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Mühlacker Tagblatt

Corona wirbelt alle Pläne durcheinander

Peter Wallinger und die Musiker der „sueddeutschen kammersinfonie bietigheim“ müssen kurzfristig umdisponieren. Konzertmacher gibt nicht auf und sucht immer wieder neue Wege. Engagement stößt bei Künstlern und dem Publikum auf Zuspruch.

Die „sueddeutsche kammersinfonie bietigheim“ wollte am vergangenen Wochenende zwei Konzerte geben – jenes in Bietigheim wurde jedoch abgesagt, und im Uhlandbau wurde ein Videomitschnitt erstellt, der am Wochenende des zweiten Advents ins Netz gestellt werden soll. 
Fotos: Friedrich

Mühlacker. Eigentlich wollten die Musiker der „sueddeutschen kammersinfonie bietigheim“ unter ihrem Dirigenten und Leiter Peter Wallinger am Wochenende zwei Konzerte geben: am Samstagabend in Bietigheim und am Sonntag im Uhlandbau in Mühlacker. Ersteres wurde abgesagt, das zweite musste kurzfristig in eine Aufzeichnung umgewandelt werden, die ab dem zweiten Adventswochenende im Internet zu erleben sein soll.

„In meiner mehr als 40-jährigen Laufbahn gab es noch nie so viel Bewegung wie in den letzten Monaten, Wochen, Tagen, ja Stunden“, räumte Wallinger gegenüber unserer Redaktion ein. Erst sei die Absage aus Bietigheim gekommen, dann hatte man sich dazu entschlossen, auch das Konzert in Mühlacker nicht öffentlich, sondern in Form der Aufzeichnung stattfinden zu lassen. „Es hatte sich eine Verschärfung der Lage abgezeichnet, und vom Landrat kam der dringende Rat, keine größeren Veranstaltungen durchzuführen.“ Verboten seien solche Veranstaltungen zwar nicht gewesen, betont Wallinger, zumal wenn sie unter 2-G-Bedingungen stattfinden, „aber man hat schon seine Bedenken.“ Innerhalb kürzester Zeit mussten Wallinger und sein Team also eine Videoproduktion samt Tonmeister finden. Zugleich war klar, dass das Orchester während der Aufzeichnung nicht auf der Bühne, sondern im Saal spielen musste, damit die Mindestabstände gewahrt bleiben. „Ein dichtes Gedränge auf der Bühne und ohne Maske wäre zu riskant gewesen“, so Wallinger.

Am Dienstag vor dem Konzert kam dann die nächste Hiobsbotschaft: Die eigentlich eingeplante Solistin aus Berlin musste aufgrund einer schweren Erkältung absagen. Nun stand plötzlich auch die Aufzeichnung auf der Kippe. Trotzdem haben die Organisatoren nach einem Ersatz gesucht; keine leichte Aufgabe, weiß Wallinger. „Es ist ein sehr anspruchsvoller Part“. Fündig geworden sind sie in München bei Maria Rebekka Stöhr, die zwar auch gesundheitlich leicht angeschlagen war, aber das Zeichen gab: Sie wagt es. Das Programm musste allerdings kurzfristig geändert werden, weil für die Mezzosopranistin zu wenig Zeit blieb, die eigentlich geplanten „Lieder eines fahrenden Gesellen“ von Gustav Mahler einzustudieren. Sie schlug stattdessen drei andere Lieder von Mahler vor.

Nun war es an Wallinger und seinen Mitstreitern, schnellstmöglich die Noten dafür zu organisieren und diese mit der Kammersinfonie einzustudieren. Das ist offenkundig gelungen. Bei der Aufzeichnung am Sonntag war von der Hektik im Vorfeld jedenfalls nichts mehr zu spüren. Souverän meisterten Solistin und Orchester diesen Part.

Dabei war Wallinger dienstags zuvor schon fast so weit gewesen, einfach alles abzusagen. „Ich habe erst einmal tief Luft geholt und überlegt, was wir machen.“ Seine Grundhaltung, die ihn in Pandemiezeiten auch schon bei den Konzerten in Lienzingen ausgezeichnet hat, möglichst alle Veranstaltungen durchzubekommen und nicht aufzugeben – trotz aller Widrigkeiten –, hat hier ebenso geholfen, wie der Umstand, dass Mezzosopranistin Maria Rebekka Stöhr kurzfristig eingesprungen ist.

„Es ist total wichtig, dass man die Musikkultur aufrechterhält und nicht zu schnell aufgibt“, betont Wallinger, auch wenn er weiß, dass es dafür ein enormes Durchhaltevermögen braucht. „Das geht ja jetzt schon fast zwei Jahre so.“ Bei Publikum und Musikern stößt sein Engagement deshalb auf Zuspruch: Gerade die Musiker seien froh, wenn sie spielen können – besonders die Freischaffenden, die natürlich von solchen Engagements leben. Trotzdem hat Wallinger auch hier improvisieren müssen. Einige seiner Musiker spielen nämlich in großen Orchestern, in Stuttgart und Karlsruhe. „Sie haben vor etwa zehn Tagen ein Programm reingedrückt gekriegt und mussten an dem Wochenende spielen.“ Für Solohorn und Soloklarinette musste Wallinger daher ebenfalls Ersatz besorgen. Auch das ist ihm gelungen.

Davon haben sich nicht nur die 50 Besucher überzeugen können, die bei der Aufzeichnung dabei sein durften; davon wird man auch im Stream einen guten Eindruck bekommen, gleichwohl er natürlich nur bedingt die Atmosphäre eines Konzertsaals abbilden kann. Wahrscheinlich wird man sich vorerst aber wieder daran gewöhnen müssen, befürchtet Wallinger. Möglicherweise wird nämlich auch das Neujahrskonzert nur als Aufzeichnung stattfinden können. So wie es bei diesem Konzert der Fall war, das ab dem 4. Dezember auf den Webseiten www.muehlacker-klassik.de/muehlacker-concerto / bzw. www.sueddeutsche-kammersinfonie.de abrufbar ist.

Mezzosopranistin Maria Rebekka Stöhr übernimmt kurzfristig den Solopart.

Autor: Stefan Friedrich

Akkorde schweben durch den Raum

Mit einer Weltpremiere wartet der „Musikalische Sommer“ in der Lienzinger Frauenkirche auf. Dort erklingt erstmals öffentlich das Konzert für Harfe und Orchester „L’Oiseau bleu – Der blaue Vogel“. Das Publikum feiert die Musiker.

Die international renommierte Harfenistin Anne-Sophie Bertrand beeindruckt mir ihrem berührenden Spiel die vielen Zuhörer in der Frauenkirche. Foto: Filitz

Mühlacker-Lienzingen. Nach dem erfolgreichen Auftakt mit zwei Auftritten im Juni fand nun das Festival „Musikalischer Sommer“ in der Lienzinger Frauenkirche seine Fortsetzung. Unter Leitung von Peter Wallinger musizierte die Süddeutsche Kammersinfonie Bietigheim in kleiner Besetzung. Geboten wurde eine „Sommerliche Serenade“ mit Werken von europäischen Komponisten der Spätromantik bis hin in die Gegenwart mit „neuer“ Musik.

Spanisch begann diese außergewöhnliche Konzertstunde mit „La oracion del torero – Gebet des Toreros“ des in Sevilla geborenen Komponisten Joaquin Turina. Kernpunkt seines Schaffens waren die Sitten und Gebräuche seiner Heimat Andalusien, darunter als unverzichtbare Komponente der Stierkampf. Laut Überlieferung habe ihn die Beobachtung eines betenden Toreros vor Kampfbeginn inspiriert, dessen emotionale Empfindungen in Noten festzuhalten. Eine Herausforderung für die Musiker, mit fein-transparentem Bogenstrich diesen Gefühlen nachzuspüren. Fast geheimnisvoll die ersten Takte, nach tänzerischen Anklängen ein dramatischer Ausbruch, der wohl den Höhepunkt des Kampfes erfasst, ehe in ruhig dahinfließenden Klangbildern das eigentliche Gebet angestimmt wird. Mit stillem Ausklang hat der Torero Kraft und Frieden gefunden. Unter der subtilen Stabführung ihres Dirigenten gelang es dem Ensemble, die Intentionen des Komponisten nachhaltig umzusetzen. Das Publikum war begeistert.

Sind sonst Uraufführungen von Werken bedeutender Komponisten das Privileg großer Konzerthäuser wie der Royal Festival Hall in London, der Tonhalle in Zürich oder der Carnegie Hall in New York, so fand am Samstag eine solche Weltpremiere in der kleinen Frauenkirche statt. Der britisch-französisch-israelische Komponist Nimrod Borenstein, Jahrgang 1969, hat sein Konzert für Harfe und Orchester „L’Oiseau bleu – Der blaue Vogel“ der renommierten und international mit höchsten Preisen ausgezeichneten Harfenistin Anne-Sophie Bertrand gewidmet. Corona-bedingt musste die bereits für Juli 2020 in Cardiff geplante Uraufführung ausfallen und wurde nun der Kammersinfonie anvertraut. „Ich wollte ein Stück schreiben, in dem die Harfe lyrisch, ja magisch klingt – so wie man sich eigentlich Feenmusik vorstellen würde“, schreibt der Komponist über sein Werk. Wallinger klassifizierte den blauen Vogel als ein interessantes, höchst filigranes Werk. Eingestimmt mit zartem Zupfen, dann mit hellem Harfenklang startet der Vogel zu seinen Höhenflügen, ruft keck, macht Rast und meldet sich erneut mit zwitscherndem Harfenklang – der Fantasie waren keine Grenzen gesetzt. Ob nun der Hauch von schwebenden Feen zu spüren war, mag jeder Zuhörer für sich entscheiden. Perlenden Harfenklängen begegneten die Streicher doch recht prägnant. Jedoch der Schluss beglückte: Ganz zart und behutsam vom pizzicato des Kontrabasses getragen, schien nun ein unbestimmtes Etwas, eingehüllt in leise verklingende Harfenakkorde, durch den Raum zu schweben.

Als Solistin war Anne Sophie Bertrand noch mit den „Danse sacrée et Dance profane“ von Claude Debussy zu hören.  Tosend der Beifall, das Publikum ließ sie nicht gehen. Zwei Zugaben machten das Glück vollkommen. Denn ihre Wiedergabe der „Lerche“ des russischen Komponisten Michail Glinkas und von „La source – die Quelle“ des belgischen Komponisten Alphonse Hasselmans übertrafen alles, was die Solistin an diesem Abend bisher geboten hatte – und das war bereits tief beeindruckend gewesen. Die ganze Palette menschlicher Gefühle, aber auch Irrungen und Wirrungen, schloss die Solistin in ihr Spiel ein. Die Gesichter der Zuhörer glichen Stimmungsbildern, als sie zum Beispiel die Quelle so munter dahin sprudeln ließ.

Die Musiker der Kammersinfonie folgten mit großer Spielfreude dem stets einfühlsamen Dirigat Peter Wallingers. Der Kirchenraum füllte sich mit singendem Celloklang, als die Solocellistin der Kammersinfonie Chihiro Saito von Pablo Casals das „El Cant dels Ocells – Gesang der Vögel“ anstimmte, getragen von der in allen Passagen behutsamen Begleitung des Ensembles.

Am Schluss des so facettenreichen Konzertprogramms präsentierte sich die Kammersinfonie noch einmal in voller Klangpracht mit der Serenade für Streichorchester opus 20 des englischen Komponisten Edward Elgar. Auch die Orchestermusiker wurden mit Beifall überschüttet, viele Worte aufrichtigen Dankes fielen. Noch einmal griffen die Musiker zu ihren Instrumenten. Bis zum letzten Ton genossen die Zuschauer die Elgar-Zugabe, ehe sie glücklich und zufrieden hinaus in den lauen Sommerabend gingen. Um der Nachfrage zu genügen, wurde das Konzert am Sonntagvormittag wiederholt.

Autorin: Eva Filitz

Konzertgenuss via Computer

Beim Auftritt der sueddeutschen kammersinfonie bietigheim überzeugen Künstler und Technik

Die Pianistin Magdalena Müllerperth beim Online-Konzert    

Bietigheim/Mühlacker. Das traditionelle Adventskonzert der sueddeutschen kammersinfonie bietigheim fiel in diesem Jahr etwas anders aus als sonst: Ohne Zuschauer, dafür als aufgezeichneter Stream auf den Computern zahlreicher Zuhörer: Über 300 Aufrufe hat das Video bereits zu verzeichnen. Es ist unter www.muehlacker-klassik.de/muehlacker-concerto beziehungsweise www.sueddeutsche-kammersinfonie.de zu sehen.

Der Dank des Orchesters und seines Dirigenten Peter Wallinger ging dabei vorneweg an diejenigen, die dieses „außergewöhnliche Projekt“ finanziell unterstützt haben – Förderverein, Kulturamt Bietigheim, die Regierungspräsidien in Stuttgart und Karlsruhe und vor allem auch „allen unseren Unterstützern aus Mühlacker“. Gemeinsam haben sie dieses Konzert erst möglich gemacht, ein schönes Bild auch für das, was in diesen nicht immer ganz einfachen Zeiten zählt: zusammenhalten und kreativ werden. Darauf kommt es an. Dann öffnen sich auch neue Perspektiven und vieles wird möglich. In dem Fall ein Konzertgenuss, über die Bildschirme direkt nach Hause serviert.

Zu verdanken ist das in dem Fall natürlich besonders auch dem Team hinter dem Orchester, sprich: Thomas Schmidt, der sich für die Tonmischung verantwortlich zeichnete, sowie Theresa Mammel, die sich um einen adäquaten Schnitt verschiedener Kameraperspektiven kümmerte, mit denen mal das Ensemble in der Totalen, mal einzelne Musiker während des Spiels ganz nah zu sehen waren. Optisch klug komponiert, zog es einen als Zuschauer damit quasi mitten hinein auf die Bühne, mitten hinein in das filigrane und akzentuierte Spiel, das nicht nur das Orchester, sondern vor allem auch die Solistin Magdalena Müllerperth am Flügel auszeichnete.

Das wurde schon in den ersten Minuten des im Kronenzentrum Bietigheim aufgezeichneten Konzerts deutlich, beim Klavierkonzert A-Dur, KV 414, von Wolfgang Amadeus Mozart. Ein vielschichtiges Werk mit vielen feinen Nuancen, das wunderbar als Einstieg in dieses Konzerterlebnis diente. Präsentierte sich das Orchester zunächst einfühlsam und fast verhalten dezent, entwickelte sich allmählich ein virtuoses Miteinander, bei dem nicht zuletzt die aus Schmie stammende Müllerperth mit ihrem überaus präzisen und nachhaltig akzentuierten Spiel begeisterte. Hingebungsvoll ging sie in dem Werk auf, das sie förmlich mit Leben füllte – in dem Fall dank der Kameraperspektive auch sehr schön an ihrer Mimik abzulesen. Auch das ist natürlich ein Vorteil einer solchen Aufzeichnung, wenn sie Einsichten zeigt, die man im Live-Charakter in dieser Nähe nur bedingt hat. Die Süddeutsche Kammersinfonie wiederum war Müllerperth ein kongenialer Partner, als das Ensemble beispielsweise den zweiten Satz besonders inniglich und mit einer fesselnden Tiefe eröffnete und damit auch dessen Charakter eindrucksvoll zum Ausdruck brachte.

Mit den Variationen in C-Dur über das Lied „Ah! Vous dirai-je, Maman“ setzte Müllerperth im Mittelteil einen weihnachtlichen Akzent, eingeleitet durch die geradezu heiter beschwingte Interpretation des Liedes, das in Deutschland als „Morgen kommt der Weihnachtsmann“ besser bekannt ist. Dessen Motiv griff sie später in verschiedenen Facetten und Tempi auf und lieferte eine bemerkenswerte Bandbreite an Charakteristika vom förmlich in sich gekehrten Moment bis hin zur lebendig-forschen Ausgelassenheit. Auch hier wieder sehr präzise intoniert, verbunden mit dem richtigen Feingefühl für dynamische Erfordernisse, die dem Werk seine klanglich beeindruckend variantenreiche Vielfalt und Schönheit verlieh.

Das Konzert abgeschlossen hat das Orchester mit einem der beliebtesten Orchesterwerke von Franz Schubert: Es erklang die Sinfonie Nummer 5 in B-Dur, bei der die sueddeutsche kammersinfonie bietigheim ihre Stärken in Sachen Spielfreude und Homogenität ausspielen konnte, ein vielfach anmutiger Moment, der auch manche Schwermütigkeit in diesen Corona-geprägten Tagen schnell vergessen lassen kann.

Es war damit auch ein passender Schlussakzent für dieses rund 75-minütige Konzert, das nicht zuletzt eines gezeigt hat: Mit dem richtigen Team im Hintergrund und der passenden Technik ist eine solche Online-Übertragung ein echter Gewinn. Nur eines fehlte am Ende natürlich: Der Applaus des Publikums.

Stefan Friedrich

Die Früchte eines Corona-Jahres

Neue CD mit Konzertmitschnitten der Süddeutschen Kammersinfonie

Mühlacker/Bietigheim-Bissingen. „live 2020“ heißt die neue CD, die eine erfolgreiche Reihe bisher erschienener Konzertmitschnitte der Süddeutschen Kammersinfonie Bietigheim fortsetzt. Und bei der 18. Ausgabe ist der Titel in doppelter Hinsicht Programm: Er vermittelt, dass die enthaltenen Werke von Bach, Mozart und Bruckner ohne Netz und doppelten Boden live aufgenommen wurden. Er unterstreicht aber auch, dass die Kultur lebendig ist – trotz der Pandemie.
Peter Wallinger als Dirigent der Süddeutschen Kammersinfonie Bietigheim und Leiter der Klassikreihen „Musikalischer Sommer“ in Lienzingen und „MühlackerConcerto“ hat alles Menschenmögliche getan, um den Kulturfreunden statt den allgegenwärtigen Absagen Kunstgenuss bieten zu können. Dies geschah in Lienzingen mit einem speziellen Hygienekonzept. Im Spätherbst schließlich, als die Infektionszahlen kein Konzert vor Publikum mehr erlaubten, ließ er seine hochmotivierten, weiter als üblich voneinander entfernt sitzenden Musiker vor der Kamera auftreten und transportierte die Veranstaltung via Internet in viele Wohnzimmer.
Die Pandemie-bedingten Entbehrungen, unter denen Wallinger und seine Mitstreiter zu leiden hatten, sind der CD freilich nicht anzuhören. Fein ausbalanciert klingt Bachs Violinkonzert in E-Dur, in dem die Geigerin Ursula Schoch mit präziser Phrasierung und makelloser Intonation glänzt. Gemeinsam mit Tjeerd Top gewinnt sie dem bekannten Bach’schen Doppelkonzert neue Facetten ab, wobei die Süddeutsche Kammersinfonie Bietigheim ihrer Rolle als wettstreitendem Partner voll und ganz gerecht wird. Vor allem im mit federnder Energie gespielten dritten Satz entsteht eine Sogwirkung, die den Hörer mitten hinein versetzt ins wunderbar durchsichtige polyphone Musizieren.
Aufmerksamer Dialogpartner und einfühlsamer Begleiter ist das Orchester auch für die Pianistin Magdalena Müllerperth, die mit ihrer Interpretation des Klavierkonzerts A-Dur, KV 414, von Mozart aufhorchen lässt. Mal spritzig und perlend, mal mit langem Atem und kluger Linienführung erwecken Solistin und Kammersinfonie die unterschiedlichen Charaktere der Sätze zum Leben.
Ganz allein im Fokus stehen die Orchestermusiker in Anton Bruckners Adagio Ges-Dur aus dem Streichquintett, das sie mit Intensität und Hingabe gestalten.

Für die Mitglieder des Fördervereins „Mühlacker Klassik“ ist die CD „live 2020“ als Jahresgabe gratis. Käuflich zu erwerben ist sie über Buch-Elser an der Bahnhofstraße in Mühlacker und über das Sekretariat Susanne Bökenheide, Sternenfelser Straße 13, 75447 Sternenfels-Diefenbach, Telefon 07043/958393, E-Mail: susanne@boekenheide.net.

Carolin Becker

KONGENIALE PARTNER

Das Frühjahrskonzert der Süddeutschen Kammersinfonie Bietigheim erfreut Musikfans im Internet.

Die Süddeutsche Kammersinfonie Bietigheim unter der Leitung von Peter Wallinger. Foto: Friedrich
Solist Tjeerd Top spielt auf einer Stradivari. Foto: Friedrich

Bietigheim/Mühlacker. Wie schon beim Neujahrskonzert der Fall, musste die Süddeutsche Kammersinfonie Bietigheim unter der Leitung von Peter Wallinger auch das Frühjahrskonzert 2021 wieder aufzeichnen. Es war ab Sonntagabend im Internet zu hören und zu sehen. Der Qualität des Musizierens tat es erneut keinen Abbruch. Nicht nur Orchester und Solist Tjeerd Top, sondern auch das Team hinter Kameras, Mikrofonen und im Schnitt haben wieder hervorragende Arbeit geleistet.

Ein bisschen schade ist es ja schon, dass das Virus die Gesellschaft immer noch so sehr im Griff hat, dass ein Live-Konzert, wie es ursprünglich innerhalb der Klassikreihe „Mühlacker Concerto“ für Sonntag angekündigt war, nicht vor Publikum stattfinden kann. Andererseits bietet das Internet auch spannende Möglichkeiten: Wer will, kann sich das Konzert selbst im Nachhinein noch ansehen, im Zweifel natürlich gerne auch mehrere Male. Grund genug dafür gäbe es zweifellos, denn nicht zuletzt hat man mit Tjeerd Top einen sehr versierten Violinisten verpflichten können, der Konzertmeister des Concertgebouw Orchesters Amsterdam ist. Er wartete bei diesem Frühjahrskonzert mit einer Besonderheit auf: Top musizierte auf einer Stradivari-Geige aus dem Jahr 1713. „Eine ganz faszinierende Vorstellung, dass sie zu Zeiten von Vivaldi schon gespielt wurde“, befand Christina Dollinger, die in das Konzert einführte.

Passenderweise stand ein eher selten gespieltes Violinkonzert von Antonio Vivaldi am Beginn des Konzerts. „Vivaldi fährt hier alles auf, was geigerisch damals denkbar war“, betonte Dollinger dabei: Doppelgriffe, Akkordübergänge in den höchsten Registern und aberwitzige Tempi. Die Musiker begannen dementsprechend forsch; ein kurzer, aber bereits sehr prägnanter Auftakt, der nahtlos in ein einfühlsam gehaltenes Miteinander zwischen Violine und Orchester floss. Es waren drei ausdrucksstarke Sätze, mal fast zärtlich gestimmt, mitunter melancholisch angehaucht und dann wieder von bewusst treibenden Momenten durchbrochen, die zurück in das faszinierend filigrane Spiel von Tjeerd Top an der Violine führten. Für Solist und Orchester, die bei diesem Konzert als kongeniale Partner wunderbar harmonierten, war es eine erste gute Möglichkeit, von ihrer hingebungsvollen und zugleich technisch präzisen wie fokussierten Art der Interpretation zu überzeugen.

Mit Samuel Barbers „Adagio für Streicher, opus 10“ hat Wallinger dann ein populäres Werk ausgesucht, das von seiner leisen, in sich gekehrten Stimmung lebt. Bekannt geworden als Trauermusik für US-Präsidenten oder zum Gedenken der Opfer des 11. September, wurde es schon in diversen Filmen eingesetzt. Die besondere Dichte und Intensität dieses Adagios nahm das Orchester gefühlvoll auf und füllte sie mit Anmut und an Traurigkeit grenzender klanglicher Schönheit, ehe man in Form des „Concertino opus 42“ von Mieczyslaw Weinberg einen ganz anderen Akzent setzte. Dessen umfangreiches Werk sei erst vor einigen Jahren in Westeuropa entdeckt worden, erklärte Dollinger eingangs. Dazu zählt auch das im Rahmen des Frühjahrskonzerts gespielte Stück, dessen lyrische Grundstimmung Solist und Orchester gekonnt einfingen.

Einmal mehr unterstrich dabei Top seine technischen Stärken an der Violine, nicht zuletzt auch in den hohen Lagen, ehe das Orchester wenig später mit dem „Walzer A-Dur opus 54 Nummer 1“ (Antonín Dvorák) das abwechslungsreiche Frühlingskonzert schloss.

Solist Tjeerd Top hatte im Rahmen dieses Konzerts übrigens ein besonderes Lob für die Musiker: Mit einem kleinen Orchester wie der Süddeutschen Kammersinfonie Bietigheim und mit deren Dirigenten Peter Wallinger an der Spitze sei man „sehr flexibel“, verriet er. Das ermögliche auch selten gespielte Werke im Programm. „Das ist für einen Musiker natürlich wunderschön.“ Für die Zuhörer gilt selbiges auch.

Wer das Konzert also anhören möchte – am Sonntagabend haben das bereits über hundert Musikfreunde getan –, der findet die Aufnahme auf der Webseite https://www.muehlacker-klassik.de/muehlacker-concerto.

Autor: Stefan Friedrich

Wahre Wohltat in der kulturellen Zwangspause

Konzert mit der Süddeutschen Kammersinfonie Bietigheim
Solist Michinori Bunya und Schauspieler Johann-Michael Schneider

Neujahrskonzert ohne Livepublikum, aber mit viel musikalischem Niveau:
das Orchester „sueddeutsche kammersinfonie bietigheim“ mit dem Solisten Michinori Bunya. 
Foto: Mammel

Mühlacker. Die bei Alt und Jung beliebten Neujahrskonzerte konnten in diesem Jahr infolge des zweiten Corona-Lockdowns nicht live in Konzerthäusern, Kirchen oder Kulturzentren stattfinden. Deshalb haben die Veranstalter – von der Nordsee bis nach Wien, von Berlin bis ins Erzgebirge – nach alternativen Möglichkeiten gesucht, die aufführungsreifen Programme kulturbegeisterten Konzertbesuchern dennoch zugänglich zu machen. So ist 2021 das Jahr der Live-Streams und Online-Konzerte, auch für Peter Wallinger und die Süddeutsche Kammersinfonie Bietigheim. Das zur guten Tradition gewordene musikalisch-literarische Programm wurde am Freitag in der historischen Kelter in Bietigheim als Video aufgezeichnet und ist seit Sonntag ins Netz gestellt, wo es über die Webseiten www.sueddeutsche-kammersinfonie.de oder www.muehlacker-klassik.de/muehlacker-concerto kostenfrei nachgehört werden kann.

Und das lohnt sich! Peter Wallinger, der mit klug durchdachten Programmzusammenstellungen jedes Mal für Überraschungen gut ist, hat mit dem Motto des diesjährigen Neujahrskonzerts „Tutti – Soli“, in sinnreicher Anspielung auf die aktuell sehr angespannte Situation des Einzelnen inmitten der Pandemie, ein Programm auf die Beine gestellt, das es in sich hat. Zwischen Werken von Antonio Vivaldi, Franz Schubert und Ottorino Respighi, sind, großartig rezitiert von dem Berliner Schauspieler Johann-Michael Schneider, kurze Gedichte und Texte von Christian Morgenstern und Rainer Maria Rilke bis hin zu Paul Celan, Mascha Kaléko und Ernst Jandl eingeflochten.

Der Star des Neujahrskonzerts ist aber Michinori Bunya, einer des gefragtesten Kontrabassisten unserer Zeit. Das musikalische Zwiegespräch zwischen seinem solistischen Spiel und dem Streichertutti ergibt gleichsam eine weitere Ebene des Veranstaltungstitels „Tutti – Soli“. Den Besuchern des zweiten Sommerkonzertes in der Lienzinger Frauenkirche im Juni des vergangenen Jahres ist der gebürtige Japaner Bunya noch bestens in Erinnerung, als er zusammen mit dem Bratschisten Matthias Buchholz als „Grand Duo Concertante“ zu hören war.

Mit einer Delikatesse der barocken Literatur, dem Concerto grosso d-Moll op. 3 Nr. 11 von Antonio Vivaldi, beginnt das Neujahrskonzert. Forsch vorandrängend und sehr transparent treten die drei Solistinnen Sachiko Kobayashi, Andrea Langenbacher (Violinen) und Chihiro Saito (Cello) in einen beglückenden Dialog mit dem Streichertutti. Auch hier, innerhalb der Concerto-Concertino-Struktur, findet sich die Tutti-Solo-Thematik wieder. Im zweiten Allegro betont Peter Wallinger sehr schön den akzentreichen polyphonen Aufbau. Dem Largo hingegen fehlt vielleicht etwas die Ruhe, und es gerät etwas zu rasch. Virtuos und rauschhaft dann das abschließende Allegro.

In seiner Anmoderation gibt Johann-Michael Schneider dem Zuhörer noch weitere Interpretationen des Tutti-Solo-Gedankens mit auf den Weg durch das für coronageplagte Kulturliebhaber wohltuende einstündige Konzert: den zwar nicht hörbaren, aber umso stärker spürbaren Dialog zwischen Publikum und Musikern, dazu die philosophische Frage, wann ein Tutti zum Solo und wann ein Solo zum Tutti werde. Drei Arabesken von Hans Fryba für Kontrabass solo, dazwischen jeweils Lyrik von Ernst Jandl, Marie von Ebner-Eschenbach, Paul Celan und Mascha Kaléko setzen das farbenreiche Konzert fort. In Kalékos Gedicht „Sozusagen grundlos vergnügt“ heißt es: „Ich freue mich, dass ich mich an das Schöne und an das Wunder niemals ganz gewöhne“ und nimmt damit die Stimmung inmitten der Pandemie auf, dass wir dankbar sein müssen, wenigstens elektronisch das Schöne haben zu dürfen – und noch dankbarer hernach, wenn wir wieder Kultur live erleben können.

Durchwoben von weiterer Lyrik dann der Deutsche Tanz Nr. 3 D-Dur aus D 90 von Franz Schubert, danach das Adagio und Rondo von Johann Matthias Sperger für Kontrabass und Streichertutti und schließlich Ottorino Respighis „Antiche Danze ed Arie“ III. Suite, die der Süddeutschen Kammersinfonie besonders gut gelingt. Der Italiener Respighi evoziert in einer wunderbar innigen und liedhaften Klangsprache Bilder von Sonne und südlicher Leichtigkeit, nach denen wir uns alle so sehr sehnen.

Das Neujahrskonzert im Web ist quasi Nervennahrung in diesen so besonderen Zeiten. Ein Spendenaufruf auf das Konto der Süddeutschen Kammersinfonie ist nur zu verständlich und ein Obolus jedem, der es sich leisten kann, dringend empfohlen.

Dr. Dietmar Bastian

Matinee mit Bach und mehr

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Sueddeutsche Kammersinfonie und Solisten brillieren beim Konzert in der Frauenkirche

„Musikalischer Sommer“ in der Frauenkirche mit Ursula Schoch (re.).
Foto: Fotomoment

Mühlacker-Lienzingen. Bei dem Konzert am vergangenen Sonntag im Rahmen der Reihe „Musikalischer Sommer“, das am gewohnten Schauplatz in der Frauenkirche in Lienzingen unter den besonderen Vorzeichen der Corona-Auflagen stand, könnte man fast von einer Johann-Sebastian-Bach-Matinee sprechen – hätten nicht auch eine Komposition von Anton Bruckner und, als Zugabe, ein Werk von Louis Spohr auf dem Programm gestanden.

Bestritten wurde die, einschließlich einer Pause, rund eineinhalbstündige Veranstaltung unter der Leitung von Peter Wallinger von der von ihm vor 36 Jahren gegründeten „sueddeutschen kammersinfonie bietigheim“ und drei Solisten. Als erstes Werk von Johann Sebastian Bach hörten die Besucher das am Köthener Hof entstandene Violinkonzert E-Dur (BWV 1042), von dem auch eine in D-Dur stehende Cembalo-Fassung (BWV 1054), ebenfalls mit Streicher- und Basso-Continuo-Begleitung, als Bearbeitung vorliegt. Den Kopfsatz dieses Konzerts hat der Komponist dreiteilig, als Dacapo, angelegt, wobei der Anfangsteil abschließend wörtlich wiederholt wird. Bereits in diesem Allegro-Teil brillierte die in Sachsenheim aufgewachsene, gebürtige Ludwigsburgerin Ursula Schoch, die nach dem Studium an der Kölner Musikhochschule ihre international gefeierte Solistenkarriere auf unzählige Konzertpodien in Europa, Asien und den USA geführt hat. Doch auch die „sueddeutsche kammersinfonie bietigheim“ und der Cembalist Ricardo Magnus trugen zum erfolgreichen Einstieg bei.

Ohne Cembalo erklang dann die Ausnahme im Programm, das Adagio Ges-Dur aus dem Streichquintett F-Dur für zwei Violinen, zwei Violen und Violoncello von Anton Bruckner. Diese den neun Symphonien und seinen geistlichen Werken, die ihn berühmt machten, ebenbürtige Komposition hat der Österreicher zwischen Dezember 1878 und Juli 1879 geschrieben und Herzog Max Emanuel von Bayern gewidmet. 1881 wurde die gesamte Arbeit in Wien uraufgeführt, von der in der Frauenkirche der langsame Satz zu hören war. Feierlich getragen, nachdenklich stimmend, fast etwas schwermütig, dann lebhafter werdend und schließlich beinahe im Tiefsinn versinkend, wurde dieses „geistige und klangliche Zentrum“ des Quintetts dieses wichtigen Komponisten und Organisten des 19. Jahrhunderts interpretiert.

Danach stand der aus Argentinien stammende Cembalist und Dirigent Ricardo Magnus im Mittelpunkt des Interesses. Das Mitglied des „Ensembles Klangschmelze“ hatte sich das wohl zwischen 1730 und 1733 entstandene Cembalokonzert f-Moll (BWV 1056) ausgesucht, bei dem es sich wie bei sämtlichen Konzerten für ein Cembalo um kein „Original“ handelt. Vielmehr sind es Eigenbearbeitungen, wobei in diesem Fall wohl ein verschollenes Violinkonzert in g-Moll die Grundlage war. Adäquat den Intentionen des Komponisten folgend und doch auch eine eigene Note setzend, gestalteten Magnus und die „sueddeutsche kammersinfonie bietigheim“ die drei Sätze dieses Cembalokonzerts.

Nach der Pause – in Corona-Zeiten zum Durchlüften des Raumes – wurde das Konzert für zwei Violinen d-Moll (BWV 1043) zum Vortrag gebracht. Dabei konnte man bei diesem in Köthen entstandenen sogenannten Doppelkonzert, das Johann Sebastian Bach wohl 1736 zu dem heute nur noch selten zu hörenden Konzert e-Moll für zwei Cembali, Streicher und Continuo (BWV 1062) umarbeitete, gleich zwei exzellente Geiger bewundern. Zum einen die bereits erwähnte Ursula Schoch und zum anderen den 42-Jährigen, eine Stradivarius von 1713 spielenden Niederländer Tjeerd Top, der als Solist mit verschiedenen Orchestern in drei Erdteilen auftrat. Im Vivace stellten beide Solisten einprägsam ihre eigenen Themen vor, mit absoluter Gleichberechtigung beider Stimmen. Angeführt von der zweiten Violine markierte das Largo einen abgeklärten Kanon der zwei Solo-Violinen. Dramatisch, im Kontrast dazu erklang das Allegro der drei meisterhaft gespielten Sätze.

Als Zugabe offerierten Ursula Schoch, seit der Saison 2000/01 Konzertmeisterin des Royal Concertgebouw Orchestra Amsterdam, und Tjeerd Top, seit 2005 stellvertretender Konzertmeister des 1888 gegründeten weltberühmten Sinfonieorchesters, eine Komposition von Louis Spohr, einem der bedeutendsten Vertreter der deutschen Romantik im Sinn von Franz Schubert und Felix Mendelssohn Bartholdy. Und stets war Peter Wallinger ein einfühlsamer, aber die Kompositionen ebenso ausdrucksvoll zum Klingen bringender Dirigent.

Dieter Schnabel

Musik und Poesie im Uhlandbau

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Die Klassikreihe „MühlackerConcerto“ steht unter dem Motto „Zeit und Traum“


Schauspieler Johann Michael Schneider bereichert die Matinee mit Texten
Foto: Bischoff-Krappel

Mühlacker. Musik im Zusammenspiel mit Poesie – ein Genre, das sich wachsender Beliebtheit erfreut und das auch beim diesjährigen Neujahrskonzert der Klassikreihe „MühlackerConcerto“ seine Wirkung nicht verfehlte.

Unter der bewährten und souveränen Leitung von Peter Wallinger nahmen die Süddeutsche Kammersinfonie Bietigheim und der Schauspieler und Theatermusiker Johann Michael Schneider die Besucher im nahezu voll besetzten Mühlacker Uhlandbau mit auf eine musikalisch-literarische Reise unter dem Motto: „Zeit und Traum“. Nach dem Auftakt durch die „Gagliarda del Principe di Venosa“ von Carlo Gesualdo folgte das Werk „Festina Lente“ von Arvo Pärt. Gleichsam stehend und fließend zugleich wurde die zugrundeliegende Tonfolge von den Streichinstrumenten zwar gleichzeitig, jedoch in drei unterschiedlichen Tempi vorgetragen und entfaltete sich so zu einem nahezu meditativen Klangbild, das im Epilog mit kaum mehr vernehmbaren Saitenstrichen ausklang. Im Anschluss an Mozarts „Adagio für eine Orgelwalze“ stellte Solistin Sachiko Kobayashi in Jean Sibelius „Humoreske IV“ ihre Virtuosität an der Violine mit reiner Klangfarbe, facettenreicher Dynamik und perfektem Zusammenspiel mit dem Streicherensemble eindrucksvoll unter Beweis.

Beschwingt und fröhlich folgte die Streichersonate in A-Dur von Rossini, bei der insbesondere die Klangtiefe des Kontrabasses im lebendigen Spiel zum Ausdruck kam. Mit einem launigen Text von Heinz Erhardt verabschiedete Johann Michael Schneider, der die hochkarätige Darbietung der Musiker durch kurze literarische Sequenzen von Rilke, Ringelnatz und von Hofmannsthal mit ausdrucksvoller Gestik und Mimik bereicherte, die Besucher in die Pause. Nach Janaceks „Idylle“ folgte mit der Romanze aus Mozarts „Kleiner Nachtmusik“ eine Komposition, die mit ihrem vierten Satz als Zugabe eine perfekte Abrundung der Matinee darstellte.

Spannend und eine Herausforderung für die Zuhörer war das Experiment Wallingers, so gegensätzliche Klangwelten wie Carlo Gesualdos „Gagliarda“ aus dem 16. Jahrhundert und Arvo Pärts „Festina Lente“ aus dem 20. Jahrhundert bewusst und unvermittelt aufeinandertreffen zu lassen. Der verhaltene, an manchen Stellen morbide Gestus der Klänge aus so unterschiedlichen Epochen verband sich zur Überraschung des Publikums auf wundersame Weise. Dass Musik zugleich stehen und fließen kann, war in Wolfgang Amadeus Mozarts sehr kurzem Adagio für eine Orgelwalze, komponiert für eine mechanische Orgel mit einer drehbaren Stiftwalze, zu erleben. Weiche, stehende Harmonien eröffneten den Musikern Räume für pulsierende, melodische Bewegungen.

Nach auf hohem Niveau vorgetragener Musik und Texten aus unterschiedlichen Zeiten und in unterschiedlichem Zeitmaß verabschiedeten sich anschließend die Besucher beschwingt und heiter in einen grauen Januartag.

Britta Bischoff-Krappel 

Sternstunde im Uhlandbau

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Adventskonzert der Süddeutscher Kammersinfonie Bietigheim mit Elisabeth Brauß begeistert das Publikum in Mühlacker


Die Finger perlen über die Tasten des Flügels und erzählen Geschichten. Elisabeth Brauß, deren Karriere gerade erst beginnt, zieht das Publikum im Uhlandbau in Mühlacker mit ihrem Spiel bis zur letzten Note in den Bann. Foto: Fotomoment

Exzellent vorbereitet und hellwach hat sich die Kammersinfonie unter der Leitung von Peter Wallinger im Uhlandbau präsentiert. Orchester und Pianistin Elisabeth Brauß agierten als zupackend musizierende Einheit, die das Publikum vom ersten Takt an mitriss.

Mühlacker. Der Konzertabend der Kammersinfonie konkurrierte am Sonntag mit Weihnachtsmärkten, Weihnachtsfeiern und anderen weihnachtlichen Veranstaltungen. Wer trotz dieses Angebots den Weg in den Uhlandbau gefunden hatte, konnte sich zu seiner vortrefflichen Wahl beglückwünschen. Mit der Ouvertüre aus der Oper „Die seidene Leiter“ des italienischen Komponisten Giacomo Rossini eröffnete Peter Wallinger den Abend. Frisch und zugleich geheimnisvoll, dann wieder keck und lebendig, legten Dirigent und Kammersinfonie den Grundcharakter der verzwickten Liebesoper mit einem Augenzwinkern dar. Mit seinem runden, geschmeidigen Klang und seiner mitreißenden Interpretation zauberte das Orchester mit Leichtigkeit und Temperament ein Stück italienischer Operntradition in den Uhlandbau. Die auf die Stimmen verteilten halsbrecherischen Figuren gelangen mühelos und absolut sauber.

Nach der gelungenen Ouvertüre folgte eines der beliebtesten Klavierkonzerte von Wolfgang Amadeus Mozart, das in C-Dur KV 467, das Wallinger in angenehmem und nicht zu schnellem Tempo nahm. Vielmehr ließ er mit Nachdruck und Entschlossenheit spielen, gab dabei aber zugleich dem typischen Mozart Raum. Orchester, Solistin und Dirigent bildeten eine Gemeinschaft, die als Ganzes funktionierte, mit offenen Ohren aufeinander hörte und reagierte. Die Finger der Solopianistin Elisabeth Brauß perlten über die Tasten des Flügels und entlockten ihm Töne, die ganze Geschichten erzählten. In der Kadenz zeigte die 1995 geborene Brauß, wie gut sie mit dem Flügel umzugehen weiß und wie fein ihre Anschlagtechnik ist. Fast schien es, als würde Brauß nicht nur das Publikum faszinieren, sondern auch ihre Orchesterpartner völlig in ihren Bann ziehen. Miteinander verwoben und verwachsen schienen sie, ergänzten sich und fächerten sich auf wie eine bunte Choreographie aus Tönen. Mit höchster Achtsamkeit reagierten das Orchester und Wallinger auf die junge Pianistin, sodass auch kleine motivische Ausdeutungen möglich wurden, die dem zweiten Satz des Werkes liebevolles Leben einhauchten. Kraftvoll und verspielt erklang der dritte Satz.

Auch hier zeigte Brauß ihre für ihre junge Karriere eindrucksvolle Klasse und Eleganz, indem sie hörbar ihrem eigenen Gefühl für die Musik vertraute und ihre eigene Interpretation der Mozart’schen Musik selbstbewusst und mit großer Freude darbot. Das Publikum zeigte sich begeistert und wollte eine Zugabe hören, die Brauß gerne gewährte. Passend zum zweiten Advent gab Brauß die Sonate E-Dur von Domenico Scarlatti in einer wohltuend versöhnlichen und poetischen Version.

Nach der Pause erklang ein weiterer Leckerbissen, der zugleich den Bogen zur Ouvertüre des Anfangs schloss. Franz Schuberts Sinfonie in D-Dur D200 mag auf den ersten Blick unterschätzt werden, hat sie der 18-jährige Schubert doch 1815 für ein Liebhaberorchester komponiert. Die Kammersinfonie aber bot sie als Hörgenuss dar, fein differenziert und mit kluger Ausleuchtung der dann doch nicht so simplen Motivik und Thematik. Wallinger ließ das Orchester auch mal laufen, in der Sicherheit, dass es vor lauter Begeisterung nicht davonstürmen wird. An diesem Abend bildeten die Musiker einen kompakten Klangkörper, in dem jeder Einzelne zur Summe des Ganzen sein Bestes beisteuerte. Und so wechselten sich elegant dramatische und energische Passagen mit tänzerisch neckischen ab. Entspannt, aber leichtfüßig, tönte der zweite Satz, zwischendurch immer wieder verträumt, während der dritte wieder mit deutlich mehr Nachdruck erschien, aber mit ebenso großer Lust und Freude musiziert war. Der vierte Satz, ein fulminantes Presto vivace, spannte nun endgültig den Bogen zur frisch-kecken Ouvertüre Rossinis. Dem Publikum blieb nur, sich zurückzulehnen, zu genießen und sich von den mitreißenden Klängen umhüllen zu lassen. Zu Recht spendete das Publikum großen Beifall zu einem außergewöhnlichen Konzertabend.

Irene Schallhorn

Differenzierte Interpretationen

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Die Süddeutsche Kammersinfonie Bietigheim gibt ein Konzert in der Lienzinger Frauenkirche


Ausdrucksstark: Kai Kluge. Foto: Friedrich

Mühlacker-Lienzingen. Mit Musik aus dem 19. und 20. Jahrhundert bestritt die Süddeutsche Kammersinfonie Bietigheim unter ihrem Gründer und künstlerischen Leiter Peter Wallinger das dritte der insgesamt sechs Konzerte in der von diesem initiierten Reihe „Musikalischer Sommer“ in der Frauenkirche in Lienzingen.

1939 gingen der englische Komponist Benjamin Britten und der Tenor Peter Pears in die USA. Doch aus Heimweh kehrten die beiden drei Jahre später wieder nach Großbritannien zurück. Dort komponierte Benjamin Britten 1943 seine „Serenade opus 31“. Die Texte lieferten ihm ein Anonymus aus dem 15. Jahrhundert sowie englische Dichter vom 16. bis 19. Jahrhundert: Ben Jonson, Charles Cotton, William Brake, John Keate und Lord Tennyson.

Obwohl für Benjamin Britten der Dienst mit der Waffe nie infrage kam, solidarisierte er sich mit diesem Werk auf seine Weise mit dem „englischen Geist“ und seinem Heimatland in Zeiten des Krieges.

Geschrieben für Tenor – selbstverständlich seinen Lebensgefährten Peter Pears –, Horn und Streicher, beginnt das von Abend- und Nachtstimmung dominierte Werk mit einem Horn-Solo und endet auch mit einem solchen, gespielt hinter der Bühne, in Lienzingen im hinteren, von einem hölzernen Tonnengewölbe überspannten Kirchenraum, während das Orchester vor dem Chor Platz findet. Virtuos beherrscht Reimer Kühn, Solohornist des Staatsorchesters Stuttgart, seine zwei Horninstrumente. Kai Kluge, Ensemblemitglied der Staatsoper Stuttgart, der vor seinem Studium an der Musikhochschule Karlsruhe Aurelius-Sängerknabe in Calw war, zeigt in der Tenorpartie die gesamt Breite, Tiefe und Höhe seines stimmlichen Könnens. Nach den jeweiligen Erfordernissen gestaltet er seinen Part dramatisch, sensibel, klagend, getragen, verspielt und beschwingt, stets mit starkem Ausdrucksvermögen. Peter Wallinger und das Orchester sind den Solisten mehr als nur Begleiter. Sie gehen vielmehr verständnisvoll auf sie ein und sorgen mit ihnen dafür, dass die Intentionen des Komponisten adäquat zur Geltung kommen.

Als zweites Werk des Konzerts steht die „Arpeggione“-Sonate D 821 für Violoncello und Streicher von Franz Schubert auf dem Programm, entstanden 1824. Das als „Sonate“ bezeichnete ursprüngliche Duo für „Arpeggione“ und Klavier besteht aus drei Sätzen, wobei der zweite Satz unversehens in den rondoartigen Schlusssatz übergeht. Doch nicht genug damit, der Komponist hatte ein „Guitarre d’amour“ genanntes Instrument vor Augen. Dessen ungeachtet wird in Lienzingen die Arbeit von einer führenden Violoncellistin und vier Streichern aufgeführt, dazu ohne Klavier. Doch dieses Quartett und vor allem Chihiro Saito entschädigen mit ihrem nuancenreichen Spiel und dem von ihnen erzeugten differenzierten Klang dafür, dass man Schuberts Komposition nicht in der ursprünglichen Version hört.

Den Abschluss bildet die Serenade E-Dur opus 22 für Streichorchester von Antonín Dvořák, geschrieben 1875. Dieses häufig gespielte, populäre Werk zeichnet sich durch „melodische Eingängigkeit und die sinnliche Intensität der Instrumentation“ aus. Die fünf Sätze dieser in der Tradition seit Mozart stehenden Komposition werden vom Orchester unter der umsichtigen, einfühlsamen Leitung von Peter Wallinger, ganz im Sinn des Komponisten wiedergegeben: nach dem dreiteiligen Moderato mit fülligem Klang das Tempo di Valse, danach als zweiter Tanzsatz beschwingt und mit Tempo das Scherzo Vivace, eher bedächtig das Larghetto und aufpeitschend das Finale Allegro vivace.

Wieder einmal erweist sich Peter Wallinger nicht nur als interessanter Programmgestalter und kompetenter Dirigent. Sein „Musikalischer Sommer“ ist auch in diesem Jahr wieder eine Bereicherung im kulturellen Leben der gesamten Region.

Dieter Schnabel