Mühlacker Tagblatt
Klangkörper präsentiert sich in Bestform
Die Süddeutsche Kammersinfonie Bietigheim lässt zum Abschluss der Winter-Konzertreihe Sibelius und Mozart erklingen

Die Solistinnen Verena Guthy-Homolka (Flöte) und Anne-Sophie Bertrand (Harfe) begeistern das Publikum im Uhlandbau. Foto: Fotomoment
Das Licht und Dunkel zwei Seiten einer Medaille sind, hat ein Konzert der Süddeutschen Kammersinfonie Bietigheim im Uhlandbau in Mühlacker gezeigt.
Mühlacker. Der Leiter der Süddeutschen Kammersinfonie Bietigheim, Peter Wallinger, ist bekannt für seine intelligenten und durchdachten Programmzusammenstellungen, die stets einem übergeordneten Motto folgen.
Das Frühjahrskonzert, das gleichzeitig den Schlusspunkt der diesjährigen Winter-Konzertreihe markierte, trug die Überschrift „Licht und Dunkel“. Dies seien keine Gegensätze, sondern zwei sich ergänzende Seiten einer Medaille, sagte Dr. Christina Dollinger in ihrer gut besuchten Einführung vor dem Konzert. Nicht nur das Leben ist gefangen in dialektischen Wechselspielen, auch die Ausdrucksformen der Künste sind ohne Anspannung und Entspannung, Werden und Vergehen, Freude und Trauer nicht denkbar. In der abendländischen Musik spiegeln sich diese formstiftenden Parameter etwa in der Kadenz-Harmonik, der Dur-Moll-Tonalität und der Klangdynamik wider. Die Süddeutsche Kammersinfonie Bietigheim zeigte sich am Sonntag in Bestform.
Allem Anschein nach hatten sich die Musiker mit ihrem Dirigenten Peter Wallinger akribisch auf das Konzert, das mitgeschnitten wurde, vorbereitet. Als erstes Stück erklang „Der Schwan von Tuonela“ des finnischen Komponisten Jean Sibelius, der infolge seiner intensiven kompositorischen Auseinandersetzung mit den Heldensagen und dem Volksgut als Nationalkomponist Finnlands verehrt wird. Der Schwan, hinreißend auf dem Solo-Englischhorn vom Ensemble-Mitglied Andreas Vogel gespielt, lebt in Tuonela, dort, wo in der finnischen Mythologie die Hölle liegt. Das eher dunkel gehaltene Klanggemälde erhielt durch die singenden Streicher eine mystisch-weiche Färbung.
Deutlich heller wurde es im „Konzert für Flöte, Harfe und Orchester“ C-Dur KV 299, einem Juwel in Mozarts Schaffen. Die Aufführung des selten gespielten Werks wurde zu einem ganz besonderen Erlebnis. Die Solistinnen Verena Guthy-Homolka (Flöte) und Anne-Sophie Bertrand (Harfe) begegneten sich musikalisch auf Augenhöhe. Im Mittelpunkt des technisch anspruchsvollen Doppelkonzerts steht das Zwiegespräch der beiden Soloinstrumente. Mehrere Kadenzen von sublimer Schönheit und virtuoser Eleganz eröffneten den beiden Künstlerinnen ausgiebig Gelegenheiten, ihr Können zu zeigen. Das Orchester begleitete dabei angemessen zurückhaltend und sensibel. Bei genauem Hinhören ist das Werk trotz sprühender Lebensfreude nicht heiter und gefällig in einem oberflächlichen Sinn. Mozart, der das Stück als Auftragswerk für einen Flöte spielenden französischen Aristokraten und seine Tochter komponiert hat, lässt „zwischen den Tönen“ durchaus erkennen, in welch verzweifelter Lage er sich 1778 in Paris befand. Diese Reise, auf der tragischerweise noch seine Mutter starb, führte zu keiner Anstellung und keinen nennenswerten Erfolgen. Guthy-Homolka und Bertrand erhielten langanhaltenden Applaus und gaben vor der Pause noch eine Zugabe.
Die „Linzer Sinfonie“ Mozarts aus dem Jahr 1783 war das stilistisch gut gelungene Abschlussstück des Konzerts. In dieser späten Sinfonie erweist sich das Genie Mozart als Meister subtiler, verborgener Nuancen, die es zu entdecken gilt. Inmitten strahlenden Lichts erklingen zweifelnde Töne, in den fragenden Überleitungen hemmen Synkopen einen allzu glatten melodischen Fluss und in kurzen Moll-Momenten verdunkelt Mozart die vermeintlich heile Welt. Yehudi Menuhin, der große Geiger, meinte einmal, niemand hätte so trauriges Dur und so heiteres Moll wie Mozart komponieren können. Tatsächlich hatte Mozart in seinen letzten Sinfonien, der „Linzer“, der „Prager“, der großen g-Moll-Sinfonie und der „Jupitersinfonie“ längst eine vollendete Meisterschaft erreicht. Die Süddeutsche Kammersinfonie unter Peter Wallinger spielte die „Linzer“ mit rasantem Schwung und großem Bogen, gleichzeitig detailverliebt, etwa bei der Herausarbeitung von Echostellen oder Überleitungen. Die rasenden Zweiunddreißigstel in den hohen Streichern jagten das halbstündige Werk zum strahlenden C-Dur-Schlussakkord. Der überaus herzliche Applaus am Ende zeigte, dass die mehr als zweihundert Zuhörer, die ihren Frühlingsspaziergang wegen des Konzerts verkürzt hatten, ihre Entscheidung nicht bereut haben.
Dietmar Bastian
Konzert spannt Bogen von Estland bis Spanien
Süddeutsche Kammersinfonie Bietigheim und die Cellistin Chihiro Saito verzaubern ihr Publikum im Uhlandbau

Beeindruckender Auftritt: Solistin Chihiro Saito am Violoncello. Foto: Fotomoment
Mühlacker. Im Rahmen der Konzertreihe „MühlackerConcerto“ hatte die Süddeutsche Kammersinfonie Bietigheim zu ihrem Neujahrskonzert am Sonntag in den Uhlandbau eingeladen. Am Pult stand Peter Wallinger, der künstlerische Leiter, der vor 35 Jahren diesen Klangkörper gegründet hat.
Dieser Ruf verpflichtet, und so wurden die Erwartungen der rund 160 Musikfreunde auch nicht enttäuscht. Fast zwei Stunden erfreuten die mit großer Spielfreude aufspielenden Streicher, Trommler und ein Paukist ihre Zuhörer mit einem „Wintermärchen“. Und wahrlich märchenhaft schön gestaltete sich das äußerst abwechslungsreiche, mit vielen Überraschungen gespickte Programm.
Brücken zwischen den einzelnen Vorträgen baute Dr. Hatto Zeidler, der sich als Sprecher vorstellte und mit „Reflexionen“ über Leben und Werke der Komponisten und mit passender Lyrik von Rainer Maria Rilke, Gustav Schwab und Erich Kästner das Publikum erfreute.
Weit hatte Wallinger den Bogen gespannt von Johann Sebastian Bach mit dem Brandenburgischen Konzert Nr. 3 als Auftakt bis hin zu Wolfgang Amadeus Mozart, der mit der Serenade Nr. 6 D-Dur berauschende Schlussakkorde setzte.
Die musikalische Reise begann im sächsischen Köthen, wo Bach seine sechs Brandenburgischen Konzerte schrieb. Die Musiker präsentierten schwungvolle barocke Prachtentfaltung mit der Wiedergabe des Dritten. Der Kontrast könnte kaum größer sein als mit Arvo Pärts – einem estländischen Komponisten – „Fratres“, mit Anklängen an mittelalterlich-gregorianische Klostergesänge. Romantisch gestimmt erinnerte dann der Norweger Edvard Grieg an den letzten Frühling, und mit einer kurzen Romanze des finnischen Komponisten Jan Sibelius endet der erste Teil.
Nach der Pause ein Sprung zu dem Katalanen Pablo Casals und seinem Gesang der Vögel, einem Weihnachtslied. 32 verschiedene Vögel begrüßen Christus in der Krippe. Endstation war Wien mit der „Serenata notturna“ von Mozart, die sich als musikalisches Kleinod erwies, folgte man der Interpretation der Kammersinfoniker.
Variantenreich spielten die Musiker auf: Geigen, Bratschen und Celli lieferten sich sprühend vor Lust einen Wettstreit, Töne schienen hin und her zu fliegen, strebten mit Crescendi einem Höhepunkt zu. Und als ob sich ein Knoten gelöst hätte, vereinten sich alle Instrumente in Harmonie. Lebhaft bis furios, mit großer Klangfülle gestalteten die Musiker die so unterschiedlichen Werke. Da fielen Claves-Töne wie zarte Tropfen, hauchzarter Streichklang betörte, verhalten war eine Trommel zu hören – eine bewegende Klangfülle in einem Auf und Ab der Gefühle. Spiritualität war spürbar, Sehnsüchte wurden geweckt, Zarte Töne weiteten sich wie Sonnenstrahlen, die durch das Geäst der gerade erblühenden Bäume drängten. Die kurze Romanze C-Dur von Sibelius entließ die begeisterten Zuhörer in die Pause.
Im zweiten Teil war die Cellistin Chihiro Saito der Star auf der Bühne. Mit samtenem Strich, gefühlvoll interpretiert erklang das Andante Cantabile von Tschaikowsky, sehr einfühlsam vom Orchester begleitet. Cantabile verlangte der Komponist – und ihr Cello sang, zum Dahinschmelzen schön. Von Casals Vögeln gab sie dem Buchfinken eine Stimme, federleicht und beschwingt. Saito ist eine vielfach preisgekrönte Cellistin, Mitglied des Lotus String Quartetts und seit vielen Jahren schon Solistin der Süddeutschen Kammersinfonie Bietigheim.
Zum Schluss des Konzertes gab es nochmals einen Höhepunkt: Die Serenata notturna hat Mozart für zwei Violinen solo, Viola solo, Kontrabass solo, Pauken und Orchester geschrieben. Eine ungewöhnliche Besetzung, fast wie zwei Orchester in einem Stück: Einmal trumpfen die Solisten auf, dann wieder alle Streicher gemeinsam. Reizvolle Gegensätze tun sich auf, wenn nur Pauken und Pizzicati zu hören sind oder die Solisten allein spielen. Marsch, Menuett und Rondo-Allegretto bestimmen die lebhaften Tempi. Mit großer Hingabe und Spielfreude bis zu den letzten Takten agierten die Musiker und ihr Dirigent. Sie alle hatten Kammermusik vom Allerfeinsten geboten.
Eva Filitz
Die volle Bandbreite ausgelotet
Die Süddeutsche Kammersinfonie Bietigheim präsentiert am zweiten Adventssonntag ein festliches Programm im Uhlandbau

Mit dem Konzert für Diskanthorn und Streicher von Johann Baptist Georg Neruda war wohl mit Bedacht ein fulminanter Einstieg gewählt worden, als die Süddeutsche Kammersinfonie Bietigheim am vergangenen Sonntag im Uhlandbau konzertierte.
Mühlacker. Der Solist des Werkes, der mehrfach ausgezeichnete Trompeter Wolfgang Bauer, verstand es, seinem Instrument einen energischen und doch weichen Klang zu entlocken, ja ihm fast schon eine Stimme zu verleihen, die in ihrem melodischen Fluss den Streichern um nichts nachstand und mit dem differenzierten Orchesterklang überzeugend harmonierte.
Einen reizvollen Kontrast im Programm der Reihe „Mühlacker Concerto“ bildete das Moderato aus der „Musica adventus“ des zeitgenössischen lettischen Komponisten Peteris Vasks. Der zarte Einsatz der Streicher wirkte geradezu schüchtern und zurückhaltend. Fließend und dynamisch illustrierte das Orchester auf dieser Basis eine ausgedehnte Entwicklung. Immer wieder schien sich vor den leisen Streicherklängen im Hintergrund eine organische Bewegung gleich einem leisen Protest zu erheben, der jedoch gleich wieder verebbte. Das fast schon perkussive Spielen mit dem Bogenholz rief dabei den Eindruck einer kalten und einsamen Winterlandschaft hervor. Erst in Verbindung mit Fragmenten des Weihnachtsliedes „Vom Himmel hoch, da komm ich her“, die sich zunehmend herauskristallisierten, entlud sich das Stück in einem vielschichtigen, eigentümlichen Höhepunkt.
Lebhafter wurde es wieder mit dem Trompetenkonzert Es-Dur von Joseph Haydn. In drei Sätzen bewies Wolfgang Bauer auch in diesem Stück sein hohes Niveau als Trompeter. Mal kraftvoll, fanfarenhaft oder musikalische Kapriolen schlagend, mal mit ruhiger Linienführung präsentierte er die volle Bandbreite an Ausdrucksmöglichkeiten des Instruments. Das Finale glich einem prächtigen Feuerwerk. Mit der Berceuse des russischen Komponisten und Trompeters Vassily Brandt verabschiedete der Solist sich und das Publikum in die Pause.
Im zweiten Teil folgte dann Ludwig van Beethovens 8. Sinfonie. Hier überzeugte das Orchester mit vollem Klang und stimmiger Dynamik – beste Voraussetzungen für eine gelungene Interpretation des heiteren, vielschichtigen Werks in vier Sätzen. Der Wechsel zwischen dramatischen Spannungsbögen und ruhigeren Passagen gelang fließend. Durch das dynamische, expressive Dirigat von Peter Wallinger erhielt das Orchester entscheidende rhythmische Impulse. Für den stürmischen Beifall bedankte sich das Ensemble mit einer kurzen Zugabe, ehe es das Publikum in den Abend entließ.
Sina Willimek
Wirkungsvolle Tongemälde
Süddeutsche Kammersinfonie Bietigheim tritt in der Lienzinger Frauenkirche gemeinsam mit dem Klarinettisten Sebastian Manz auf

Klarinettist Sebastian Manz. Foto: Filitz
Mühlacker-Lienzingen. Am Sonntagvormittag war die Lienzinger Frauenkirche erneut ein Anziehungspunkt für viele Musikfreunde. In ihrer Reihe „Musikalischer Sommer“ hatte die Süddeutsche Kammersinfonie Bietigheim mit ihrem Dirigenten Peter Wallinger zum Konzert geladen. Als Gast sorgte Sebastian Manz für wahre Beifallsstürme, der mit seiner Klarinette alles machte, was mit diesem sensiblen Instrument überhaupt nur anzustellen ist. Das Programm bot jedoch auch den Streichern reiche Möglichkeiten, ihr Können, ihr harmonisches Zusammenspiel unter dem einfühlsamen, aber auch zwingenden Diktat ihres Dirigenten zu beweisen. Solopassagen der ersten Geige, von Viola und Violoncello ließen allemal aufhorchen.
Eröffnet wurde die vormittägliche Konzertstunde mit einem Orchester-Quintett Es-Dur in drei Sätzen von Josef Mysliveček. Dieser Komponist kam 1734 in Prag zur Welt und starb 1781 völlig verarmt in Rom. Nachzulesen ist, dass Mysliveček in Italien einst der bestbezahlte Opernkomponist war und als „il divino Boemo – der göttliche Böhme“ gefeiert wurde. Er war Zeitgenosse Mozarts, mit dem er freundschaftliche Kontakte gepflegt haben soll. Unter beschwingter Führung setzte das Orchester zu einem heiteren Allegro con brio an, im nachfolgenden Largo dann mit dominierenden Passagen der ersten Geige. Der Beginn des dritten Satzes Presto schien sich in den ersten Takten ein wenig an Mozart zu orientieren. Mit beherzten Tempi, melodischen Dialogen zwischen erster Geige und Viola, furiosem Aufspielen des Orchesters mit starken Bässen, dann wiederum mit dem Ausloten der dynamischen Möglichkeiten bis hin zu zartem Piano endete dieser „böhmische Teil“ des Konzerts und hinterließ beste Eindrücke. Allein 28 Opern hat Mysliveček komponiert, dazu ein reiches Werk an Vokalmusik aus Messen, Oratorien, Kantaten. Er hat Sinfonien, vielseitige Konzerte, umfangreiche Kammermusikwerke, dazu noch Werke für Klavier und Violine geschaffen. Heute sind sein Name und seine kaum zu zählenden Kompositionen vergessen. Dankenswert, dass es Orchester gibt, die sich dieses reichen Erbes annehmen.
Dann betrat der Star des Konzerts die Bühne. Was soll man über einen Künstler schreiben, der in seinem Metier alle Preise und höchste Auszeichnungen, die es zu gewinnen gibt, gehortet hat? War der Beifall für das Orchester schon herzlich und anhaltend, so wurde Sebastian Manz bereits gefeiert, ehe nur ein Ton aus seiner Klarinette erklang. Viele der Zuhörer hatten ihn wohl bereits bei seinen Auftritten in Mühlacker im Dezember 2011, dann im Juli 2015 und im März 2017 gehört, verteilten also keine Vorschusslorbeeren, sondern sie wussten, was sie von diesem Tonkünstler erwarten durften. Und er enttäuschte sie nicht. Er vertiefte sich mit Hingabe in das Klarinettenkonzert B-Dur von Johann Stamitz, ebenfalls Zeitgenosse Mozarts. Mit lebhaftem Körpereinsatz unterstrich er die Wirkung seiner Tongemälde. Es entfaltete sich ein harmonisches Zusammenspiel mit dem Orchester, mal fragend, mal fordernd, wechselnd zwischen hellstrahlendem Klang und dunklen, warmen Akkorden. Dann gab es eine längere Solopassage, in der die große Meisterschaft nicht nur durch die Geschwindigkeit seiner Finger sicht- und hörbar wurde, auch die exakte Atemtechnik war dem vollendeten Klangbild dienlich. Das Orchester zeigte seine Brillanz in einer stets einfühlsamen Begleitung.
Nicht auf dem Programm stand eine kleine Einführung vom fachlich bestens vertrauten Solisten in „Klarinettenkunde“ des 18. Jahrhunderts. „Die damalige Klarinette hatte nur fünf Klappen, nicht wie die heutige 24“, erklärte Manz, „Es musste viel improvisiert werden, und es bleibt letztlich den Interpreten überlassen, was am Ende dabei herauskommt. Da kann ich mich so richtig austoben auf meinem Instrument. Gut 70 Prozent der Töne sind so im ersten Darmstädter Konzert von Carl Stamitz im Original nicht vorhanden“, lautete eine kleine Vorwarnung ans Publikum. Den dritten Satz, ein Rondo aus besagtem Klarinettenkonzert Es-Dur, interpretierte Manz dann auch so, dass es einen vom Hocker reißen konnte. Da schaute er kaum auf sein „Notenblatt“, denn dies war ohnehin ein zeitgemäßes Tablett, und umgeblättert wurde mit einem Kick auf ein Fußplättchen. Als Dank für den nicht enden wollenden Beifall stimmte er seelenvoll ein Adagio von Mozart an. Noch einmal ließ er die Zuhörer an der ganzen Klangschönheit seiner Klarinette teilhaben.
Mit Leoš Janacek stimmte die Kammersinfonie einen vierten böhmischen Komponisten an. Sechs Sätze aus der „Suite für Streicher“ boten den Musikern Gelegenheit, das Publikum ein weiteres Mal von der Fülle, der Präzision, der Harmonie und der lebhaften Spielfreude, gepaart mit fundiertem Können an den Instrumenten, zu überzeugen. Eine Konzertstunde ging zu Ende, die lange nachklang.
Eva Filitz
„Suite française“ zum Abschluss
Saisonfinale der Klassikreihe „MühlackerConcerto“: Musiker meistern höchst anspruchsvolle Aufgaben.

Mit Leidenschaft und Esprit begeistern die „sueddeutschen kammersinfonie bietigheim“ und Klaviersolist Markus Bellheim. Foto: Fotomoment
Ein Programm „voller Farben, voller Leidenschaft und Esprit“ war zum Saisonende der Klassikreihe „MühlackerConcerto“ angekündigt. Tatsächlich erlebten die Besucher am vergangenen Samstagabend im Uhlandbau Mühlacker einen faszinierenden Konzertabend, betitelt mit „Suite française“.
Mühlacker (pm). Den Titel hat der Veranstalter der Konzertreihe gewählt in Anlehnung an den lesenswerten, gleichnamigen Roman von Irène Némirovsky; gespielt wurden Werke von Claude Debussy und Maurice Ravel, die als die Hauptvertreter des französischen Impressionismus gelten.
38 Musikerinnen und Musiker der „sueddeutschen kammersinfonie bietigheim“ und Markus Bellheim, der sich als hervorragender Klaviersolist zeigte, haben sich unter der Leitung von Peter Wallinger dieser höchst anspruchsvollen Aufgabe angenommen – und sie bravourös gemeistert. Eine Einführung in die hierzulande nicht eben geläufigen Werke gab in gewohnt kurzweiliger und zugleich kompetenter Weise die Musikwissenschaftlerin und Flötistin Dr. Christina Dollinger.
Ein betörendes Flötensolo, klangschön zelebriert von Verena Guthy-Homolka, eröffnete den Abend und führte hinein in die Sinneswelt eines Panflöte-spielenden Fauns an einem schwülen Sommertag. 1894 schreib Debussy sein „Prélude à l’après-midi d’un faune“, angeregt von der Atmosphäre des gleichnamigen Mallarmé-Gedichts, und läutete mit nie zuvor gehörten, farbig-schillernden, von der Harfe unterstützten Klangschattierungen den musikalischen Impressionismus ein.
Völlig andere Töne werden in Ravels Klavierkonzert G-Dur angeschlagen. Ein Peitschenknall zu Beginn des ersten Satzes löst ein buntes an eine Zirkusarena erinnerndes Treiben aus mit Klangkaskaden und allerhand folkloristischen Anspielungen, auch solchen des Jazz. Meisterhaft bewältigte Markus Bellheim, der als Professor an der Münchner Musikhochschule lehrt, den hochvirtuosen Solopart. Im Wechsel mit dem Klavier mischten die Musiker der Kammersinfonie, insbesondere die Bläser, mit halsbrecherischen Soloeinlagen in den rasanten Ecksätzen kräftig mit. In stärkstem Kontrast dagegen der schwerelos schwebende zweite Satz, in dem die Zeit still zu stehen scheint. Ein ausdrucksvoll vorgetragenes Englischhorn-Solo gesellt sich zur fast schon gläsern wirkenden Melancholie des ausgedehnten Klavierparts hinzu. Ein Feuerwerk wird schließlich von Solist und Orchester im furiosen letzten Satz entfacht. Ein Ragtime folgte als Zugabe und demonstrierte noch einmal die pianistischen Qualitäten von Markus Bellheim.
Wieder andere Färbungen zeigten zwei Werke Ravels nach der Pause: In eine imaginäre, längst versunkene Märchenwelt führte die „Pavane pour une infante défunte“. Wunderschön vorgetragen wurde das Solo-Horn von Reimer Kühn über den würdevollen Schritten der Pizzicato-Begleitung.
Eine letzte französische Delikatesse servierte das Orchester mit Feinsinn und Verve mit Ravels „Valses nobles et sentimentales“, dessen Titel auf Schuberts 1825 und 1827 veröffentlichte Walzerfolgen anspielt. Der Tonfall der acht Walzer reicht von „sehr zart und ein wenig schmeichelnd“ bis hin zu kühn auftrumpfenden Klangeruptionen in Ravels meisterhaft raffinierter Instrumentierung und oftmals mit maskenhaft parodistischen Zügen.
Begeisterter Beifall und als Zugabe noch mal den ersten Ravel’schen Walser beschlossen den beeindruckenden Konzertabend.
Der junge Mann und das Notenmeer
Im Rahmen der Reihe „MühlackerConcerto“ tauchen 450 Schüler in die Welt der klassischen Musik ein

Jörg Schade und Judith Guntermann alias Kurt Kruse und Frieda Freitag erleben auf dem Meer der Musik spannende Abenteuer, die sie auch mit Hilfe der jungen Zuhörer bestehen. Foto: Fotomoment
Werke von Wagner, Tschaikowski und Schubert richten sich an ein reifes Publikum – könnte man meinen. Die Begeisterung der rund 450 sehr jungen Zuhörer, die am Donnerstag Kinderkonzerte in der Reihe „MühlackerConcerto“ besucht haben, beweist, dass klassische Klänge kein Alterslimit kennen.

Mühlacker. Die Sternenfelser Delegation kann gar nicht genug bekommen. Längst ist das Schiff von „Käpt’n Kruso“ vor Anker gegangen, und die übrigen Leichtmatrosen in Gestalt von rund 200 weiteren Schülern der Klassenstufen eins bis fünf haben den Uhlandbau verlassen, da umringen die Schützlinge von Klassenlehrerin Iris Teichmann immer noch die beiden Darsteller Jörg Schade und Judith Guntermann. „Ich hätte das auch gewusst mit Mozart“, sagt einer der Zweitklässler. Ehrfurchtsvoll berührt ein anderer das Kostüm des im Laufe 50 unterhaltsamer Minuten vom Reinigungsfachmann Kurt Kruse zum melodiensturmerprobten Kapitän mutierten Schauspielers und Sängers. Noten über Noten zieren das papierene Gewand. Und Noten über Noten, die sich ins Ohr eingeschlichen haben, werden die Kinder auch mit nach Hause tragen.
Seit einigen Jahren beherzigt Peter Wallinger, Gründer und Leiter der Reihe „MühlackerConcerto“, was Freunde klassischer Musik mit Blick auf den Altersdurchschnitt des Publikums immer wieder anmahnen: Es gilt, aktiv die junge Generation mit dem Mozart-und-Co.-Virus zu infizieren. „Die Kinderkonzerte werden sehr gut angenommen“, freut sich Wallinger über die große Nachfrage, die sich an diesem Donnerstagvormittag in zwei ausverkauften Vorstellungen von „Käpt’n Kruso – Furioso!“ widerspiegelt.
Insgesamt etwa 450 Schüler aus Lomersheim, Dürrmenz, Ötisheim, Sternenfels, Diefenbach und Bretten werden in den Genuss einer ganz besonderen Darbietung kommen, die auf spielerische, aber nicht oberflächliche Weise die Brücke zu klassischen Werken und den Instrumenten, die diese hervorbringen, schlägt. Von Distanz ist keine Spur, als Trompeterin Lucy Kraszlan, Posaunistin Tabea Hesselschwerdt, Klarinettist Michael Reich und Fagottist Frank Lehmann in Alltagskleidung ihre Plätze auf der Bühne einnehmen.
Die Musiker, die der von Peter Wallinger dirigierten sueddeutschen kammersinfonie bietigheim angehören, werden nicht nur ihre Instrumente zum Klingen bringen und damit die Handlung vorantreiben, sondern als Co-Schauspieler auch den beiden Akteuren der Pyrmonter Theater Companie zur Seite stehen.
Eigentlich haben sie sich zu einer Probe getroffen – Schubert, aber dieses Mal bitte ohne Fehler –, doch da gesellt sich Jörg Schade in der Rolle des musikbegeisterten Herrn Kruse vom Reinigungsdienst Ratzeputz zu ihnen und schwingt seinen Besen. Das geht geräuschlos vonstatten, wohingegen der Staubsauger der im Dienstplan verrutschten Kollegin Frieda Freitag (Judith Guntermann) den Wohlklang erheblich stört. Als die Kunstbanausin auch noch Notenblätter einsaugt, deren Verschwinden im Inneren des Geräts von den Blechbläsern durch den Einsatz ihrer Dämpfer versinnbildlicht wird, muss Herr Kruse einschreiten.
Ein paar delikat gespielte Takte aus Tschaikowskis „Nussknacker“ zur Beruhigung, und der Putzmann ermuntert seine Kollegin zu einer imaginären Reise in die Welt der Musik. Reisen – dieser Sehnsucht hängt Frieda schließlich nach und hofft, ihrem Traum Südfrankreich mit der Lösung eines Kreuzworträtsels näherzukommen. Da dieses ausgerechnet die von ihr ungeliebte Musik als Sujet hat, lässt sie sich auf das Abenteuer ein und steigt an der Seite „Käpt’n Krusos“ in ein Segelschiff aus Notenpapier. Unfallfrei vorbei an den „Untiefen der volkstümlichen Musik“ und den „Klippen des Schlagers“ gleitet das Boot „Furioso“ dahin auf dem Meer aus Noten, immer wieder beflügelt vom gepusteten Wind der Kinder und den Melodien der vier Musiker. Ob es darum geht, Wagners Geisterschiff aus dem „Fliegenden Holländer“ heraufzubeschwören oder den Kindern einfache musikalische Begriffe wie Tonleiter und Akkord vor Ohren zu führen: Die Instrumentalisten werden allen an sie gestellten Anforderungen mit sichtlichem Spaß an der Sache gerecht.
Und Spaß haben auch die Kinder, die immer wieder dazu aufgerufen sind, den kreuzworträtselnden Seefahrern auf die Sprünge zu helfen. Sie singen mit, sie klatschen mit, und aus einem Haufen unruhiger Schüler, die sich während der kurzen Wartezeit vor Beginn noch gegenseitig Hasenohren gezeigt und kleine Kraftproben ausgetragen haben, ist ein Konzertpublikum geworden, das selbst komplexere Begriffe als Antwort auf entsprechende Fragen zu geben vermag.
Ihre Begeisterung überträgt sich letztlich auch auf Frieda Freitag, die über Mozarts „Kleiner Nachtmusik“ beinahe das eigentliche Ziel ihrer Reise vergisst. Mozart, das Lösungswort, muss sie telefonisch durchgeben, um ihre Chance auf den ersehnten Gewinn zu wahren, und die Musiker helfen rasch mit einem Smartphone aus. Ja, ihr gehöre der Hauptpreis, erfährt Frieda unter dem Jubel der Kinder. Doch – oh nein – nicht nach Südfrankreich geht es, sondern sie kommt in den Genuss eines Hauses. „Wer soll das bloß putzen?“, stöhnt sie, eine adäquate Nutzung ist allerdings rasch gefunden. Die Musiker werden dort ihr neues Probenquartier beziehen, und im Gegenzug laden sie Frieda mitsamt dem Kollegen ein auf ihre nächste Konzertreise. „Hast du Töne“, besingen sie im gemeinsamen Finale den Schlüssel zu ihrer nun geteilten Leidenschaft.
Die Kinder sind längst mit im Boot – und reif für klassische Musik – egal, was das Geburtsdatum sagt.
Carolin Becker
Zugabe der silbernen Art
Die CD-Reihe „sueddeutsche kammersinfonie bietigheim live“ wächst um die „Faszination Klassik“
Enzkreis. Mancher Konzertbesucher mag die Klänge noch im Ohr haben: Im Dezember hatte die „sueddeutsche kammersinfonie bietigheim“ unter der Leitung ihres Gründers und Dirigenten Peter Wallinger im Kronenzentrum Bietigheim-Bissingen und am Vortag in der Reihe „Mühlacker Concerto“ im Uhlandbau der „Faszination Klassik“ Raum gegeben. Ein Livemitschnitt ist nun als CD erschienen. Der Tonträger ergänzt die bisher 14 Veröffentlichungen, die die Entwicklung des renommierten Orchesters dokumentieren, um einen weiteren hörenswerten Silberling.
Das im Advent dargebotene Programm durften Klassikfreunde durchaus als vorgezogenes Weihnachtsgeschenk betrachten. „Es wurde ein faszinierender Abend. Wahre Klangteppiche breiteten die Musiker aus. Unter der zupackenden Führung ihres Dirigenten bündelten sie eine bunte Vielfalt an Interpretationen zu einem harmonischen Ganzen“, hatte unsere Zeitung im Nachgang des Konzerts geurteilt. Das Bannen der Klänge auf CD tut der Freude für die Ohren keinen Abbruch. Auch abseits des Konzertsaals überzeugen Wallingers Interpretationen der „Mozartiana“ von Pjotr Iljitsch Tschaikowsky, des G-Dur-Violinkonzerts von Wolfgang Amadeus Mozart und der vierten Sinfonie in A-Dur von Felix Mendelssohn Bartholdy, die als „Italienische“ Weltruhm erlangt hat.
In seiner Orchestersuite „Mozartiana“ huldigt Tschaikowsky dem klassischen Meister. Peter Wallinger gelingt es, die romantischen Klangwelten des 19. mit den Finessen des 18. Jahrhunderts zu einer ebenso facettenreichen wie logischen Mischung zu vereinen.
Pure Spielfreude verströmt die Solistin Ursula Schoch im Mozart’schen G-Dur-Konzert. Keine atemberaubende Fingerfertigkeit erfordert das Werk, dafür aber unbestechliche Präzision, die Ursula Schochs singender Bogen wie selbstverständlich den Saiten entlockt. Ein kleines Bonbon steuert die der „sueddeutschen kammersinfonie bietigheim“ seit Jahren treu verbundene Geigerin mit ihrer ebenfalls auf der CD enthaltenen Zugabe „Mélodie“ aus „Souvenir d’un lieu cher“ von Tschaikowsky bei.
In den lichtdurchfluteten Süden entführen die Orchestermusiker in Mendelssohns „Italienischer“. Peter Wallinger reißt von den ersten temperamentvollen Takten an die Zuhörer – ob im Konzertsaal oder auf dem heimischen Sofa – mit. Doch was leicht und selbstverständlich wirkt, beruht auf penibel genauer Ausleuchtung des Notentextes und intensiver Kommunikation zwischen Dirigent und Instrumentalisten.
Die CD „sueddeutsche kammersinfonie bietigheim live 2017“ mit dem Untertitel „Faszination Klassik“ ist zu beziehen bei Buch-Elser an der Bahnhofstraße in Mühlacker und über das Sekretariat „MühlackerConcerto“, telefonisch unter der Nummer 07043/958393 oder per E-Mail an susanne@boekenheide.net.
Carolin Becker
Literaturvorträge hinken Musik hinterher
Neujahrskonzert der „sueddeutschen kammersinfonie bietigheim“ im Uhlandbau – Dirigent zeigt seine Meisterschaft

Anne-Sophie Bertrand glänzt als Soloharfenistin beim Neujahrskonzert im Rahmen der Reihe „Mühlacker Concerto“ im Uhlandbau. Foto: Fotomoment
Im Rahmen der Reihe „Mühlacker Concerto“ hat die „sueddeutsche kammersinfonie bietigheim“ zu einem Neujahrskonzert in den Uhlandbau eingeladen. Unter dem Titel „Zauber der Natur“ präsentierte das Ensemble unter der Leitung von Peter Wallinger Interessantes und wenig Bekanntes. Der Schwerpunkt lag auf Werken aus dem 19. Jahrhundert.
Mühlacker. Dabei war nicht nur Musikalisches zu hören, sondern auch Literarisches. Diesen Part übernahm der Schauspieler und Regisseur, in Baden-Baden als Logotherapeut arbeitende 58-jährige Frank Albrecht. Mit dem von ihm vorgetragenen Spruch „Einem Komponisten ins Stammbuch“ des Norwegers Henrik Ibsen begann das Programm. Zwischen den Musikstücken machte Albrecht immer wieder, die Worte mit zuweilen theatralischen Bewegungen unterstreichend und komödiantisch deutend, mit unterschiedlichen Texten bekannt. Dabei kam Schriftsteller und Maler Georg von der Vring mit „Notenblatt des November“, „Nachtkonzert“ und mit „Finkengezwitscher beim Ausbrechen der Knospen“ zu Wort. Von Rainer Maria Rilke hörte man „Natur ist glücklich“, von dem nicht zuletzt durch seine gesellschaftskritischen deutschen Volkslieder bekannt gewordenen Wilhelm Müller „Gefrorne Tränen“ und von Conrad Ferdinand Meyer, dem Schweizer Dichter des Realismus, dessen „Möwenflug“.
Interessant nicht nur in programmatischer Hinsicht, vor allem aber besser hinsichtlich des Vortrags war der musikalische Part des Neujahrskonzerts. Zum Auftakt spielte die „sueddeutsche kammersinfonie bietigheim“ nicht etwa die Peer-Gynt-Suiten 1 und 2 aus der Schauspielmusik „Peer Gynt“ zum gleichnamigen dramatischen Gedicht von Henrik Ibsen, die zu den bekanntesten Orchesterstücken der romantischen Musik gehören, sondern zwei „Nordische Weisen“ op. 63 Nr. 1 und 2 von Edvard Grieg. „Im Volkston“ ist die Bezeichnung der einen, 1896 erschienenen Komposition, „Bauerntanz“ die der anderen. Behutsam, sensibel gespielt erklang die eine Weise, locker und beschwingt die andere. Aus dem Jahr 1890 stammt die Urfassung von „Crisantemi“, ein Andante-Ausflug des Opernkomponisten Giacomo Puccini in die Instrumentalmusik. Bekannt wurde diese Trauermusik, die jetzt in Mühlacker bedächtig und getragen interpretiert wurde, vor allem durch seine drei Jahre später entstandene Oper „Manon Lescaut“, in der sie im vierten Akt die Sterbeszene der Titelheldin begleitet.
Ein Ausflug ins 18. Jahrhundert war „Der Winter“ op. 8,4 aus dem Zyklus „Vier Jahreszeiten“ von Antonio Vivaldi. Im Allegro non molto glaubte man geradezu die klirrende Kälte, den schneidenden Wind und das berstende Eis zu hören. Wohlig war dagegen das Largo („Am Kamin, Regentropfen fallen“). Und im Allegro kamen die „Schritte auf dem Eis“ zum Klingen. In der Interpretation dieser Komposition, bei der Sachiko Kobayashi, die Primgeigerin des „Lotus String Quartet“, als Solistin brillierte, zeigte sich die Meisterschaft des Dirigenten Peter Wallinger.
Wer bislang die Harfe nur als antikes, zuweilen im Orchester eingesetztes Instrument kannte, der wurde eines Besseren belehrt. Schon bei den „Danses pour Harpe et Orchestre“ von Claude Debussy, einer Auftragskomposition des Hauses Pleyel 1904 im Harfenstreit mit dem Konkurrenten Erard, der ein Jahr später Maurice Ravel für eine Komposition gewann, stand die Harfe im Mittelpunkt des Orchesterspiels, als Anne-Sophie Bertrand, Soloharfenistin im Sinfonieorchester des Hessischen Rundfunks, meisterhaft „Danse sacrée“ und „Danse profane“ interpretierte. Die Klangfülle und die mögliche Breite des Ausdrucks der Harfe kam dann erst recht bei ihrem differenzierten, grandiosen Solospiel von Claude Debussys „Jardins sous la pluie“ zur Geltung.
Mit dem „Lied der Lerche“ – dem März – und dem „Walzer“ – dem Dezember – wurden zwei der zwölf Teile aus dem Zyklus „Die Jahreszeiten“ von Pjotr I. Tschaikowski vorgestellt, wobei dann doch noch ein Walzer, der häufig im Mittelpunkt von Neujahrskonzerten steht, in Mühlacker zu Gehör gebracht wurde, bevor es eine überflüssige textliche und eine hörenswerte musikalische Zugabe gab.
Dieter Schnabel
Und überall ist Mozart
In der Reihe „MühlackerConcerto“ entführt die Süddeutsche
Kammersinfonie Bietigheim in die faszinierende Welt der Klassik

Mühlacker. Kaum zu überbieten waren die musikalischen Veranstaltungen am vergangenen Wochenende in Mühlacker und der Region. Peter Wallinger und seine Süddeutsche Kammersinfonie Bietigheim hatten am Samstag in den Uhlandbau eingeladen. „Faszination Klassik“ war das Konzert mit gutem Grund überschrieben: Es wurde ein faszinierender Abend. Wahre Klangteppiche breiteten die Musiker aus. Unter der zupackenden Führung ihres Dirigenten bündelten sie eine bunte Vielfalt an Interpretationen zu einem harmonischen Ganzen. Tschaikowskys „Mozartiana“ zu Beginn, Mendelssohn Bartholdys „Italienische“ als Schlussakkord und in der Mitte, wie eingerahmt, Mozarts Violinkonzert G-Dur, auch das „Strasburger Concert“ genannt mit der brillanten Geigerin Ursula Schoch, die dem Konzertabend besonderen Glanz verlieh.
„Dass ich mein Leben der Musik geweiht habe, verdanke ich Mozart“, äußerte Tschaikowsky 1878, wie im Begleittext zum Programmheft nachzulesen war. Mit diesen kleinen Texten wird den Zuhörern ein erster Zugang zu den Werken geboten. Auch die Einführung durch die Flötistin Dr. Christiane Dollinger macht damit vertraut, und so ausgerüstet stand dem verständnisvollen Genuss nichts mehr im Wege. Als Hommage an Mozart und zum Gedenken an den 100. Jahrestag der Prager Uraufführung des „Don Giovanni“ hatte Tschaikowsky 1887 vier kleine, eher unbekannte späte Kompositionen seines Idols in einer „Mozartiana-Suite“ zusammengefasst. Schon in diesem ersten Vortrag zeigten die Musiker ihr Können und große Ausdruckskraft, spürbar in allen vier Sätzen. Sanfte Zwiesprache zwischen Bläsern und Streichern, eingebunden helle Klänge einer Harfe und Flötentriller, ein inniges „Ave verum“ und dann der Schlusssatz mit Mozart „querbeet“ begeisterten die Zuhörer. Dabei auch nicht zu überhören der Wohlklang der Violine am ersten Pult.
Als Glanzpunkt des Abends gestaltete sich der Auftritt von Ursula Schoch, Solistin in Mozarts Violinkonzert G-Dur, KV 216. Die aus Sachsenheim stammende Geigerin vorzustellen, ist müßig, hatte die einstige Schülerin von Peter Wallinger doch in Mühlacker fast ein Heimspiel. Ganz still wurde es im Saal. Nichts außer ihrer singenden Violine und ein mit Fingerspitzengefühl begleitendes Orchester schienen den Raum zu füllen. Um den Schluss vorwegzunehmen: „Traumhaft schön. Das Orchester ist an ihr gewachsen“, fasste ein Zuhörer seine Empfindungen zusammen.
Ein beherztes Allegro setzt Mozart an den Beginn, und nicht zu überhören ist, dass das Orchester zunächst das Thema „an sich reißt“, die Solistin dann danach greift und eine lebhafte Entwicklung dem Satz Farbe verleiht. Mit inniger Zartheit gestaltete Schoch das Andante, als wollte sie Welten öffnen, so weittragend waren ihre melodiösen Klangbögen.
Von tänzerischer Ausgelassenheit zeugt das abschließende Rondeau Allegro. Es gab keine Lage, der die Solistin nicht gerecht wurde. Ihr Spiel war brillant und berührend vom ersten bis zum letzten Bogenstrich.
Ohne Zugabe durfte Ursula Schoch die Bühne nicht verlassen. Und vielleicht kann man sagen: Sie krönte ihre Darbietung mit weiten, singenden Melodien in der Wiedergabe von Tschaikowskys „Souvenir d’un lieu cher“, geschrieben für Solovioline und Orchester. Der Beifall wollte nicht enden.
Nach der Pause trumpfte das Orchester temperamentvoll mit der Sinfonie Nummer 4 A-Dur, genannt die „Italienische“, von Felix Mendelssohn Bartholdy auf. Auch in diesem Werk „geisterte“ Wolfgang Amadeus Mozart durch die Notenzeilen und untermalte auf seine Art italienische Lebensfreude. Wuchtige Klänge beeindruckten zu Beginn, schwelgender Bläserklang dominierte im Moll des Andantes, ein sinnliches Moderato bildete einen Kontrast zum wild und ausgelassen interpretierten Schlusssatz „Saltarello“.
Eva Filitz
Intensives Spiel geht unter die Haut
Das Festkonzert zum 40-jährigen Bestehen der Reihe „Musikalischer Sommer“ begeistert das Publikum in der Frauenkirche

Aufgeregtes Stimmengewirr herrscht in der Kirche, viele kennen sich seit Jahren und freuen sich auf das bevorstehende Konzert. Es ist ein besonderes, denn es ist das Festkonzert, mit dem „40 Jahre Musikalischer Sommer“ in der Lienzinger Frauenkirche gefeiert werden.
Mühlacker-Lienzingen. An den örtlichen Gegebenheiten hat sich in vier Jahrzehnten nicht viel geändert, auch jetzt müssen die Beteiligten rund um das Konzertgeschehen alles alleine bewerkstelligen, vom Herrichten der Kirche bis zum Aufräumen am Schluss. Den Konzertort, die Frauenkirche, haben viele Menschen liebgewonnen. Die Musiker schätzen sie aufgrund ihrer Akustik, die trägt, aber die Klänge nicht verschmiert, sondern klar bleiben lässt. Gekommen ist am Sonntagvormittag auch viel Prominenz: Um das Jubiläum mitzufeiern, sind Landrat Karl Röckinger, der Mühlacker Oberbürgermeister Frank Schneider, Jürgen Meeh von den Stadtwerken Mühlacker und Vertreter der Scheuermann-Stiftung anwesend. Der OB begrüßt die Gäste und ist sichtlich stolz darauf, dass Mühlacker so etwas Herausragendes wie den „Musikalischen Sommer“ aufweisen kann. Der Dank an Peter Wallinger und dessen Familie sowie an die Sponsoren, ohne die auch diese Konzertreihe nicht bestehen könnte, kommt von Herzen, und obwohl er selbst bisher nur wenig Zeit gefunden habe, wünsche er sich mindestens 40 weitere Jahre und hoffe, in Zukunft ein paar mehr Konzerte miterleben zu dürfen.
Mit jugendlichem Elan dirigiert Peter Wallinger die von ihm gegründete Süddeutsche Kammersinfonie Bietigheim, die aber im Eingangsstück, der Sinfonie A-Dur Wq 184 von Carl Philipp Emmanuel Bach sonst eher ungewohnte kleinere Schwächen in der Intonation zulässt. Dann aber erklingt das Werk frisch und zupackend, und man merkt den Instrumentalisten die Freude an, die sie trotz aller Ernsthaftigkeit bei der Musik empfinden.
Daniel Koschitzki bringt das kleinste der im Einsatz befindlichen Instrumente mit. Was er aber als Distelfink mit seiner Sopranino in Antonio Vivaldis Konzert „Il Gardellino“ zwitschert und pfeift und trillert, das versetzt das zahlreich erschienene Festpublikum in fasziniertes Erstaunen. Die Kammersinfonie erweist sich dabei nicht einfach nur als Mitläufer, sondern als gleichwertiger Partner, der mit ebenso viel Witz und Vermögen dem kleinen, lebhaften Distelfink eine bunte, farbenreiche Bühne bietet. Nach dem hinreißenden zweiten Satz fasst ein Zuhörer den wohl zahlreich vorhandenen Gedanken in Worte: „Ist das schön!“ Dem ist nichts hinzuzufügen außer dem stürmischen Applaus, der über die Ausführenden hereinbricht.
Nina Rota, ein Komponist aus dem 20. Jahrhundert, ist mit seinem „Concerto per Archi“ vertreten. Klangvoll und mit Nachdruck spielt die Kammersinfonie, angeführt von einem fordernden Wallinger, und sie verstehen es gut, die verschiedenen Charaktere auszudeuten. So necken und tanzen sie, schaffen Atmosphäre, spielen sich gegenseitig die Bälle zu und berauschen sich und das Publikum mit einer Intensität, die unter die Haut geht.
Nach der Pause erklingt mit dem 4. Brandenburgischen Konzert von Johann Sebastian Bach das Lieblingsstück zahlreicher Anwesender. An Daniel Koschitzkis Seite spielt seine Duopartnerin Andrea Ritter die zweite Blockflöte, und Sachiko Kobayashi, die zuvor engagiert und souverän die Konzertmeisterin der Kammersinfonie war, übernimmt die Solo-Violine. Die drei Solisten harmonieren so gut, als hätten sie nie etwas anderes getan, als miteinander zu musizieren, und beweisen dabei ein Niveau, das eines Festkonzertes mehr als würdig ist. Die Kammersinfonie nimmt den Geist der drei Solisten auf und reagiert sensibel auf deren Interpretation. Manchmal wünscht man sich vielleicht etwas mehr Zurückhaltung des Tutti, aber der Begeisterung des Publikums und auch der Musiker setzt das keine Grenzen.
Dieses Festkonzert zeigt, worauf es Peter Wallinger ankommt: Kleinode der Musikgeschichte erfahrbar und vertraute Musik neu erlebbar zu machen, dazu besondere Musiker und Ensembles, und das im kleinen Kulturdenkmal Frauenkirche, in dem sich die Musiker ebenso zu Hause fühlen wie die zahlreichen, zum Teil langjährigen begleitenden Zuhörer.
Ohne den Tatendrang des Initiators und Festivalleiters allerdings hätte sich die Konzertreihe nicht auf ihren heutigen Standard entwickeln können. Auch nicht ohne starke Partner an ihrer Seite, und so betitelt Dr. Johannes Bastian vom Förderverein „Mühlacker Klassik“ die Konzertreihe „Musikalischer Sommer“ und auch das Pendant im Winter „MühlackerConcerto“ zu Recht als das Lebenswerk Peter Wallingers.
Irene Schallhorn