Sueddeutsche Kammersinfonie Bietigheim

 

15.07.2020, Mühlacker Tagblatt

Matinee mit Bach und mehr

Sueddeutsche Kammersinfonie und Solisten brillieren beim Konzert in der Frauenkirche

„Musikalischer Sommer“ in der Frauenkirche mit Ursula Schoch (re.).
Foto: Fotomoment

Mühlacker-Lienzingen. Bei dem Konzert am vergangenen Sonntag im Rahmen der Reihe „Musikalischer Sommer“, das am gewohnten Schauplatz in der Frauenkirche in Lienzingen unter den besonderen Vorzeichen der Corona-Auflagen stand, könnte man fast von einer Johann-Sebastian-Bach-Matinee sprechen – hätten nicht auch eine Komposition von Anton Bruckner und, als Zugabe, ein Werk von Louis Spohr auf dem Programm gestanden.

Bestritten wurde die, einschließlich einer Pause, rund eineinhalbstündige Veranstaltung unter der Leitung von Peter Wallinger von der von ihm vor 36 Jahren gegründeten „sueddeutschen kammersinfonie bietigheim“ und drei Solisten. Als erstes Werk von Johann Sebastian Bach hörten die Besucher das am Köthener Hof entstandene Violinkonzert E-Dur (BWV 1042), von dem auch eine in D-Dur stehende Cembalo-Fassung (BWV 1054), ebenfalls mit Streicher- und Basso-Continuo-Begleitung, als Bearbeitung vorliegt. Den Kopfsatz dieses Konzerts hat der Komponist dreiteilig, als Dacapo, angelegt, wobei der Anfangsteil abschließend wörtlich wiederholt wird. Bereits in diesem Allegro-Teil brillierte die in Sachsenheim aufgewachsene, gebürtige Ludwigsburgerin Ursula Schoch, die nach dem Studium an der Kölner Musikhochschule ihre international gefeierte Solistenkarriere auf unzählige Konzertpodien in Europa, Asien und den USA geführt hat. Doch auch die „sueddeutsche kammersinfonie bietigheim“ und der Cembalist Ricardo Magnus trugen zum erfolgreichen Einstieg bei.

Ohne Cembalo erklang dann die Ausnahme im Programm, das Adagio Ges-Dur aus dem Streichquintett F-Dur für zwei Violinen, zwei Violen und Violoncello von Anton Bruckner. Diese den neun Symphonien und seinen geistlichen Werken, die ihn berühmt machten, ebenbürtige Komposition hat der Österreicher zwischen Dezember 1878 und Juli 1879 geschrieben und Herzog Max Emanuel von Bayern gewidmet. 1881 wurde die gesamte Arbeit in Wien uraufgeführt, von der in der Frauenkirche der langsame Satz zu hören war. Feierlich getragen, nachdenklich stimmend, fast etwas schwermütig, dann lebhafter werdend und schließlich beinahe im Tiefsinn versinkend, wurde dieses „geistige und klangliche Zentrum“ des Quintetts dieses wichtigen Komponisten und Organisten des 19. Jahrhunderts interpretiert.

Danach stand der aus Argentinien stammende Cembalist und Dirigent Ricardo Magnus im Mittelpunkt des Interesses. Das Mitglied des „Ensembles Klangschmelze“ hatte sich das wohl zwischen 1730 und 1733 entstandene Cembalokonzert f-Moll (BWV 1056) ausgesucht, bei dem es sich wie bei sämtlichen Konzerten für ein Cembalo um kein „Original“ handelt. Vielmehr sind es Eigenbearbeitungen, wobei in diesem Fall wohl ein verschollenes Violinkonzert in g-Moll die Grundlage war. Adäquat den Intentionen des Komponisten folgend und doch auch eine eigene Note setzend, gestalteten Magnus und die „sueddeutsche kammersinfonie bietigheim“ die drei Sätze dieses Cembalokonzerts.

Nach der Pause – in Corona-Zeiten zum Durchlüften des Raumes – wurde das Konzert für zwei Violinen d-Moll (BWV 1043) zum Vortrag gebracht. Dabei konnte man bei diesem in Köthen entstandenen sogenannten Doppelkonzert, das Johann Sebastian Bach wohl 1736 zu dem heute nur noch selten zu hörenden Konzert e-Moll für zwei Cembali, Streicher und Continuo (BWV 1062) umarbeitete, gleich zwei exzellente Geiger bewundern. Zum einen die bereits erwähnte Ursula Schoch und zum anderen den 42-Jährigen, eine Stradivarius von 1713 spielenden Niederländer Tjeerd Top, der als Solist mit verschiedenen Orchestern in drei Erdteilen auftrat. Im Vivace stellten beide Solisten einprägsam ihre eigenen Themen vor, mit absoluter Gleichberechtigung beider Stimmen. Angeführt von der zweiten Violine markierte das Largo einen abgeklärten Kanon der zwei Solo-Violinen. Dramatisch, im Kontrast dazu erklang das Allegro der drei meisterhaft gespielten Sätze.

Als Zugabe offerierten Ursula Schoch, seit der Saison 2000/01 Konzertmeisterin des Royal Concertgebouw Orchestra Amsterdam, und Tjeerd Top, seit 2005 stellvertretender Konzertmeister des 1888 gegründeten weltberühmten Sinfonieorchesters, eine Komposition von Louis Spohr, einem der bedeutendsten Vertreter der deutschen Romantik im Sinn von Franz Schubert und Felix Mendelssohn Bartholdy. Und stets war Peter Wallinger ein einfühlsamer, aber die Kompositionen ebenso ausdrucksvoll zum Klingen bringender Dirigent.

Dieter Schnabel

15.07.2020, Pforzheimer Zeitung

Bach-Hommage mit prächtigem Klang beschert Publikum in der Lienzinger Frauenkirche ein eindrucksvolles Hörerlebnis

Die sueddeutschen kammersinfonie bietigheim

Die sueddeutschen kammersinfonie bietigheim unter der Leitung von Peter Wallinger spielt mit den Solisten Ursula Schoch (links) und Tjeerd Top (rechts).
Foto: privat

Mühlacker-Lienzingen. Auch die dritte Sonntags-Matinee der Klassikreihe „Musikalischer Sommer“ im spätgotischen Ambiente der Lienzinger Frauenkirche - gestaltet von der sueddeutschen kammersinfonie bietigheim unter der Leitung von Peter Wallinger - war bereits nach kurzer Zeit ausverkauft, sodass ein Zusatzkonzert am Samstagabend angesetzt wurde.

Drei große Solokonzerte von Johann Sebastian Bach mit den Solisten Ursula Schoch und Tjeerd Top – beide sind Konzertmeister im Concertgebouw-Orchester Amsterdam – sowie dem aus Argentinien stammenden Cembalisten Ricardo Magnus bescherten dem Publikum ein eindrucksvolles Hörerlebnis live unter dem Dach der altehrwürdigen Frauenkirche.

Eingebettet in die dreifache Hommage an den Leipziger Thomaskantor, die das Violinkonzert E-Dur BWV 1042, das Cembalokonzert f-Moll BWV 1056 und das Doppelkonzert d-Moll für zwei Soloviolinen BWV 1043 umfasste, erklang in klangvoller, erhabener Streicherpracht das Adagio Ges-Dur aus dem Streichquintett von Bruckner in einer Fassung für Kammerorchester.

Weiträumig gruppierte sich das Publikum um die Musiker im Zentrum des Kirchenraumes, was sich erneut als klangideale Entdeckung erwies. Das höchst differenzierte, großartige Spiel der Solisten war von allen Seiten des lichtdurchfluteten Raumes bestens hörbar und wurde in dieser besonderen Zeit mit großer Dankbarkeit und viel Beifall quittiert.

14.01.2020, Ludwigsburger Kreiszeitung

Sternenstaub liegt in der Luft

Das Neujahrskonzert der Süddeutschen Kammersinfonie Bietigheim in Murr

Grandiose Programmgestaltung: Die SKB spielt auf.
Foto: Holm Wolschendorf

MURR. „Wir sind solcher Stoff wie der zum Träumen, unser kleines Leben umfasst ein Schlaf.“ Das Neujahrskonzert der Süddeutschen Kammersinfonie Bietigheim (SKB) ist bereits Geschichte, der Schlussapplaus im Bürger und Rathaus ebbt langsam ab, als Johann-Michael Schneider nochmals vor die Bühne tritt und diese Zeilen aus Shakespeares Drama „Der Sturm“ deklamiert. „Zeit und Traum“ hatte Peter Wallinger das Programm des diesjährigen Konzerts seines Ensembles zum Jahreswechsel überschrieben, das am Samstagabend in Murr, wo diese Tradition schon seit rund 30 Jahren besteht, gegeben wurde, um am folgenden Tag in Mühlacker und Bietigheim wiederholt zu werden.

Selten erlebt man ein Konzert, das sein Motto so vollumfänglich einzulösen und umzusetzen versteht wie an diesem Abend. Einmal mehr erweist sich Wallinger als grandioser Programmgestalter. Die von ihm entdeckten Analogien, Parallelen, Bezüge und Verbindungen durch die Zeiten, Stile und Epochen wirken deshalb frappierend, weil sie, ganz ohne fingerzeigende Erklärungen, eine verblüffende Evidenz aufweisen, indem sie sich unmittelbar vor dem hörenden Ohr entfalten. Rund vier Jahrhunderte trennen Carlo Gesualdos „Gagliarda del Principe di Venosa“ und „Festina Lente“ („Eile mit Weile“), das der estnische Komponist Arvo Pärt 1988 geschrieben hat. Und doch verbinden sich beide auf eine komplett selbstverständliche Art organisch mit dem Thema des Abends: Sowohl im Schreittanz des Renaissance-Fürsten als auch im Werk des Esten ist die Zeit auf mehr als eine Weise präsent, weben Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft eine überzeitliche Textur, liegt Sternenstaub in der Luft. Wolfgang Amadeus Mozarts „Adagio für eine Orgelwalze“ (KV594) wiederum, 1790 komponiert, als mit Feldmarschall Laudon in der heute in Tschechien gelegenen Ludwigsburger Partnerstadt Novy Jicin Österreichs berühmtester Heerführer verstorben war, verbindet in seiner ergreifenden f-Moll-Harmonik die Motive der Trauer und Vergänglichkeit mit der aufkommenden Faszination für mechanische Musikautomaten.

All dies realisierte Wallinger mit der in 17-köpfiger Besetzung angetretenen SKB in ausgezeichneter Manier — mit atmenden Pausen, famos differenzierten Tempi und sorgsam ausgeloteter Dynamik. Hochdifferenziert seine Bewegungssprache: Mal genügten ihm Fingerspitzen zur Leitung seiner Musiker, dann wieder bediente er sich weitausschwingender Gesten, kreisrund wie der nahezu noch volle Mond über dem Murrer Rathausplatz. Peter Wallingers Gespür für Form, Raum, Zeit und das, was dazwischen liegt, sucht seinesgleichen. Vorzüglich auch Konzertmeisterin Sachiko Kobayashi, die in der „Humoreske IV“ (Op. 89 b) von Jean Sibelius solistischen Glanz verbreitete. Eine Aufgabe, die mit Leos Janáceks „Idylle“ immer wieder Chihiro Saito, ihrer Kollegin beim Lotus Quartett und Stimmführerin der Celli in der SKB, zufiel und virtuos, zuweilen gar expressiv eingelöst wurde.

Wer bis dahin geläufiges Repertoire vermisst hatte, wurde mit der „Romanze“ aus Mozarts „Eine kleine Nachtmusik“ (KV 525) besänftigt. Ungemein stimmig auch die Textauswahl zwischen den hochkarätigen Musikdarbietungen, Verse und Zitate von Ringelnatz, Goethe, von Hofmannsthal, Rilke und Mozart, mit szenischem Witz von Schneider hochkompetent zum Klingen gebracht. Das alles frei von Strauss und Klatschmarschritualen – traumhaft.

Harry Schmidt

13.01.2020, Pforzheimer Zeitung

Mit Musik und guter Laune ins neue Jahr

Sueddeutsche Kammersinfonie in Mühlacker

Peter Wallinger dirigiert die sueddeutschen kammersinfonie bietigheim beim Neujahrskonzert im Uhlandbau in Mühlacker.
Foto: Meyer

Mühlacker. Neujahrskonzerte mit Peter Wallinger und seiner sueddeutschen kammersinfonie bietigheim im Mühlacker Uhlandbau sind musikalisch-literarische Matinéen von heiterem Charakter. Im Konzert vom Sonntag, dem die Veranstalter das Motto „Zeit und Traum“ gegeben hatten, kamen stimmungsvoll elegische Noten sowohl in den kunstvoll-lebendig vorgetragenen Texten als auch in den Musikwerken hinzu.

Mit Textpointen umrahmte Schauspieler Michael Schneider vom Reutlinger Theater „Die Tonne“ die Neujahrs-Matinée, schickte das Publikum mit Joachim Ringelnatz’ „Bumerang“ in eine vergebliche Warteschleife, nahm es mit in Gustav Falkes „Närrische Träume“ von bizarren Mondnächten und entließ die Zuhörer mit dem Heinz-Erhardt-Aperçu „Wenn die Opern dich umbrausen, dann genieße auch die Pausen“ in Sekt- und Plauder-Runden zwischen den beiden kurzweiligen Konzertabschnitten.

Feine Melancholie
Im Zentrum seiner Wortmeldungen standen freilich von feiner Melancholie getragene Gedanken über vergehende (Lebens-)Zeit mit Goethe-Versen aus dem West-Östlichen Divan, mit Hugo von Hofmannsthals „Rosenkavalier“ und Rainer Maria Rilkes kreiselndem Gedicht „Das Karussell“: Die Zeit treibt mit uns Menschen „ein atemlos blindes Spiel“.

Ähnliche Schwerpunkte setzten auch die Musik-Interpreten in engagiert musizierten Kompositionen. Anfangs entführten Wallinger und sein Ensemble mit dem italienisch-frühbarocken Schreittanz „Gagliarda del Principe di Venosa“ von Carlo Gesualdo in die farbenprächtige Klangwelt einer längst vergangenen Zeit. Mit Arvo Pärts „Festina Lente“ (Eile mit Weile) folgte der zeitgenössische Kontrapunkt – auch dies ein leises und langsames, zugleich fließendes Musikstück, allerdings ohne den harmonischen Wohlklang der Barockepoche, sondern meist schmerzhaft dissonant. Die konzertante Wiedergabe von Wolfgang Amadeus Mozarts „Adagio für eine Orgelwalze“ (KV 594) setzte einen tiefsinnigen, fast schon bedrückenden Akzent. Jean Sibelius „Humoreske IV (op. 89 b) für Solovioline und Streicher, eine zarte, sinnlich betörende Komposition, in der sich Konzertmeisterin Sachiko Kobayashi als virtuose Solistin auszeichnete, leitete zu frohgemuten Gedanken über. Die Streichersonate A-Dur von Rossini mit ihren temporeichen Läufen und tänzerisch hüpfenden Passagen sorgte endgültig für gute Neujahrsstimmung.

Nach der Konzertpause mündete Leos Janáceks „Idylle“ (aus dem Jahr 1878) nach elegischem „Moderato“-Einstieg in ein erfrischendes „Scherzo“ ein. Und zum Abschluss gab es – nach eher unbekannten Musikwerken aus unterschiedlichen Epochen – etwas Traditionelles und Altbekanntes. Gleichsam als Ersatz für den sonst bei Neujahrskonzerten von Klatschorgien begleiteten Radetzky-Marsch spielte das gut aufgelegte Wallinger-Orchester zwei Sätze aus Mozarts „Kleiner Nachtmusik“. Ein mit herzlichem Beifall bedachter Schluss-Akkord.

Eckehard Uhlig

13.01.2020, Bietigheimer Zeitung

Fein ausbalanciertes Konzert

Bietigheim Die Streicher der „sueddeutschen kammersinfonie bietigheim“ gaben am Sonntagabend ein eher introvertiertes, aber feines Neujahrskonzert.

Die „sueddeutsche kammersinfonie bietigheim“ trat unter Leitung von Peter Wallinger in der Kelter auf.
Foto: Martin Kalb

Freunde anspruchsvoller und glänzend durchdachter Programmkonzepte kommen bei der „sueddeutschen kammersinfonie bietigheim“ unter der Leitung ihres Dirigenten Peter Wallinger immer wieder voll auf ihre Kosten. Mit einer sensiblen Innenschau eher langsamer und intimer Stücke von Carlo Gesualdo, Arvo Pärt, Wolfgang Amadeus Mozart, Jean Sibelius, Gioacchino Rossini und Leos Janácek spielten die Streicher des Orchesters im schönen Ambiente der Kelter ein wunderbar inniges, klanglich vollständig zurückgenommenes Neujahrskonzert am Sonntagabend - trotz weniger Zuhörer. Dazu rezitierte der Berliner Schauspieler und Theatermusiker Johann- Michael Schneider tiefgründige, launige und romantische Poesie von Joachim Ringelnatz, Johann Wolfgang von Goethe, Rainer Maria Rilke, Hugo von Hofmannsthal und Gustav Falke.

„Zeit und Traum“
Das Konzert stand unter dem vielsagenden und doch rätselhaften Motto „Zeit und Traum“. „Die Zeit, die ist ein sonderbares Ding“ war in einem Gedicht von Hugo von Hofmannsthal zu vernehmen, ja wirklich, zumal in einer Zeitkunst wie der Musik. Alles fließt in ihr alles fügt sich ein zwischen ein Beginnen und Enden, ein Aufblühen und Erlöschen. In der Musik erscheint die Zeit zuweilen als stürmisches Presto furioso – und mit zahllosen Abstufungen – als Beinahe-Stillstand im Largo di molto.

Peter Wallinger hatte mit den knapp 20 Streichern in den Proben allem Anschein nach intensiv alle erdenklichen Schattierungen im Pianobereich erarbeitet. Dementsprechend wurde in dem anderthalbstündigen Programm an keiner Stelle aufgetrumpft, forciert oder gepoltert. Stattdessen gab es einen fein ausbalancierten, überaus homogenen, sauberen und biegsamen Streicherklang zu hören. Die zwischen den Musikstücken meisterhaft gesprochene Lyrik trug ihrerseits dazu bei, dass die Musik von selbst zu sprechen begann - als ausgestaltete und ausgeformte Zeit.

Spannend und eine Herausforderung für die Zuhörer war das Experiment Wallingers, so gegensätzliche Klangwelten wie Carlo Gesualdos „Gagliarda“ aus dem 16. Jahrhundert und Arvo Pärts „Festina Lente“ aus dem 20. Jahrhundert bewusst und unvermittelt aufeinandertreffen zu lassen. Der verhaltene, an manchen Stellen morbide Gestus der Klänge aus so unterschiedlichen Epochen verband sich zur Überraschung des Publikums auf wundersame Weise. Dass Musik zugleich stehen und fließen kann, war in Wolfgang Amadeus Mozarts sehr kurzem Adagio für eine Orgelwalze, komponiert für eine mechanische Orgel mit einer drehbaren Stiftwalze, zu erleben. Weiche, stehende Harmonien eröffneten den Musikern Räume für pulsierende, melodische Bewegungen.

Zurückhaltende Tongebung
Eine kleine Humoreske von Jean Sibelius- für Solovioline und Streichorchester, toll gespielt von der jungen Geigerin Sachiko Kobayashi, sowie eine drei sätzige Streichersonate des italienischen Opernkomponisten Gioacchino Rossini gab es noch vor der Pause.

Auch in diesen Stücken herrschte eine zurückhaltende Tongebung vor. Die Streichersonate geriet zu einem feinsinnigen Klangspiel zwischen den Registern des Streicherapparates mit solistischen Einlagen des Kontrabasses, der Celli und der ersten Geigen. Nach der Pause trugen die Streicher drei Sätze aus dem eigentlich sieben Sätze umfassenden „Idyll“ des tschechischen Spätromantikers Leos Janácek vor. Dass am Ende alles doch nicht so bierernst gemeint war, verriet augenzwinkernd das Schlussstück, die schwelgerische Romanze aus Mozarts „Kleiner Nachtmusik“, aus der der Schlusssatz als Zugabe erklang. Anschließend gab es für die mit Wohlklängen verwöhnten und angeregten Besucher einen kleinen Umtrunk.

Dietmar Bastian

13.01.2020, Mühlacker Tagblatt

Musik und Poesie im Uhlandbau

Die Klassikreihe „MühlackerConcerto“ steht unter dem Motto „Zeit und Traum“

Schauspieler Johann Michael Schneider bereichert die Matinee mit Texten
Foto: Bischoff-Krappel

Mühlacker. Musik im Zusammenspiel mit Poesie – ein Genre, das sich wachsender Beliebtheit erfreut und das auch beim diesjährigen Neujahrskonzert der Klassikreihe „MühlackerConcerto“ seine Wirkung nicht verfehlte.

Unter der bewährten und souveränen Leitung von Peter Wallinger nahmen die Süddeutsche Kammersinfonie Bietigheim und der Schauspieler und Theatermusiker Johann Michael Schneider die Besucher im nahezu voll besetzten Mühlacker Uhlandbau mit auf eine musikalisch-literarische Reise unter dem Motto: „Zeit und Traum“. Nach dem Auftakt durch die „Gagliarda del Principe di Venosa“ von Carlo Gesualdo folgte das Werk „Festina Lente“ von Arvo Pärt. Gleichsam stehend und fließend zugleich wurde die zugrundeliegende Tonfolge von den Streichinstrumenten zwar gleichzeitig, jedoch in drei unterschiedlichen Tempi vorgetragen und entfaltete sich so zu einem nahezu meditativen Klangbild, das im Epilog mit kaum mehr vernehmbaren Saitenstrichen ausklang. Im Anschluss an Mozarts „Adagio für eine Orgelwalze“ stellte Solistin Sachiko Kobayashi in Jean Sibelius „Humoreske IV“ ihre Virtuosität an der Violine mit reiner Klangfarbe, facettenreicher Dynamik und perfektem Zusammenspiel mit dem Streicherensemble eindrucksvoll unter Beweis.

Beschwingt und fröhlich folgte die Streichersonate in A-Dur von Rossini, bei der insbesondere die Klangtiefe des Kontrabasses im lebendigen Spiel zum Ausdruck kam. Mit einem launigen Text von Heinz Erhardt verabschiedete Johann Michael Schneider, der die hochkarätige Darbietung der Musiker durch kurze literarische Sequenzen von Rilke, Ringelnatz und von Hofmannsthal mit ausdrucksvoller Gestik und Mimik bereicherte, die Besucher in die Pause. Nach Janaceks „Idylle“ folgte mit der Romanze aus Mozarts „Kleiner Nachtmusik“ eine Komposition, die mit ihrem vierten Satz als Zugabe eine perfekte Abrundung der Matinee darstellte.

Spannend und eine Herausforderung für die Zuhörer war das Experiment Wallingers, so gegensätzliche Klangwelten wie Carlo Gesualdos „Gagliarda“ aus dem 16. Jahrhundert und Arvo Pärts „Festina Lente“ aus dem 20. Jahrhundert bewusst und unvermittelt aufeinandertreffen zu lassen. Der verhaltene, an manchen Stellen morbide Gestus der Klänge aus so unterschiedlichen Epochen verband sich zur Überraschung des Publikums auf wundersame Weise. Dass Musik zugleich stehen und fließen kann, war in Wolfgang Amadeus Mozarts sehr kurzem Adagio für eine Orgelwalze, komponiert für eine mechanische Orgel mit einer drehbaren Stiftwalze, zu erleben. Weiche, stehende Harmonien eröffneten den Musikern Räume für pulsierende, melodische Bewegungen.

Nach auf hohem Niveau vorgetragener Musik und Texten aus unterschiedlichen Zeiten und in unterschiedlichem Zeitmaß verabschiedeten sich anschließend die Besucher beschwingt und heiter in einen grauen Januartag.

Britta Bischoff-Krappel 

13.01.2020, Marbacher Zeitung

Die Stärken der Streicher ausgespielt

Murr Klänge aus vier Jahrhunderten prägten das Neujahrskonzert.

Die Musiker der Süddeutschen Kammersinfonie Bietigheim haben ihr Können unter Beweis gestellt.
Foto: ayanti

Zeit und Traum“ - unter diesem Motto stand das Neu-jahrskonzert der Süddeutschen Kammersinfonie Bietigheim im Bürgersaal Murr. 17 Musikerinnen und Musiker, ein starkes Streicherorchester, dirigiert von Peter Wallinger, zeigten ihr vielfältiges Können mit Werken aus vier Jahrhunderten. Sie nahmen die rund 180 Zuhörer mit auf eine spannende Reise, in deren Verlauf sie die Stärke ihrer Instru-mente meisterhaft ausspielten: eine Musik voller Nuancen und Differenzierungen.

Matthias Bader vom Kulturamt der Gemeinde zitierte zur Begrüßung einen Zeitungsartikel, wonach heutzutage die Lautstarken häufig die Leisen und Stillen im Lande übertönen. „Doch beide gehören, zusammen, in der Gesellschaft wie in der Musik.“ An diesem Abend fanden tatsächlich nicht nur laute und leise Töne Gehör, sondern auch die Literatur Johann-Michael Schneider, freischaffender Schauspieler, Theatermusiker und Regisseur, las kurze Texte, die das Thema „Zeit und Traum“ beleuchteten und interpretierten. Diese Mischung kam beim Publikum gut an.

Zum Auftakt führte das Orchester die Zuhörer in die Zeit des frühen Barocks. Mit der „Gagliarda del Principe di Venosa“ des 1566 geborenen Italieners Carlo Gesualdo beschworen Violinen, Bratschen, Celli und der Kontrabass, souverän geleitet von Wallinger, eine getragene, nachdenkliche Erinnerung an diese ferne Epoche.

Ganz anders „Festina lente“, ein Werk des 1935 geborenen Esten Arvo Pärt. Dieses Stück spiegelt das vertraute Phänomen der subjektiv unterschiedlich erlebten Zeit musikalisch wider. So widersprüchlich, wie der lateinische Titel dieses Stückes lautet (wörtlich übersetzt: Eile mit Weile), so eigenwillig hörte sich diese Komposition an. Ein und dieselbe Melodie, von unterschiedlichen Instrumenten in verschiedenen Geschwindigkeiten intoniert, ergab ein Klangmuster, das vielschichtige Emotionen erzeugte, teils Nachdenklichkeit, teils Versöhnlichkeit, teils Wehmut. Gegen Ende versiegte förmlich der Fluss der Töne; Wallinger dirigierte eine ins Unhörbare abtauchende Musik. Passend dazu zitierte Schneider Goethes „Unbegrenzt“ aus dem West-Östlichen Diwan: „Daß du nicht enden kannst, das macht dich groß, und daß du nie beginnst, das ist dein Los....“

Lebhaft erklangen in der Folge das Adagio für eine Orgelwalze von Wolfang Amadeus Mozart; die fröhliche Humoreske IV des 1865 geborenen Finnen Jean Sibelius, die kraftvolle und harmonische Streichersonate A-Dur der italienischen Meisters Gioacchino Rossini. In der Komposition von Sibelius spielte Konzertmeisterin Sachiko Kobayashi auf ihrer Violine einen hingebungsvollen Solopart, entlockte ihrem Instrument zarte hohe Töne, auch mit Pizzicato, kurzem Zupfen der Saiten, und sie sorgte damit für einen Glanzpunkt des Abends.

Mit der ausdrucksvollen Lesung des Gedichtes „Närrische Träume“ von Gustav Falke, einem Feuerwerk heiterer Absurdität, leitete Schneider über in den zweiten Teil. Zum Träumen verführte das 1878 geschriebene „Idyll“ des Tschechen Leos Janácek. Eine romantische Hymne an die Schönheit der Natur, eine gefühlvolle Komposition, dabei abwechslungsreich, wobei die hohen Töne der Violinen und die tiefen der Celli anregende Kontraste setzten. Den Konzertabend krönte zum Abschluss das wohl bekannteste und beliebteste Stück. Die sanft dahinfließende Romanze aus Mozarts Kleiner Nachtmusik, blitzsauber und mit spürbarem Gefühl von den Musikern gespielt, erhielt lang anhaltenden und hoch verdienten Beifall. Zur Zugabe hob Wallinger noch einmal den Dirigentenstab zum vierten Satz der „Kleinen Nachtmusik“.

Arnd Bäucker