufgeführt wird. Gerade wegen der in vielen Farben leuchtenden programmatischen Vielgestaltigkeit ist Wallingers Jahres-CD wärmstens zu empfehlen.

Für 12 Euro ist die CD beim Sekretariat „Musikalischer Sommer“,                  
Telefon (0 70 43) 95 83 93 oder E-Mail susanne@boekenheide.net erhältlich.

Autor: Eckehard Uhlig

Mit Bach gegen die düsteren Perspektiven

Werke des Meisters bildeten den Rahmen für das Neujahrskonzert der Süddeutschen Kammersinfonie Bietigheim in Murr.

Foto: Ramona Theiss

MURR.Kann Musik helfen, mit düsteren Perspektiven der Gegenwart besser zurechtzukommen? Zweifellos weckt Musik Emotionen. Beim traditionellen Neujahrskonzert der Süddeutschen Kammersinfonie Bietigheim in Murr setzte das Ensemble auf einen großen Namen: Johann Sebastian Bach. Maiken Wallinger, die moderierte, kennzeichnete seine Musik als „etwas Wohltuendes, Verbindendes, sogar Friedenstiftendes,“ gewissermaßen eine Kraft, die gegen die Unbilden der Zeit hilft. Sie zitierte den zweiten Bach-Sohn Emanuel: „Musik soll Herzen in Bewegung setzen.“

Ein Zitat des Pianisten James Rhodes über Bachs Musik war das Motto des Abends: „Hört dieses. Hier ist Musik.“ Unter der bewährten Leitung von Peter Wallinger spielte die Kammersinfonie Stücke des Komponisten, darin eingebettet weitere Werke von Komponisten vor allem aus dem frühen Barock. Die 13 Streicherinnen und Streicher nahmen die Besucher im Bürgersaal mit auf eine klangvolle Reise. Das Publikum erlebte emotional dichte Musik und starke Auftritte von Solistinnen.

Eine dieser Solistinnen war Barbora Hulcova, eine Künstlerin aus Prag, die auf historischen Lauteninstrumenten musiziert. Sie trat mit einer Theorbe auf, einer eindrucksvollen, großen Basslaute aus dem Frühbarock. Deren tiefe und dunkle Stimme bereicherte nicht nur das Orchester bei einer Reihe von Stücken. Hulcova begleitete auf der Theorbe auch die Sopranistin Juliane Brittain. Die freischaffende Künstlerin, die mehrere Jahre in Großbritannien gelebt hat, sang drei alte englische Lieder.

So zum Beispiel „Flow my tears“ von John Dowland, der von 1536 bis 1626 lebte. Brittain traf mit ihrer ausdrucksstarken Stimme einfühlsam den melancholischen Grundton dieses Liedes. Die Sopranistin bewies mit „If music be the food of love“, komponiert von Henri Purcell (1659 – 1695), das breite Spektrum ihres Könnens: Sie interpretierte dieses Lied voller Gefühl, unterstrich mit ihrer Gestik Passagen wie „I must perish by your charms unless you save me in your arms“ – Ich müsste durch deinen Liebreiz sterben, wenn du mich nicht in deinen Armen rettest.

Das Thema des Abends aber war und blieb Bach. Die Aria aus den Goldberg-Variationen gab den Rahmen für das gesamte Konzert. In der Besetzung mit der Theorbe spielte das Orchester Bachs Ricercare à 6; die Instrumente vereinigten sich zu einem großartigen Klanggemälde.

-Ein rundum gelungenes, teils überraschendes, lehrreiches und hochklassiges Neujahrskonzert, vom Publikum mit viel Beifall bedacht.-  

Ein Höhepunkt war das Brandenburgische Konzert Nummer 6 B-Dur, eine anspruchsvolle Komposition Bachs mit kleiner Besetzung: Zwei Solo-Violen, gespielt von Andrea Lamoca-Alvarez und Lilia Rubin, setzten mit ihren tiefen Tönen ein, Celli und Kontrabass und auch die Theorbe antworteten und variierten. Sehr bewegend das Allegro zum Auftakt, angetrieben von der Spielfreude der beiden Solistinnen. Melancholische Gefühle rief das Adagio hervor, bevor das abschließende Allegro in ein großartiges Finale mündete. Heftiger Beifall belohnte das starke Spiel der Künstlerinnen und Künstler.

Auch das einzige neuere Stück des Abends, das Impromptu op. 5 des finnischen Komponisten Jean Sibelius, weckte intensive Gefühle. Obwohl es nur ein paar Minuten dauert, gibt es doch sehr unterschiedliche Stimmungslagen wieder: ein Klangbild, inspiriert von der ursprünglichen Natur des skandinavischen Landes, Sehnsucht und Nachdenklichkeit, aber auch ausgelassene Freude. Das Orchester meisterte alle Wechsel virtuos. Eindrucksvoll verklangen am Ende selbst Celli und Kontrabass wie in einem kaum noch hörbaren Hauch.

Noch einmal erfüllte Bachs Musik den Saal, zum Ausklang mit der Aria, wie ein Gruß des Komponisten zum Abschied.

Fazit: Ein rundum gelungenes, teils überraschendes, lehrreiches und hochklassiges Neujahrskonzert in Murr, vom Publikum mit viel Beifall bedacht. Waltraut Menzel vom Kulturamt der Gemeinde überreichte Blumensträuße an die Akteurinnen und Akteure. Peter Wallinger kommt nun schon seit mehr als 20 Jahren für diese Konzerte nach Murr – und so Menzel: „Wir hoffen, dass das auch in Zukunft so bleibt.“ Gewiss doch: Bachs Musik setzt Herzen in Bewegung, und die Süddeutsche Kammersinfonie hat sie dem Publikum gekonnt nahegebracht.

Autor: Arnd Bäucker

Ein tiefgründiger Kontrapunkt

Die Süddeutsche Kammersinfonie Bietigheim überzeugt bei den Neujahrskonzerten

Die Süddeutsche Kammersinfonie Bietigheim in Mur. Foto: Ramona Theiss

MURR. Ein sorgsam abschattiertes, gewissenhaft-verhaltenes und doch umso wirkungsvoller in leuchtend klar gezeichneten Konturen aus der Dunkelheit von Jahreszeit und Weltenlauf hervortretendes Glimmen und Glosten — hochspannend und von der Aura des Klandestinen umgeben wie das Chiaroscuro in einem Gemälde von Georges de La Tour wirkt die Farbe dieses ersten Neujahrskonzerts der Süddeutschen Kammersinfonie Bietigheim (SKB) im Murrer Rathaus. Anderntags stehen die Termine in Mühlacker und Bietigheim an. Auch in Murr blickt diese Veranstaltung auf eine über 20-jährige Tradition zurück, entsprechend gut besucht präsentierte sich der Bürgersaal der Gemeinde – ganz offenkundig stellt das Neujahrskonzert der SKB hier ein erstrangiges gesellschaftliches Ereignis im kommunalen Kulturkalender dar.

Spannend bis zuletzt blieb es auch hinter den Kulissen: Erst eine Stunde vor dem Auftritt war Barbora Hulcovä wieder eingetroffen – die Tschechin hatte zwischen Proben und Konzertwochenende noch Engagements in Basel zu absolvieren -, nun sitzt sie da mit ihrer Theorbe, umringt vom Halbkreis der in 13-köpfiger Besetzung angetretenen SKB, als Peter Wallinger den Taktstock hebt, um mit der „Aria“ aus Johann Sebastian Bachs „Goldberg-Variationen“ (BWV 988) das erste Konzert seines 1984 gegründeten Orchesters im noch jungen Jahr zu eröffnen. Würdevoll und grazil, in schlichter Schönheit schreitet dieser einer gravitätischen Sarabande verwandte Instrumentalsatz einher – ein apollinischer Auftakt, angemessen andächtig und behutsam gestaltet.

„Hört dieses. Hier ist Musik“ — mit diesem Wort des Pianisten James Rhodes, das Bach dem unter Komponisten gemeinhin vorherrschenden „Hier bin ich“- Marktgeschrei gegenüberstellt, war das Programm überschrieben, Werke des Thomaskantors bildeten den verbindlich-verbindenden roten Faden darin. Diesem und anderen Gedanken über dessen Musik gab Maiken Wallinger Ausdruck, die bereits seit langem an der Gestaltung des literarischen Anteils der Neujahrskonzerte beteiligt ist. Von Die Zeit-Autor Alard von Kittlitz stammt der vielleicht instruktivste: „Es gibt in dieser Musik kein Oben und Unten. Kein Haupt und Neben, kein Groß und Klein. (…) Im Kontrapunkt ist alles eins.“

Präsenz und Resonanzvermögen

Hörbar illustriert wurde diese Einschätzung durch die sechsstimmige Proto-Fuge aus dem „Musikalischen Opfer“ (BWV 1079), ausgezeichneten Eindruck im von Wallinger mit Übersicht gestalteten „Ricercar. á 6.“ wie auch im weiteren Verlauf hinterließ Konzertmeisterin Andrea Langenbacher, als Stimmführerin der 2. Violinen seit langem ein vertrautes Gesicht in den Reihen des SKB, vorzüglich in der heiklen Balance von Präsenz und Resonanzvermögen.

Dem im Ricercar angelegten Rückbezug auf die Renaissance trug Wallinger mit zwei Tanzsätzen John Dowlands Rechnung, mit geradezu jugendlichem Elan geformt die dem seinerzeitigen König von Dänemark gewidmete Galliarde, noch dynamischer die George Witehead zugeeignete Allemande.

In Dowlands berühmtem „Flow my tears“ gelang Wallinger eine wundervolle, ganz dem Titel entsprechende Wiedergabe mit der SKB und Sopranistin Juliane Brittain, die auch Henry Purcells „If music be the food of love“ und „Music for a while“ sehr ansprechend interpretierte.

Wahre Begeisterungsstürme erntete dann Bachs „6. Brandenburgisches Konzert“ mit den Bratschensolistinnen Andrea Lamoca Alvarez und Lilia Rubin nach der Pause, atmosphärisch gerahmt durch Sibelius „Impromptu Op.5“ und, analog zu den „Goldberg-Variationen“, die finale Reprise der „Aria“, die nun, obgleich in den Notenwerten unverändert, den Charakter eines Wiegenlieds anstelle eines Vorhangs annimmt. Ein tiefgründiger Kontrapunkt in Sachen Neujahrskonzert.

Autor: Harry Schmidt

Ein intimes Musik-Mosaik

Neujahrskonzert der Sueddeutschen Kammersinfonie im Uhlandbau.

Spielen melancholisch eingefärbte Werke: die Sueddeutsche Kammersinfonie und Juliane Brittain (Sopran)
Foto: Fotomoment

Meistens knallen bei Neujahrskonzerten die Sektkorken im Walzer- und Polka-Reigen. Beim traditionell späten Konzert, mit dem die Sueddeutsche Kammersinfonie Bietigheim unter Peter Wallingers Leitung im Mühlacker Uhlandbau das neue Jahr begrüßt, gibt es musikalische Knaller selten, das Schaumgetränk nur während der Pause. Auch heuer präsentierten die Akteure ein sehr intimes Kammerkonzert – hauptsächlich melancholisch eingefärbte Stücke aus der höfisch-fürstlichen Epoche des Barock mit Schwerpunkt um Johann Sebastian Bach. Denn der barocke Großmeister bietet – so führte Maiken Wallinger in Ihren Textbeiträgen aus – gerade in unserer unruhigen Zeit „etwas Wohltuendes, Zufriedenstellendes‘.

Um das fein gegliederte Musikprogramm legte das Ensemble als Rahmen eine Orchesterfassung der schlichten „Aria” aus Bachs Goldberg-Variationen (BWV 988). Meditativ und kontrapunktisch anspruchsvoll musizierte das Kammerensemble Bachs „Ricercare á 6″ aus dem „Musikalischen Opfer” (BWV 1079) nach dem Iegendären Thema, das Friedrich der Große dem Komponisten gestellt hatte. Als reizvollen Grenzfall zwischen Orchester- und solistischer Kammermusik interpretierten sechs Streicher und eine Theorbe-Spielerin Bachs Brandenburgisches Konzert Nr. 6 (BWV 1051). Das solistisch dominierende Bratschen-Paar (Andrea Lamoca Alvarez und Lilia Rubin) jagte sich temperamentvoll im ersten Satz, im Adagio umrankten sich beide Violen in kontemplativen Linien, im finalen Allegro leuchteten virtuose Sechzehntelketten.

Konzerthöhepunkte markierten zwei weitere Solistinnen mit Kompositionen von John Dowland und Henry Purcell. Gemächlich schreitend leitete das Orchester ein, dann sang die in Knittlingen beheimatete Sopranistin Julian Brittain mit berührend dunklem, sanftem Timbre Dowlands berühmtes Lied „Flow My Tears“. Aus vier simplen, im Quartgang absteigenden Tönen entfaltete sich trauernder Trennungsschmerz. Zur zart gezupften Theorbe (mit Lautinistin Barbora Hulcová) interpretierte die Sopranistin zudem Purcels „Music For A While“ und dessen nach Shakespeare komponierte Schauspiel-Lied „If Music Be The Food Of Love“. Zu dieser seelenvollen Stimmung passten Dowlands „Sir John Smith His Almain“ für Laute solo (mit Hulcová) und das neuzeitlich-beschauliche, vom Kammerensemble mit verhaltenem Schönklang wiedergegebene Impromptu op.5 von Jean Sibelius. Auch die Zugabe – „Lascia ch’io pianga” aus „Rinaldo” von Händel mit der Sopranistin und dem Orchester – fügte sich wunderbar in das mit viel Applaus bedachte Matinee Konzert ein.

Autor: Eckehard Uhlig

Stilsicher in Klassik und Moderne

Die „sueddeutsche kammersinfonie bietigheim“ überzeugt bei ihrem Adventskonzert im Mühlacker Uhlandbau. Als Solistin glänzt die junge Pianistin Annika Treutler, die für ihre Mozart-Interpretation mit Beifall überschüttet wird.

Unter der künstlerischen Leitung von Peter Wallinger gestaltet die „sueddeutsche kammersinfonie bietigheim“ mit großer Spielfreude einen wunderbaren Konzertabend, der zu einem bereichernden Musikerlebnis wird. Foto: Filitz

Mühlacker. Vor vier Jahrzehnten hat Peter Wallinger die Süddeutsche Kammersinfonie Bietigheim gegründet, die unter seiner künstlerischen Leitung zu einem hoch qualifizierten Klangkörper gereift ist. Zum Auftakt der Jubiläumssaison „40 Jahre Kammersinfonie“ fand am Sonntag im Uhlandbau das Adventskonzert statt.

Auf welch hohem Niveau das Ensemble heute musiziert, zeigten einmal mehr die klangprächtigen Interpretationen dieses Konzertabends in der Reihe „MühlackerConcerto“. Auf dem Programm standen Werke von Mozart und des lettischen Komponisten Peteris Vasks. Diese Kombination zwischen Klassik und Moderne fand großen Zuspruch bei den vielen Zuhörerinnen und Zuhörern, die den Saal fast füllten.

Der Beginn mit Mozarts Klavierkonzert Nummer 23 A-Dur KV 488 wurde ein berauschend schöner Höhepunkt. Schon die ersten Takte be- und verzauberten das Publikum. Am Steinway-Flügel saß Annika Treutler, eine der interessantesten jungen deutschen Pianistinnen. Nach ihrem erfolgreich absolvierten Musikstudium errang sie bei nationalen und internationalen Wettbewerben zahlreiche Preise, darunter 2020 den „Opus Klassik“ in der Kategorie „Konzerteinspielung des Jahres“. Gastspiele europaweit, die Zusammenarbeit auch mit internationalen Orchestern und seit 2018 eine Gastprofessur an der Hochschule für Musik in Berlin zeichnen ihre Laufbahn aus.

Von all diesen Meriten strahlte die Künstlerin auch etwas bei ihrem Auftritt im Mühlacker Uhlandbau aus, der dank seiner hervorragenden Akustik auch anspruchsvollem Musizieren genügt.

Das Klavierkonzert Nummer 23 hat Wolfgang Amadeus Mozart neben seiner Arbeit an der Oper „Die Hochzeit des Figaro“ komponiert. Bei genauem Hinhören lassen sich auch taktweise kleine Anklänge daraus im Klavierkonzert entdecken. Mit versierter Technik, dennoch mit hoher Sensibilität und mit tiefer Hingabe an das Werk interpretierte Annika Treutler die in ihrem Aufbau und Inhalt sehr differenzierten drei Sätze Allegro, Adagio und Allegro und wurde auf höchst beeindruckende Weise den Intentionen des Komponisten gerecht.

Vom Publikum für diese Darbietung mit kaum endendem Applaus gefeiert, kündigte Treutler eine Zugabe „aus dem kühlen Norden an, ein Impromptu von Sibelius“. Doch mit viel Herzblut erwärmte sie auch dieses Stück, wie schwere Tropfen fielen die letzten Töne, ehe nach einem Moment der Stille die Künstlerin erneut mit Beifall überschüttet wurde.

Der lettische Komponist Peteris Vasks, geboren 1946, hat eine „Musica Adventus“ geschrieben. Daraus stimmte nun die Kammersinfonie das „Moderato“ an – ein wahres Kontrastprogramm zum eben Gehörten, das wie der Eintritt in eine andere musikalische Welt anmutete. Beginnend mit hauchzarten Flageolett-Tönen, gezupften und mit Bogenholz erzeugten Klängen, folgten wenige warme Basstöne, und erneut wurde gezupft und geklopft… Angespannt hatten die Zuhörer gelauscht und klatschten nun begeistert Beifall. „Die Wiedergabe war beeindruckend, das anfängliche Suchen war eine Hinführung zum Advent, drückte Hoffnung aus, wie auch einige eingefügte Takte eines Weihnachtsliedes deutlich machten“, umriss Zuhörer Ernst Fischer seine Empfindungen.

In der Pause wurde der Flügel beiseite geräumt, denn nun trat die Süddeutsche Kammersinfonie Bietigheim in großer Besetzung auf und führte mit Mozarts Sinfonie Es-Dur KV 543 die Besucher mit Pauken und Trompeten zurück zur Klassik. Die 1788, drei Jahre vor seinem Tod komponierte Sinfonie ist in allen drei Sätzen ein Werk voller Gegensätze. Ein Adagio mit einem Paukenschlag als Auftakt, das nach etlichen markanten Klangfolgen in sanfte Gleise führte, um wenige Takte später erneut fortissimo aufzutrumpfen. Die Oboe hatte der Komponist gestrichen, Flöte und zwei Klarinetten dominierten wiederholt, ehe nach Paukenwirbeln die Streicher das Zepter übernahmen.

Wie in einem koketten Frage- und Antwortspiel agierten im zweiten Satz Andante con moto Bläser und Streicher miteinander in unerwartet derbem Stil, als gäbe es etwas zu verteidigen, ehe sich die Klarinetten mit heiteren Klängen Gehör verschafften. Den fulminanten Schlusspunkt setzte im dritten Satz das Menuetto mit einem virtuosen Finale, in dem sich alle Stimmen vereinten. Nur gelegentlich vermochten Moll-Klänge die lichte Es-Dur-Stimmung zu verdunkeln.

Hatten die Musikerinnen und Musiker schon durch ihre einfühlsame Begleitung der Pianistin den Zuhörern einen ersten Eindruck von dem breiten Spektrum ihrer Fähigkeiten vermittelt und mit der Vasks-Interpretation diesen Eindruck noch verstärkt, so schöpfte das Ensemble bei seiner Interpretation der Mozart-Sinfonie alle Facetten des kraft- und machtvollen Musizierens, aber auch des Innehaltens aus. Im Decrescendo ging es zurück zu den Quellen, hinab in emotionale Tiefen. Peter Wallinger wusste mit seinem Dirigat zielgenau die Vorgaben der beiden Komponisten zu vermitteln, und seine Kammersinfonie folgte ihm auch auf den geringsten Fingerzeig.

Der Uhlandbau bebte beinahe unter den Begeisterungsstürmen der Zuhörerinnen und Zuhörer. Schöner und gelungener, aber auch vielversprechender hätte der Jubiläumsauftakt nicht sein können.

Autorin: Eva Filitz                                                                                                                    

Mit geschmeidiger Eloquenz im Spiel

Bei den Adventskonzerten der Süddeutschen Kammersinfonie Bietigheim konnte man die junge Berliner Pianistin Annika Treutler kennenlernen. Die 33-Jährige verfügt über ein außergewöhnlich nuanciertes Gestaltungsvermögen.

Annika Treuter am Klavier beim Adventskonzert der Süddeutschen Kammersinfonie. Foto: Holm Wolschendorf

BIETIGHEIM-BISSINGEN/MÜHLACKER. Gut eine Dekade lang hat Sachiko Kobayashi mit selten unterbrochener Regelmäßigkeit der Süddeutschen Kammersinfonie Bietigheim (SKB) als Konzertmeisterin ein Gesicht gegeben und das Profil des 1984 von Peter Wallinger gegründeten Orchesters in dieser Ära mitgeprägt. Nachdem die japanische Violinistin, ihres Zeichens auch Primaria des Stuttgarter Lotus Quartetts, in den vergangenen zwei Jahren kürzer getreten hat, war ihre Rückkehr ans erste Pult der ersten Violinen für nicht wenige der Zuhörer ein überraschendes Wiedersehen mit einer hochgeschätzten Musikerin.

Treues Publikum aufgebaut

Mit der Reihe Mühlacker Concerto trägt der 73-jährige Dirigent Wallinger seit langem einen nicht unwesentlichen Baustein zum kulturellen Leben von Mühlacker bei, dementsprechend hat sich die SKB hier ein treues Publikum aufgebaut.
Eine Premiere dürfte indes für die meisten die Begegnung mit Annika Treutler gewesen sein: Zwar wurde die Berliner Pianistin bereits mehrfach ausgezeichnet, zuletzt 2020 mit dem „Opus Klassik“ für die „Konzerteinspielung des Jahres“, doch die Gelegenheiten, Treutler bei Auftritten in Süddeutschland zu erleben, waren bislang eher rar gesät. Abhilfe schaffte ihr Debüt als Solistin der SKB bei den Adventskonzerten des Orchesters – das Programm wurde zuvor im Bietigheimer Kronenzentrum präsentiert -, die zugleich die Jubiläumssaison zum 40-jährigen Bestehen des Ensembles einläuteten.
In Mozarts 1786 komponiertem Klavierkonzert A-Dur (KV488) konnte man eine nachgerade ideale Interpretin dieses Schlüssel- und Gipfelwerks seiner Gattung kennenlernen. Mit erlesenem Rubato gestaltet die 33-Jährige ihre Solopassagen im Allegro-Kopfsatz, vollzieht die vielgestaltigen Gedanken der Mozart’schen Klangrede nicht nur pianistisch auswendig, sondern auch sehr beredt in ihrer Mimik nach. Eine im Wortsinn geschmeidige Eloquenz, eine superb geschliffene Klangkultur prägt ihr Spiel, die von Mozart hier erstmals auskomponierte Kadenz wächst zu einem atemberaubenden Ohrenspitzer. Das folgende Siciliana-Adagio unterstreicht, dass die empfindliche Musik Mozarts bei Treutler nicht nur in besten Händen ist; in den nuancenreichen Variationen spricht der gesamte Körper der Pianistin mit. Exquisit dann das finale Kehraus-Rondo, in dessen buffoneskem Charakter sich auch die zeitliche Nähe zu „Le nozzo de Figaro“ äußert, durchgehend exzellent die Einbettung durch Wallinger und die SKB. Für den enthusiastischen Beifall und Bravorufe bedankt Treutler sich mit dem Impromptu No. 5 von Jean Sibelius.
Ungeheuer eindringlich im Anschluss das „Moderato“ aus Pēteris Vasks’ „Musica adventus“, Wallinger lässt die nordisch-kontemplative Musik atmen. Mit einer in ihrer Balance von kammermusikalischer Transparenz und orchestraler Sinfonik den zwischen barocken Rückbezügen und einer Vorschau auf die Romantik oszillierenden Gestus der Es-Dur-Sonfonie (KV 543) exakt treffenden Interpretation schließt sich nach der Pause der Mozart-Kreis des vorzüglichen Adventskonzerts. Das letzte Mal in der verdienstvollen Laufbahn SKB mit Peter Wallinger? Das lässt der Dirigent im Gespräch mit unserer Zeitung vorerst noch offen.

Autor: Harry Schmidt

Sprühende Spielfreude im Uhlandbau

Klangintensives Konzert der Reihe MühlackerConcerto

Mit natürlichem, unangestrengtem Spiel: Pianistin Annika Treutler; Foto: Rafael Wallinger

Mühlacker. Ein Mozart-Konzert vom Feinsten erfreute zum zweiten Advent bei der MühlackerConcerto-Reihe im Uhlandbau. Einleitend musizierten unter Peter Wallingers Leitung die „sueddeutsche kammersinfonie bietigheim“ und die renommierte Pianistin Annika Treutler das Klavierkonzert A-Dur (KV 488) von Wolfgang Amadeus Mozart, das Klassikfreunde wegen seines ausdrucksstarken Charakters schätzen. Besonders, wenn es so lebendig und klangintensiv aufgeführt wird, wie in Mühlacker.

Die anmutigen Melodien des ersten Satzes in A-Dur wurden als Inbegriff Mozart’scher Musik im argumentativen Wechselspiel zwischen Orchester und Solistin entfaltet, die kompositorischen Ideen und markanten Begleitfiguren mit musikalischer Eloquenz herausgearbeitet. Dunkel und tiefschürfend dann das anschließende, schmerzlich-zarte, sehr bedächtig vorgetragene Adagio in fis-Moll, wobei neben der mit hingebungsvoller Empathie spielenden Pianistin im Kern des Satzes die Bläserstimmen (Hörner, Flöte, Klarinetten, Fagotte) beeindruckten. Nach diesen Moll-Abgründen strahlte die mozartantisch-diesseitige Heiterkeit ungebrochen im temperamentvoll wieder-gegebenen Finale um so mehr. Begeisternd das unaffektiert-natürliche, unangestrengte Spiel der Solistin am Flügel, die charmant in einem langen Advents-Glitzerkleid agierte. Treutlers Interpretationsweise neigte eher zur Anmut als zur herausgestellten Bravour und changierte mit geschmeidigem Anschlag je nach Satzcharakter zwischen lyrischer Verinnerlichung und tempobewusst sprühender Spielfreude.

Dass sie die Klaviertasten auch mit hinreißender Virtuosität bedienen kann, stellte sie mit ihrer Zugabe, einem Impromptu von Jean Sibelius, unter Beweis.

Klassik im besten Sinn: die „sueddeutsche kammersinfonie bietigheim“ unter der Leitung von Peter Wallinger.
Foto: Rafael Wallinger

Als Konzert-Scharnier, auch der Adventszeit geschuldet, fungierte Peteris Vasks „Musica adventus I“. Typisch für den lettischen Komponisten und Pastoren-Sohn gilt nach seinen Worten der Versuch, „aus Schmerz geboren ein Loblied auf Glaube und Liebe zu singen“. Das kurze Orchesterstück wirkte eisblumenkalt mit extrem leise gehauchtem Beginn und allmählichem musikalischen Aufblühen wie eine Illustration des Zitats.

Man sagt, Mozart habe seine Klaviermusik in intimen Momenten für sich selbst geschrieben. Die Sinfonien dagegen waren für publikumswirksame, große öffentliche Aufführungen bestimmt. Sicher auch seine Sinfonie Es-Dur (KV 543), die Wallinger mit seinem Ensemble, jetzt verstärkt durch „lärmende Instrumente“ (Pauken und Trompeten), nach der Pause aufführte. Das war beim Zuhören Klassik im besten Sinn: weder langweilig noch einschüchternd, sondern beglückend. Mit Klarheit und Verve führte der Dirigent durch die Partitur, fügte das vielgestaltige Themen-Material zu sinnfälliger Ganzheit und sorgte für strukturelle Geschlossenheit. Dirigent und Orchester blieben auch Effekten nichts schuldig, überraschende Akzente schnellten immer wieder hervor.

So war beispielsweise im 3. Satz das berühmte Klarinetten-Duo über dudelnder Tanzbegleitung mit seiner gemächlich sich wiegenden Ländler-Seligkeit so schön, dass es – vom Publikum herbeigeklatscht – als Zugabe wiederholt werden musste. Das Neujahrskonzert im Uhlandbau folgt am Sonntag, 14. Januar, 11 Uhr, mit Werken von Dowland, Purcell, Bach und Sibelius.

Autor: Eckehard Uhlig