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Rafael Wallinger

Klangfreude, Virtuosität und Leidenschaft

Süddeutsche Kammersinfonie Bietigheim und Trio Vivente begeistern mit Werken von Grieg, Borodin, Dvořák und Beethoven im Uhlandbau.

Die Süddeutsche Kammersinfonie Bietigheim unter Peter Wallinger begeistert mit einem Konzertabend voller Leichtigkeit, klanglicher Finesse und musikalischer Poesie. Foto: Müller

Mühlacker. Am Freitagabend wurde der Uhlandbau zur Bühne eines besonderen musikalischen Erlebnisses. Mit einem Frühjahrskonzert feierte die Süddeutsche Kammersinfonie Bietigheim gemeinsam mit dem Trio Vivente den krönenden Abschluss ihrer Jubiläumssaison „40 Jahre Kammersinfonie“. Veranstaltet vom Förderverein „Mühlacker Klassik e.V.“, bot das Programm den etwa 150 Besucherinnen und Besuchern eine stilistisch vielfältige Reise durch Romantik, Volksnähe und Virtuosität – dargeboten mit beeindruckender Musikalität.

Unter der Leitung von Peter Wallinger entfaltete sich ein Konzertabend voller Leichtigkeit, klanglicher Finesse und musikalischer Poesie. Wallinger führte das Orchester mit präziser Hand und formte das Zusammenspiel zu einer ausdrucksstarken Einheit. Seine klare musikalische Gestaltung half, die Struktur des Konzerts aufzufächern und die klangliche Vielfalt zur Geltung zu bringen.

Bereits vor Konzertbeginn bereitete Dr. Christina Dollinger das Publikum mit einer Einführung auf den Abend vor. Ihre Erläuterungen beleuchteten die verbindenden Motive der ausgewählten Werke – allesamt geprägt von Heiterkeit, tänzerischer Energie und klanglicher Eleganz. Besonders interessant war dabei der Einblick in die künstlerische Entwicklung und die Inspirationsquellen der einzelnen Komponisten.

Edvard Griegs „Hochzeitstag auf Troldhaugen“ eröffnete das Konzert mit Leichtigkeit und nordischem Charme. Ursprünglich als Hommage an die glücklichen Jahre in seinem Haus Troldhaugen komponiert, fängt das Stück die unbeschwerte Freude eines besonderen Tages ein. Der schwungvolle Beginn, geprägt von tänzerischen Rhythmen und lebendigen Harmonien, vermittelt eine Atmosphäre ausgelassener Feierlichkeit. Im Mittelteil entfaltet sich Griegs feinfühlige Melodieführung, bevor das Werk zu seinem mitreißenden Abschluss zurückkehrt. Diese geschickte Balance zwischen Festlichkeit und Melancholie macht das Stück zu einem ausdrucksstarken Charakterbild. Die Musikerinnen und Musiker der Kammersinfonie interpretierten die Komposition mit stilistischer Präzision und verliehen den tänzerischen Elementen Leichtigkeit: Sie schufen eine warme Klangatmosphäre, die das Publikum in Griegs Erinnerungswelt eintauchen ließ.

Musiker nehmen ihr Publikum mit auf eine klangvolle Reise durch die Steppen Mittelasiens.

Mit Borodins „Steppenskizze aus Mittelasien“ öffnete sich eine weitläufige Klanglandschaft voller sanfter Übergänge und atmosphärischer Tiefe. Das Werk zeichnet die langsame Reise einer Karawane durch die weite Steppe nach, wobei russische und orientalische Musiktraditionen kunstvoll miteinander verflochten werden. Die einprägsame Melodie der Holzbläser, die die Karawanenführer symbolisiert, wird von einer sanften Begleitung in den Streichern getragen, welche die unendliche Weite der Landschaft unterstreicht. Mit fein abgestimmten Phrasierungen führte das Orchester die Zuhörer auf eine eindrucksvolle musikalische Reise. Besonders die feinen Abstufungen in Dynamik und Ausdruckskraft trugen zur intensiven Wirkung der Komposition bei.

Dvořáks „Böhmische Suite“ op. 39 ist eine Hommage an die Volksmusik seiner Heimat und verbindet schlichte Schönheit mit tänzerischer Eleganz. Die fünf Sätze spiegeln die böhmische Landschaft und ihre musikalischen Traditionen wider: mal leichtfüßig und verspielt, mal lyrisch und voller Wärme. Besonders charakteristisch ist Dvořáks feinsinniger Umgang mit Melodien und Rhythmen, die sich lebendig entfalten und eine folkloristische Atmosphäre schaffen. Er kombiniert volkstümliche Tänze mit klassischen Formen und verleiht ihnen eine raffinierte Orchestrierung, die die einzelnen Instrumentengruppen harmonisch miteinander verwebt. Die Suite fängt die Essenz böhmischer Musik mit natürlichem Fluss und musikalischer Ausdruckskraft ein. Das Orchester setzte diese feinen stilistischen Nuancen gekonnt um und schuf ein lebendiges Klangbild.

Nach der Pause erklang Ludwig van Beethovens Tripelkonzert C-Dur op. 56, ein selten aufgeführtes Werk mit einer ungewöhnlichen Besetzung. Beethoven kombiniert hier Violine, Violoncello und Klavier zu einem gleichberechtigten solistischen Trio, das in intensivem Austausch mit dem Orchester steht. Die Komposition zeichnet sich durch ihre feinsinnige Verzahnung der Soloinstrumente aus, wodurch ein facettenreicher musikalischer Dialog entsteht.

Das Trio Vivente – bestehend aus Anne Katharina Schreiber (Violine), Kristin von der Goltz (Violoncello) und Jutta Ernst (Klavier) – überzeugte mit präziser Abstimmung und tiefem musikalischem Verständnis. Vom ersten Einsatz an wirkte ihr Zusammenspiel harmonisch und geschmeidig, jede Stimme wurde klar herausgearbeitet, ohne das Gesamtbild aus dem Gleichgewicht zu bringen. Das Orchester spielte dabei nur im ersten Satz (Allegro) eine tragende Rolle. Im Largo des zweiten Satzes zeigte sich die lyrische Tiefe des Werkes, und im abschließenden Rondo alla polacca brachte das Trio Vivente die Virtuosität und das tänzerische Moment des Werkes zur Geltung. Lebhafte Rhythmen und dynamische Akzente sorgten für eine mitreißende Interpretation, die den festlichen Charakter des Satzes unterstrich. Beethoven verbindet hier klassische Eleganz mit spielerischer Leichtigkeit.

Das Publikum zeigte seine Begeisterung für einen rundum gelungenen Konzertabend mit langanhaltendem Applaus und Beifallsrufen. Besonders herzlich wurde das Trio Vivente gefeiert, dessen fein abgestimmte Interpretation und Bühnenpräsenz beeindruckte. Mit einer besonderen Zugabe – Beethovens erstem Klaviertrio – verabschiedete es sich vom Publikum und setzten einen stimmungsvollen Schlussakzent.

Autor: Manfred Müller

Umjubelter Höhepunkt der Saison

Die Frühjahrskonzerte der Süddeutschen Kammersinfonie Bietigheim begeistern mit einem originellen Programm, das die Handschrift des Orchestergründers und -leiters Peter Wallinger trägt. Den Höhepunkt markierte Beethovens „Tripelkonzert“ mit dem Trio Vivente.

Distinkte Handschrift: Peter Wallinger am Pult der SKB. Foto: Holm Wolschendorf

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Leichtfüßig mit großer Virtuosität

Die sueddeutsche kammersinfonie bietigheim und das Trio Vivente spielten ihr Frühjahrskonzert im Kronenzentrum.

Die sueddeutsche kammersinfonie bietigheim begeisterte das spärlich besetzte Kronenzentrum. Foto: /Oliver Bürkle

Was vor 40 Jahren als kleines Studentenorchester begann, hat sich längst zu einem qualitativ hochwertigen Bestandteil der Kultur Baden-Württembergs entwickelt: Die sueddeutsche kammersinfonie bietigheim spielte am Wochenende ihr Frühjahrskonzert zum Stadtjubiläum 2025 im Kronenzentrum und die zusätzlich eingeladenen Solistinnen des renommierten Trio Vivente sorgten ebenso wie die sueddeutsche kammersinfonie bietigheim für begeisterten Applaus im Publikum.

Bei Konzertbeginn waren die Plätze im großen Saal des Kronenzentrums leider nur zu gut einem Drittel besetzt. Im Foyer wurde vorab schon gemunkelt, dass aufgrund des sonnig warmen Wetters die Leute wohl lieber ihren Grill angeworfen hätten, als sich dem musikalischen Genuss hinzugeben: „Die verpassen wirklich etwas“, konnte man die mahnende Stimme einer Dame vernehmen und sie sollte Recht behalten. Das obligatorische Einstimmen auf der Bühne ging sehr schnell vonstatten. Schon betrat der Dirigent und Künstlerische Leiter der sueddeutschen kammersinfonie bietigheim Peter Wallinger sein Pult. Mit gebührendem Applaus wurde er begrüßt und hob alsdann seinen Taktstock.

Augenblicklich wurde es volkstümlich auf der Bühne, denn bis zur Pause standen die Werke dreier Zeitgenossen auf dem Programm: Edvard Grieg, Alexander Borodin und Antonin Dvorák. Sie alle lebten im 19. Jahrhundert, der musikalischen Epoche der Romantik mit ihrer erweiterten Harmonik, überraschenden Akkordverbindungen, einer Dynamik mit feinsten Abstufungen und dem immer wiederkehrenden Merkmal der Tonmalerei. Und sie alle drei verwoben gern die Volksmusik ihrer Länder in ihren Kompositionen.

Ein rauschendes Fest

Eine fröhliche kleine Melodie eröffnete Edvard Griegs „Hochzeitstag auf Troldhaugen“, ein eigentlich für Klavier geschriebenes lyrisches Stück. Den Namen Troldhaugen trug seine eigene, ländlich gelegene Villa und das vom tänzerischen Schwung geprägte dreiteilige Werk gilt als Andenken an die Silberne Hochzeit des Ehepaares Grieg. Ein schwärmerisches Legato, der liebliche Einsatz der Bläser sowie perfekt akzentuierte Klangbögen: Die sueddeutsche kammersinfonie bietigheim überzeugte vom ersten Ton an mit ihrer formvollendeten Durchhörbarkeit und dem strahlenden Orchesterklang. Peter Wallinger dirigierte mit kleinsten Bewegungen, um anschließend antreibende große Bögen zu beschreiben – sein Orchester folgte ihm stets leichtfüßig voller Spielfreude sowie mit größter Virtuosität.

In das Verklingen des Schlussakkords mischte sich bereits der begeisterte Applaus des Publikums und auch das zweite Stück des Abends, Alexander Borodins „Steppenskizze aus Mittelasien“ wurde vom Klangkörper seelentief nachempfunden und wunderbar warm klingend intoniert. Dieser Hörgenuss setzte sich mit Antonín Dvoráks Böhmischer Suite weiter fort. Auch hier überzeugte die sueddeutsche kammersinfonie bietigheim mit ihren begnadeten leidenschaftlichen Musikerinnen und Musikern: Ob leise expressive Töne im Praeludium, temperamentvolle in der Polka, oder ausdifferenzierte kraftvolle im Furiant – immer aufs Neue faszinierte die exzellente Durchhörbarkeit des Klangkörpers.

Trialog der Extraklasse

Nach der Pause dominierte ein großer schwarzer Flügel die Bühne, denn auf dem Programm stand Ludwig van Beethovens dreisätziges „Tripelkonzert“ für Klavier, Violine, Violoncello und Orchester in C-Dur. Dazu eingeladen war das hochkarätig besetzte Trio Vivente mit Anne Katharina Schreiber an der Violine, Kristin von der Goltz am Violoncello und Jutta Ernst am Klavier. Klare präzise Töne in der Eröffnung der Streicher, mit Einsetzen des Violoncellos hielt sich die sueddeutsche kammersinfonie bietigheim im Hintergrund, während Geige und schließlich Klavier erklangen.

Der Trialog der Instrumente bestach durch seine Hingabe gepaart mit höchster Ausdruckskraft. Anne Katharina Schreiber, Kristin von der Goltz und Jutta Ernst brillierten und begeisterten neben ihrer technischen Perfektion mit ihrer emotionalen Musizierweise und strahlenden Klangsubstanz ausnahmslos alle im Saal. Erst nach lang anhaltendem Beifall und nicht ohne Zugabe wurden sie schließlich von der Bühne gelassen.

 Autorin: Helga Spannhake

„Mühlacker Concerto“ begeistert mit musikalischer Europareise

Das Neujahrskonzert der „Mühlacker Concerto“ unter der Leitung von Peter Wallinger in der historischen Kelter Ötisheim überzeugt nicht nur mit Musik, sondern auch mit tiefgründiger Lyrik. Ohne Zugabe lässt das Publikum die Akteure nicht gehen.

Vollbesetzt ist der Saal in der historischen Kelter. Auf dem Podium im weißen Hemd: Solist Mikael Samsonov, weltweit gefeierter Cellist.        Foto: Filiz

Ötisheim. Zum 20. Mal hat Peter Wallinger, Künstlerischer Leiter und Dirigent der Sueddeutschen Kammersinfonie Bietigheim, zum Neujahrskonzert der „Mühlacker Concerto“ eingeladen; eine Konzertreihe, die er 2005 ins Leben gerufen hat. Da der Mühlacker Uhlandbau…

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Gefühl trifft Geist beim Neujahrskonzert

Die Klassikreihe „Mühlacker Concerto“ beginnt das neue Jahr mit einem exzellenten Konzert der Süddeutschen Kammersinfonie. Das Publikum in der voll besetzten historischen Kelter in Ötisheim bejubelt den Weltklasse-Cellisten Mikael Samsonov.

Beeindruckend: Die Kammersinfonie Bietigheim spielt beim Neujahrskonzert gemeinsam mit dem Weltklasse-Cellisten Mikael Samsonov. Foto: Bastian

Ötisheim. Vernunft und Gefühl schließen einander aus, lehrte der französische Denker René Descartes, denn klug handele ein Mensch nur dann, wenn er sich nicht von Emotionen beeinflussen lässt. Dies mag vielleicht für Naturwissenschaften zutreffen, aber wer versucht, die Künste mit der Kraft des messerscharfen Verstandes zu ergreifen, kommt nicht weit. Leib, Seele und Geist, Bauch und Kopf bilden vielmehr ein perfektes Ensemble, das uns Menschen von allen anderen Geschöpfen unterscheidet. Dass Geist und Gefühl eine innige Allianz eingehen und sich gegenseitig bereichern können, durften die zahlreichen Besucherinnen und Besucher des Neujahrskonzertes der Reihe „Mühlacker Concerto“ am Sonntagvormittag in der Historischen Kelter Ötisheim in beeindruckender Weise erleben. Auf dem Programm mit der vielsagenden Überschrift „GrenzenLos – LebensWert“ standen Werke aus der Zeit der Romantik. Der Sprecher Martin Stolz rezitierte intermittierend Gedichte von Hilde Domin.

Wer die Programmzusammenstellungen des „Spiritus Rector“ der Reihe, Peter Wallinger, über die Jahre verfolgt hat, weiß, wie viele Gedanken er sich macht, wie sorgsam er abwägt und schließlich Werk-Abfolgen findet, die sinnhafter und klüger kaum sein könnten. Das Konzert am Sonntagmorgen begann slawisch mit der Suite für Streichorchester von Leoš Janáček – und endete slawisch mit zwei Juwelen der Literatur für Violoncello und Orchester von Peter Tschaikowsky: den Rokokovariationen und dem Nocturne aus dem Jahr 1888. Dazwischen standen zwei Miniaturen von Anton Webern und zwei Stücke der skandinavischen Komponisten Jean Sibelius und Edvard Grieg. Martin Stolz trug dazu Verse der deutsch-jüdischen Dichterin Hilde Domin (1909-2006) vor. Ihre Miniaturen sind lebensbejahende und durchaus mutige Impulse zur Freiheit der Entscheidung.

Leoš Janáčeks (1854-1928) einfallsreiche „Suite“ vereinigt tänzerische Leichtigkeit mit anrührenden Kantilenen und der typisch slawischen Schwermut. Dem 16-köpfigen Ensemble gelingt eine sorgfältige, sensible Wiedergabe. Anton Webern (1883-1945) haftet noch heute das Urteil seiner Zeitgenossen an, seine Musik sei zu konstruiert, zu intellektuell und unschön. Doch wer sich ohne Vorbehalte und innere Widerstände auf sie einlässt, wird in Wahrheit reich belohnt. Der Finne Jean Sibelius (1865-1957) beschreibt – anders als sein norwegischer Kollege Edvard Grieg (1843-1907) – nicht die Landschaft und Natur Skandinaviens, er erzählt Geschichten. Mit der Konzertmeisterin der Süddeutschen Kammersinfonie, Sachiko Kobayashi, erklingt Sibelius’ beredte Humoreske IV in warmem und lyrischem Ton. Danach Griegs hochdynamisches Frühlingssehnen „Våren“. Auch bei einer Wiedergabe der höchst virtuosen Rokoko-Variationen von Peter Tschaikowsky (1840-1893) finden Geist und Emotion zu einer beeindruckenden Symbiose zusammen.

Der belarussische, vielfach ausgezeichnete Cellist Mikael Samsonov spielt Cello, so wie andere Leute spazieren gehen. Seine Technik ist atemberaubend und voll sprühender Leichtigkeit, sein Ton und sein Gespür für Form und Struktur sind vollendet. Die Variationen-Folge über ein Thema im Stil des 18. Jahrhunderts ist ein feines, bezauberndes Kammerspiel zwischen der Solostimme, die dem Interpreten musikalisch alles abverlangt, und einem raffiniert durchkomponierten Orchestersatz. Sie gehört zum Schönsten, was die Celloliteratur überhaupt zu bieten hat. Das Publikum zeigte sich fasziniert von der hohen Kunst des Flageolett-Spiels des Belarussen und applaudierte zur Unzeit, mitten in einer Phrase – woraufhin Samsonov, vollkommen zurecht, energisch-abweisend reagiert. Er bewältigte die aberwitzig schwere Stretta am Ende mit einer Leichtigkeit, die fast an Zauberei glauben lässt.

Die Süddeutsche Kammersinfonie Bietigheim mit ihren vielen sehr jungen Musikerinnen und Musikern hinterlässt den besten Eindruck. Noch über ein Zugabe-Stück von Ennio Morricone hinweg klingen die Worte Hilde Domins nach: „Weil ein neuer Anfang möglich ist: Wer den ersten Schritt in die Zukunft wagt, dem sei gesagt: Fürchte dich nicht, es blüht hinter uns her.“

Autor: Dr. Dietmar Bastian

Feiner Luxusklang bei Peter Wallingers Neujahrskonzert

Kammersinfonie Bietigheim brilliert mit Solocellist Mikael Samsonov in historischer Kelter in Ötisheim.

Solist Mikael Samsonov (Violoncello) beeindruckt vor allem mit seiner virtuosen Interpretation von Tschaikowskys „Rokoko-Variationen“. Foto Fotomoment

Ötisheim. Das nächtliche Böllern und Korkenknallen ist vorüber, die Neujahrskonzerte mit ihrem vom Radetzkymarsch bekrönten Walzer- und Polkareigen auch. Bei dem diesmal von Texten der Lyrikerin Hilde Domin traditionell literarisch bereicherten, gewissermaßen alternativen Neujahrskonzert, das Peter Wallingers „sueddeutsche kammersinfonie bietigheim“ vor begeistertem Publikum in der Historischen Kelter Ötisheim veranstaltete, war ein Cello-Solist angekündigt. Mit dem Auftritt von Mikael Samsonov konnte freilich ein musikalisches Ereignis gefeiert werden.

Cello-Solist Mikael Samsonov begeistert

In seiner Interpretation von Peter Tschaikowskys Rokoko-Variationen (op.33) zog der Solist alle Register der Virtuosität, brillierte mit sinnlich lyrischem Ton, gleitete in heiklen Glissandi zu höchsten Flageolett-Höhen oder musizierte spannungsgeladen und vibratosatt mit sonor samtigem Bass.

In der ersten von insgesamt sieben Veränderungen wurde die Ausgangsmelodie markant vorgestellt. Dann folgte in den durch Orchesterzwischenspiele miteinander verbundenen sechs weiteren Variationen ein technisch atemberaubendes Feuerwerk musikantischer Figurationen – ein artikulatorisch und dynamisch fein differenzierter Luxusklang.

Solistin Sachiko Kobayashi (Violine) sticht hervor mit ihrem Soloviolinen-Spiel in Jean Sibelius‘ „Humoreske IV“ (op. 89b). Foto Fotomoment

Technische Brillanz und romantischer Zauber

In der dritten Variante spielte Samsonov ausladend romantisch, in der vierten temperamentvoll tänzerisch. In der fünften triumphierte das Solocello mit einer meisterlichen Kadenz. Ähnliches wiederholte sich mit der Aufführung von Tschaikowskys „Nocturne für Violoncello und Orchester“, wobei Samsonov in beiden ohne Dirigent präsentierten Werken auch als leitender Konzertmeister fungierte.

Literarische Reflexion

Mit seiner fabelhaften Streicher-Truppe, in der mehrere neue Gesichter zu sehen waren, interpretierte Peter Wallinger vor der Konzertpause eine aufs Genaueste mit den Domin-Texten abgestimmte Folge meist heiterer Konzertstücke. Energisch der Auftakt zum aufblühenden Moderato in Leoš  Janáčeks Suite für Streichorchester. Es folgte ein zartes Adagio ohne die Streicherbässe, ein folkloristisch gefärbtes Andante con moto, dann das attackierende Presto, ein langsames Adagio mit solistischem Cello-Gesang und abschließend das sehr lebendige Finale.

Poetische Klangbilder

Zum meditativen Innehalten, das von Domin-Versen angeregt wurde, führten zwei kontrastreiche Stücke aus Anton Weberns „Fünf Sätze“ (op.5). Besonders intensiv gelangen die Übergänge von Sprache und Musik mit Domins Verszeile „Ich setzte den Fuß in die Luft, und sie trug“ und Jean Sibelius‘ „Humoreske IV“ (op. 89b) für (die von Sachiko Kobayashi gespielte) Solovioline und Orchester. Das Gedicht „Nur eine Rose“ führte zu Edvard Griegs melodienseligem Orchesterstück „Varen“ (Letzter Frühling) op.34.

Hilde Domins lyrisches Meisterwerk „Es blüht hinter uns her“, das der kunstvoll vortragende Sprecher Martin Stolz zwischen die beiden Tschaikowsky-Cellokompositionen einfügte, fasste alle Freude am Heiteren und Schönen zusammen. Wäre die Neujahrspolitik in unserem Land so freundlich wie diese Neujahrs-Kunstmatinee in der einladenden Kelter, müsste man sich um das neue Jahr keine Sorgen machen.

Autor: Eckehard Uhlig

Vitale, transparente Interpretationen

Mit der 22. Ausgabe der Reihe „Kammersinfonie live“ beschreitet Peter Wallinger neue Wege: „live 2024“ dokumentiert erstmals ein Konzertprogramm der Süddeutschen Kammersinfonie Bietigheim in voller Länge.

BIETIGHEIM-BISSINGEN. Normalerweise blickt Peter Wallinger mit der alljährlichen Ausgabe der CD-Reihe „Kammersinfonie live“ in Form eines Querschnitts auf die vergangene Saison der Süddeutschen Kammersinfonie Bietigheim (SKB) zurück. Dass der Maulbronner Dirigent das Blütenlesekonzept für „live 2024“ außer Kraft setzt, geschieht aus gutem Grund: 1984, vor genau vier Dekaden, hat Wallinger dieses Orchester gegründet – mit dem Jubiläumsfestkonzert „40 Jahre Kammersinfonie“ präsentiert die 22. Ausgabe der Dokumentationsreihe erstmals ein SKB-Programm in voller Länge.
Erfreulich ist die Ausnahme auch deshalb, weil sie neben den Qualitäten des auf transparente, vitale Interpretationen abonnierten Dirigenten und seines einmal mehr vorzüglich disponierten Ensembles auch die des Spielplangestalters Peter Wallinger offenkundig werden lässt.

Der Witz in der Partitur

Kontrast- und farbreich gestaltet die erste Hälfte, mit einer Extraportion Elan federn Dvoráks „Slawische Tänze“ heran, deren rhythmische und dynamische Impulse unter den Händen des Dirigenten in wunderbaren Holz- und Blechbläserfarben koloriert erklingen. Spannend und plastisch modelliert folgt Jean Sibelius’ „Valse triste“, bevor Wallinger die Nr. 1, Nr. 5 und Nr. 6 der „Ungarischen Tänze“ von Brahms in schwungvollen, den Witz aus der Partitur kitzelnden Deutungen auf den (springenden) Punkt bringt.

Höhe- und Schlusspunkt ist die exquisite Wiedergabe des Beethoven’schen Violinkonzerts, in dem die in Ludwigsburg geborene Ursula Schoch, seit mehr als 20 Jahren Konzertmeisterin des Amsterdamer Concertgebouworkest, als Solistin auf einer Guadagnini von 1755 brilliert.

INFO: Die CD „live 2024“ ist über das Sekretariat „MühlackerConcerto“ Telefon (0 70 43) 95 83 93 oder per E-Mail an susanne@boekenheide.net für zwölf Euro zu beziehen. Für Mitglieder der Fördervereine „Süddeutsche Kammersinfonie Bietigheim“ und „Mühlacker Klassik“ kostenfrei.

Autor: Harry Schmidt

Wie einst im Mai: CD bietet gute Laune pur

Das Jubiläumskonzert der Süddeutschen Kammersinfonie Bietigheim vom Mai 2024 ist jetzt als Livemitschnitt auf CD erschienen.

Das Cover der neuen CD. Foto: privat

Mühlacker. Noch erklingt im Uhlandbau keine Musik. Die Renovierungsphase dauert, wie berichtet, länger als geplant. Wer sich die Wartezeit bis zur nächsten kulturellen Veranstaltung im Saal mit der viel gelobten Akustik verkürzen möchte, hat die Chance, eine neue CD der Reihe „Süddeutsche Kammersinfonie Bietigheim Live“ zu erleben. Frisch auf dem Markt ist der Mitschnitt des Festkonzerts „20 Jahre Konzerte im Uhlandbau Mühlacker – 40 Jahre Kammersinfonie“ vom 3. Mai 2024 im Uhlandbau. Damals erklangen, nun auch im heimischen Wohnzimmer nachzuhören, Werke von Dvorak, Sibelius und Brahms sowie das Violinkonzert von Beethoven mit der renommierten Solistin Ursula Schoch, einer langjährigen Begleiterin des Orchesters.

„Furiant“ ist der Slawische Tanz von Dvorák überschrieben, mit dem die CD eröffnet wird, und es ist ein furioser Beginn: Farbenreich, die nicht immer eingängigen Rhythmen genießend, präsentiert sich das Orchester unter seinem Leiter Peter Wallinger, wenig später dann schwelgerisch träumend im mit „Starodávný“ (aus alten Zeiten) überschriebenen Satz. Und tänzerisch geht es weiter mit Sibelius’ „Valse triste“. Da sieht man förmlich vor dem inneren Auge die elegant gekleideten Tänzerinnen und Tänzer ihre Schritte setzen, man hört den Walzerrhythmus und kann sich ausmalen, wie die Röcke ausschwingen, die Damen selbstbewusst die Köpfe hin und her drehen, die Herren energisch voranschreiten.

Die Energie, die Peter Wallinger seiner Süddeutschen Kammersinfonie Bietigheim in stets stilgerechter Form zu entlocken vermag, bricht sich auch in den weltbekannten „Ungarischen Tänzen“ von Brahms Bahn. Doch wie soll man Stücke neu interpretieren, die jedes Kind kennt, die, obwohl technisch und vom Zusammenspiel her höchst anspruchsvoll, dem Zuhörer als etwas Selbstverständliches erscheinen? Peter Wallinger erfindet die Tänze eins, fünf und sechs nicht neu. Aber er präsentiert sie gut durchhörbar und lässt die Musik für sich sprechen. Das Ergebnis ist gute Laune pur.

Auch Beethovens Violinkonzert D-Dur ist Klassikfreunden bestens bekannt. In ihrer wohlüberlegten gemeinsamen Interpretation setzen die in den hohen Lagen besonders überzeugende Geigerin Ursula Schoch und der sein Orchester als gleichberechtigten Partner führende Peter Wallinger einen bemerkenswerten Schwerpunkt auf die rhythmischen Elemente. Denn dass ein Violinkonzert von vier Paukenschlägen eröffnet wird, ist ungewöhnlich genug, um das im Verlauf des ersten Satzes in unterschiedlichen Registern wiederkehrende Motiv ins Schaufenster zu stellen und auch in den Spielfiguren der Solovioline auf akzentuierte Elemente zu setzen. Diese stehen dann in wunderbarem Kontrast zu den scheinbar schwerelosen Melodien, die Ursula Schoch in perfekter Intonation darbietet.

Die CD ist zu beziehen über die Buchhandlung Elser in Mühlacker beziehungsweise per E-Mail an susanne@boekenheide.net oder unter der Telefonnummer 07043/958393. Für Mitglieder des Fördervereins der Kammersinfonie ist die CD als Jahresgabe kostenfrei.

Autorin: Carolin Becker